Leseproben:

Kapitel 4: Verzweifelt

Man konnte nicht ohne Ende weinen. Irgendwann gab der Körper keine Flüssigkeit mehr her und alles, was einem übrig blieb, war diese entsetzlich jämmerlichen, trockenen Schluchzer auszustoßen, die mehr peinlich als Mitleid erregend waren. Dennoch konnte Jenna diesen Ausdruck innerer Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nicht abstellen, brachte es nicht fertig, sich von allein aus ihrem emotionalen Kollaps zu befreien. Wie auch? Sie hatte mit Leon ihren letzten seelischen Halt, ihren letzten Anker auf der Seite der psychisch einigermaßen stabilen Menschen verloren. In den letzten Tagen war zu schnell zu Vieles passiert, was eigentlich nicht passieren durfte, was nicht möglich war. Ihr Verstand und vor allem ihre Psyche konnten das alles nicht mehr verarbeiten, waren damit völlig überfordert.

Sie war zwar immer schon sehr gut darin gewesen, schlimme Dinge aus ihren Gedanken zu verbannen, sie, so gut es ging, zu verdrängen, um weitermachen zu können, weiter zu funktionieren, doch früher oder später erreichte auch sie einen Punkt, an dem diese inneren Abwehrmechanismen, ihre bisherigen Überlebensstrategien versagten. Dann stürzten all ihre Probleme plötzlich unaufhaltsam über ihr zusammen und gaben ihr das Gefühl, ihre derzeitige Lebenssituation nicht mehr bewältigen zu können. In solchen Momenten begann sogar sie – die sonst immer so stark war – zu verzweifeln, zu einem jämmerlichen Häufchen Elend zu werden, dessen Gedanken sich nur noch um diese scheinbar unlösbaren Probleme und um den Fakt drehten, dass sie mit ihren Kräften und ihrer Weisheit am Ende war.

So war es auch dieses Mal. Trotz allem konnte und wollte sie sich mit ihrer Situation nicht abfinden. Vielleicht machte gerade das es ihr so schwer, sich wieder zu beruhigen. Sie gehörte nicht in diese Welt. Sie war nicht dafür geschaffen, gegen seltsame Fabelwesen zu kämpfen und zuzusehen, wie sich Menschen gegenseitig abschlachteten, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne Mitleid oder Reue zu zeigen. Sie wollte wieder nach Hause zu ihrer Familie und ihren Freunden. Sie konnte nicht länger hier bleiben… konnte nicht…

Ein weiteres todtrauriges Schluchzen kam ungewollt über ihre Lippen und tatsächlich gelang es ihrem erschöpften Körper, noch zwei weitere Tränen zu produzieren, die langsam ihre Wangen hinunterrollten. Dieses Mal blieb ihr leises Leiden jedoch nicht unkommentiert. Ein genervtes Seufzen ertönte und veranlasste sie dazu, ängstlich ihren Kopf zu heben.

Da saß er, der Verräter, der Mann, dem sie nur für einen kleinen Moment vertraut hatte und der ihr Vertrauen so hinterhältig missbraucht hatte; das Raubtier, das dazu in der Lage war, Menschen innerhalb von Sekunden zu töten… oder ihnen andere schlimme Dinge anzutun. Wie hatte sie nur so naiv, so dumm sein können?

„Bist du irgendwann damit fertig?“ wagte er nun auch noch zu fragen und hob nachdrücklich die Brauen. Gut – besonders gefährlich sah er gerade nicht aus. Sie musste zugeben, dass er bisher sogar relativ sanft und geduldig mit ihr umgegangen war, ihr Weinen und Schluchzen über Stunden ohne Murren ertragen hatte. Und er hielt bewusst Abstand zu ihr, seit sie vom Pferd gestiegen waren, hatte sie nur kurz gefesselt, als er allein aufgebrochen war, um ihr Abendessen zu ‚besorgen‘. Im Großen und Ganzen hatte er bisher eher den Eindruck erweckt, als würde er alles dafür tun wollen, dass sie ihre Angst vor ihm verlor und sich wieder beruhigte. Seine Geduld schien nun allerdings ein jähes Ende zu nehmen.

„Ich kann ja verstehen, dass dich das alles ziemlich mitgenommen hat – ab einem gewissen Punkt versagen auch die Nerven der tapfersten Menschen“, fuhr er fort und stocherte mit einem Stock ein wenig in der Glut des kleinen Feuers herum, vor dem sie beide saßen, „aber langsam wird dieses Geheule nicht nur albern, sondern auch noch gesundheitsschädigend. Wenn du wüsstest, wie du inzwischen aussiehst, hättest du wahrscheinlich längst damit aufgehört. Du weißt, weibliche Eitelkeit und so…“

Seine Mundwinkel hoben sich zu einem provokanten Grinsen und natürlich gelang ihm genau das, was er mit seinen gemeinen Worten bezweckte: Jenna ärgerte sich. Wie konnte er es wagen, sich auch noch über ihren Zustand lustig zu machen?!

„Ist… ist mir doch egal, wie ich aussehe“, platzte es aus ihr heraus. „Und ich… ich heule solange, wie… wie ich will…“ Gott! Noch kindischer ging es ja wohl kaum!

Marek lachte leise und schüttelte den Kopf. Seine Augen verengten sich ein wenig, als er sie kurz musterte – ein Zeichen dafür, dass er über etwas nachdachte, etwas, das ihr bestimmt nicht gefallen würde.

„Gut“, sagte er schließlich und beugte sich zu ihr vor. Das flackernde Feuer spiegelte sich in seinen Augen und gab ihm fast ein dämonisches Aussehen. Furchtbar! „Dann müssen wir anders an das Problem herangehen. Lass uns das mal ganz objektiv betrachten…“

Er fuhr sich nachdenklich mit Daumen und Zeigefinger über Lippen und Kinn. „Du hast jetzt seit ungefähr zehn Stunden nichts weiter als Wasser zu dir genommen. In deinem ziemlich hysterischen Zustand und in Anbetracht der nächtlichen Kälte wirst du kaum schlafen können, was bedeutet, dass dein körperlicher Zusammenbruch ebenfalls nicht lange auf sich warten lassen wird. Wenn wir sehr viel Pech haben, wirst du sogar richtig krank, was ein Weiterreisen unmöglich machen würde, weil die damit verbundenen Strapazen dich umbringen könnten – und das kann ich nicht zulassen. Allerdings können wir es uns auch nicht leisten, zu lange an ein und demselben Ort zu bleiben, was für mich heißt, dass wir auf irgendeine Weise Nahrung in dich hineinkriegen und dafür sorgen müssen, dass du schläfst. Richtig?“

Jenna sagte nichts. Sie schluckte schwer und sah ihn nur mit großen Augen an. Diese Überlegungen konnten gar nicht zu einer für sie positiven Schlussfolgerung führen.

„Eine Möglichkeit bestände darin, dich zwangszufüttern und danach k.o. zu schlagen“, fuhr er fort. „Die andere wäre, dass du dich endlich zusammenreißt und das dir angebotene Fleisch freiwillig zu dir nimmst, um dann friedlich ein Nickerchen zu machen.“

Das folgende Grinsen war so breit, dass Mareks sonst so volle Lippen fast gänzlich in seinem dunklen Bart verschwanden. „Glaub mir – ich hab kein Problem mit Möglichkeit eins“, setzte er noch hinzu.

Er meinte das ernst, das konnte sie ihm ansehen und nur deswegen wanderte ihr Blick zu dem aufgespießten Hasen, der über dem Feuer brutzelte. Ihre Augen verharrten dort nicht lange, glitten stattdessen hinüber zu dem großen, flachen Stein, auf dem Marek das arme Tier gehäutete und ausgenommen hatte. Alles was von dieser Tat zurückgeblieben war, war das Blut des Tieres, das sich in einem beinahe kunstvollen Muster über dem Stein ausgebreitet hatte. Blut, das langsam zu trocknen begann und in der hereinbrechenden Dunkelheit mehr lila als rot erschien. Es floss nicht mehr, auch nicht aus dem kleinen Haufen von Gedärmen, der neben dem Stein lag. Doch die Übelkeit und Angst, die Jenna beim Zusehen befallen hatte, wollte sich nicht mehr so recht einstellen. Daran war nur der köstliche Duft von über offenem Feuer gebratenem Fleisch schuld. Er konnte mittlerweile sogar das Bild, wie sie selbst über diesem Stein lag und ausgenommen wurde, verdrängen.

Wenn sie ehrlich war, hatte sie nicht nur Hunger, sondern eher das Gefühl ein gähnendes Loch in der Körpermitte zu haben, das ihre letzten Kraftreserven in sich sog und ihr auf beinahe schmerzhafte Art und Weise nahe brachte, dass Marek mit seinen Befürchtungen nicht so ganz falsch lag.

 „Es schmeckt wirklich gut“, versuchte er noch ein wenig nachzuhelfen und hob den Braten sogleich vom Feuer. „Es fehlt vielleicht ein wenig Salz, aber sonst…“

Er sah sie erwartungsvoll an und schließlich nickte sie. Was blieb ihr auch anderes übrig? Wie eine Gans von diesem Mann gepackt und gestopft zu werden, war etwas, auf das sie in ihrem Zustand gut und gern verzichten konnte – und zuzutrauen war ihm das allemal.

„A-aber nur ein kleines Stück“, stammelte sie. „Ich hab eigentlich keinen großen Hunger.“

Sie rutschte ein wenig näher an das Feuer heran und beobachtete misstrauisch, wie Marek mit ihrem Dolch Fleisch vom gebratenen Körper des Hasen abschnitt und es ihr dann reichte. Sie zögerte. Was war, wenn das nur ein Trick war und er sie plötzlich packte? Was war, wenn ihn ganz plötzlich die Lust überkam, sie doch noch zu vergewaltigen oder etwas anderes Schlimmes mit ihr zu tun, um endlich seine Rache zu bekommen? Man konnte ihm nicht trauen – das wusste sie jetzt.

 Marek runzelte die Stirn. „Was ist? Soll ich dich doch füttern?“ Er hielt ihr immer noch das Stück Fleisch hin.

„Nein!“ stieß sie etwas zu entsetzt aus und riss ihm das Stück aus der Hand. In Sekundenschnelle war es in ihrem Mund verschwunden und sie kaute hastig. Mareks Brauen wanderten aufeinander zu, während er sie ein weiteres Mal kritisch musterte.

  „Ein wenig Respekt und Angst vor mir ist ja ganz angebracht“, meinte er, „aber ich glaube, du übertreibst etwas.“

  Jenna schluckte den Happen schnell hinunter. Natürlich war ihr Hunger damit nicht gestillt. Ihr Blick wanderte, ohne es zu wollen, wieder zurück zu dem Braten und ihr Magen gab ein hörbares, ungeduldiges Gurgeln von sich. Peinlich! Sie sah Marek scheu an. Auf dessen Gesicht zeigte sich erneut ein breites Grinsen. „Noch mehr?“ fragte er.

 Sie nickte und er schnitt ihr gleich ein sehr viel größeres Stück ab. Der Hunger stand ihr offenbar überdeutlich ins Gesicht geschrieben.

„Ich wusste doch, dass dir der Magen knurrt“, meinte er und reichte es ihr. Als sich ihre Finger für einen kurzen Augenblick berührten, wäre Jenna fast zurückgezuckt. Sie konnte sich nur schwer beherrschen.

  Marek schien dies leider bemerkt zu haben, denn er runzelte erneut die Stirn. „Meinst du nicht, dass du das langsam abstellen solltest?“

„Wasch genau?“ nuschelte sie, hektisch weiterkauend.

„Dieses Zucken und Zittern und ängstlich die Augen aufreißen. Es ist mal an der Zeit, dass du dich wieder beruhigst.“ Er schüttelte den Kopf und bediente sich dann selbst an dem Braten. Als er sie wieder ansah, meinte sie sogar so etwas wie Frustration aus seinen Gesichtszügen lesen zu können.

„Als dein Freund Leon noch dabei war, warst du viel zutraulicher“, setzte er etwas leiser hinzu und schob sich mit einem kleinen Seufzen das Fleisch in den Mund.

Zutraulicher? War sie etwa so etwas wie ein Tier für ihn? Was erwartete er überhaupt von ihr? Er hatte sie verschleppt, verdammt noch mal, obwohl er ihr versprochen hatte, es nicht zu tun.

„Du… du verstehst das nicht?“ musste sie einfach fragen. „Du hast mich entführt!“

„Gerettet“, verbesserte er rasch.

„Bitte was?“ Sie sah ihn entgeistert an.

„Du befandst dich mitten in einem Schlachtfeld.“

„Die… diese Tikos waren doch alle tot!“

Er zuckte die Schultern. „Leon nicht.“

„Was?!“ Sie konnte kaum glauben, was er da von sich gab. „Leon ist doch keine Gefahr für mich!“

„Da muss ich wiedersprechen“, gab er nüchtern zurück.

„Bitte?!“ entfuhr es ihr. „Er ist mein Freund!“

„Er ist unfähig, dich zu beschützen. Ohne mein Einschreiten wärst du längst tot. Bereits zweimal, um genau zu sein. Und du hängst dich an ihn und vertraust ihm blindlings wie ein Welpe, der seine Mutter verloren hat – das nenne ich, sich in Gefahr begeben.“

Jenna wusste ein paar Sekunden lang nicht, was sie sagen sollte. Sie starrte ihr Gegenüber nur mit offenem Mund an. Was er gesagt hatte, machte sie so… so wütend! Auch wenn sie wusste, dass es in gewisser Weise der Wahrheit entsprach. Wirklich sicher war sie mit Leon nie gewesen – allerdings bezweifelte sie auch, dass dies in dieser furchtbaren Welt ein Zustand war, den man überhaupt erreichen konnte.

Marek ertrug ihren empörten Blick nicht nur mit Gelassenheit, sondern mit sichtbarem Vergnügen. Er schnitt sich schmunzelnd eine weitere Scheibe Fleisch ab und hob dann auch noch provokant die Brauen, so als wolle er sie dazu auffordern, zu explodieren. Doch diesen Gefallen würde sie ihm ganz bestimmt nicht tun – ganz davon abgesehen, dass sie nicht mutig genug dafür war. Sie schluckte tapfer ihren Ärger hinunter und streckte stattdessen ihre Hand in Richtung des Bratens aus. Er reagierte nicht sofort, studierte stattdessen ein paar Atemzüge lang ihre Gesichtszüge. Dann gab er jedoch ihrer Aufforderung nach und legte ihr das nächste Stück Fleisch in die Hand. Sie wusste, dass er darauf wartete, dass sie noch etwas sagte, und ließ sich damit bewusst Zeit. Erst als sie aufgegessen hatte, räusperte sie sich wieder.

„Du denkst also, dass ich mit dir an meiner Seite besser dran bin als zuvor mit Leon?“

„Zumindest bist du besser geschützt.“

„Vor anderen vielleicht“, gab sie zu. „Aber wer schützt mich vor dir?“

„Vor mir?“ Er tat überrascht. „Meinst du, ich bin eine Gefahr für dich?“

Sie hob nun selbst die Brauen. „Wir sind nicht gerade das, was man als ‚Freunde‘ bezeichnen würde. Wenn du dich erinnerst: Du hast versucht mich zu vergewaltigen, ich hab dich bestohlen, du wolltest mich töten…“

„Wollte ich nicht.“

Sie hielt inne, schloss dann kurz die Augen, um sich auf das zu konzentrieren, was sie hatte sagen wollen, und schüttelte den Kopf. „Das ist doch auch ganz egal. Wir… wir haben keine besonders vertrauensvolle Basis… Beziehung… was weiß ich. Du… du… hast mich hintergangen!“

„Wann?“ Er sah wirklich so aus, als wüsste er nicht, wovon sie sprach.

Sie blinzelte. Nur nicht aus dem Konzept bringen lassen. „Du hast das Versprechen gebrochen, das du mir gegeben hast, als… als diese feindlichen Krieger kamen!“

  Er legte den Kopf ein wenig schräg und seine hellen Augen sahen sie eindringlich an. „Hab ich das?“

 Niemand war bisher dazu in der Lage gewesen, sie so schnell zu verunsichern wie dieser furchtbare Kerl. Ihre Gedanken überschlugen sich in dem angestrengten Versuch ihre Verwirrung aufzulösen und seine Frage zu beantworten. Sie presste zerknirscht die Lippen zusammen. Im Grunde hatte er Recht. Er hatte ihr nur versprochen Leon und ihr nichts anzutun und daran hatte er sich bisher gehalten. Sie räusperte sich und straffte die Schultern. Haltung bewahren – das war wichtig, selbst wenn man einlenken musste.

„Na, gut“, gab sie zu, „ich hätte mich vielleicht klarer ausdrücken sollen.“

„Vielleicht“, bestätigte er und lächelte wieder. Wenn dieses Lächeln eine Spur wärmer gewesen wäre, hätte sie es vielleicht sogar gemocht. Doch sie traute ihm nicht. Auch wenn sich ihre Angst langsam verflüchtigte – trauen würde sie ihm nie wieder.

Wie selbstverständlich schnitt er ihr noch ein Stück vom Braten ab und gab es ihr. Sie war ihm dankbar dafür. Endlich etwas zu sich zu nehmen, tat ihr gut. Ihre innere Unruhe und Angst legte sich spürbar, machte einer entspannenden Müdigkeit Platz, die nicht viel Raum für überzogene Vorsicht ließ. Eine Entführung war zwar nicht gerade das Angenehmste, was einem passieren konnte, jedoch war sie bereit, das Beste daraus zu machen. Sie fühlte, dass Marek sie beobachtete, während sie aß, und sah wieder auf.

„Um noch einmal auf die Punkte einzugehen, die du gerade genannt hast“, griff er das Thema wieder auf. „Es gibt vielleicht ein paar Dinge, die zwischen uns stehen und vielleicht auch immer stehen werden – aber ich kann dir eines versprechen: Wenn du tust, was ich dir sage, wenn du dich an die Regeln hältst, die ich aufstelle, dann werde weder ich noch ein anderer dir weh tun oder dir auf irgendeine andere Weise schaden.“

Sie bedachte ihn mit einem nachdenklichen Stirnrunzeln. An für sich hörte sich das gut an. „Und was für Regeln sind das?“

„Du versuchst nicht zu fliehen. Du mischst dich nicht ein, wenn ich etwas mit anderen Personen zu regeln habe. Du hältst dich an das, was ich dir sage – vor allem, wenn wir uns in Situationen befinden, die ich besser einschätzen kann als du. Ich entscheide, was wir tun. Und du erträgst das ohne Widerworte und passt dich mir an.“

„Und was genau werden wir tun?“ entwischte es ihr sofort, ohne weiter darüber nachzudenken, ob eine solche Frage nicht schon wieder viel zu frech war. Sie besaß im Zustand der Entspannung eine gefährliche Tendenz zu vergessen, dass niemand mehr bei ihr war, der sie vor Marek beschützen konnte. Das Schmunzeln, zu dem sich seine Lippen verzogen, gefiel ihr gar nicht. Es war dafür viel zu anzüglich.

„Ich dachte mir, wir widmen uns endlich einmal den angenehmen Dingen des Lebens – zur Entspannung“, erklärte er und seine Augen funkelten dabei in einer Art und Weise, die man durchaus als lüstern interpretieren konnte.

Jenna hätte sich beinahe an dem letzten Rest Fleisch verschluckt, auf dem sie noch herumkaute. Das Entsetzen sprang ihr wohl geradezu aus dem Gesicht, denn Marek brach in schallendes Lachen aus. Sie selbst konnte das gar nicht witzig finden. Es ärgerte sie, dass ihm ihre Angst solch eine Freude bereitete.

Er verstummte wieder, musste sichtbar sein gemeines Grinsen niederkämpfen. „Ich rede davon zu schlafen. Jeder für sich in seinem Eckchen.“

 Sie sog hörbar Luft durch die Nase ein und versuchte so gelassen wie möglich auszusehen. „Das weiß ich doch.“

„Natürlich“, stimmte er ihr schmunzelnd zu.

„Ich wollte eigentlich wissen, was wir danach machen“, fuhr sie fort. „Du hast vorhin gesagt, dass wir eine anstrengende Reise vor uns haben – wohin willst du mit mir?“

Sie wollte gar nicht so neugierig klingen, sondern ihr Gespräch nur in eine andere, angenehmere Richtung lenken. Doch Marek schien das nicht zu stören. Er war eher amüsiert. „Du taust ja langsam auf“, stellte er fest.

Sie wandte ihren Blick ab, zupfte etwas nervös an ihrem Hemd herum. „Naja, ich… ich würde mich bestimmt besser fühlen, wenn ich wüsste, wo es hingeht“, gab sie ein wenig kleinlaut zurück. Warum nur fiel es ihr immer so schwer, erst zu denken und dann zu sprechen? Das letzte, was sie wollte, war diesen Mann zu verärgern.

„Warum sollte ich es dir verraten?“ fragte er nun. „Nachher fliehst du noch und erzählst Leon alles.“

Er klang nicht verärgert und nur deswegen wagte es Jenna wieder, ihn anzusehen. Ein Schmunzeln umspielte seine Lippen.

„Ja, natürlich“, gab sie einsichtig zurück und zuckte zusammen, als er erneut laut auflachte.

„Glaubst du im Ernst, dass ich dich ohne Fesseln herumlaufen lassen würde, wenn ich glauben würde, dass du eine Chance hättest zu fliehen?“ Er schüttelte lachend den Kopf. „Niemand entkommt mir, meine Liebe. Jedenfalls nicht ohne die Hilfe magischer Kräfte. Und die hast du zurzeit nicht.“

Jenna wusste nicht genau, was sie sagen sollte. Sie wusste ja noch nicht einmal, was sie fühlen sollte. Sie war verärgert – natürlich – aber auf der anderen Seite wusste sie auch, dass Marek nur die Wahrheit aussprach. Sie glaubte ja selbst nicht daran, ihm allein entkommen zu können.

„Wir reiten erst einmal nach Tschamborg, um uns mit Vorräten einzudecken“, unterbrach er ihre Gedanken überraschend.

„Vor… Vorräte?“ stammelte sie. „Für was?“

„Für unsere weitere Reise nach Trachonien.“

Jenna starrte ihn entgeistert an. Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein. „Du willst nach Trachonien?!“

Er nickte bestätigend.

„Wieso?“ Sie verstand überhaupt nichts mehr. Er hatte sich so aufgeregt, als Leon sie über seinen Plan unterrichtet hatte – und jetzt wollte er selbst dorthin?

„Aus demselben Grund wie Leon und du. Ich will den Stein, der in      Alentaras Besitz ist.“

„Wo… woher weißt du das?!“ Sie war erschüttert.

„Ich wusste es schon, bevor du auch nur geahnt hast, dass diese Steine existieren“, gab Marek zu. „Und als ich erfahren habe, wohin ihr unterwegs seid, wusste ich, was ihr plant.“

„Man hat dir verraten, wohin wir unterwegs waren?“ empörte sie sich. „Leon hat den Leuten doch Goldstücke gegeben…“

  „Gold kann das Leben eines Menschen nicht aufwiegen“, gab er leichthin zurück.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Jenna begriff, dann wandte sie sich verärgert von Marek ab, starrte aufgewühlt in das kleine Feuer, das langsam auszugehen drohte. Leon hätte daran denken müssen, dass die Angst der Leute vor Marek größer war als ihre Gier nach Gold. So hatten sie so viele der kostbaren Münzen für nichts und wieder nichts hergegeben.

„Dann… dann warst du gar nicht wirklich darüber wütend, dass wir dich zu Alentara bringen wollten“, sagte sie leise.

„Oh, doch“, erwiderte er. Er legte ein paar dickere Äste in die Glut des Feuers, auf die sich die zarten Flämmchen sofort stürzten. „Mich als Geisel gegen Informationen eintauschen zu wollen, ist eine Dreistigkeit, die an und für sich hart bestraft werden müsste. Leider musste ich ja ein Versprechen geben, das ich nicht brechen wollte.“

Sie hob den Blick, schüttelte mit einem bitteren Lächeln den Kopf. „Und was willst du jetzt gegen diese Informationen eintauschen? Mich?“

„Großer Gott – nein! Dich brauche ich noch und ich denke, Alentara besitzt keine Informationen, die ich nicht schon längst selbst habe. Ich will nur den Stein.“

  Sie runzelte die Stirn. „Aber gegen was willst du ihn eintauschen? Ohne eine Gegenleistung wird sie dir den Stein kaum geben.“

„Da stimme ich dir zu“, erwiderte Marek. „Ich werde ihn mir einfach nehmen.“

 Sie hob die Brauen, ihrem Gesicht einen mehr als zweifelnden Ausdruck gebend. Selbst aus dem Mund eines gefährlichen und gefürchteten Kriegers wie ihm klang das arrogant. „Ach ja? Und wie? Leon hat gesagt, dass diese Frau sehr gefährlich ist.“

„Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Menschen sie für gefährlich halten“, gab Marek unbeeindruckt zu. „Sie ist unberechenbar. Ich bin allerdings der Meinung, dass selbst Unberechenbarkeit berechenbar ist.“

„Und du kannst das, ja?“ fragte sie zweifelnd.

 Er verengte seine Augen ein wenig. „Was?“

„Unberechenbarkeit berechnen“, half sie ihm.

„Vielleicht“, gab er zurück. „Doch das wird in diesem Fall nicht nötig sein. Ich werde die Burg gar nicht betreten.“

„Wie willst du dann an den Stein herankommen?“ fragte sie. Ein unangenehmes Gefühl beschlich sie, eine Ahnung, die sie nicht ernstnehmen wollte.

Du wirst ihn mir holen“, ließ Marek jedoch diese Ahnung zur bitteren Wahrheit werden.

Jennas Augen weiteten sich vor Entsetzen. Sie schnappte nach Luft. „Ich?! Das… das ist nicht dein Ernst!!“

„Doch“, entgegnete er ruhig.

Sie schüttelte den Kopf. Wieder und wieder, weil er jedes Mal bestätigend nickte, und stieß am Ende ein leicht hysterisch klingendes Lachen aus. „Sagtest du nicht erst vor wenigen Minuten, ich sei bei dir sicher?“

 „Bist du ja auch.“

 „Nicht wenn ich mich allein in das Schloss einer Königin schleichen und sie bestehlen soll und du mich damit ihrem Zorn auslieferst, wenn sie das merkt!“

„Ich liefere dich doch nicht aus.“

„Klingt opfern besser?!“

Marek seufzte. „Du sollst nur den Stein aus ihrer Burg holen. Das, was ich tun werde, ist viel gefährlicher.“

„Sie wird mich umbringen, wenn sie mich erwischt!“

Marek runzelte die Stirn. „Sie erwischt dich schon nicht. Und wieso bist du eigentlich immer der Meinung, dass jedermann dich umbringen will?“

„Sie wird es tun!“

Er schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Ihr gefallen mutige Frauen.“

„Ich bin aber keine mutige Frau“, jammerte Jenna.

„Das muss sie ja nicht wissen“, versuchte er sie zu beschwichtigen. „Außerdem wird dich niemand bemerken, wenn du dich geschickt anstellst.“

„Ich bin ein ausgesprochenes Trampeltier!“ erwiderte sie und ihre Stimme entglitt ihr am Ende etwas, so dass sie eher quietschte als sprach.

„Du solltest mehr Vertrauen in deine eigenen Fähigkeiten haben“, riet er ihr altklug. „Glaube mir, wenn man unter Druck steht, kann man Unglaubliches leisten.“

Jenna lachte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Echter klang es dadurch nicht. Das alles war ja auch nicht wirklich witzig. Wieder einmal ein Beweis dafür, das Lachen nicht immer ein Ausdruck der Freude war. Hysterie war hier das viel passendere Stichwort.

„Du verstehst es wirklich, anderen Mut zu machen“, piepste sie und versuchte, sich darauf zu konzentrieren ruhig zu atmen. Einen weiteren nervlichen Kollaps würde sie heute nicht mehr verkraften. Sie würde am Ende wahrscheinlich nur noch sabbernd und mit starrem Blick in einer Ecke liegen bleiben. Ecke! Als ob es hier etwas gab, was danach aussah!

„Ich pass schon auf, dass dir nichts passiert“, erwiderte Marek, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen, sie meinte jedoch ein wenig Sorge ob ihres Gemütszustandes in seinen Augen aufflackern zu sehen. „Ich bin nicht Leon. Meine Pläne funktionieren immer.“

Sie gab sich nicht die Mühe, ihre Skepsis vor ihm zu verbergen. „Immer?“ wiederholte sie. Oh, das klang doch schon viel besser, weitaus gefestigter und ruhiger.

Marek seufzte, legte das Messer und den Rest des Bratens zur Seite und lehnte sich ein wenig zurück, sich auf beide Hände stützend. „Gut, du kennst mich nicht, von daher werde ich es dir verzeihen, dass du mir nicht glaubst, und mir stattdessen sogar die Mühe machen, dir zu erklären, warum ich so etwas sagen kann, ohne mich – so wie der arme Leon immer – lächerlich zu machen.“

Natürlich tat ihm Leon nicht leid, dazu war der Spott zu deutlich aus seiner Stimme herauszuhören. Er provozierte sie nur wieder, doch sie presste die Lippen aufeinander und sagte lieber nichts. Sie war froh, dass sie sich langsam wieder beruhigte und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Mareks tiefe Stimme und seine extreme Zuversicht in seine Fähigkeiten erheblich dazu beitrugen.

„Ein schnell arbeitender Verstand und ein hohes Maß an Flexibilität sind der Schlüssel zum Erfolg eines Plans“, fuhr Marek großspurig fort. „Du musst damit rechnen, dass dir etwas dazwischenkommt, dass Situationen entstehen, die deinen ganzen Plan auf den Kopf stellen können und du musst dazu in der Lage sein, deinen Plan loszulassen, rasch umzudenken, dich neu zu orientieren. Was auch bedeutet innezuhalten, abzuwarten und genau zu beobachten, vielleicht auch mal nichts zu tun und für eine Weile eine unangenehme Situation auszuhalten. Das gibt dir die Zeit, um nachzudenken, dir Strategien zu überlegen, mit denen du zurück zu deinem ursprünglichen Plan kommst oder eher zu deinem ursprünglichen Ziel. Denn das ist es ja, worauf es im Endeffekt ankommt: dein Ziel zu erreichen. Ein zu strikter Plan und ein zu starres Festhalten an diesem behindern dich nur.“

Jenna gab es nur ungern zu, aber Mareks Erklärung machte Sinn und beschrieb genau das, was er getan hatte, nachdem er zu ihrem Gefangenen geworden war. Diese Strategie war schlau gewesen und hatte ihm am Ende nicht nur die Freiheit beschert, sondern sogar einen Lohn: sie.

„Dann… dann war dein Ziel die ganze Zeit an die Steine heranzukommen, an unseren und Alentaras?“ fragte sie zögerlich.

„Nein.“ Er beugte sich wieder zu ihr vor. „Mein Ziel war es, an dich heranzukommen, weil du es mir so viel einfacher machen wirst, Alentaras Amulett zu holen. Ich sagte doch: Meine Pläne funktionieren immer!“

 Jenna wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Es war merkwürdig, doch ihre Angst vor der ihr aufgezwungenen Aufgabe ließ sich mit diesen Worten in der Tat ein wenig bezwingen. Ruhe kehrte zurück in ihren Körper. Es würde ja auch noch so lange dauern, bis sie Alentaras Schloss erreichten. Wer wusste schon, was bis dahin noch alles passierte?

„Wir müssen natürlich noch an deinem Vertrauen zu mir arbeiten“, fügte er schmunzelnd hinzu. „Aber wir werden uns schon noch zusammenraufen.“

Sie stieß ein Lachen aus, das sowohl ihre Verärgerung als auch ihren Zweifel preisgab. „Ja, klar. Zu deinen Bedingungen natürlich.“

„Natürlich“, bestätigte er immer noch schmunzelnd. „Und denk mal ein wenig nach: Wenn du dich anstrengst, den Stein möglichst schnell zu finden, bekommst du damit den besten Schutz, den du hier in ganz Falaysia finden kannst.“

Jenna stutzte. Da hatte er Recht. Sie war dann vor jeder Gefahr geschützt – auch vor ihm.

„Ah, der so notwendige Denkprozess setzt ein“, kommentierte er amüsiert ihr so plötzliches Schweigen. „Die Freiheit winkt von weitem.“

Sie runzelte die Stirn. „Natürlich tut sie das. Deswegen wundere ich mich, warum du mich auch noch darauf hinweist.“

„Dich dort reinzuschicken, um den Stein zu holen, ist der unkomplizierteste Weg, um ihn in die Finger zu bekommen“, gab er völlig entspannt zurück.

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich zurückkommen und ihn dir geben würde?“ Sie wusste nicht, warum sie das sagte, zumal das die Gelegenheit sein würde, um zu fliehen, und es dumm war, ihm zu verraten, was sie vorhatte. Auf der anderen Seite war Marek zu intelligent, um das nicht von vornherein in Erwägung gezogen zu haben.

„Nein, natürlich nicht“, bestätigte er ihre Vermutung. „Doch selbst wenn du mit ihm verschwindest, brauche ich dir nur eine Zeit lang unauffällig zu folgen, um ihn zurückzubekommen – denn früher oder später lässt du ihn ohnehin irgendwo liegen.“

Sie schnappte empört nach Luft, wurde aber gleichzeitig knallrot, weil ihr dieses dumme Missgeschick immer noch furchtbar peinlich war. „Sehr witzig! So etwas wird mir nie wieder passieren! Ich… ich tackere den Stein einfach an mir fest.“

„Du machst was?“ fragte er mit einem leisen Lachen.

„Ach nichts.“ Sie stieß ein frustriertes Seufzen aus. „Ich verstehe dich nur nicht. Wenn dir diese Steine so wichtig sind, warum sind wir dann nicht zurück zum See geritten, um deinen Stein zu holen?“

Seltsamerweise wich er ihrem fragenden Blick aus, stocherte stattdessen ein wenig in der Glut des Feuers herum, um dieses noch weiter anzufachen.

„Weil das nicht notwendig ist“, beantwortete er schließlich doch noch ihre Frage und sah sie wieder an. „Darum hat sich schon jemand gekümmert.“

Sie hob überrascht die Brauen. Mit so einer Antwort hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. „Du… du hast jemanden dort hingeschickt, um ihn zu holen? Aber wann? Und wie?“

Marek lächelte nur und der Ausdruck in seinen Augen genügte ihr, um zu wissen, dass sie das ganz bestimmt nicht von ihm erfahren würde.

Die Stille, die sich darauf zwischen ihnen ausbreitete, ließ das Knistern des wieder größer und wärmer werdenden Feuers unnatürlich laut erscheinen. Doch sie war willkommen, war doch jeder von ihnen mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Jenna hatte zwar ihren Nervenzusammenbruch endlich überwunden, damit hatten sich ihre Sorgen bezüglich ihrer Zukunft allerdings nicht verflüchtigt. Diese lag für sie immer noch in verschwommener Dunkelheit und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich ihre Situation in nächster Zeit bessern würde. Nicht mit diesem verrückten Plan! Irgendwie musste sie da wieder herauskommen – und zwar bevor sie das Schloss dieser Königin erreichten. Nur wie? Wie?

„Hast du genug gegessen?“ riss Marek sie schließlich aus ihren anstrengenden Gedanken und sie nickte rasch.

„Dann solltest du jetzt besser versuchen zu schlafen.“ Er nickte hinüber zu der einzigen Decke, die er hatte ausbreiten können. Er hatte sich für seine Flucht sein eigenes Pferd zurückgeholt und natürlich beinhaltete die Satteltasche nur die nötigsten Sachen für eine Person. Sie zögerte einen Moment, sein aufforderndes Nicken genügte allerdings schon, um sich dorthin zu bewegen, sich frustriert auf das dicke Fell zu werfen, das als Unterlage diente, und in die Decke zu kuscheln. Sie war zu erschöpft und ihr Körper sehnte sich nach der Erholung, die sie ihm für viel zu lange Zeit verwehrt hatte. Es gab keinen Raum in ihrem Kopf, um sich Gedanken darüber zu machen, wo und wie Marek schlafen würde und ob er tatsächlich im Augenblick keine Gefahr mehr für sie war. Alles, was sie wollte, war ihren Kopf auszuschalten und zu vergessen, wo sie war und welche immensen Probleme sie hatte.

Doch so ganz gelang ihr das nicht. Denn es gab noch eine Person, die ihr Bauchschmerzen bereitete. Bauchschmerzen ganz anderer Art, wurden diese doch von großer Sorge getragen. Das Gesicht dieser Person tauchte sofort vor ihrem inneren Auge auf, als sie die Lider geschlossen hatte: Leon. Sie hoffte so sehr, dass es auch ihm wieder einigermaßen gut ging, dass er sich in Sicherheit gebracht und seine Wunden versorgt hatte; dass er sich stärken und erholen und irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft ihre Verfolgung aufnehmen konnte. Denn er war der Einzige, der ihr helfen konnte; der Einzige, dem sie hier in dieser Welt wenigstens ein kleines bisschen am Herzen lag und der vielleicht kommen würde, um sie zu retten. Das hoffte sie zumindest. Sie wagte es jedoch nicht, wirklich daran zu glauben.

 

 

S

 

 

Es waren Schmerzen, die Leon aus seinem langen Schlaf weckten. Sie waren nicht mehr ganz so stark wie zu Anfang, doch sie reichten aus, um eine leichte Übelkeit zu verursachen, die es ihm nicht erlaubte, noch länger im Reich der Träume zu verweilen. Ganz vorsichtig öffnete er die Augen, blinzelte gegen das helle Tageslicht und den milchigen Schleier vor seinen Augen an. Es dauerte ein paar Minuten bis er einigermaßen klar sehen konnte, doch das, was er sah, gefiel ihm gar nicht. Er lag auf einer Bahre in einem Behelfszelt und nah bei ihm, an einem kleinen Feuer, saß ein Krieger und kochte etwas in einem Krug, den er an einem langen Stock über die Flammen hielt. Leon kniff die Augen ein wenig zusammen, versuchte den Mann besser zu erkennen. Er hatte seine Rüstung abgelegt, trug nur die lockere, warme Unterkleidung, die fast alle Krieger zu dieser Jahreszeit benötigten – die Bakitarer ausgenommen. Aber das waren ja auch keine richtigen Menschen.

Der Krieger wandte sich um und goss den Sud aus dem Krug in eine Holzschale. Oh. Es war kein Mann, sondern eine Frau. Jetzt erinnerte Leon sich auch wieder. Der Kampf… Marek, der Jenna aufs Pferd zog… sein verletzter Arm… die Frau im Wald. Der Rüstung nach zu urteilen gehörte sie zu Alentaras Kriegern. Sie musste dieses Zelt aufgebaut haben – wo auch immer – und ihn so gut, wie sie es konnte, versorgt haben. Ihr hatte er es zu verdanken, dass er sich einigermaßen erholt hatte, jedenfalls so, dass er nicht schon bei der kleinsten Bewegung wieder in Ohnmacht fiel. Doch was hatte sie hier zu suchen, mitten in der Wildnis, im Grenzgebiet weit ab von den üblichen Handelsrouten, in dem jeder die Übergriffe von Tikos zu fürchten hatte? War sie eine Spionin mit einem besonders wichtigen Auftrag? Oder hatte sie nur ein paar liebe Verwandte besucht und befand sich nun auf der Rückreise nach Trachonien? Wohl kaum.

  Die Kriegerin sah zu ihm hinüber, so als hätte er durch ein Geräusch verraten, dass er wach war. Nur konnte er sich nicht daran erinnern, eines gemacht zu haben.

„Es scheint dir besser zu gehen“, stellte sie schlicht fest. Ihre Stimme war rau, fast heiser und klang ziemlich gefühllos. Eigentlich typisch für einen Krieger.

Leon antwortete nicht. Er sah sie nur an und dachte nach. Warum hatte diese Frau ihn aufgelesen, seine Wunden versorgt und mitgenommen? Aus Mitleid und menschlichem Verantwortungsbewusstsein bestimmt nicht. So etwas besaßen nur sehr wenige Menschen in Falaysia und wilde Krieger schon gar nicht. In seinem Zustand stellte Leon doch nur eine unnötige Last dar, die das Reisen furchtbar beschwerlich machte. Also, warum diese Hilfsbereitschaft? Was hatte die Kriegerin für ein Nutzen von ihm?

Sie kam näher, schlug wortlos seine Decke zurück und untersuchte den Verband. Dann begann sie diesen zu lösen. Es war vermutlich wieder an der Zeit, ihn zu wechseln. Leon hasste es, wenn fremde Menschen ihn ungefragt berührten, Menschen, von denen er nicht wusste, wer sie waren und was sie von ihm wollten. Diesen Zustand der Unwissenheit musste er dringend beenden. Er räusperte sich, da er genau wusste, dass er sonst nur ein Krächzen herausbringen würde.

„Warum tut Ihr das?“ fragte er kaum hörbar, weil seine Stimme ihm dennoch nicht richtig gehorchen wollte. Er erwartete gar nicht, dass sie antwortete. Sie wirkte nicht gerade sehr offenherzig. Er wollte es jedoch wenigstens versuchen.

Sie sah ihn nicht an, griff stattdessen nur stumm nach der Holzschale und tauchte zwei Finger in den grünlichen Sud, um diesen dann ohne Vorwarnung auf seine Wunde zu schmieren. Leon holte zischend Luft und zuckte zurück, aber sie hatte längst seinen Arm mit der anderen Hand gepackt und hielt ihn fest. Es tat weh, richtig weh, doch er biss die Zähne zusammen, unterdrückte ein schmerzerfülltes Stöhnen.

„Ich sorge nur dafür, dass du nicht stirbst“, sagte die Kriegerin plötzlich, ohne auch nur kurz den Blick von ihrer Arbeit abzuwenden. Warum zur Hölle musste sie so gründlich sein und gleichzeitig so wenig Feingefühl besitzen?! Die Tortur dauerte noch eine Weile und kostete Leon so viel Kraft, dass er keine weiteren Fragen mehr stellen konnte. Als sie schließlich die Schale beiseite stellte und einen sauberen Verband aus einer Tasche, die neben ihm lag, holte, atmete er erleichtert auf. Das Anlegen des Verbandes war nicht ganz so schmerzhaft und er entspannte sich wieder. Ein paar tiefe Atemzüge später fühlte er sich auch endlich im Stande weitere Fragen zu stellen

„Warum wollt Ihr verhindern, dass ich sterbe?“

Sie bedachte ihn mit einem Blick, der nur zu deutlich verriet, wie wenig Lust sie darauf hatte, sich mit ihm zu unterhalten. Nichtsdestotrotz beantwortete sie ihm seine Frage. „Weil ich den Auftrag habe, dich wohlbehalten nach Tichuan zu bringen.“

Tichuan war das Schloss Alentaras. Langsam dämmerte Leon, worum es hier ging. Alentara ließ nach ihm suchen… wegen des Steins. Diese Kriegerin hatte ihn nicht zufällig gefunden. Sie war ihnen gefolgt! Wahrscheinlich war sie schon länger hinter ihnen her, wahrscheinlich schon seit sie Vaylacia verlassen hatten. Jenna war ihr dort begegnet. Jenna…

„Hört, wenn Ihr Eurer Herrin wirklich einen Dienst erweisen wollt, dann müsst Ihr meiner Gefährtin folgen“, sagte er schnell. „Sie müsst Ihr retten, nicht mich, denn sie hat das, was Eure Herrin sucht.“

„Ich weiß nicht, was meine Herrin sucht“, antwortete die Kriegerin kühl und sah ihn nun doch an. „Ich weiß nur, dass ich dich nach Tichuan bringen soll. Dich und nicht diese Frau. Und das werde ich tun.“

Leon schüttelte kraftlos den Kopf. Das Sprechen strengte ihn langsam an. „Ich bin nicht so wichtig. Ich weiß, was Alentara will… Jenna hat es… Jenna, nicht ich!“

Die Kriegerin stieß ein verärgertes Lachen aus. „Es ist ja sehr rührend, wie du für das Mädchen lügst, aber ich habe keine Zeit, mich auch noch um deine Geliebte zu kümmern“, gab sie zurück. „Und selbst wenn ich sie hätte, würde ich es nicht tun. Sie ist verloren, sieh das endlich ein.“

„Sie ist nicht verloren“, protestierte Leon schwach. „Wenn Ihr Euch gleich auf den Weg macht… könnt Ihr sie noch einholen. Ich komme schon alleine klar und werde hier warten. Ich werde…“

„… sterben“, beendete die Kriegerin seinen Satz. „Wenn ich dich allein lasse, stirbst du.“

„Nein, mir… mir geht es gut… besser“, erwiderte er. „Ich…“

„Das liegt an dem Mittel, das ich dir gegeben habe“, unterbrach sie ihn erneut. „Es senkt das Fieber und lindert die Schmerzen. Es gibt dir ein wenig mehr Kraft. Aber ohne dieses Mittel und meine Pflege wärst du längst tot. Du hast Wundbrand.“

  Leon musste erst einmal schlucken. So schlecht stand es um ihn? Dann fühlte er sich ja wirklich noch gut. Aber Jenna…

„Ich bin nicht so wichtig“, versuchte er es noch ein letztes Mal.

„Für mich schon, denn ich werde meinen Auftrag ausführen. Nur meinen Auftrag! Ganz gleich, ob es dir gefällt oder nicht.“ Sie rückte von ihm ab und starrte ein paar Herzschläge lang ausdruckslos in das knisternde Feuer. Ihre harten Gesichtszüge waren jedoch angespannt.

„Wenn er sie nicht tötet, wird er sie vielleicht freilassen, wenn er genug von ihr hat. Dann wird sie nach dir suchen und dich vielleicht sogar finden. Ich weiß allerdings nicht, ob das gut für sie ist. Meine Herrin könnte das nicht mögen.“

Wenn er genug von ihr hat… Leon wurde bei dem Gedanken daran, was Marek alles mit Jenna tun könnte, ganz schlecht. Auf einmal fühlte er sich hundeelend. Sein physisches Leid war nichts gegen die Schmerzen und die Verzweiflung, die ihn innerlich zerfraßen. Jenna befand sich in den Händen dieses Monsters, das zu allem fähig war. Sie war ganz allein und ihm schutzlos ausgeliefert. Er hatte gewiss schon längst seine freundliche Masche abgelegt und den Teufel herausgelassen, der er nun einmal war. Gott… Das arme Mädchen. Was er ihr alles schon angetan haben konnte…

 Leon schloss die Augen, versuchte tief und ruhig zu atmen und diesen Druck in seiner Brust, die seelische Pein, die sein Inneres so verkrampfen ließ, wieder von sich zu schieben. Sein Leiden würde Jenna auch nicht helfen. Er musste gesund werden, musste sich befreien oder zumindest die Frau, die so sorgsam über ihn wachte, dazu bewegen, nach ihr zu suchen und sie zu retten. Er musste versuchen, zu ihr durchzudringen. Einen anderen Weg gab es derzeit nicht. Er sammelte noch einmal all seine Kraft. Zu ihr durchzudringen hieß als erstes, sie kennenzulernen.

„Wie ist Euer Name?“ fragte er matt, ohne die Augen wieder zu öffnen.

„Sheza“, hörte er sie sagen. Sheza. In ihren Händen lag nun nicht nur sein Schicksal, sondern auch Jennas.

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Kapitel 10 : Magie


Steine mussten ein sehr langweiliges Leben führen. Sie lagen ihr ganzes Leben lang herum und bekamen immer nur dieselbe Gegend zu Gesicht. An ein paar aufregenderen Tagen wurden sie eventuell ein wenig vom Wind bewegt, wenn sie leicht genug dazu waren, oder konnten mal ein Tier beobachten. Wenn sie Glück hatten, stieß dieses sie sogar aus Versehen mit der Pfote an und sie rollten dann einen Hügel hinunter und bekamen somit eine neue fantastische Aussicht. Aber sonst… Nein, mit einem Stein wollte Jenna ganz bestimmt nicht tauschen, auch wenn sie beschlossen hatte, sich in den nächsten Minuten wie einer zu verhalten.

Sie saß mit dem Rücken an eine Felswand gepresst auf ihrer Decke und starrte ängstlich in die Dunkelheit, die ihr kleines Lagerfeuer umgab. Es war schon einige Zeit vergangen, seit Marek losgezogen war, um ihre Verfolger von ihrer Spur abzubringen, und langsam wurde ihr so allein ziemlich mulmig zumute. Ihr Gruselgeschichten von den Wesen zu erzählen, die hier in den Bergen hausen sollten, war kein netter Zug gewesen. Sie war ohnehin kein besonders mutiger Mensch, jedenfalls nicht, wenn sie nicht dazu gezwungen war. Und die Geräusche, die in dieser Gegend, mal aus großer Entfernung, mal ganz in ihrer Nähe ertönten, waren so unheimlich, dass sie es nicht mehr wagte, sich zu regen. Da konnte auch der Dolch nicht helfen, den Marek ihr zum Trost in die Hand gedrückt hatte und den sie nun so fest umklammerte, dass ihre Fingerknöchel weiß unter der Haut hervortraten. Damit konnte sie sich gewiss nicht gegen diese schrecklichen Monster verteidigen. Sie sehnte sich so sehr nach ihrem lieben, guten Zauberstein und sie vermisste ihn schmerzlicher denn je. Es war fast so, als hätte sie ihn erst jetzt, mit Mareks Verschwinden wirklich verloren.

Sie stieß einen kleinen, vorsichtigen Seufzer aus. Nur deswegen war sie darauf gekommen, sich Gedanken über das ‚Leben‘ eines Steins zu machen, denn auch wenn sie wusste, dass Felsbrocken normalerweise nicht lebten und von daher auch nichts ‚sahen‘ oder ‚empfanden‘ – ihr Zauberstein war anders gewesen, irgendwie lebendig… auf seine eigene… steinige Art und Weise. In Mareks Abwesenheit hatte sie viel über die Macht des Amuletts nachgedacht und ihr waren ein paar sehr gute Erklärungen eingefallen, mit denen sie vielleicht sogar Marek überzeugen konnte, dass der Zauberstein manchmal recht eigenmächtig handelte. Die Frage war nur, ob er sie auch verstand und ob ihm ihre Theorien gefielen.

Es knackte wieder im Gebüsch und Jenna zuckte heftig zusammen. Das war doch dumm! Wenn Marek da war, hatte sie Angst vor ihm, und wenn er nicht da war, geriet sie noch viel mehr in Panik. Konnte sie sich denn nie normal verhalten? Felsbrocken zum Beispiel hatten keine Angst. Sie hatten gar keine Gefühle. Somit gab es wenigstens einen Vorteil im Leben eines Gesteins. Und wenn sie einen Fels darstellen wollte, um für all die Monster dieser Gegend unsichtbar zu sein, musste sie sich endlich mal zusammennehmen. Das war allerdings gar nicht mehr nötig, denn in diesem Moment tauchte zu ihrer Erleichterung endlich wieder Marek im Lichtkegel des Feuers auf. Er schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein, denn seine Gesichtszüge waren entspannt und die Andeutung eines Lächelns lag auf seinen Lippen.

„Na? Tausend Tode gestorben?“ erkundigte er sich freundlich, legte seine Waffen und die Satteltasche, die er zuvor mitgenommen hatte, ab und ließ sich auf seiner Decke nieder.

„Mindestens“, brummte Jenna und sah ihn etwas verärgert an. „Warum hat das so lange gedauert?“

„Hat es das?“ fragte Marek vergnügt zurück. „Ich weiß. Wenn man in Panik ist, vergeht die Zeit schleppend langsam.“

„Ich war nicht in Panik“, log sie. „Du warst in der Tat sehr lange weg.“

Mareks Grinsen wurde noch ein kleines Stück breiter, aber er neckte sie nicht weiter. „Ich musste überprüfen, ob die Tikos wirklich auf meine List hereinfallen“, setzte er schließlich doch noch zu einer Erklärung an. „Das hat ein wenig gedauert.“

„Und sind sie’s?“ wollte Jenna wissen.

Er nickte. „War auch nicht anders zu erwarten“, fügte er hinzu. „Tikos sind gute Kämpfer, sie haben allerdings nicht sehr viel Verstand. Zumindest die meisten von ihnen.“

Er schwieg wieder und musterte Jenna mit einem recht sonderbaren Blick. Sie konnte fast fühlen, wie seine Zufriedenheit mit jeder Sekunde, die er sie ansah, mehr dahinschwand. Der grüblerische Ausdruck, der schon seit geraumer Zeit immer wieder einen dunklen Schatten auf sein Gesicht geworfen hatte, erschien erneut und ließ sofort ein mulmiges Gefühl in Jennas Innerem entstehen. Der fröhliche, selbstverliebte Marek gefiel ihr sehr viel besser.

„Ich habe nachgedacht“, verkündete er schließlich und seine Stimme klang gefährlich dunkel. „Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir für ein wenig mehr Klarheit in Bezug auf dich und deine Fähigkeiten sorgen. Die Zeit drängt und es ist zu gefährlich für mich, dich in Alentaras Schloss zu schicken, ohne zu wissen, welche Macht du über den Stein besitzt, was du von ihm weißt.“

Er griff nach seiner Satteltaschen, kramte darin herum und brachte schließlich ein Seil hervor. Jenna riss entsetzt die Augen auf. Er wollte sie fesseln! Sie hasste das. Wenn sie gefesselt war, konnte er mit ihr machen, was er wollte. Sie wollte das nicht, konnte ihm das nicht erlauben.

„Ich… ich weiß wirklich nicht mehr, als ich dir schon gesagt habe“, stieß sie ängstlich aus und rückte wieder näher an ihre Felswand heran, so als könne diese sie vor dem Krieger beschützen. „Ich schwöre es! Du musst mir einfach glauben. Ich hab auch ganz viel nachgedacht, aber es ist so schwer, weil…“ Sie stockte. Ihr fehlten die Worte und ihr war schon wieder zum Heulen zumute.

„… weil du den Stein nicht mehr hast“, beendete Marek für sie den Satz und stand auf, um zu ihr hinüber zu gehen. „Das sagtest du ja schon.“

Jenna riss ihren Dolch hoch und hielt ihn ihm entgegen. „Fass mich nicht an!“ stieß sie panisch aus. „Ich weiß nicht mehr, als ich dir schon gesagt habe! Lass mich in Ruhe!“

Marek stutzte, begann dann jedoch zu schmunzeln. „Drohst du mir?“ fragte er sichtlich amüsiert und ging vor ihr in die Knie.

Jenna starrte auf das Seil in seiner Hand. „Du wirst mich nicht fesseln!“

„Doch, das werde ich“, gab er mit einem bestätigenden Kopfnicken zurück.

„Nein!“ erwiderte sie fest. Ihre Angst ging langsam in furchtbare Wut über.

„Widersprich mir nicht! Du weißt, dass ich das nicht ausstehen kann“, mahnte er sie und auch er schien langsam böse zu werden. In seinen Augen konnte sie ein verärgertes Funkeln entdecken.

„Niemand würde sich freiwillig fesseln und… und… foltern lassen!“ setzte sie ihm aufgebracht entgegen.

Foltern?!“ wiederholte Marek erstaunt und stieß ein kurzes Lachen aus. „Ich will dich nicht foltern! Wie kommst du nur immer auf solche Ideen?“

Jenna sah irritiert von seiner Hand mit dem Seil in sein Gesicht. „Aber warum willst du mich dann fesseln?“

„Das ist nur zu meinem eigenen Schutz“, erklärte er schmunzelnd.

„Schutz? Vor mir?“ fragte sie völlig verwirrt.

Marek nickte bestätigend. „Und es soll verhindern, dass du wegläufst. Den Versuch zu machen, mit gefesselten Händen zu fliehen, wäre in dieser Gegend eine große Dummheit. Gerade im Gebirge braucht man seine Hände, um nicht zu verunglücken.“

„Ich will aber gar nicht fliehen“, entfuhr es Jenna. Sie verstand nicht, was das alles sollte. „Ich habe es doch noch nie versucht!“

„Das könnte sich vielleicht in den nächsten Minuten ändern. Also leg deine Hände auf den Rücken und dreh dich um. Und gibt das her!“ Er nahm ihr den Dolch aus der Hand und ihr kam noch nicht einmal der Gedanke, sich zu wehren.

„Was… was soll das alles?“ stotterte sie. Sie kam sich vor wie der letzte Trottel, denn für sie sprach Marek immer noch in Rätseln.

„Das wirst du gleich sehen“, versicherte er ihr ungeduldig. „Tu einfach, was ich dir sage. Ich verspreche dir, dass ich dir nicht wehtun werde.“

Jenna zögerte, dann wandte sie sich jedoch schließlich widerwillig um und kreuzte zögerlich die Hände auf dem Rücken. Bisher hatte Marek sie nie belogen. Vielleicht konnte sie ihm auch dieses Mal vertrauen. Dennoch begann ihr Herz sofort schneller zu schlagen, als er ihre Hände mit dem Seil zusammenband. So machte er sie noch hilfloser, als sie ohnehin schon war. Wirklich toll! Es war doch ein Ärgernis, dass sie eine so leicht zu handhabende Geisel war. Ein böser Blick und ein paar undurchsichtige Argumente und schon erstarb ihr Protest, bevor er erst richtig begonnen hatte.

Als Marek fertig war, drehte er sie wieder zu sich um und zog sie auf die Füße, um ihr dann fest in die Augen zu sehen.

„Wenn du versuchst, die Situation zu deinen Gunsten zu nutzen, werde ich dich hier allein in der Wildnis zurücklassen“, brachte er mit drohendem Unterton hervor. „Ich werde dir nichts hier lassen, keine Nahrung, keine Decken – gar nichts. Du wirst sterben und keine Macht der Welt wird dich retten können. Noch nicht einmal das hier!“

Jenna überkam eine merkwürdige, elektrisierende Vorahnung, als Marek in den Bund seiner Hose griff und etwas hervorbrachte, was die ganze Zeit dort unbemerkt in einem ledernen Beutel versteckt gewesen sein musste. Ihr Herz schlug sofort schneller und eine befremdliche Sehnsucht und Freude machte sich in ihrem Inneren breit, als er schließlich das Amulett mit dem Stein – ihrem Stein – aus dem Beutel herausholte und offen in seine Hand legte.

„Das… das…“, stammelte sie, konnte ihren Satz aber nicht beenden. Wie gebannt starrte sie auf den dunkelroten, augenblicklich völlig leblosen Stein und konnte kaum ihr dringendes Bedürfnis, ihn an sich zu reißen, niederkämpfen. Sie wollte sich so gern wieder beschützt und sicher fühlen.

„Wie… wie ist das möglich?“ stotterte sie doch noch und sah Marek völlig fassungslos an.

„Es ist nicht nur deine Schuld“, tröstete er sie gnädig. „Leon hat dich zu sehr gehetzt, weil er Angst davor hatte, mit seinen eigenen Trieben nicht mehr klarzukommen.“

„Was?“ fragte Jenna irritiert, doch im nächsten Moment fiel ihr ein, worauf der Krieger anspielte. Auch sie hatte bemerkt, dass ihr Bad im See nicht ohne Auswirkungen auf Leons Gefühlsleben geblieben war. Es war wahr. Ohne seine Eile beim Aufbruch hätte sie den Stein gewiss nicht vergessen.

„Aber wie konntest du ihn unbemerkt nehmen?“ fragte sie dennoch, denn diese Sache wollte ihr einfach nicht in den Kopf gehen. „Du warst gefesselt und wir haben dich kaum aus den Augen gelassen.“

„‘Kaum’ reicht für mich“, erklärte er mit einem arroganten Lächeln. „Und ich bin schneller und geschickter als du denkst – auch mit gefesselten Händen.“

Jenna sah ihn sehr nachdenklich an. An der Geschichte war etwas faul. Sie wusste nur nicht genau was und leider sah es auch nicht danach aus, als würde sich dieses Rätsel bald aufklären. Sie blickte wieder auf den Stein. „Und was willst du jetzt tun?“

„Du sagtest doch, du müsstest ihn wieder in der Hand haben, um beschreiben zu können, was zwischen dir und ihm passiert“, meinte Marek und sah sie durchdringend an.

Sie brachte nicht mehr als ein ungläubiges Nicken zustande, war viel zu aufgewühlt.

„Ich werde ihn dir nicht in die Hand geben. Solch ein Risiko kann ich nicht eingehen“, erklärte er weiter. „Aber soweit ich es beobachtet habe, reicht es schon, wenn du nur Körperkontakt mit ihm hast.“

Wieder nickte sie nur. Sie konnte nicht sprechen. Der Drang, mit dem Stein wieder in Kontakt zu treten, endlich wieder seine Energie zu fühlen, war so groß, so schmerzlich geworden, dass sie noch nicht einmal imstande war, klar zu denken. Sie hatte mit allem gerechnet, jedoch nicht damit. Und schon gar nicht mit diesen intensiven Gefühlen für ein lebloses Objekt!

„Ich sage es dir noch einmal: Du hast keine Chance zu fliehen!“ Mareks Augen bohrten sich in ihre. Ihm war anzumerken, dass er das alles nur äußerst ungern tat. „Und du wirst ihn mir zurückgeben!“

Sie nickte erneut und schluckte schwer, als er sich auf sie zu bewegte. Es schien ihn große Überwindung zu kosten, sich ihr mit dem Amulett zu nähern. Angespannt starrte er auf den Stein, dessen Farbe immer intensiver wurde, je näher er ihr kam. Ein paar Sekunden lang verharrte Marek vor ihr, so als wolle er sich das Ganze noch einmal überlegen, aber dann atmete er tief durch, zog das Lederband über Jennas Kopf und brachte sich mit einem großen Schritt in sichere Entfernung. Als der Stein auf ihre Brust fiel, leuchtete er hell auf und schoss eine Woge von Wärme durch Jennas Herz, um dann wieder friedlich vor sich hinzuglühen.

Ohne es wirklich zu wollen, verzogen sich ihre Lippen zu einem beinahe seligen Lächeln und sie schloss die Augen. In ihr breitete sich ein Ruhe und Zufriedenheit aus, die ihr jegliche Angst und Anspannung nahmen und ihr das Gefühl gaben, als wäre sie von einer langen Reise endlich nach Hause gekommen, in einen Hort voller Liebe und Geborgenheit. Gleichzeitig hatte sie das Gefühl, als wäre ein guter Freund zu ihr zurückgekehrt, den sie aufs Schmerzlichste vermisst hatte.

„Was war das?“ hörte sie Marek fragen. „ Warum hat er so hell geleuchtet?“

Jenna hob etwas träge ihre Lider. Sie zuckte die Schultern und schenkte ihm dann ein kleines, verschämtes Lächeln. „Ich… ich hatte irgendwie das Gefühl, als hätte er mich wieder erkannt und…“ Sie stockte. Sie konnte unmöglich aussprechen, was sie dachte.

„Und was?“ drängte Marek.

Sie lächelte verunsichert. „… sich gefreut?“

Der Krieger runzelte die Stirn, seine Skepsis nicht vor ihr verhehlend. „Der Stein hat sich ge… freut?“

„Ich weiß, es klingt idiotisch“, gab Jenna zu. „Aber dieses Gefühl hatte ich – ja!“

„Das heißt, du hast gerade eben gar nichts gemacht oder gedacht?“ hakte er zweifelnd nach. „Das Leuchten kam also von ihm selbst?“

Jenna seufzte. „Ich weiß, du wirst mir nicht glauben, Leon hat es ja auch nicht getan, aber ich glaube, dass dieser Stein in gewisser Weise… lebt.“

Ihre Worte schienen ihn zum Grübeln zu bringen. Das war doch schon etwas. Wenigstens lachte er sie nicht aus.

„Wenn er lebt, wieso bist du dann die Einzige, die es fühlen kann?“ fragte er schließlich.

Jenna zuckte erneut die Schultern. „Ich weiß nicht. Ich…“ Sie hielt inne. Sollte sie Marek wirklich erzählen, auf was für eine Idee sie gekommen war? Wahrscheinlich würde er ihr ohnehin nicht folgen können, schließlich lebte er hier im Mittelalter, hatte noch nie so etwas wie schulische Bildung genossen. Allerdings war er ein intelligenter Mann. Einen Versuch war es zumindest wert.

Er sah sie immer noch erwartungsvoll an, also fuhr sie fort: „Ich habe da so eine bestimmte Vorstellung… Ich…“ Sie brach wieder ab. Wie nur sollte sie ihm begreiflich machen, was sie dachte, wenn ihm doch all das Wissen fehlte, auf die sich ihre Theorie stützte? Vielleicht einfach ganz von vorn anfangen?

„Weißt du, es gibt Lebewesen, die so klein sind, dass man sie gar nicht sehen kann“, begann sie zu erklären. „Man nennt sie Bakterien und sie haben –“

„Ich weiß, was Bakterien sind“, unterbrach der Krieger sie barsch. „Worauf willst du hinaus?“

Jenna brauchte einen Augenblick, um sich wieder zu sammeln. Dass Marek über Mikroorganismen Bescheid wusste, überraschte sie, nein, schockierte sie sogar fast. „Ähm, ja… also…“, stotterte sie. „Weißt du auch, was Viren sind?“

Tatsächlich nickte er und Jenna fiel es schwer, ihre Irritation weiterhin vor ihm zu verbergen. Sie musste sich große Mühe geben, die Fragen, die sofort in ihr aufkamen, hinunterzuschlucken. Marek sah nicht danach aus, als würde er sie ihr heute beantworten wollen. Er war mittlerweile viel zu angespannt, um ihn mit neugierigen Fragen nach seinem bisherigen Leben zu provozieren.

„Ja, äh, gut“, stammelte sie weiter. „Worauf ich hinaus will, ist… ähm… Viren sind ja Partikel, die nicht richtig lebendig sind. Sie können sich weder eigenständig fortpflanzen noch haben sie einen eigenen Stoffwechsel. So müssen sie sich an den Stoffwechsel der Zellen eines anderen Lebewesens anschließen, um überhaupt aktiv werden zu können.“ Sie machte eine kurze Pause, um ihre Gedanken noch einmal zu sortieren.

„Ich glaube, dass dieser Stein es genauso macht“, fuhr sie fort. „Das Leben in ihm wird durch mich erst geweckt. Er koppelt sich an meine Lebendigkeit, an meine Gefühlswelt. Nur wie das geschieht, was genau ihn weckt, weiß ich nicht. Ich tu es jedenfalls nicht bewusst.“

Marek blickte wieder auf den Stein, stumm und sehr nachdenklich, aber etwas an seinem Gesichtsausdruck, an seiner ganzen Körperhaltung verriet Jenna, dass er ihre Theorie ernstnahm, ihr also wahrhaftig glaubte.

Das war wieder etwas, was ihn von Leon unterschied. Wenn Leon etwas zu absurd vorkam, dann weigerte er sich vehement, sich weiter damit zu beschäftigen. Marek setzte sich jedoch damit auseinander, ganz gleich wie verrückt es war. Es war kein Wunder, dass er ein solch brillanter Kriegsherr war. Ihn konnte so kaum etwas überraschen.

„Was geschah damals in meinem Zelt?“ fragte er plötzlich und Jenna wäre beinahe zusammengezuckt.

„Ich… ich weiß es nicht genau“, gestand sie ein. „Ich hab ihn zu greifen gekriegt und dann ist es passiert. Es war sofort eine Verbindung da. Ich hatte keine Kontrolle darüber. Ich wusste ja gar nicht, wie mir geschah.“

„Und damals im Sumpf, als der Werwolf kam?“ hakte er nach. „Hattest du auch darauf keinen Einfluss?“

„Jedenfalls nicht bewusst“, meinte sie. „Ich habe nicht einmal an den Stein gedacht. Ich hatte nur Angst.“

„Das würde bedeuten, dass er von ganz allein auf deine Ängste reagiert“, schloss Marek. „Doch wenn das so ist, warum hat er uns dann alle beschützt?“

Jenna dachte rasch nach. „Vielleicht, weil ich um uns alle Angst hatte?“

„Du würdest einem Stein so viel eigenmächtiges Handeln zuschreiben?“ fragte er zweifelnd. „Das würde ja bedeuten, dass er auch in gewisser Weise denken kann.“

„So weit würde ich nicht gehen“, erwiderte sie. „Ich… ich glaube, er liest nur meine Gefühle und reagiert darauf. Er schaltet sich zwischen mich und die Welt, in der ich mich bewege.“

„Er kontrolliert dich?“

„Nein! Er… er…“ Sie seufzte hilflos. Irgendwie fehlten ihr die richtigen Worte – ganz davon abgesehen, dass sie selbst noch nicht so wirklich verstand, was mit ihr und dem Stein passierte. „Ich weiß auch nicht. Ich meine nur, er ist ja nicht ständig aktiv. Bisher hat er nur reagiert, wenn ich Angst hatte oder angespannt war.“

Wieder folgte ihren Worten grüblerisches Schweigen.

„Hast du jetzt Angst?“ fragte er schließlich leise.

Sie schüttelte den Kopf.

„Das würde bedeuten, dass ich mich dir nähern kann, ohne dass etwas passiert.“

Sie nickte. Der Krieger nahm einen tiefen Atemzug und machte zögernd einen Schritt auf sie zu. Doch dann blieb er wieder unschlüssig stehen, die Augen auf den Stein geheftet.

„Das kann ziemlich schmerzhaft sein“, sagte er leise und sah sie an. „Bist du sicher, dass du dich wohlfühlst?“

„Ja“, erwiderte sie. ‚Wohlfühlen’ war zwar hier der falsche Ausdruck, schließlich war sie gefesselt, aber sie hatte gerade tatsächlich keine Angst. Verwunderung war eher das dominantere Gefühl in ihrem Gemüt, weil sie eine Regung in Mareks Augen entdeckt hatte, die sie bei diesem Mann nicht für möglich gehalten hatte: Er hatte Angst. Keine große, die einer Panik nahe kam, nein, es war viel mehr eine Art kindlicher Scheu vor etwas Ungewohntem, Unberechenbarem.

Sie lächelte ihm aufmunternd zu und er wagte sich noch einen kleinen Schritt an sie heran. Dann verharrte er erneut mit leichtem Erschrecken in den Augen.

„Was ist das?!“ stieß er angespannt aus.

Jenna sah erstaunt an sich hinunter. In dem Stein tat sich etwas und es war wunderschön mit anzusehen. Nebelartige, helle Streifen schlängelten sich langsam durch das dunkle, ab und an heller aufleuchtende, rote Innere des Steines, während eine angenehme Wärme aus ihm herausströmte und in ihre Brust drang.

„Das… das ist zauberhaft“, flüsterte sie und sah Marek begeistert an. Es war eindeutig, dass er ihre Begeisterung nicht teilte. Er misstraute der Situation.

„Ich glaube, er hat etwas gegen mich“, murmelte er.

„Nein“, erwiderte sie und schüttelte zur Verstärkung ihrer Worte den Kopf. „Das hat er vorher noch nie gemacht.“

„Und woher willst du dann wissen, dass es keine feindliche Regung ist?“ hakte Marek etwas nervös nach, da sie sich ihrerseits ein Stück auf ihn zu bewegt hatte. Er war offenbar zu stolz, um vor ihr zurückzuweichen, aber es war eindeutig, dass er sie nicht gern in seine Nähe ließ.

„Das fühle ich“, sagte sie sanft und machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. Doch dieses Mal hielt seine Selbstbeherrschung der vermeintlichen Bedrohung nicht stand und er wich ihr aus.

„Es wird nichts geschehen“, fuhr sie fort, wohl merkend, dass die Bewegungen in dem Stein stärker wurden, sobald sie Marek nur ein wenig näher kam. Gleichzeitig wuchs auch ihr Bedürfnis möglichst dicht an den Krieger heranzutreten und zu erfahren, was der Stein ihr sagen wollte. Es war wichtig, das fühlte sie, für sie beide.

„Vertrau mir“, sagte sie leise und sah ihn fest an.

Große Unsicherheit stand in seine schönen Augen geschrieben, doch dieses Mal ließ er es zu, dass sie an ihn heran trat. Die Wärme, die von dem Stein ausging, wurde noch intensiver und breitete sich, begleitet von wohligen Schauern, in Jennas ganzem Körper aus; und nicht nur dort, auch Marek schien davon erfasst zu werden, denn seine Augen wurden vor Staunen immer größer.

„Was… was ist das?“ flüsterte er fasziniert. Er hob seine Hände und nun erst bemerkte auch Jenna, was mit ihm geschah. Ein silbriges Leuchten wanderte über seine Haut, seine Arme hinauf, um sich dann langsam über seinen ganzen Körper auszubreiten. Ein paar Sekunden lang war Marek in einen Kokon aus silbrigem Licht gehüllt. Dann zog sich das Licht wieder zurück, verblasste und verschwand schließlich völlig.

Jenna sah wieder in Mareks Gesicht. Der Ausdruck in seinen Augen hatte sich völlig verändert. Er wirkte entspannt und schien auf einmal wieder völlig in sich zu ruhen. Ja, er wirkte fast wie in Trance, so wie damals am See. Und da war auch wieder diese Wärme in seinen Augen, dieser seltsame, fast zärtliche Ausdruck.

Jenna war überrascht und verwirrt, doch auch ihr eigener Verstand schien plötzlich benebelt. Die Wärme des Steins hüllte sie ein und schirmte sie ab von allen Eindrücken, die von außen auf sie einströmen konnten. Ihre äußeren Sinne schalteten sich einer nach dem anderen ab, während sich in ihrem Inneren eine enorme Energie ansammelte. Und während sie Marek ansah, während sich ihr Blick in diesem leuchtenden, plötzlich so sanften Aquamarin seiner Augen verlor, öffnete sich ein Zugang zu seinem Inneren. Sie konnte seine körperliche und geistige Nähe auf einmal mit einer solchen Intensität spüren, dass sie fast davor zurückschreckte, obwohl sie zur gleichen Zeit von dem starken Bedürfnis befallen wurde, eins mit ihm zu werden, mit ihm zu verschmelzen, zu fühlen, was er fühlte und dachte. Wie damals im See wurde sie wie ein Magnet von ihm angezogen. Sie fühlte seinen Atem auf ihrem Gesicht und dann auf ihren Lippen, als er den Kopf neigte und seine Stirn die ihre berührte.

Der Energiefluss wurde stärker. Jetzt war es nicht mehr nur sie, die nach seiner geistigen Nähe tastete. Sie konnte fühlen, wie auch Marek mental nach ihr griff und die Sehnsucht, die ihn dabei leitete, raubte Jenna den Atem. Sie begann zu zittern und ihr Herz schlug hart in ihrer Brust. Aber sie hatte keine Angst. Nein, sie genoss es. Sie fühlte sich wie berauscht von dem Sog ihrer beider Energien und überall waren so viele Gefühle; Gefühle in einer Intensität, die kaum zu ertragen war, die sie aber dennoch nicht erschreckte. Da war keine Mauer mehr, die Mareks Emotionen vor ihr verbergen konnte, keine Abwehr, keine Verschlossenheit. Seine ganze so angestrengt verdrängte Menschlichkeit lag plötzlich vor ihr brach, all die Trauer und Wut, die er seit Jahren mit sich herumtragen musste, sein Hass, seine Verzweiflung, seine Gier nach Macht und Kontrolle, seine Ruhelosigkeit und sein unterdrücktes Verlangen nach Wärme und Geborgenheit, das doch jedem Menschen zu eigen war. Und sie fühlte seine schier unermessliche Kraft, seine eindrucksvolle Stärke, die ihn immer wieder auf die Beine brachte, mit der er all das ertragen konnte, was jeden anderen Menschen längst umgeworfen hätte; eine Kraft, die über die eines normalen Menschen hinausging.

Verborgen ganz tief in seinem Inneren lag der Ursprung dieser Kraft, zu der sie sich so schrecklich hingezogen fühlte, und sie versuchte weiter vorzudringen, diesen Mann so vollkommen zu durchdringen, dass ihr kein Geheimnis mehr verborgen blieb und die Furcht vor ihm für immer verschwand. Sie fühlte, dass sie zu weit ging, sie war jedoch nicht mehr dazu in der Lage, sich zurückzuhalten. Eine unkontrollierbare Gier hatte sie erfasst, getragen von einer solch starken Energie, dass Marek plötzlich zu zittern begann. Sein Geist begann sich zu winden, zog sich vor ihr zurück, suchte nach einem Fluchtweg, versuchte wieder eine Barriere zwischen sie und sich zu bringen, aber es war zwecklos. Sie war nicht mehr aufzuhalten, drang immer weiter in ihn vor, um das zu ergründen, was er so verzweifelt vor ihr zu verbergen suchte.

Doch plötzlich schoss etwas wie ein gleißend heller Blitz in ihr Inneres vor, begleitet von einem stummen Schrei, der sie bis ins Mark erschütterte und der Bann war gebrochen. Marek riss sich von ihr los und taumelte nach Luft schnappend ein paar Schritte zurück.

„Du… du…“ Er brach ab, schüttelte fassungslos den Kopf. Seine Augen spiegelten ein Wirrwarr an Gefühlen wider: Entsetzen, Angst, Verwirrung, Faszination. Und ganz langsam zeigten sich auch erste Züge von Wut und Enttäuschung auf seinem Gesicht. Allerdings schien er noch zu aufgelöst zu sein, um sich richtig artikulieren zu können.

„Wie… was war das?“ versuchte er es erneut.

„I-ich… weiß nicht“, antwortete sie wahrheitsgemäß. Sie war genauso durcheinander wie er. So etwas hatte der Stein noch nie getan und sie wusste noch nicht einmal, wodurch das alles ausgelöst worden war.

„Soll das heißen, du hattest keinen Einfluss darauf?“ hakte er ziemlich skeptisch nach.

Sie nickte schnell, wenngleich sie genau wusste, dass sie dieses Mal aktiver gewesen war als je zuvor. Anscheinend war auch Marek dieser Ansicht, denn die Verärgerung in seinen Augen wurde jetzt sehr viel deutlicher. Er riss sich jedoch zusammen und gab sich damit zufrieden, sie nur weiterhin mit wachsendem Unbehagen zu mustern. Jenna fühlte sich nicht wohl unter diesem Blick. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und die Art und Weise, wie er sie ansah, bestärkte sie nur in dem Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Ganz davon abgesehen, wusste sie nicht, wie sie erklären sollte, was geschehen war, ohne zugeben zu müssen, dass sie doch ein klein wenig Macht über den Stein hatte. Also sagte sie gar nichts mehr, sah stattdessen nur betreten zu Boden.

„Ich… ich denke, du hast den Stein für heute lange genug getragen“, hörte sie ihn schließlich sagen und wagte erst dann, wieder aufzusehen.

„Ich nehme ihn dir jetzt wieder ab.“ Er trat an sie heran, streckte eine Hand aus und zuckte fast im selben Moment wieder zurück. Aus seinen Augen sprach eine Mischung aus Wut und Angst. „Lass das!“ stieß er angespannt aus.

Jenna blickte irritiert an sich hinab und musste zu ihrem Leidwesen feststellen, dass der Stein erneut angefangen hatte, seine Farbe zu ändern.

„Das bin ich nicht!“ entfuhr es ihr nun auch etwas verängstigt. „Nimm ihn einfach schnell!“

Mareks Brustkorb weitete sich unter dem tiefen Atemzug, den er tat. Dann kniff er die Lippen zusammen, machte einen Schritt auf sie zu, packte den Lederriemen, an dem der Stein hing, und zog ihn dann rasch über Jennas Kopf. Für einen Augenblick verspürte Jenna einen kurzen Stich in ihrer Brustgegend, dann erstarb das Leuchten des Steins und alles war vorbei. Sie war wieder Mareks Gefangene und seinen Launen hilflos ausgeliefert. Dennoch war auch sie froh, dass der Spuk ein Ende hatte. Es war mehr als unheimlich über eine Macht zu verfügen, die man selbst weder einschätzen noch richtig kontrollieren konnte. Sie brauchte dazu mehr Kontakt zu dem Stein und mehr Übung. Doch sie bezweifelt stark, dass Marek ihr den nach dieser Sache gewähren würde.

„Dreh dich um“, brummte er und sie gehorchte ihm brav. Es dauerte eine Weile, bis er wieder an sie herantrat, um ihr die Fesseln aufzuschneiden. Jenna war sich sicher, dass er zuvor erneut den Stein versteckt hatte – natürlich an einer anderen Stelle. Als sie sich umdrehte, hatte er sich bereits von ihr entfernt und ließ sich gerade auf seiner Decke nieder, um dann mit einem tief grüblerischen Gesichtsausdruck ein paar mehr Hölzer in das Lagerfeuer zu werfen. Irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass das alles noch ein übles Nachspiel für sie haben würde. Eines stand zweifellos fest: Marek würde ihr nie wieder glauben, dass sie keinen Einfluss auf die Magie des Steins hatte – und sie selbst glaubte das auch nicht mehr.

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