Leseproben:

Kapitel 5

„Aufstehen, alter Langschläfer!!“

Die laute, für einen frühen Morgen viel zu fröhliche Stimme ihrer Freundin Karen riss Lisa gewaltsam aus ihrem so schönen Traum. Sie war wieder ein Kind gewesen, hatte sich mit ihrem besten Freund nachts auf einem wundervollen Spielplatz vergnügt – mit schaukeln, auf dem Trampolin herumspringen, wippen und… knutschen?

Sie blinzelte, jetzt nicht nur wegen des hellen Lichts der Sonne, das ihr ins Gesicht fiel, weil Karen die Vorhänge vor dem Fenster weit aufriss, sondern auch wegen ihres Traums. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war sie in ihrem Traum gar kein Kind gewesen… und ihr Freund auch nicht…

„Na los! Raus aus den Federn!“

Es wurde unangenehm kühl, als Karen ihr mit einem Ruck die Bettdecke wegzog. Lisa schlang die Arme um ihre Körpermitte und zog die Beine an ihren Körper, etwas ungnädig „Noch zwei Minuten…“ grummelnd. Sie war so gar kein Frühaufsteher…

„Lisa, es ist bereits neun Uhr dreißig“, mahnte Karen sie nun und das genügte, um sie sofort hochfahren zu lassen.

„Was?!“ stieß sie entsetzt aus und ihr Blick flog hinüber zu dem Wecker, der auf dem Nachtschränkchen neben ihrem Bett stand. Der zeigte allerdings eine ganz andere Uhrzeit. Acht Uhr in der Früh. Noch massig Zeit, um sich für ihren ersten offiziellen Arbeitstag und vor allem den sicherlich sehr aufregenden Setbesuch fertig zu machen.

Auf Karens Gesicht lag ein breites Grinsen, als Lisa sich ihr wieder zuwandte und ihr einen bemüht finsteren Blick zukommen ließ.

„Na ja, du hast gestern gesagt, dass ich dich um acht Uhr aus dem Bett jagen soll“, erklärte ihre Freundin ihr Handeln, „und mir die Erlaubnis erteilt, dafür alle Mittel zu benutzen, die mir angebracht erscheinen.“

Sie hatte Recht. Jetzt konnte Lisa sich auch wieder daran erinnern. Sie war gestern nach dem Treffen mit Liam und Nick nicht zurück ins Hotel gefahren, sondern zu Karen und hatte ihrer Freundin ihr viel zu volles Herz ausgeschüttet. Es hatte ihr gut getan, vor allem, da Karen ihr viele brauchbare Ratschläge gegeben und ihr versichert hatte, dass sie sich bei dem Treffen gut geschlagen und alles richtig gemacht hatte. Natürlich hatte sie auch gelacht. Wer hätte das nicht getan? Dazu war diese ganze Geschichte einfach zu absurd. Und Lisa konnte ihr deswegen auch nicht böse sein. Mittlerweile war es ja so, dass sie sogar selbst anfing zu schmunzeln, wenn sie daran dachte. Nur Karens stetiges Nachbohren bezüglich der Details des One-Night-Stands war etwas nervig, weil Lisa sich einfach nicht daran erinnern wollte. Nicht solange sie noch mit Nick zusammenarbeiten musste! Und das musste ihre so schrecklich neugierige Freundin doch langsam einsehen.

„Was wäre denn der nächste Schritt beim Weckdienst gewesen?“ fragte Lisa, nachdem sie erst einmal herzhaft gegähnt hatte, und streckte sich, um auch ihren müden Gliedern Bescheid zu geben, dass es Zeit war, wieder zu arbeiten.

Karens Grinsen wurde noch ein wenig breiter. „Im Waschbecken liegt schon ein mit Wasser getränkter Schwamm“, verkündete sie und Lisa glaubte ihr aufs Wort. Das war auch der Grund, warum sie sich sofort erhob und, immer noch ziemlich schlaftrunken, hinüber zu dem zum Gästezimmer gehörenden Bad taumelte. Dabei ließ sie Karen nicht aus den Augen.

„Du siehst fast ein wenig enttäuscht aus“, stellte sie fest und Karen nickte sofort, während sie ihr folgte.

„Das hätte mir solch einen Spaß gemacht!“

Lisa hielt inne, nicht wegen Karens Worten, sondern weil ihre Freundin auf einmal so interessiert auf einen bestimmte Punkt an ihrem Rücken starrte. „Was ist?“

„Och, nichts“, gab Karen mit einem Schmunzeln zurück, doch ihre Mundwinkel zuckten so verräterisch.

Lisa runzelte misstrauisch die Stirn. „Du siehst aber nicht nach ‚nichts’ aus!“

Da war es, das Grinsen, auf das sie gewartet hatte. „Nur ein fetter Knutschfleck zwischen Nacken und Schulterblatt – nichts Weltbewegendes.“

Lisas Augen wurden ganz groß und sie stürmte ins Bad. Sie wandte dem Spiegel den Rücken zu und versuchte über ihre Schulter zu spähen. Karen hatte sie nicht nur aufgezogen. Da war tatsächlich ein nicht gerade kleines Mal ihrer sündigen Nacht auf ihrer hellen Haut zurückgeblieben. Sie würde diesen Nick umbringen!

Karen blieb schmunzelnd im Türrahmen stehen und musterte sie kurz. „Da hat dich wohl jemand markiert. Ich frag mich nur, in welcher Situation er das gemacht hat… oder besser in welcher Position.“

Oh, ja! Lisa konnte sich auf einmal sehr gut daran erinnern, wann und wie der Knutschfleck entstanden war. Sie konnte beinahe wieder seine Hände auf ihrem Körper fühlen, Hände, die sich in ihr Fleisch gruben, ihre Hüften festhielten, um…

Sie schüttelte ihren Kopf, schloss kurz die Augen. ‚Vergiss das ganz schnell wieder, Lisa! Sonst wird es auch heute wieder ziemlich schwierig, dem Mann ohne knallrote Wangen unter die Augen zu treten.‘

„Du solltest heute auf jeden Fall keinen tiefen Rückenausschnitt tragen“, schlug Karen nun vor, als keine Antwort von Lisa gekommen war.

„Da sind wir uns wohl einig“, seufzte Lisa und wandte sich zu ihr um. „Aber wo wir gerade dabei sind – kannst du mir vielleicht noch einmal ein Kleid oder so borgen? Ich will nicht wieder mit denselben Sachen wie gestern auftauchen.“

„Ich leg dir was raus“, erwiderte Karen nur und trat zurück in das Schlafzimmer. „Nur ein kleiner Rat noch: Check mal aus, wie viele von diesen netten Liebesbissen du noch an deinem Körper hast. Vielleicht musst du dich dann heute eher in ‘ne Burka kleiden.“

„Ha, ha“, machte Lisa nur und schloss einfach die Tür vor der Nase ihrer gackernden Freundin. Im nächsten Moment hatte sie jedoch schon ihr Nachthemd ausgezogen und stand wieder vor dem Spiegel, ihren Körper gründlichst betrachtend. Man wusste ja nie…

 

Ungefähr eine Stunde später trat Lisa, wundervoll nach Seife und einer zarten Note von Flower by Kenzo duftend und in eines von Karens schönen Sommerkleidern gehüllt, in den Wohn- und Küchenbereich des Lofts, das Karen bewohnte. Sie fühlte sich wie neugeboren und strotzte vor Energie und Tatendrang – vor allem, als ihr auch noch der Duft des leckeren Omeletts in die Nase stieg, das Karen gerade zubereitete. 

„Hmmmm – das riecht wirklich toll“, kam es ihr erfreut über die Lippen. Karen wandte sich mit der brutzelnden Pfanne zu dem liebevoll gedeckten Tisch um und ließ das Omelette auf den einzigen Teller gleiten, der dort stand.

„Na, dann setz dich und hau’ rein!“ forderte Karen sie auf.

Lisa kam ihrer Bitte ein wenig zögerlich nach und runzelte die Stirn, als Karen die Pfanne wegstellte und sich auf den anderen Platz setzte, vor dem nur eine dampfende Tasse Kaffee stand.

„Isst du nichts?“ fragte sie erstaunt.

Karen deutete ein Kopfschütteln an. „Ich krieg’ morgens nichts runter. Außerdem esse ich nachher mit den Kollegen aus der Kanzlei zu Mittag.“

Lisa verkniff es sich lieber, sie zweifelnd anzusehen. Sie wollte nicht unhöflich sein, wo Karen sich so rührend um sie kümmerte, seit sie in L.A. war. Aber unterbewusst ärgerte sie sich schon ein wenig darüber, dass ihre Freundin mal wieder ihren Figur-Tick auslebte und ihr damit nicht zum ersten Mal das Gefühl gab, die reinste Fressmaschine zu sein. Dabei war Lisa nicht etwa dick. Sie selbst hätte sich eher als normalgewichtig bis schlank bezeichnet. Sie war nicht sonderlich groß und besaß Kurven, auf die sie eigentlich recht stolz war. Doch wenn sie mit großen, schlanken Frauen, wie Karen unterwegs war, wurde sie oft zum kleinen Moppel degradiert – der sie definitiv nicht war! Und wenn Karen dann wieder einmal nichts aß, während sie reinhaute wie ein Mähdrescher…

„Wann fährst du denn heute zur Arbeit?“ fragte Lisa und griff zu Gabel und Messer, um sich nun doch über das köstlich aussehende Omelette herzumachen.

„Wenn du weg bist“, meinte Karen und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Sie sah heute schon wieder aus wie ein Model aus einem Katalog für Geschäftsfrauen-Mode, mit ihrem dunklen hochgesteckten Haar, der eng sitzenden Bluse, die einen großzügigen Blick auf ihr Dekolleté freigab, und dem grauen, kurzen Rock. „Ich habe Dave darum gebeten, mir ein paar Stunden am Vormittag für dich frei zu geben. Und da ich ohnehin schon so viele Überstunden habe…“

„Ah so“, meinte Lisa und wich schnell dem Blick ihrer Freundin aus, damit sie nicht bemerkte, dass sie sich nicht wirklich darüber freute. Nick hatte erst vor ein paar Minuten angerufen, als sie noch dabei gewesen war sich umzuziehen (kein wirklich gutes Gefühl in Unterwäsche dazustehen, während seine tiefe, ziemlich angenehme Stimme in ihr Ohr drang) und sich die Adresse von Karens Wohnung durchgeben lassen. Und sie konnte sich nichts Unangenehmeres vorstellen, als draußen in sein Auto zu steigen, während Karen an der Fensterscheibe klebte und das „Prachtexemplar“ von Mann begutachtetet, das es ihrer Freundin „so richtig gut besorgt hatte“. Das waren zumindest gestern ihre Worte gewesen, nachdem sie gemeint hatte, dass sie Nick so gerne mal kennenlernen würde. So im Normalzustand und nicht „total blau, mit seiner Zunge in deinem Hals“.

Lisa konzentrierte sich noch stärker auf das Essen, weil sie genau bemerkte, dass Karen sie kritisch musterte. Ein Happen, zwei Happen… Wie lange würde sie es wohl aushalten? Drei… vier…

„Okay, was genau ist los, Lisa?“ Das war dieser lauernde Ton, den Lisa so gar nicht leiden konnte und der dafür sorgte, dass ihr Kopf noch ein wenig tiefer in Richtung Teller sank. Gleich würde ihre Nase mitessen.

„Hat das was mit dem Telefonat gerade eben zu tun?“

Lisa sah sie nun doch an. „Was für eine Telefonat?“

„Ach, komm schon, ich hab’ doch dein Handy klingeln gehört!“

„Ach, das“, winkte Lisa ab und wich erneut Karens bohrendem Blick aus. „Das war nichts Wichtiges.“

Wieder verging ein wenig Zeit, in der ein paar weitere Happen des leckeren Essens in Lisas Mund verschwanden.

„Du wirst gleich abgeholt – hab’ ich Recht?“ fragte Karen spitzfindig und Lisa hob nun doch wieder den Kopf, nur um zu sehen, wie Karens Augen ganz groß wurden und sie den Mund vor Staunen öffnete.

„Ist es Liam Chandler?!“

„Nein – nein“, beruhigte Lisa sie sofort. „Es ist Nick. Nick holt mich hier ab.“

„Der One-Night-Stand?“

Lisa verzog gequält das Gesicht. „Kannst du ihn bitte nicht so nennen? Sag doch einfach ‚der Drehbuchautor‘!“

Karen sah ein wenig unzufrieden mit dieser Bezeichnung aus. „Das klingt aber so nach…“ Sie runzelte angestrengt die Stirn, während sie nach den richtigen Worten suchte. „… nach Nerd mit Hornbrille und schlaffem Körper, der all das, was er selbst nicht sein kann, in die Figuren hineinschreibt, die er sich ausdenkt.“

„Nicht alle Autoren tragen eine Brille und sind völlig untrainiert, Karen“, gab Lisa ein wenig grummelig zurück. Sie war schließlich auch Autorin und verbrachte viel Zeit an ihrem Computer. Das hieß aber nicht, dass sie keinen Sport trieb.

„Ja, aber kaum einer von denen sieht aus wie der Kerl!“ gab Karen überzeugt zurück. „Der ist, soweit ich mich erinnern kann, ein richtiger Mann, mit Dreitagebart, diesem Feuer in den Augen und… und Haaren auf der Brust!“

„Woher willst du das denn wissen?“ schmunzelte Lisa.

„Ich meine mich zu erinnern, dass sein Hemd auf der Party vorn nicht ganz zugeknöpft war. Außerdem – manchen Männern sieht man es gleich an, dass sie Haare auf der Brust und den richtigen Schwung im Becken haben.“ Karen grinste breit und wackelte mit den Augenbrauen, während Lisa mal wieder tief seufzte.

„Karen du… du bist einfach unmöglich!“

„Aber ich hab’ doch Recht, oder?“ hakte ihre Freundin immer noch breit grinsend nach.

Lisa ergriff ihre Kaffeetasse und wich Karens Blick aus. „Ja, er hat Haare auf der Brust“, antwortete sie schließlich doch noch, nachdem sie einen großen Schluck getrunken hatte, und nur weil sie genau wusste, dass Karen so lange bohren würde, bis sie ihr nachgab. Und schon waren die Bilder wieder da…

Braune Haut, die sich über harte Muskeln spannte und dennoch so weich und glatt unter ihren Fingern war… ihren Fingern, die gierig über seine Brust glitten, hinunter zu diesem straffen Bauch, der sich unter den schweren Atemzügen, die Nick nahm, rasch hob und senkte, ihren Lippen entgegenkam… Ihren Lippen, die ebenfalls immer tiefer wanderten, der Linie feiner Haare folgten, die in seiner nun mehr als eng sitzenden Jeans verschwand. Ihre Finger öffneten nacheinander die Knöpfe der Jeans und ihr eigenes Herz schlug ihr bis zum Hals… Normalerweise tat sie diese eine Sache nicht so gern, aber Nick – er war anders, drängte sie nicht dazu und es törnte sie so wahnsinnig an, wie heftig er auf ihre Berührungen, ihre Küsse und Liebkosungen reagierte, wie wild sie ihn machen konnte. Es war ja nur ein One-Night-Stand. Sie konnte tun, wonach ihr war. Niemand würde später davon erfahren – jedenfalls niemand, den sie kannte…

„Ich meinte eher den Schwung des Beckens“, riss Karen sie aus ihren Erinnerungen und Lisa schoss sofort das Blut ins Gesicht.

„Oh, Karen“, stöhnte sie gequält auf. „Ich kann jetzt nicht darüber reden. Nicht, wenn ich Nick gleich wiedersehe! Ich will das Ganze einfach vergessen!“

Karen sah ein wenig enttäuscht aus, doch sie riss sich ihr zuliebe zusammen. „Okay – wann genau holt Mr. Sexy-Drehbuchautor dich denn hier ab?“

Lisa sah kurz auf ihre Armbanduhr. „In ungefähr fünfzehn Minuten.“

„Gut, dann haben wir ja noch ein wenig Zeit, um kurz noch einmal durchzusprechen, wie du vor all den Haifischen da draußen aufzutreten hast.“

Lisa nickte sofort und pickte rasch die letzten Reste ihres Omeletts auf, bevor sie Karen, die jetzt wieder in die Rolle der professionellen Anwältin geschlüpft war, aufmerksam ansah.

„Also, wie gehst du mit Nick in Zukunft um?“

„Freundlich-distanziert, höflich, aber bestimmt und ich lass mich auf keinen Fall von ihm oder auch Liam Chandler einlullen.“

„Was ist, wenn du dem Regisseur und den Produzenten vorgestellt wirst?“

„Ich bewahre Ruhe und sage mir, dass sie etwas von mir wollen und nicht umgekehrt. Ich bin bereits erfolgreich und habe es nicht nötig, ihnen zu Kreuze zu kriechen.“

Karen nickte zufrieden. „Was ist, wenn sie dich um bestimmte Gefallen bitten, Versprechen von dir haben wollen?“

„Nicht ohne meine Anwältin!“

„Sehr gut“, lobte Karen sie und ihre braunen Augen funkelten fröhlich. „Wenn du mich fragst, kann so heute eigentlich gar nichts mehr schiefgehen. Schon gar nicht so, wie du heute aussiehst.“

Sie lehnte sich mit der Kaffeetasse in ihrem Stuhl zurück und nippte wieder daran, Lisa mit diesem seltsamen Blick musternd, der sie ganz nervös machte. „Mein Kleid steht dir wirklich gut – weißt du das?“ sagte sie schließlich und Lisa sah etwas verwirrt an sich hinab.

„Und du hast dich auch ziemlich sorgfältig geschminkt. Deine Augen wirken riesig.“

„Riesig?“ wiederholte Lisa besorgt.

„Auf eine sehr positive Art und Weise. Audrey-Hepburn-like – verstehst du?“

„D… danke.“ Lisas Mundwinkel zuckten ein wenig, doch ein richtiges Lächeln brachte sie nicht zustande. Ihr Blick war erneut auf ihre Uhr gefallen und ihre Nervosität wuchs nun mit jeder Sekunde, die verstrich. Nick konnte jeden Moment unten an der Tür klingeln. Und vielleicht war er ja sogar einer von der überpünktlichen Sorte.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, du hast dich für jemand zurechtgemacht, dem du unbedingt gefallen willst“, fuhr Karen fort und Lisa sah sie entrüstet an.

„Hab’ ich nicht!“ platzte es viel zu empört aus ihr heraus und die Röte, die sofort in ihre Wangen wanderte, strafte ihre Worte Lügen.

„Ist doch nicht schlimm“, meinte Karen schmunzelnd. „Wie gesagt, den Kerl hätte ich auch nicht von der Bettkante geschubst und ich kann verstehen, dass du ihn gern weiterhin heiß machen willst. Ist doch schmeichelhaft, wenn er dich anstarrt, als würde er dich auf der Stelle mit Haut und Haaren verschlingen wollen. Glaub mir – ich selbst liebe das Gefühl auch!“

„Das… das bezwecke ich aber gar nicht!“ Mein Gott, das Stottern wurde aber langsam zu einer ziemlich lästigen Angewohnheit!

„Ganz davon abgesehen – wenn der Sex so gut war, warum vögelst du nicht einfach weiter mit ihm?“ fuhr Karen fort, als hätte Lisa soeben gar nichts gesagt. „Das könnte eure Zusammenarbeit immens entkrampfen.“

Lisa brauchte einen Moment, um diese Bemerkung zu verarbeiten, ohne albern nach Luft zu schnappen. „Ich dachte, ich soll distanziert sein?“ brachte sie schließlich einigermaßen beherrscht über die Lippen. „Hatten wir das nicht gerade noch einmal abgesprochen?“

„Ja, wenn du mit ihm arbeitest, aber in eurer Freizeit könnt ihr doch machen, was ihr wollt. Ihr müsst das halt streng voneinander trennen!“

„Man kann doch nicht mit jemanden Sex haben und dann bei der Arbeit so tun, als ob nichts gewesen wär!“

„Macht ihr das nicht längst?“

Lisa stieß einen gestressten Laut aus. „Ja, aber nur aus einer Notlage heraus. So etwas kann man doch nicht bewusst tun!“

„Wer sagt das? Gott?“ Karen musste über ihren eigenen Witz lachen und grinste dann Lisa breit an. „In meiner Kanzlei halten sich die wenigsten an solche sinnlosen Regeln. Und hast du mal Rachel zugehört, wie es bei ihr im Krankenhaus abgeht?“

„Das ist doch kein Argument!“

„Ach Lisa, Schatz.“ Karen bekam diesen sanften, mitleidigen Blick und rutschte näher an sie heran, um einen Arm um sie zu legen. „Es ist nur so, dass ich genau merke, wie nervös und verkrampft du bist. Und das tut mir einfach leid. Da will ich dir nicht auch noch mit dem dazwischenfunken, was wir vorher abgesprochen haben. Du bist auch nur ein Mensch. Ich denke, dass es weder dir noch deinen Büchern oder unserem Vorhaben schaden wird, wenn du nochmal Sex mit diesem Nick hast. Soll heißen, wenn dir danach ist, tu es! Ich wär’ die Letzte, die dir deswegen ins Gewissen redet. Distanziert kannst du danach trotzdem noch sein. Das wird den Kerl sogar anmachen. Männer sind so.“

Lisa wollte erneut protestieren, doch sie kam nicht mehr dazu, weil genau in diesem Augenblick die Türklingel ertönte. Lisas Herz setzte für ein paar Sekunden aus und hämmerte dann los, als hätte es gleich ein paar Stunden verloren. Sie stand ruckartig auf und hätte wahrscheinlich Karen von ihrem Stuhl gerissen, hätte die sie nicht rechtzeitig losgelassen.

„Das ist er“, stieß sie beinahe atemlos aus und sah sich hektisch nach ihrer Tasche um.

„Könnte aber auch der Postbote sein“, wandte Karen schmunzelnd ein und lief rasch hinüber zur Tür.

Lisa hatte nun endlich ihre Tasche gefunden und folgte der jungen Anwältin mit viel zu weichen Beinen.

„Ja“, meldete Karen sich über die Sprechanlage.

„Ähm – hier ist Nick Jordan“, dröhnte ihnen die Stimme, die Lisa auch schon vorhin so aus dem Takt gebracht hatte, blechern durch den Lautsprecher entgegen. „Ich komme, um Lisa George abzuholen.“

„Okay, ich schicke sie runter“, erwiderte Karen und ließ den Knopf der Sprechanlage wieder los. Ihre Brauen wanderten etwas in die Höhe, genauso wie ihre Mundwinkel. „Hast du gehört? Er ‚kommt‘ schon, wenn er dich abholt…“

„Ha-ha“, machte Lisa nur, bemüht nicht zu lachen, und öffnete die Tür. „Das ist nicht gerade sehr hilfreich, um cool und gelassen zu bleiben.“

Karen verzog ein wenig reuig das Gesicht. „Ich weiß, aber es hat sich so wundervoll angeboten.“

Lisa verdrehte schmunzelnd die Augen und wandte sich der Treppe zu.

„Du machst das schon, Süße“, rief Karen ihr nach, als sie schon den ersten Treppenabsatz erreicht hatte. „Halt die Ohren steif!“

„Und du halt dich vom Fenster fern!“ rief Lisa zurück und meinte das todernst.

 

Natürlich musste sie mit Nick fast zusammenstoßen, als sie aus der Haustür eilte, weil er viel zu dicht davor wartete und sie ein viel zu hohes Tempo drauf hatte. Er hob gerade rechtzeitig die Hände und packte sie an den Oberarmen, als sie vor Schrecken ins Stolpern geriet und ihm buchstäblich entgegen flog, und sorgte so dafür, dass sie zumindest auf den Beinen blieb. Verfluchte Hackenschuhe!

„Uppsala“, musste er auch noch ihre Tollpatschigkeit kommentieren und stellte sie zurück auf ihre Füße, bevor er sie wieder losließ, auf ihrer Haut den warmen Druck seiner Hände zurücklassend. Ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen, während er sie flüchtig musterte.

Verdammt – sah der Kerl gut aus! So wunderschöne blaue Augen, deren intensive Farbe auch noch von der natürlich gebräunten Haut, dem dunklen Haar und dem marineblauen T-Shirt, das er heute trug, hervorgehoben wurde. Und hatte sie jemals zuvor in ihrem Leben einen Mann getroffen, der mit sinnlicheren Lippen beschenkt worden war? Sie schluckte schwer. Schon wieder diese beweglichen Augenbrauen, die seinem Gesicht nun einen fragenden Ausdruck verliehen.

„Krieg ich keins zurück?“

Sie blinzelte irritiert. „Was zurück?“

„Ein ‚guten Morgen‘?“

Gott, hatte er schon etwas gesagt? Wie peinlich! Sie stieß ein albernes Lachen aus. „Ja, natürlich ich war nur…“

‚… von deinen Augen gefangen?‘ Das konnte sie ja wohl schlecht sagen. Denken Lisa – erst denken, dann sprechen!

„… in Gedanken?“ half er ihr und sie strahlte ihn dankbar an.

„Ja, genau – in Gedanken. An das Buch und den Film und so…“

„Das ist gut“, sagte er lächelnd. „Das zeigt eine gesunde Arbeitseinstellung – etwas, was wir alle momentan ganz dringend nötig haben! Wollen wir?“ Er nickte in Richtung seines Wagens, einen Porsche Cabrio, Modell unbekannt – jedenfalls für Lisa.

„Schickes Auto“, erwiderte sie und lief einfach los, auf den Wagen zu. Interesse für das Auto zu heucheln war auf jeden Fall besser, als die ganze Zeit in diese auf sie so hypnotisch wirkenden Augen zu blicken. „Sieht teuer aus.“

Nick zuckte gleichgültig die Schultern und öffnete ihr dann galant die Tür. „Kann sein. Der gehört eigentlich Liam.“

„Oh.“ Sehr einfallsreich Lisa. Wirklich toll, wie du das heute wieder mit dem Small-Talk hinbekommst. Sie sagte lieber nichts mehr und stieg stattdessen in den Wagen ein. Sie konnte jedoch nichts dagegen tun, dass ihre Augen sofort Nick folgten und viel zu interessiert über seine Gestalt wanderten, als er vorn um den Wagen herumlief. Karen hatte schon Recht. Auch Lisa hatte selten einen Mann gesehen, der bei einem vornehmlich sitzenden Job körperlich in einer solchen Topform war. Er war nicht übermäßig muskulös wie diese Bodybuilder-Typen, die sie oft so widerwärtig fand, sondern einfach nur… athletisch. Wirklich athletisch. Wie er da so vor dem Auto stand und die Muskulatur seines durchtrainierten Oberkörpers sich durch das doch recht eng anliegende Shirt zeichnete, während er nach oben sah… Nach oben sah?!

„Ist das deine Freundin?“ kam nun auch schon die Frage, die sie nicht hören wollte.

Lisa drehte sich ruckartig auf ihrem Sitz herum und sah ebenfalls hinauf zu dem Stockwerk, in dem sich Karens Wohnung befand. Natürlich stand ihre Freundin dort, drückte sich fast die Nase am Fenster platt und wagte es nun auch noch, breit zu grinsen und zu winken.

Lisa sah rasch wieder Nick an, der gerade amüsiert zurückwinkte und dann in den Wagen stieg, Karen dabei nicht aus den Augen lassend.

„Ich kenn’ die nicht“, log Lisa. „Das ist bestimmt nur so eine arme, einsame Frau, die auf irgendeine Weise Anschluss sucht.“

Nick richtete nun doch seinen Blick auf sie und konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. „Okay“, sagte er mit diesem wissenden Blick und Lisa machte sich lieber daran, sich anzuschnallen. Sie mussten hier so schnell wie möglich weg, bevor Karen noch auf die Idee kam, das Fenster zu öffnen und irgendetwas Peinliches zu ihnen hinunter zu rufen. Sie bemerkte aus dem Augenwinkel, dass Nick sich ebenfalls den Sicherheitsgurt anlegte, lehnte sich zurück und versuchte, sich wieder zu entspannen. Leider startete er nicht sofort den Motor, sondern sah sie wieder an.

„Ich finde das nicht schlimm“, sagte er und zwang sie damit dazu, sich ihm wieder zuzuwenden, dabei fragend die Brauen hebend.

„Was?“

Er druckste ein wenig herum. „Na ja, dass sie darüber Bescheid weiß. Über… du weißt schon…“

‚Nicht rot werden, Lisa. Er nimmt das cool, also kannst du das auch.‘ Bloß, was sollte sie dazu schon sagen? Also lächelte sie ihn nur dümmlich an.

„Damit sind wir irgendwie quitt, oder?“ setzte er hinzu und lachte kurz, doch irgendwie klang das genauso verkrampft, wie sich ihr eigenes Lächeln anfühlte.

Sie nickte und ihre Mundwinkel begannen langsam zu schmerzen. „Ja… und wir könnten dann auch wieder damit anfangen, nicht mehr darüber zu reden“, gab sie zurück und sein Lächeln verschwand sofort, machte einem schuldbewussten Ausdruck auf seinem Gesicht Platz.

„Ja, natürlich…“ Er wandte sich von ihr ab und startete schnell den Motor.

Lisa runzelte die Stirn. Waren seine Wangen tatsächlich ein wenig röter geworden – oder täuschte sie sich? Dann war sie wenigstens nicht die einzige, der die Situation momentan ein wenig unangenehm war. Warum hatte er auch dieses Thema wieder zwischen sie schieben müssen?!

Der Wagen fuhr an und Lisa konzentrierte sich lieber darauf, sich ihre Umgebung anzusehen. So wirklich abgelenkt wurde sie dadurch aber nicht und die Stille, die sich nun zwischen Nick und sie gelegt hatte, war noch viel unerträglicher, als über den One-Night-Stand zu sprechen. Sie hasste es, sich mit jemandem anzuschweigen.

Nick schien es ganz ähnlich zu gehen, denn er schaltete nun das Radio ein und drehte es auf eine für sie recht angenehme Lautstärke. Ein rockiges Stück. Sie mochte es. Es war frech, schwungvoll und mitreißend. Und sie kannte es. Über Musik ließ sich doch ganz gut unverfänglich reden und es war Zeit, die peinliche Pause zwischen ihnen aufzuheben. Leider kannte sie weder den Interpreten noch den Titel, was dieses Unterfangen ein wenig erschwerte. Allerdings gab es da dennoch ein Thema, dass sie anschneiden konnte.

 „Weißt du, was ich witzig an dem Lied finde?“ begann sie ganz salopp. „Dass nie rauskommt, wen er da geküsst hat.“

Nicks Brauen wanderten aufeinander zu, formten ein großes Fragezeichen auf seinem Gesicht. „Wen er geküsst hat?“ wiederholte er etwas irritiert.

„Na ja – I was a teenager and I kissed…“, setzte sie zu einer Erklärung an, den vermeintlichen Songtext zitierend, hielt aber sofort inne, als Nicks Lippen sich augenblicklich zu einem breiten Grinsen verzogen und seine hellen Augen amüsiert aufleuchteten.

Anarchist“, verbesserte er. „Das sind Against Me und er singt ‚I was a teenage-anarchist‘.“

Das tat er tatsächlich. Jetzt, wo Nick das sagte, konnte sie es auch ganz deutlich heraushören. Wie peinlich! Und sie wusste wieder nicht, was sie jetzt noch dazu sagen sollte. Dringend merken: Nicht versuchen eine peinliche Pause mit einer noch viel peinlicheren zu überbrücken!

„Du hast es nicht so mit der Richtigkeit von Songtexten, oder?“ grinste Nick sie nach ein paar Sekunden der Stille zwischen ihnen an und sie runzelte die Stirn. Cool bleiben – locker bleiben…

„Wieso?“

„Na ja, anarchistI kissed und vorher SubstituteProstitute…“

‚Oh, Gott – frag nicht!‘ schrie eine kleine Stimme in ihrem Kopf auf, doch ihr Mundwerk war mal wieder schneller. „Was meinst du damit?“

Er hielt inne, schüttelte den Kopf, wirkte auf einmal ziemlich verlegen. „Ach, nichts…“

„Nick!“ Gut, ihre Stimme klang ein wenig hysterisch, aber das ließ sich jetzt nicht so schnell ändern. „Ich… ich will das wissen!“

 Er konzentrierte sich wieder auf den Straßenverkehr und presste die Lippen zusammen, sodass sie schon das Gefühl befiel, dass er ihrem Flehen nicht nachkommen würde, doch dann räusperte er sich. „Also, da war dieser Song, den sie auf der Party gespielt haben…“

Er warf einen zögerlichen Blick auf sie. „I’ll be your substituute…“ stimmte er kurz an.

Sie musste ihn wohl ziemlich verstört ansehen, denn Nick begann nun verunsichert herum zu stammeln. „Dein kleiner Tanz auf dem Tisch? Du… erinnerst dich nicht?“

Doch – jetzt tat sie es. Die Erinnerung kam mit einer solchen Wucht, dass Lisa nach Luft schnappen musste: Sie auf einem Tisch, die die Arme und Hüften im Rhythmus der Musik schwingen ließ. Unter ihr laut mitsingende, lachende Männer. Nick in ihrer Mitte mit diesem glasigen, lüsternen Blick, den sie in der Nacht noch oft zu sehen bekommen hatte. Und was grölte sie lauter als jeder andere? „I’ll be your prostituuuute…“

„Jetzt schon!“ brachte Lisa schließlich nur noch in diesem Jammerton heraus, barg ihr Gesicht in ihren Händen und sank mit einem verzweifelten Laut nach vorn, sodass ihre Stirn mit einem dumpfen Rumsen auf der Ablage des Autos aufsetzte. Sie schloss die Augen. Das war momentan die einzige Methode, das Gefühl zu bekommen, sich in ein Erdloch verbuddelt zu haben. Wow, sie und diese imaginären Erdlöcher lernten sich allmählich recht gut kennen.

„Das… ähm… weiß ja sonst keiner“, versuchte Nick sie etwas unbeholfen zu trösten. Er wusste ja nicht, dass es schon schlimm genug für sie war, dass er sich erinnerte. Vielleicht sollte sie demnächst besser ein Buch mit dem Titel ‚20 Stufen der Peinlichkeit und wie man sie überwindet, ohne Selbstmord zu begehen‘ schreiben.

„Können… können wir einfach aufhören darüber zu reden?“ brachte Lisa gedämpft zwischen ihren Fingern hervor.

„Okay.“

Sie hörte, wie er rasch den Musiksender wechselte. Irgendein Country Song dudelte nun fröhlich vor sich hin.

„Ähm… ich sag’ dir dann bescheid, wenn eine Bodenwelle kommt.“

„Hm-hm“, machte Lisa nur. Nur ein paar Sekunden noch – dann war sie bereit, sich dem nächsten Tag voller Blamagen zu stellen. Wenn das weiter so mit ihnen ging, konnte ihre Zusammenarbeit in den nächsten Wochen noch heiter werden!

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Kapitel 11

 

,Jedes Mal das Gleiche‘, schoss es Lisa durch den Kopf und sie konnte den Satz gerade noch davon abhalten, durch ihre geöffneten Lippen Tageslicht zu schnuppern. Tageslicht? Schnuppern? Wie, das passte nicht zusammen? Sie war Autorin, verdammt nochmal! Das fiel in die Kategorie ‚künstlerische Freiheit‘.

In der vergangenen Woche nach ihrem letzten Ausflug an den Strand hatten sie und Nick jeden Tag zwischen vier und elf Stunden mit der Arbeit am Drehbuch verbracht – leider nicht mehr an der frischen Luft – und waren dabei mehr als einmal aneinandergeraten, weil jeder seine eigene Vorstellung unbedingt durchbringen wollte. Dabei ging es nicht darum, seinen jeweiligen Sturkopf – und oooh ja, sie hatten beide einen Dickschädel – durchsetzen zu wollen. Dafür waren sie viel zu professionell und arbeiteten, abgesehen von den Streits, ziemlich gut miteinander. Beide Parteien hatten gute Argumente, etwas, das Lisa selbstverständlich nie laut gesagt hätte. Nein, so stimmte das auch wieder nicht. Sie war ein erwachsener Mensch und konnte durchaus zugeben, wenn andere Recht hatten – das allerdings sollte nicht als Freifahrtschein genommen werden, an jedem einzelnen Wort herumzunörgeln.

Es war in diesen Konfliktsituationen meistens schwer, ihre zwei Meinungen unter einen Hut zu bekommen. Da war auf der einen Seite sie, die Urheberin, die Autorin, die nicht erst seit gestern Bücher schrieb, auch sonst einiges an Erfahrung besaß und sich nicht so gerne reinreden ließ, und auf der anderen Seite Nick, der versuchen musste, die Interessen seiner Firma zu wahren und das vorhandene Werk logisch zu kürzen – möglichst ohne Lisa dabei allzu sehr auf die Füße zu treten. Natürlich war das ein ziemlich schwieriger Auftrag und Lisa musste sich innerlich eingestehen, dass sie nicht gern in seiner Haut stecken würde. Doch er arbeitete ja auch schon ziemlich lange als Drehbuchautor und musste es eigentlich gewohnt sein, sich beim Schreiben eines Skripts mit dem Autor der Romanvorlage auseinanderzusetzen.

Vermutlich machte es nicht unbedingt einen Unterschied, ob es sich bei dieser Zusammenarbeit zwischen Romanautor und Drehbuchschreiber um gestandene Autoren oder Neulinge oder etwas dazwischen handelte. Und Lisa war sich sicher, dass es zumindest zwei verschiedene Typen von Romanautoren gab, mit denen eine Filmfirma zu rechnen hatte: Die, die ihr Buch inklusive jedes einzelnen geschriebenen Wortes als non-plus-ultra betrachteten, an dem jede auch nur noch so minimale Änderung Auswirkungen katastrophalen Ausmaßes sowohl für das Gesamtwerk als auch für die psychische Stabilität des Verfassers beinhalten würde und … nun ja, vielleicht die, die so gut wie gar kein Vertrauen in sich und ihre Fähigkeiten hatten und einfach allem zustimmten. Und beide waren bestimmt nicht einfach zu händeln. Hm, ob das so logisch war? Vielleicht sollte sie besser damit aufhören, so seltsame Theorien in die Welt zu setzen und sich wieder auf das Wesentliche konzentrieren.

„Und dann hier“, riss Nick sie aus ihren Gedanken und tippte mit seinem Stift auf den Bildschirm. Nein, sie würde ihn nicht deswegen anfahren, auch wenn es ihr Laptop war, an dem sie gerade arbeiteten.

Die Manuskripte lagen wie immer auf Tisch, Sofa und dem Wohnzimmerboden verteilt, auch wenn Liam ihnen angeboten hatte, ihnen eine ‚Hammerinstallation‘ zur Verfügung zu stellen. „So mit Beamern, die den Text überall hin projizieren, wo ihr wollt. Dann könnt ihr ihn in jeder Haltung und Stellung sehen…“

Beim vorletzten Wort hatte Nick drohend seine Kaffeetasse erhoben und einen Wurf angedeutet und Liam hatte nicht herausfinden wollen, ob seinem Freund die Polsterbezüge und Wände mehr wert waren, als ihn zu treffen, und sich schleunigst lachend verdrückt. Was ihn natürlich nicht davon abgehalten hatte, am nächsten Tag wieder den ‚Störfaktor‘ zu spielen. Liam tauchte erstaunlich oft unangemeldet in Nicks Haus auf. Man konnte fast meinen, dass er irgendwie eifersüchtig war und zwanghaft überprüfen musste, was sie so trieben…

„Was denn?“ fragte Lisa nun und konnte einen kleinen Seufzer nicht unterdrücken, der jedoch im Gegensatz zu ihrem Werk unkommentiert blieb. 

Malcolm? Der hat nur dagestanden und gegrinst wie eine durchgedrehte Hunderwattbirne“, zitierte Nick aus ihrem Text.

Sie nickte, zog die Augenbrauen hoch und zuckte mit den Achseln, um ihr Unverständnis zu demonstrieren. „Und?“

„Das können wir so nicht ins Drehbuch übernehmen.“

„Warum nicht?“

Nick runzelte die Stirn und unterdrückte einen Seufzer. „Fragst du das im Ernst?“

„Ich konnte ja kaum ‚durchgeknallt‘ schreiben, weil das für das Glühen der Birne das Aus bedeutet“, erläuterte sie.

Mit einem leichten Kopfschütteln erwiderte er: „Du musst moderner denken und schreiben.“

Sie blinzelte. „Wie bitte?!“ platzte es dann aus ihr heraus.

„Es wäre recht zeitsparend und nervenschonend, wenn jemand es unterlassen könnte, sich immer gleich so künstlich aufzuregen“, ertönte eine gut gelaunte und viel zu kurze Zeit nicht mehr gehörte Stimme aus dem Hintergrund. Liam hatte sich kurz nach Lisas Ankunft wieder einmal selbst hereingelassen („Ich wollte mal nach dem Rechten sehen.“), hatte das halbe Frühstück allein verputzt („Nicky, du musst wirklich größere Portionen kaufen, sonst hat Lisa nie die Gelegenheit, etwas von dieser leckeren Wurst“ – happs –   „und diesem exorbitanten Käse“ – stopf – „zu probieren.“) und erfreute sie, während exzessiven Simsens mit einer seiner zahlreichen Verehrerinnen, immer wieder mit Kommentaren zu Dingen, die ihn nichts angingen. Lisa hätte früher nie gedacht, dass sie so etwas mal in Bezug auf Liam Chandler denken könnte, aber er nervte sie!

Ihr Kopf flog zu ihm herum. „Raus!“

„Gott, diese Sensibelchen“, entfuhr es Liam, dann grinste er Lisa übertrieben unschuldig an. „Du glaubst mir natürlich, dass ich das auf Jennifer hier bezogen habe.“ Er schwenkte sein Handy, doch Lisa grummelte nur etwas Unverständliches. „Ooooh, jetzt verstehe ich“, wurde seine Stimme auf einmal sehr sanft und brachte sie dazu, ihn misstrauisch anzusehen. „Du, Nicky versteht das bestimmt auch. Frauen sollten nicht arbeiten, wenn sie solchen Hormonschwankungen unterliegen. Das kann unter Umständen gefährlich wer-“

„Ich darf ja wohl sehr bi-“

„Es ist ja nicht so, dass es deine Schuld wäre“, fuhr er fort, so als hätten seine Worte auch nur irgendetwas Besänftigendes an sich „Im Zustand der Erschöpfung und Unausgeglichenheit ist jegliche Arbeit nur einfach extrem ineffektiv. Das ist meine Meinung.“

„Die aber niemand hören will!“ knurrte Lisa.

„Ganz Unrecht hat er nicht“, pflichtete Nick nun auch noch seinem Freund bei und zog ihren Zorn damit sofort wieder voll auf sich. „Wenn er auch nicht immer die höflichste Form wählt, um seine Ansichten kundzutun.“

Liams selbstgefälliges Grinsen bröckelte ein wenig.

„Er muss uns allerdings ohnehin gerade verlassen, um seinen wichtigen Drei-Uhr-Termin wahrzunehmen.“

„Muss er?“ erkundigte sich Liam interessiert, so als würde es gar nicht um ihn gehen, während Lisa im Hintergrund nach Luft schnappte. Das war ja wohl die Höhe!

Sie holte gerade tief Luft, als Nicks Gesicht einen bestürzten Ausdruck annahm. „Nein – nein! So meinte ich das nicht. Ich wollte ihm damit nicht in jeder Hinsicht zustimmen. Ich meinte nur, dass wir vielleicht beide eine Pause machen sollten. So generell. Wir sitzen jetzt seit sechs Stunden fast ohne Unterbrechung hier.“

„Yeah!“ rief Liam und vollführte einen kleinen Siegestanz. „Dann lasst uns endlich rausfahren! Raus aus dem Alltag, rein ins Vergnügen!“

„Textest du jetzt Jingles?“ erkundigte sich Nick stirnrunzelnd, während Lisa nur den Kopf schütteln konnte. Dieser Mann war einfach unmöglich!

„Das ist seit Charlie Harper ja wieder so was von ‚in‘“, grinste der Schauspieler.

„Ja, aber Charlie Harper ist jetzt ‚out‘ und Walden Schmidt an seiner Stelle“, stieg Nick tatsächlich auf dieses völlig irrelevante Thema ein und Lisa war wieder kurz davor, ungläubig den Kopf zu schütteln. Auf welche Mittel die Leute so zurückgriffen, um einem handfesten Streit zu entgehen… Aber sie konnte warten…

Liam schüttelte nun nachsichtig den Kopf, so als hätte ein Nicht-Wunderkind-Fünfjähriger gerade versucht, die Relativitätstheorie zu erklären. „Charlie Harper ist nicht out, Charlie Sheen ist out –“

„Und wenn du Meggie warten lässt, bist du vielleicht auch bald out, so ganz und gar out, wenn du verstehst, was ich -“

„OHMEINGOTT, NICKY!!“ Sein Freund sah ihn geschockt an und flüsterte mit vor Entsetzen fast erstickter Stimme: „Nicht das o-Wort. Nicht im Zusammenhang mit mir“, er sah sich  kurz um und nickte Nick dann bedeutend zu.

„Was denn, könnte das Schicksal mich hören?“ spottete Nick, doch Liam winkte hektisch, um ihn zum Schweigen zu bringen. „Du, über Karma spottet man nicht. Ich habe nicht heute Morgen erst angehalten und einer alten Dame über die Ampel geholfen, damit du mir jetzt alles mit negativen Einflüssen versaust.“

„Bist du sicher, dass sie über die Straße wollte?“

Liam sah seinen Freund an, als wäre der ein wenig plemplem. „Natürlich bin ich das! Es war meine Mutter und ihr Wagen stand auf der gegenüberliegenden Seite.“

Lisa sah, wie Nick den Mund öffnete, doch dann hielt er inne, schüttelte den Kopf und besann sich wohl eines Besseren. „Liam…“ Er legte dem Betreffenden eine Hand auf die Schulter und drehte ihn Richtung Ausgang um. „Sei deines eigenen Glückes Schmied und mach dich auf, geh. Gehe nicht über deinen Lieblingscoffeeshop, streiche nicht zwei Biscotti ein, sondern gehe direkt zu Meggie – die ist ohnehin schon genug gereizt – du solltest also lieber pünktlich sein, wenn du nicht bald o- ohne Job sein möchtest.“

Liam stemmte ein wenig die Füße in den Boden, doch Nick schob ihn einfach weiter, während er auf ihn einredete. Für einen Moment ertappte sich Lisa bei der Frage, ob er ihm auch Schulbrote gemacht hatte, dann vernahm sie ein „Ciao, Lisa. Ich hätte mich gern per-“

Hier klappte die Haustür hinter ihm zu und anstatt sie einfach wieder zu öffnen, bekam Lisa ein paar Sekunden später eine SMS. ‚-sönlich von dir verabschiedet, aber ich sehe, dass es der ungehobelte Klotz neben dir ist, der seine Tage hat. Halte tapfer durch, Liam rettet dich später.‘

Drohung oder tatsächlicher Aufmunterungsversuch? Lisa war sich da nicht so sicher.

 

Nach einer kurzen Toilettenpause trafen sich Nick und Lisa in der Küche wieder, um ihre Getränke nachzufüllen. So sehr sie ihre Klappe auch für den Moment halten wollte, konnte sie doch nicht umhin zu fragen: „Was war denn nun angeblich so unmodern?“

Er nahm einen tiefen Schluck und zuckte die Schultern. „Die Metapher an sich und dann die Wattangaben der Glühbirne. Wieso deine Lektorin nicht längst darauf geachtet hat, ist mir schleierhaft.“

„Oh, das ist es! Du hast selbst kein so strahlendes Lächeln, daher darf der liebe Malcolm auch nur auf Sparflamme grinsen“, witzelte sie, doch Nick musste natürlich wieder einen auf Vollprofi machen und sie zu belehren versuchen. Da konnte er aber auch noch so süß aussehen in seiner verwaschenen Jeans, dem blassblauen Shirt und mit diesen zerzausten Haaren…

„Ich dachte, es gibt bei euch keine Wattzahlen in der Höhe mehr“, brach er in ihre Betrachtungen ein und irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass er sie damit bewusst provozierte. Versteckte sich da nicht sogar ein fieses Grinsen in seinen Mundwinkeln? „Es müsste zudem zumindest ‚Sparlampe‘ heißen. Auf solche Kleinigkeiten muss man ein Auge haben.“

Uaaaah, das war, wie wenn man in einem Stück Schokolade, dessen Geschmack neu und ungewöhnlich war, gerade den geliebten Nougatkern gefunden hatte und nun darin auf einen Brocken Salz biss.

„Wirklich?“ wiederholte sie zuckersüß. „Na, dann ist es ja gut, dass wenigstens du so viel Ahnung hast.“ Sie stellte ihr Glas ein wenig zu geräuschvoll auf die Ablage.

„Die habe ich“, entgegnete er allerliebst und tat es ihr nach.

„Wie schön!“ knurrte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen, jedoch immer noch lächelnd wie eine durchgedrehte Hundertwattbirne.

„Okay, wir brauchen wirklich eine Pause“, entschied Nick. „Jetzt. Sofort. Sonst schlagen wir uns noch gegenseitig die Schädel ein.“

Lisa merkte, dass sie ein wenig schnaufte wie ein wütender Stier, und musste grinsen. „Und das wäre schade – wo es doch so ein ausgesprochen hübscher Kopf ist.“ Sie beugte sich zu ihm vor und schenkte ihm ein in langen Stunden vor dem Spiegel geübten und anhand unzähliger Selbstauslöserfotos perfektionierten Augenaufschlag. „Wir wissen beide, dass ich von mir rede.“ Damit wandte sie sich auf der Ferse um und marschierte Richtung Tür.

Ein paar Sekunden später kehrte sie wieder um und streckte mit gesenktem Kopf die Hand nach den Sandalen aus, die ein lässig an die Wand gelehnter, grinsender Nick in seinen Händen hielt.

 

Die Bewegung an der frischen Luft tat ihnen beiden gut. Lisa spürte, wie ihre Anspannung und Gereiztheit rasch verflogen und sie sich in Nicks Nähe wieder entspannte. Sie sprachen wieder über andere Themen, über Dinge, die sie mochten oder hassten, über Wünsche bezüglich ihrer Zukunft und Ereignisse in ihren Leben, die unvergesslich waren. Und wie schon einige Male zuvor, stellte Lisa nach einer Weile fest, dass Nick und sie ziemlich viele Gemeinsamkeiten besaßen, ähnlich dachten und auf ähnliche Dinge Wert legten, obwohl sie eigentlich ziemlich verschieden waren. Das hatte sie schon ‚damals‘ gemerkt…

 

„Ich… ich glaub’, so finden wir nie ein Taxi“, hauchte Lisa, als ihr Bemühen, Nick ein wenig von sich wegzuschieben, um die wilde Knutscherei mit ihm wenigstens für einen kurzen Moment zu unterbrechen, endlich zu einem Erfolg führte. Er blinzelte ein paar Mal, während die Bedeutung ihrer Worte langsam in sein Bewusstsein zu sacken schien, und nach ein paar Sekunden erschien ein kleines Lächeln auf seinen so sinnlichen Lippen.

„Da könnest du vielleicht Recht haben“, grinste er, machte aber keine Anstalten, sich von ihr wegzubewegen. Er hatte sie bei ihrem letzten Körperkontakt gegen die Häuserwand gedrängt und hielt sie auch jetzt noch zwischen dieser und seinem eigenen Körper gefangen… diesem verführerisch muskulösen, starken Männerkörper…

„Vielleicht sollten wir dann besser weiter zur Hauptstraße laufen“, schlug Nick heiser vor. Lisas Augen fixierten seine Lippen. So sinnlich und verlockend… Warum nochmal hatte sie ihre Knutscherei unterbrochen? Ah ja, da war wieder dieser leichte Zweifel gewesen, ein zarter Hauch von Angst, der sie immer mal wieder zwischendurch packte und sie ihr Vorhaben hinterfragen ließ. Warum zur Hölle ließ sie sich davon immer nur so mitreißen? So viele ihrer Freunde hatte das hier schon getan, sich auch auf ein kurzes, aber heftiges Sex-Abenteuer eingelassen und es nie bereut. Und sie hatte sich das wirklich verdient, nach zwei Jahren Abstinenz und Flucht vor jedem Mann, der ihr auch nur ansatzweise zu nahe gekommen war. Es war ja auch nicht so, dass sie sich Hals über Kopf in eine neue Beziehung warf und sich der Gefahr aussetzte, wieder nur ausgenutzt und zutiefst verletzt zu werden. Hier ging es nur darum, endlich mal wieder Spaß zu haben, sich gehen zu lassen. Sie kannte Nick nicht und er kannte sie nicht und so würde es auch bis zum Morgen bleiben…

Und wenn das der Grund war? Wenn sie immer wieder zögerte und vielleicht am Ende alles abbrach und flüchtete, eben weil sie Nick zu wenig kannte? War Sex mit einem Unbekannten nicht sogar gefährlich? Vielleicht war es besser…

Oh, Gott… Da waren wieder seine Lippen, drängten sich gegen die ihren, zwangen sie mit sanftem Druck auseinander… seine Zunge, so samtig weich, und doch so fordernd… Lisa stöhnte sehnsüchtig in seinen Mund und klammerte sich wieder fester an ihn, fühlte, wie sich die harte Ausbeulung in seiner Jeans gegen ihren Bauch drückte und wollte ihn nur noch mehr.

Und wenn er nun ein Psychokiller war, der ihren Verstand wegküsste, nur um sie dann in einer dunklen Ecke zu ermorden? Scheiße, der Alkoholeinfluss hatte zu sehr nachgelassen – wie sonst waren solche dummen klugen Gedanken zu erklären?

Lisa drehte ihren Kopf, sodass Nick gezwungen war, sich von ihren Lippen zu lösen – was ihn natürlich nicht daran hinderte, die seinen auf ihren Hals zu pressen, so gierig an ihrer prickelnden Haut zu saugen, dass Lisa statt sinnvoller Worte nur ein erregtes Stöhnen von sich gab.

„Nick…“, keuchte sie in sein Ohr. „Lass… lass uns weitergehen und dabei reden…“

Er hob tatsächlich den Kopf und sah sie unter zusammengezogenen Brauen etwas erstaunt an. „Reden?“

Sie nickte verlegen. „Ich… ich weiß nich’, ob ich das hier durchziehen kann, wenn ich nich’ wenigsens ein paar Dinge von dir weiß.“

„Und was genau?“ fragte er, zog sich nun aber tatsächlich von ihr zurück.

Gott, waren ihr Beine weich. Wahrscheinlich hatte nur Nicks Körper sie zuvor aufrecht gehalten und nun da er weg war… Sie wankte ein wenig nach vorn und Nick packte sie sofort am Arm, hielt sie so auf den Beinen.

„Ups!“ stieß sie aus und lachte albern. Das Lachen erstarb sofort, als Nick einen Arm um ihre Schultern legte und sie ein wenig gegen ihn sank. Ganz automatisch hielt sie sich an seiner Taille fest. Himmel, musste sich der Kerl wirklich überall so gut anfühlen?

„Du… du bis kein Psychokilla, oda?“ brachte sie schließlich ihre erste wichtige Frage heraus. Hm, sehr subtil war das ja nun nicht gewesen…

Nick grinste breit und setzte sich langsam zusammen mit ihr in Bewegung. „Doch, aber heut’ hab’ ich mir freigenommen.“

Sie hob mahnend den Finger. „Wirklich lustig issas nich“, sagte sie grinsend. „Aber du wirks auch nich’ wirklich wie einer…“

„Wie wirken die denn?“ kam prompt die Gegenfrage.

Lisa runzelte die Stirn. „Keine Ahnung. Auf jeden Fall nich wie du.“

„Stimmt“, erwiderte Nick. „Ich bin vielsu nett.“

Sie nickte beipflichtend und er sah sie wieder mit fragend erhobenen Brauen an. „Was willsu noch wissen?“

„Magsu Tiere?“

Er nickte sofort.

„Kinna?“

Wieder ein Nicken und Lisa strahlte. „Dann bisu ein guter Mensch.“ Wie einfach die Welt doch manchmal war!

„Und du?“ gab er zurück.

„Ich liiiieebe Tiere und Kinna!“ rief sie etwas zu laut und lachte glücklich, bevor sie sich nun gleich viel fester an Nick drückte, der bis über beide Ohren grinste.

„Bistu lieber draußen oder drin?“ fragte er und sie musste nur einen kurzen Moment nachdenken, um zu verstehen, was er damit meinte.

„Draußen“, gab sie mit Überzeugung zurück. „Ich würd eingehen, wenn ich nich’ irgendwas Grünes um mich herum und die Möglichkeit haben würde tun, draußen zu sein, die Natur zu genießen. Ich liiiiebe die Natur…“

Dieses Mal war es Nick, der ein erfreutes Lachen von sich gab, sie an sich drückte und sogar küsste. Natürlich nur kurz… oookay, nicht wirklich kurz… Oh, Gott, wie konnte ein Mann in dieser Hinsicht nur so talentiert sein? Das war ja schon fast ein Vorspiel!

„Pessimis oder Optimis?“ hauchte Lisa an seinen Lippen.

„Realis“, gab er die Antwort, die auch sie auf eine solche Frage immer parat hatte, und ihr Herz machte einen freudigen Sprung – nicht nur weil er sie wieder an eine Häuserwand drückte und sie seinen so herrlichen Körper mit jeder Faser des ihrigen fühlen konnte.

„Spät- oder Frühaufsteher?“ keuchte er ihr ins Ohr.

„Kommt drauf an“, gab sie schwer atmend zurück und er sah sie an. „Na ja…“ Sie zuckte die Schultern. „Beides hat was für sich. Ich will nur genug Schlaf bekomm’…“

Er grinste breit und in einer ziemlich anzüglichen Art und Weise. „Das wird heut’ Nacht ziemlich schwierig wern“, raunte er ihr zu und die lüsterne Heiserkeit in seiner Stimme sandte ihr gleich eine ganze Reihe von heißkalten Schauern den Rücken hinunter.

„Ich bin auch für Ausnahm’ zu haben“, gab sie in einem solch erotischen Ton zurück, dass sie das Gefühl hatte, eine Fremde würde aus ihr sprechen. Eine Fremde, die Nick sehr zu gefallen schien, denn er presste sofort seine Lippen auf ihren Mund und erstickte jeden Zweifel und jedwedes Gefühl der Angst, das sie noch gehabt hatte, im Keim.

 

Damals hatte es schon angefangen, sich zu entwickeln, dieses Gefühl, dass sie einen tollen Kerl vor sich hatte, jemanden, den man echt gern haben konnte. Und natürlich war es durch ihre Zusammenarbeit, durch die Zeit, die sie miteinander verbringen mussten, noch stärker geworden. Okay. Sie konnte es zugeben: Sie mochte Nick, mochte ihn sogar sehr. Und das machte ihr irgendwie Angst, weil sie nicht genau wusste, wie er zu ihr stand und wie viel von seinem Verhalten ihr gegenüber davon beeinflusst wurde, dass er für TFP arbeitete und gezwungen war, nett zu ihr zu sein, damit sie am Ende brav die Verträge unterschrieb. Lisa war nicht auf den Kopf gefallen und konnte sich vorstellen, dass diese Meggie Nick bezüglich ihrer Person bestimmte Anweisungen gegeben hatte, zum Beispiel besonders nett zu ihr zu sein, dafür zu sorgen, dass sie sich wohl fühlte und so weiter. Sie hatte schon oft darüber nachgedacht – viel zu oft. Sogar darüber, wie viel an dem One-Night-Stand tatsächlich dem Zufall zu verdanken war.

Sie war nicht von vornherein ein misstrauischer Mensch gewesen, aber ihre letzte Beziehung hatte einiges an Vertrauen in die Menschen generell kaputt gemacht. Sie war nicht mehr so naiv und gutgläubig wie noch vor ein paar Jahren. Auf der einen Seite war das immer schlau, aber auf der anderen und ganz speziell in diesem Fall verunsicherte es sie auch und machte sie angreifbar. Irgendwann würde sie Klarheit in diese ganze Geschichte bringen müssen – auch wenn es garantiert nicht angenehm werden würde, mit Nick darüber zu reden, und sie furchtbare Angst davor hatte, die Wahrheit zu erfahren. Das war auch der Grund, warum sie das Thema weiter vor sich herschob, anstatt es anzusprechen und stattdessen versuchte, sich abzulenken, indem sie ihre Umgebung genauer betrachtete.

 Sie bogen nun in die Fillmore Street ein, eine weitere breite Straße. Alles hier war so… groß. Aber es hatte etwas Gemütliches an sich, etwas, das einen willkommen hieß. Nur die sich über ihren Köpfen befindlichen Leitungen störten etwas. Lisa fragte sich, warum sie dort oben und nicht unter der Erde waren. Nick konnte ihr da im Moment nicht weiterhelfen, weil er telefonierte, also ließ sie ihre Augen weiter über ihre Umgebung schweifen.

 Die Straßenschilder hier waren grün und gliederten sich somit ebenfalls perfekt in das Gesamtbild ein, in dem das Grün der Bäume und Sträucher und das Sandgelb der Häuser die vorherrschenden Farben waren. Das Einzige, das sie störte, waren die übergeraden Rasenflächen auf den Gehwegen und in den Gärten um sie herum. Sie sahen aus, als wären sie mit der Nagelschere millimetergenau getrimmt worden. Oder von einem Starcoiffeur. Was fanden die Leute nur an so spießig glatten Flächen? Ob man hier einziehen durfte, wenn man einen wild wuchernden Garten vorzog? Oder wurde man dann von der Nachbarschaft gelyncht? Ob das eine Idee für ein neues Buch war? Ein Horrorroman mit dem Namen ‚Perfektion‘? Über psychopathische Menschen, die unter dem Deckmäntelchen der netten Nachbarn ihr Unwesen trieben? Und vielleicht waren es gar keine menschlichen Wesen… Auf Anhieb fielen ihr mindestens zwei Bücher und drei Filme zu diesem Thema ein. Laaaangweilig und bestimmt keine neue Bestselleridee.

Vielleicht lag es an ihr, aber sie zog einen leicht verwilderten Garten vor. Dass das Gras ab und an geschnitten werden musste, war okay, aber… ach-du-meine-Güte, vielleicht sollte sie als nächstes einfach einen Gartenratgeber schreiben.

„Ich habe Hunger“, sagte Nick im selben Moment, in dem er auflegte. „Mein Gott, sag es mir offen und ehrlich ins Gesicht.“ Er fasste sie an der Schulter und drehte sie zu sich herum, veranlasste sie damit zum Stehenbleiben. Die Wärme seiner großen Hände drang durch den leichten Stoff ihrer Sommerjacke und hinterließ ein angenehmes Gefühl auf ihrer Haut. Ein vertrautes Gefühl…

Der leichte Druck zärtlicher Hände, die ihre Rücken entlang nach unten strichen, ihre Hüften umfassten und sie ein wenig drehten, sodass sie vor seinem warmer Körper zu liegen kam, nur, um sich sofort wieder mit ihr zu vereinigen, sie in diesem bezwingenden Rhythmus zu nehmen, der –

„Ist alles in Ordnung?“

„W-was?“ Sie blinzelte verwirrt und hoffte, dass sie nicht sabberte. „N-natürlich!“ Und bitte lass deine Hände noch ein bisschen länger dort… nur so ein paar Minütchen … oder auch –

„Ich bin ein miserabler Gastgeber, oder? Ich habe dir in den vergangenen Stunden außer einem Glas Wasser nichts angeboten, oder?“

„Aaaach“, sie winkte ab. „Du hast mir auch Eistee und Kaffee angeboten.“

„Tut mir ehrlich leid.“ Leider-leider wandte er sich damit wieder um und sie setzten ihren Weg fort, Lisa mit einem verhaltenen Stirnrunzeln, weil sie sich fragte, wie er überhaupt auf dieses Thema gekommen war.

Die Straße machte einen kleinen Schlenker und Lisa erinnerte sich daran, dass irgendwo in der Nähe ein netter kleiner Coffeeshop lag. Ja, richtig, gleich oben am California Boulevard lag ‚Peet’s‘, in das sie sich bei ihrem ersten Besuch unsterblich verliebt hatte, also schlug sie es vor.

Nick nickte langsam. „Ich weiß allerdings nicht so recht, ob ich von Kuchen und Keksen satt werde.“

„Ich meine sogar Sandwiches gesehen zu haben“, überlegte Lisa laut. Meine Güte, notfalls würde sie ihm selbst eins machen. Sie wollte jetzt einen riesigen Milchkaffee mit gaaaanz viiel leckerem Schaum und Streuseln obendrauf. Nun gut, etwas Anständiges zu essen wäre wirklich nicht die schlechteste Idee.

Sie bogen um die nächste Ecke in die El Molino Avenue. Wenn sie weiter geradeaus gingen, kämen sie auf die Hauptstraße, doch schon nach kurzer Zeit bog Nick wieder nach rechts ab und Lisa beschloss, dass die kleinen Seitenstraßen vielleicht doch schöner zum Spazierengehen waren. Heute schien Mülltag zu sein, denn alle Tonnen standen brav draußen an der Straße. Es waren schöne Häuser, an denen sie vorbei gingen, größere und kleinere, meistens Neubauten, aber alle gliederten sich in ihre Umgebung ein.

„Wir könnten auch…“, begann Lisa, hielt dann aber schnuppernd inne. Ein durchdringender, aber keinesfalls unangenehmer Bratgeruch wehte in ihre Richtung. In einem der Häuser um sie herum bereitete jemand ein leckeres Mittagessen zu. Mit Zwiebeln und Knoblauch und Fleisch… vielleicht Buletten…

„Oh Gott, riecht das gut!“ entfuhr es ihr begeistert. „Da will man doch glatt klingeln gehen und fragen, ob man etwas abhaben darf. Kennst du das?“

Nick nickte lächelnd und blieb auf einmal nachdenklich stehen. Sie tat es ihm nach und blickte ihn fragend an. „Was ist denn? Willst du doch lieber woanders hin?“

„Komm, das machen wir jetzt einfach“, sagte er fest entschlossen. Lisa blinzelte irritiert und es dauerte einen Moment, bis sie begriff, was er meinte, doch da lief er auch schon auf das Gartentor zu.

„Nein, Nick!!“ rief sie und lachte, wenn auch ein wenig verzweifelt. „Das – das machst du doch nicht wirklich?!“ Quatsch, er würde stehen bleiben… gleich jetzt … jetzt oder auch – „NICK!?“

Heilige Scheiße, er drückte doch tatsächlich auf die Klingel! Es war wie bei einem Horrorfilm, wenn der Mörder hinter der Hauptperson her war und man eigentlich ausschalten wollte, aber doch unbedingt rausfinden musste, wie es weiterging. Sekunden vergingen, Sekunden zäh wie altes Kaugummi, in denen Lisa hoffte, betete, dass niemand zuhause war, die Klingel nicht funktionierte, der Geruch aus einem der anderen Häuser kam, dass sie ihn sich nur eingebildet hatte, ebenso wie den ganzen Spaziergang. In Wirklichkeit saßen sie immer noch in Nicks Wohnzimmer und arbeiteten und sie war nur in einen kurzen Tagtraum abgedriftet. Einen, in dem die Tür geöffnet wurde und eine dunkelhaarige junge Frau heraustrat, deren Gesicht Lisa nicht genau erkennen konnte, weil es von Nicks Körper verdeckt wurde. Ein paar kurze, leisere Worte wurden gewechselt, dann ertönte ein freundliches: „Klar, kommt doch rein! Ich hab’ eh so viel gekocht. Das reicht in jedem Fall für ein paar Leute mehr.“

Lisa glaubte ihren Ohren kaum zu trauen, doch Nick lief schon wieder auf sie zu und griff nach ihrer Hand, um sie mit sich zu ziehen. „Komm, wir sind eingeladen“, strahlte er.

„Das… das glaub’ ich jetzt nicht…“ Sie ließ sich zwei Schritte weit mitziehen, dann hielt sie wieder an. „Die lassen uns wirklich mitessen?“

„Hey, wer kann diesem Lächeln schon widerstehen?“ Nick grinste noch ein wenig breiter, wahrscheinlich in einer Wattzahl, die noch nicht hergestellt wurde.

Lisa kicherte etwas hysterisch, dann blickte sie an ihm vorbei und die fremde Frau winkte ihr doch tatsächlich aufmunternd zu. „Keine Schüchternheit“, lachte sie und deutete dann hinter sich. „Ich muss wieder in die Küche, sonst haben wir gleich Brennkohle statt Bouletten. Macht es euch schon mal bequem. Ich bin gleich wieder zurück.“

„Nu’ los! Du hast doch gehört, was sie gesagt hat“, drängte Nick und zog Lisa weiter vorwärts.“

„Sind die hier alle so?“ ‚Total perplex‘ beschrieb ihren Zustand nicht einmal annähernd.

„Na klar, Amerikaner sind so: Herzlich, freundlich, großzügig …“

Sie waren nun schon durch die Tür getreten und Lisa sträubte sich ein weiteres Mal, schüttelte den Kopf. „Nick, wir können das unmöglich machen! Wir wirken wie Obdachlose, die sich bei ihnen Wildfremden durchschnorren wollen.“ Das Blut schoss ihr bei ihren eigenen Worten sofort ins Gesicht. „Ich krieg hier keinen Bissen runter!“

„Das glaube ich nicht“, grinste Nick und brachte es doch tatsächlich zustande, ihr gegen ihren Willen aus der leichten Jacke zu helfen, die sie trug. „Sie kocht einfach fantastisch!“

Lisa hielt inne, starrte ihn verwirrt an. Woher wusste er das?

„ONKEL NICK!“ tönte im nächsten Augenblick ein Freudenschrei durch den Flur und nur den Bruchteil einer Sekunde später flog ihnen auch schon ein kleiner Junge entgegen und warf sich in Nicks weit geöffnete Arme. In der einen Hand trug er eine riesige, quietschbunte Wasserpistole, die er Nick bei seiner stürmischen Begrüßung unsanft in den Rücken bohrte. 

Onkel Nick? Lisas Mund öffnete und schloss sich wieder, ohne dass ein Wort herausgekommen war, während sich in ihrem Kopf alle Eindrücke rasch zu einer ziemlich logischen Erklärung für das alles zusammenfügten. Nick fing an zu lachen, als er wieder in ihr Gesicht blickte und sich erhob, und Lisa schüttelte ungläubig den Kopf, konnte sich aber dennoch das Grinsen nicht verkneifen. „Du… du bist so ein Ar-…“ Sie hielt inne, weil der Junge sie mit großen Augen ansah. „… -mseliger Lügner!“

„Tut mir leid, es war einfach zu verlockend!“ erwiderte Nick lachend. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen!“

„Ich denke, wir können in zehn Minuten essen“, hörte Lisa eine Stimme hinter sich und wandte sich zu der Frau um, die wahrscheinlich die Mutter des Kindes war, das nun auf ziemlich umständliche Weise Nick erklärte, was so toll an seiner neuen Wasserpistole war. Jetzt erst fielen Lisa die Ähnlichkeiten zwischen ihr und Nick auf: das dunkle, leicht gewellte Haar, die hohen Wangenknochen und das Grübchen im Kinn… Und dieses Lächeln, mit dem Nicks Schwester ihr nun die Hand entgegenstreckte.

„Ich bin Hannah“, sagte sie und Lisa griff beherzt zu. „Eine der Schwestern des armen Irren dort.“ Sie nickte grinsend in Nicks Richtung, der sich gerade von seinem Neffen an einer Hand ins Wohnzimmer ziehen ließ.

„Ich kann dich hören, Hannah!“ rief er ihr zu.

„Das sollst du ja auch!“ gab sie zurück und wandte sich dann Lisa zu. „Er hat mich schon am Telefon gefragt, ob ihr nicht heute bei uns mitessen könnt und ich hab’ ihn ein wenig gerupft, weil er bisher so schlecht für dich gesorgt hat. Kurzes Frühstück, Kaffee und Eistee, oder?“

Lisa musste nicken. Hannah war ihr auf Anhieb sympathisch. Wenn Nick mit solchen Schwestern groß geworden war, war es kein Wunder, dass er so gut geraten war.

 Die hübsche Frau seufzte nun und schüttelte den Kopf. „Dabei kann er so gut kochen… Was soll’s – muss ich dir halt zeigen, was die Jordans so draufhaben. Komm – vielleicht kannst du ja schon mal ein bisschen was vorkosten.“ Sie nickte in Richtung der Küche und Lisa folgte ihr brav, fühlte, wie sich ihr Magen sehnsüchtig zusammenzog, weil diese wundervollen Gerüche nun mit einer Intensität an ihre Nase drangen, die kaum zu ertragen war.

„Und es macht dir wirklich nichts aus, uns mit zu verköstigen?“ musste Lisa dennoch noch einmal nachhaken.

„Ach, wo!“ erwiderte Hannah lachend. „Ich freu mich sogar, dass Nick endlich mal wieder eine Frau mit hierher bringt, die mir auf Anhieb sympathisch ist.“

Oh, oh! Da gab es wohl im Nachhinein noch dringenden Aufklärungsbedarf. Für den Moment jedoch wagte Lisa es nicht, ihrer Gastgeberin zu widersprechen. So nett behandelt zu werden fühlte sich einfach zu gut an.

 

Nick hatte nicht zu viel versprochen. Hannah war eine großartige Köchin und in der ungezwungenen, humorvollen Atmosphäre, die beim Essen vorherrschte, fiel es Lisa gar nicht schwer, sich völlig zu entspannen und so richtig satt zu essen. Sie fühlte sich pudelwohl und genoss es, Nick in der Interaktion mit seiner Schwester und vor allen Dingen mit seinem kleinen Neffen zu beobachten. Er war sehr viel entspannter und lockerer als sonst und allein aus der Art, wie er Hannah und Jack ansah, konnte Lisa schon schließen, wie sehr er die beiden liebte, wie wichtig sie für ihn waren. Ganz davon abgesehen, dass Männer, die so süß mit Kindern umgingen, immer eine besondere Wirkung auf Frauen besaßen. Es machte sie irgendwie noch attraktiver. Gott-oh-Gott! So etwas durfte sie eigentlich gar nicht denken!

Von Hannah erfuhr Lisa, dass sie vor zwei Jahren wohlhabend geheiratet hatte, nachdem ihre erste Ehe mit Jacks Vater nach nur einem Jahr wieder geschieden worden war. Es war eine schwere Zeit für sie gewesen, doch ihre Familie und vor allem Nick hatten sie, als Jack noch ein Baby gewesen war, immens unterstützt. Er war immer für sie da gewesen, wenn sie ihn gebraucht hatte.

Lisas Herz war bei dieser Erzählung zerflossen wie Butter in der Sonne, während Nick das alles ziemlich peinlich gewesen und er schließlich mit Jack in den Garten hinter dem Haus geflüchtet war, um sich eine ‚gefährliche‘ Wasserpistolenschlacht mit ihm zu liefern.

 „Mein Bruder ist manchmal so ein großes Kind“, sagte Hannah schmunzelnd, als sie sich zusammen mit Lisa auf die Terrasse begeben hatte und sie Nick und Jack dabei zusahen, wie sie durch den Garten tobten. „Aber er ist einer der großartigsten und liebenswertesten Menschen, die ich kenne.“ Sie warf einen knappen, etwas seltsamen Blick auf Lisa. „Mich wundert es immer, dass er so ein Pech mit den Frauen hat.“

Oh je, eigentlich war das kein gutes Thema. Zumindest ein Thema, das Lisa nichts anging. Doch sie war schon immer furchtbar neugierig gewesen. „Hat er das?“ entwischte es ihr.

Hannah nickte und der Ausdruck in ihren Augen verriet Lisa, dass sie sich in dieser Hinsicht tatsächlich Sorgen um ihren kleinen Bruder machte. „Er war schon immer eher der Typ für ernsthafte Beziehungen, fand den Gedanken, einer Frau seelisch wehzutun, furchtbar und hat sich aus diesem Grund oft viel zu viel gefallen lassen. Am Ende war es immer er, dem wehgetan wurde und der lange brauchte, um über das Ende einer Beziehung hinwegzukommen.“

Lisa nickte verständnisvoll. Das erklärte sein eigenartiges Verhalten gegenüber Patty und ihrem Verlobten. „Über Patty ist er auch noch nicht so wirklich hinweg, oder?“ fragte sie so leise, dass Nick es garantiert nicht hören konnte.

Hannah hob überrascht die Brauen. „Hast du sie schon kennengelernt?“

„Sie ist uns am Strand über den Weg gelaufen.“

„Und? Wie fandst du sie?“

Lisa zuckte unschlüssig die Schultern. „Weiß nicht. So schnell will ich mir kein Urteil erlauben.“

Hannah lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und stieß ein leises Seufzen aus. „Sie haben einfach nicht zusammengepasst. Patty hat so… so altbackene Vorstellungen von ihrem zukünftigen Leben. Versteh’ mich nicht falsch – sie ist ein nettes, süßes Mädchen, aber halt eine von der Sorte Mensch, die einen genauen, engen Zeitplan für das haben, was sie in ihrem Leben erreichen wollen. Patty will heiraten, ein nettes Haus kaufen und Kinder kriegen – mit wem ist ihr nicht wirklich wichtig. Das sieht man allein schon an der Wahl ihres neuen Freundes. Sie ist unglaublich… erwachsen und unflexibel. Spontanität wirst du bei ihr nie erleben. Sie plant alles ganz genau. Und sie ist ein Mensch, der umsorgt und bekuschelt werden will, der sehr viel Aufmerksamkeit einfordert und andere in ihrem Leben einschränkt. Wenn jemand mit ihr zusammen ist, muss er auch jede einzige Sekunde seiner freien Zeit mit ihr verbringen und darf nichts mehr ohne sie machen. Und er muss sich komplett auf ihre Bedürfnisse einstellen. Nick hat das eine Zeit lang wirklich geschafft – und dafür bewundere ich ihn noch heute – aber auf die Dauer… Klammeraffen sind nicht unbedingt die angenehmsten Gesellen…“

Lisa musste lachen. Ja, da konnte sie ihr nur zustimmen. Sie war selbst auch ein ziemlich freiheitsliebender Mensch und würde für eine Beziehung garantiert nicht ihr bisheriges Leben komplett aufgeben… zumindest jetzt nicht mehr. Sie hatte ausgelernt, was das betraf. „Das heißt, irgendwann hat es ihm gereicht und er hat Schluss gemacht?“

Hannah schüttelte lächelnd den Kopf, sah sich kurz um und beugte sich dann zu Lisa vor. „Nein. Patty hat ihm nach einem Jahr die Pistole auf die Brust gesetzt und ihn gefragt, ob er sie irgendwann heiraten würde, und als er darauf keine Antwort geben konnte, hat sie die Beziehung beendet.“

„Oh“, war alles, was Lisa dazu sagen konnte und irgendwie kam sie sich ganz mies vor, dass sie so tief in Nicks Privatangelegenheiten eindrang, ohne ihn um seine Erlaubnis zu fragen.

„Er hat sie sehr geliebt“, setzte Hannah betrübt hinzu. „Und ich weiß, dass er sich ab und an Vorwürfe macht und sich fragt, ob er einen großen Fehler gemacht hat und das alles nicht irgendwann bereuen wird. Deswegen bin ich ja so froh, dass du da bist und ihn von diesen dummen Gedanken und seinem Herzschmerz ablenkst. Du bist so völlig anders und irgendwie hab’ ich das Gefühl, dass du ihm unglaublich gut tust…“

Okay. Jetzt musste sie unbedingt mit der Wahrheit heraus. Es ging nicht anders. „Ähm, Hannah… ich… ich meine, wir… Nick und ich – wir sind kein Paar.“

Hannah reagierte überraschend. Sie lachte. „Das weiß ich doch. Nick und ich stehen uns ziemlich nah und reden über fast alles. Ich weiß, was zwischen euch ist oder auch nicht ist…“

„Oh.“ Natürlich wurde Lisa sofort knallrot und wusste nicht, was sie dazu noch sagen sollte. Sie brauchte auch nicht weiter darüber nachdenken, denn im nächsten Augenblick kam Jack breit grinsend um die Ecke geschossen und setzte seine Wasserpistole gnadenlos gegen seine neuen Feinde ein – und das waren in diesem Moment seine Mutter und Lisa. Die Arme hochzureißen und laut kreischend das Gesicht zu schützen, war das einzige, was sie beide noch tun konnten. Dann war es auch schon vorbei und Jack ließ seine Opfer triefend nass hinter sich zurück, während er gackernd zu Nick hinüberlief. Kinder waren manchmal richtige kleine Monster – vor allem das große Kind weiter weg, das sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten konnte.

„Hey!“ rief Hannah empört und Nick wagte es doch tatsächlich, ein High-Five mit Jack auszutauschen, bevor sie wieder aufeinander losgingen. Wer die geniale Idee zu dem Angriff auf Hannah und sie gehabt hatte, war somit nicht mehr schwer zu erraten.

Hannah sah Lisa an und hob eine Braue, so wie Nick das manchmal tat, wenn ihm ein genialer Gedanke gekommen war.

„Ich habe im Küchenschrank noch zwei riesengroße Supertank-Wasserpistolen“, raunte sie Lisa zu und die begann sofort breit zu grinsen.

„Ich bin dabei“, erwiderte sie und beide erhoben sich wie ein Mann und eilten ins Innere des Hauses. Es war doch manchmal einfach zu schön, wieder zum Kind zu werden!

 

Es war schon spät, als Nick und Lisa den Rückweg antraten. Die Sonne stand tief, war aber noch nicht ganz untergegangen. Der Himmel wurde in ein kräftiges Rotgold getaucht, so wie man es auf kitschigen Ansichtskarten sah, nur, dass das hier real und nicht mit einem PC-Fotostudio nachbearbeitet worden war. Es war eine Zeit für lange Spaziergänge, romantisches Händchenhalten und nicht die Gedanken, die sich seit geraumer Zeit in Lisas Kopf eingenistet hatten und seit etwa einer halben Stunde mit aller Macht nach draußen wollten, obwohl sie sich vor ein paar Minuten noch so glücklich und zufrieden gefühlt hatte. Sie rumorten in ihrem Innern, verkrampften ihren Magen, verdrehten ihre Eingeweide und bildeten einen Kloß in ihrem Hals. Die letzten Stunden waren so wunderschön gewesen und ihre Vernunft schrie sie lauthals an, gefälligst ihren Schnabel zu halten und das einvernehmliche, zufriedene Schweigen zwischen ihr und Nick zum Ausklang des tollen Tages einfach nur zu genießen. Doch schließlich hielt sie es nicht mehr aus.

„Okay, ich muss es jetzt einfach wissen!“ platzte es aus ihr heraus und, weil sie befürchtete, dass bereits eine kleine Pause nach dieser Einleitung sie von ihrem Vorhaben abbringen könnte, sprach sie sofort weiter: „War es geplant?“ Sie suchte seinen Blick und sah ihm fest in die Augen. „Wie unangenehm du die Antwort auch immer finden magst – ich bitte dich inständig, mich nicht anzulügen.“

Sie waren stehengeblieben. Nick sah sie aufgrund des Größenunterschiedes von oben herab an. „Wir… reden hier nicht vom Besuch bei meiner Schwester oder?“

Sie schüttelte nicht den Kopf sondern fragte nur weiter: „Der One-Night-Stand. War er geplant?“

Sein Kopf ruckte ein wenig zurück. „Was?“

Sie versuchte, seinen Gesichtsausdruck zu deuten, doch ganz sicher war sie sich nicht, was sie darin sah oder ob sie vielleicht zu sehr etwas sehen wollte, das gar nicht da war. War er verärgert? Fühlte er sich ertappt, überspielte es aber großartig?

„Hör zu, ich bin nicht dumm, okay?“ plapperte sie wie aufgezogen weiter. „Ich habe Augen im Kopf und ein Hirn, das mir hilft, Gesehenes zu kombinieren. Beispielweise Liams Kommentare oder Meggies Seitenblicke beim Essen damals… Du hast kurz mit ihr gesprochen, bevor du auf die Toilette verschwunden bist“ – und dort seeeehr lange verweilt hast – „und sie hat so komisch in meine Richtung genickt und dir auf die Schulter geklopft. Ich weiß, dass mich die meisten hier unterschätzen und für die dumme, kleine, nervige Autorin aus diesem unwichtigen Naziland hinterm großen Teich halten, der man nur ein wenig Honig ums Maul schmieren muss, um sie einzulullen –“

„Wann habe ich dir das Gefühl gegeben, ich würde dich für dumm halten?“ erkundigte sich Nick. Er hatte seine Augenbrauen zusammengezogen und die Entspannung und Gelöstheit der letzten Stunden waren wie weggeblasen. Fast plagte Lisa ein schlechtes Gewissen, doch sie musste endlich Gewissheit haben. Gerade weil der Tag so toll gewesen war. Gerade weil sie Nick langsam so richtig gern hatte, es so genoss, mit ihm Zeit zu verbringen. Das war gefährlich, weil es ihr aus diesem Grund viel eher entgehen würde, wenn er tatsächlich versuchte, sie zu manipulieren.

„Nick, antworte einfach auf meine Frage“, insistierte sie und sah ihm fest in die Augen.

Er holte tief Luft, hielt sie dann für einen Moment an und schüttelte den Kopf, so als könne er nicht glauben, dass er sich wirklich in dieser Situation befand, könne nicht glauben, dass sie ihn tatsächlich einer solchen Sache bezichtigte, und auch wenn es sich um eine Frage handelte, beinhaltete sie doch eine gewisse Anklage.

‚Gib es zu, Lisa, im umgekehrten Fall hättest du jetzt entweder alle Schimpfwörter aufgezählt, die du kennst, eine 1-A-Kopie eines Alan-Shore-Schlussplädoyers gehalten oder wärst einfach wütend davongestürmt.‘

„Nein“, erklang die simple Antwort.

Sie nickte langsam, auf der einen Seite erleichtert, weil sie es so gerne glauben wollte, auf der anderen fühlte sie sich immer noch nicht so ganz wohl, weil ihre Frage quasi den ganzen Tag ruiniert hatte.

„Ich –“

„Ich mag nicht sonderlich gut darin sein, Berufliches und Privates zu trennen“, fuhr er einfach fort. „Ich hatte Partnerinnen aus der Filmbranche und auch die meisten meiner Freunde kommen daher, doch das liegt nicht daran, dass ich sie mir danach aussuche, sondern daran, dass es Leute sind, die ich zum Teil bereits vorher kannte und die dann wie ich den Sprung geschafft haben, ihr Hobby zum Beruf zu machen. Zu einem Beruf, den ich liebe, der mich aber nie dazu bringen wird, meine Prinzipien über Bord zu werfen, deren Basis es nicht ist, mich selbst für das Wohl eines Projektes zu verkaufen.“

Er senkte kurz den Blick und atmetet tief ein und aus. Sie hatte ihn gekränkt – wirklich gekränkt, das konnte sie in seinen Augen erkennen, als er sie wieder ansah. „So etwas habe ich nie getan und werde ich auch nie tun. Und das heute…“ Er seufzte leise. „Ich nehme nicht jeden mit zu meiner Familie, Lisa. Das kannst du mir glauben. Das mache ich nur, wenn ich… wenn ich jemanden wirklich mag und es hat ganz bestimmt nichts mit meinem Job zu tun.“

Sie atmete nun ebenfalls tief durch und nickte, versuchte sich zu sammeln. Er mochte sie – natürlich nur als Kollegin, aber selbst dieser Gedanke sorgte für ein aufgeregtes Flattern in ihrem Bauch.

„Ich… ich hab’ diese blöde, wirklich unhöfliche Frage auch nur gestellt, weil ich dich… mag“, sagte sie rasch und sah ihn dabei nicht an. „Das… klingt nicht besonders logisch, oder?“ Sie hob nun doch wieder den Blick, wartete etwas verunsichert auf seine Reaktion.

Er dachte einen Moment über ihre Worte nach und als sich seine Lippen zu diesem für ihn so typischen halbseitigen Lächeln verzogen, machte ihr Herz einen kleinen Freudensprung. Er würde ihr nicht länger böse sein, verstand, warum sie diese Frage einfach hatte stellen müssen, und bewies damit ein weiteres Mal, was Hannah voller Überzeugung zuvor behauptet hatte: Er war einfach ein großartiger Mensch. Dennoch oder gerade aus diesem Grund nahm sich Lisa vor, ihre verletzende Frage irgendwie wiedergutzumachen. Und sie wusste auch schon, wie sie das tun konnte.

 

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