Leseproben:

Kapitel 7: Xadred

Der Weg nach Xadred war furchtbar lang und erschöpfend, zumal Jenna und Gideon noch Beutel mit Wolle mit sich trugen, die sie in der Stadt gegen Lebensmittel eintauschen wollten, und die beiden alten Leute keinen Packesel oder ein Pferd besaßen. Zudem hatte Jenna das Gefühl nicht richtig Luft zu bekommen, da Tala ihr mit einem groben Tuch den Busen abgebunden hatte, damit sie auch wirklich wie ein junger Mann aussah. Die Taille hatte sie mit einem anderen Tuch und ein wenig ungesponnener Wolle etwas verbreitert, um von ihren doch recht weiblich gerundeten Hüften abzulenken, was nun auch noch bestialisch zu kratzen begann. Jenna hatte sich geweigert, ihr langes Haar abzuschneiden, aber da langes Haar, Gideons Aussage zufolge, zurzeit in Falaysia auch für Männer nicht ungewöhnlich war, hatten sie es schließlich nur streng zusammengebunden. Ein bisschen Schmutz ins Gesicht, einen großen, für Schäfer typischen Hut auf den Kopf gesetzt und schon gab Jenna das perfekte Bild eines Bauernjungen oder auch jungen Schäfers ab.

Es war natürlich nicht gerade sehr schmeichelhaft, dass man so schnell einen Mann aus ihr machen konnte, aber um wieder nach Hause zu kommen, würde sie fast alles tun. Peinlich würde es nur werden, wenn sie auf ihrem Weg den ersten normalen Menschen begegneten und das mussten sie ja irgendwann einmal, wenn sie tatsächlich auf eine Stadt zugingen. Jenna fragte sich, wie lange Gideon noch in seiner Fantasiewelt verharren würde. Spätestens an der nächsten großen Straße musste er doch aufgeben, ihr vorzumachen, sie befände sich in einer mittelalterlichen Welt. Oder er war schon so verrückt, dass ihm selbst die konsternierten Blicke seiner Mitmenschen entgingen und er kein Empfinden dafür hatte, dass sein Verhalten ihn durchaus bald in eine psychiatrische Anstalt befördern könnte. Sie selbst würde in diesem Fall sofort erklären, dass sie sich nur aus reiner Verzweiflung auf Gideons Fantasiewelt eingelassen und mitgespielt hatte.

Jenna seufzte – nicht nur wegen dieser belastenden Gedanken, sondern ganz einfach auch, weil der lange Fußmarsch sie körperlich erschöpfte. Ihr Rücken schmerzte, die Muskulatur ihrer Waden hatte sich unangenehm verkrampft und ihre Füße taten ihr weh.

Natürlich sah sich Gideon sofort besorgt nach ihr um. Es war erstaunlich, was für ein Tempo der alte Mann die ganze Zeit an den Tag legte. Er war wohl doch noch ganz schön rüstig und wahrscheinlich gar nicht so alt, wie sie vermutet hatte.

„Es dauert nicht mehr lange“, sagte er tröstend.

Jenna rang sich ein müdes Lächeln ab. Es dauerte schon seit einer ganzen Weile nicht mehr lange. Und jetzt ging es auch noch bergauf. Mühsam erklomm sie den ziemlich großen Hügel und blieb atemlos auf seinem Kamm stehen. Atemlos aus zweierlei Gründen: Zum ersten, weil dieser Aufstieg sie beinahe ihre letzte Kraft gekostet hatte und zum Zweiten, weil sie völlig fassungslos über das war, was sich ihr hinter dem Hügel offenbarte.

In einem grünen Tal lag sie, die Stadt Xadred. Es war eine große Stadt. Nicht so groß wie die meisten Städte, die Jenna kannte, aber sie war groß. Viele solcher staubiger, ungepflasterter Wege wie der, auf dem sie sich befanden, führten in ihr Inneres, sowie ein breiter, dunkler Fluss, der aus den Bergen im Osten zu kommen schien. Hohe, graue Mauern umschlossen die dichtgedrängten Häuser und Türme der Stadt und schützten sie vor ungebetenen Gästen.

Jenna war wie erstarrt. Dies war eine Stadt, wie sie sie noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte, wenn überhaupt dann als Zeichnung in einem Geschichtsbuch. Es war eine mittelalterliche Stadt und die Bedeutung dessen, was sie da sah, drohte Jenna den Verstand zu zersprengen. Ein hohles Gefühl kroch langsam aus einer Ecke ihres Körpers hervor und füllte bald ihren ganzen Körper aus. Ihr war schlecht und schwindelig und sie hatte das Gefühl, als müsse sie gleich in Ohnmacht fallen. Sie wankte ein wenig, hielt sich aber weiterhin wacker auf den Beinen. Eigentlich war sie ja auch nicht der Typ für Ohnmachtsanfälle.

Sie atmete tief durch. Bloß nicht den Kopf verlieren. Dafür musste es eine natürliche und logische Erklärung geben. Ganz gewiss. Es gab auch heutzutage noch gut erhaltene mittelalterliche Städte – auch hier in England. Alnwick zum Beispiel oder Canterbury… Dass es sich hierbei um keine dieser beiden Städte handelte, wusste Jenna sofort. Dazu war diese Stadt nicht groß genug. Aber das hieß nicht, dass sie sich nicht mehr in England befand. Es gab viele Regionen, die sie nicht sonderlich gut kannte. Warum sollte sich in einer dieser Regionen nicht auch diese Stadt befinden?

 Vielleicht war das hier ja auch die neuste Ferienattraktion oder die Kulisse für einen Film, oder sie träumte ganz einfach. Sie durfte nur nicht die Kontrolle über sich verlieren, nicht verzweifeln, nicht sofort glauben, was ihre Augen ihr da vorgaukeln wollten. Hier gab es etwas, das sie mit ihrem Durchschnittsverstand nicht begreifen konnte – na und?! Es würde sich schon alles aufklären, alles würde wieder gut werden.

„Kommst du?“ fragte Gideon, der schon ein Stück den Hügel hinunter gelaufen war. Er sah sie prüfend an und der Ausdruck in seinen sanften Augen sagte ihr, dass er anscheinend wusste, was in ihr vorging. Er schien sogar richtig besorgt. Der gute Mann. Selbst wenn er verrückt war und sich tatsächlich alles logisch erklären ließ – er wollte ihr wirklich helfen und sorgte sich um sie.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte er vorsichtig.

Jenna nickte nur. Zu mehr war sie nicht fähig. Zu viele Gedanken rasten durch ihren Kopf, zu viele Ängste, zu viele Gefühle. Sie musste sich unbedingt wieder beruhigen und sie fühlte, dass Gideons Gegenwart ihr dabei helfen konnte. Also ging sie mit wackeligen Beinen zu ihm hinunter. Am besten war es, alles auf sich zukommen zu lassen, die Ruhe zu bewahren und wohl überlegt die nächsten Schritte zu tun. Zum Verzweifeln blieb nachher noch genug Zeit.

„Können wir weitergehen?“ fragte Gideon vorsichtig.

Sie nickte wieder und gemeinsam setzten sie den Weg fort. Doch je näher sie der Stadt kamen, desto bedrohlicher, desto echter wirkte diese auf Jenna. Sie konnte Menschen auf den Palisaden der Mauern erkennen, Menschen in schweren Rüstungen, die so poliert waren, dass sich das Sonnenlicht in ihnen brach. Und sie sah Menschen, die in die Stadt hineingingen, die genauso gekleidet zu sein schienen wie Gideon auch. Es gab keine Kamerateams, keine Touristen, kein Anzeichen dafür, dass auch nur ein kleines Detail an dieser Stadt und an diesen Menschen nicht echt war.

Ihr Magen verkrampfte sich noch ein wenig mehr, als einer der Ochsenkarren, die aus der Stadt gekommen waren, klappernd an ihr vorbei wackelte. Der Mann, der auf dem Bock saß, trug die altertümlichen Lumpen eines Bauern und nickte ihnen mit einem freundlichen, beinahe zahnlosen Lächeln zu, bevor er seinen Ochsen mit der Rute dazu anstachelte, ein wenig schneller zu laufen.

Es war so gut wie unmöglich, dass alle Menschen in dieser Gegend verrückt waren und denselben seltsamen Fetisch hatten wie Gideon. Und ein beängstigender, unerträglicher Gedanke drängte sich langsam in Jennas Verstand. Was war, wenn die beiden Alten sie nicht angelogen hatten, wenn sie sich tatsächlich in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit befand? Was war, wenn all das Gerede von Magie, all die Geschichten, die Melina ihr erzählt hatte, wahr waren? Dann war es auch möglich, dass Demeon übersinnliche Fähigkeiten besaß und sie hierher gebracht hatte… Wie war das möglich? Und warum hatte er das getan? Nein – nein, das konnte nicht sein… Konnte nicht…

Jenna spürte, wie plötzlich ihre Knie wieder weicher wurden. Ihr Herz klopfte hart in ihrer Brust, in ihren Ohren begann es zu rauschen und Tränen stiegen in ihre Augen. Sie musste stehenbleiben, sich setzen… Das war einfach zu viel…

Eine Hand schloss sich um ihren Oberarm und als sie den Kopf hob, sah sie in Gideons sorgenvolle braune Augen. Augen, die nicht bei ihr blieben, sondern immer wieder voller Angst zu einem Punkt hinter ihr wanderten.

„Jenna – du musst dich jetzt zusammenreißen“, raunte er ihr zu und zog sie zu ihrem Erstaunen auf eines der gemähten Kornfelder, die den Weg zur Stadt säumten. „Du musst weiterlaufen, so als ob nichts wäre. Und du darfst sie nicht ansehen! Hörst du! Sieh sie nicht an!“

Jenna blinzelte den Alten irritiert an, ließ sich jedoch widerstandslos von ihm vorwärts schieben. Erst dann vernahm sie es auch: ein dumpfes Donnern aus der Ferne. Und als schließlich auch noch der Boden unter ihren Füßen zu beben begann, musste sie sich doch etwas zittrig umsehen. Nicht allzu weit von ihnen entfernt entdeckte sie eine große Gruppe von Reitern, die im wilden Galopp über die Felder auf sie zuschossen. Als sie den Weg erreicht hatten, zügelten sie ihre Pferde und ließen die robusten Tiere in einen gemächlichen Trab fallen.

Gideon packte die taumelnde Jenna erneut mit erstaunlich festem Griff am Arm und zog sie vorwärts.

„Nicht hinsehen!“ stieß er angespannt aus. „Senke demütig den Kopf und lauf einfach weiter! Du bringst uns sonst beide in große Schwierigkeiten! Bitte, Jenna!“

Die Furcht in Gideons Stimme ließ sie seiner Bitte sofort nachkommen, auch wenn ein gefährliches Gefühl der ängstlichen Neugierde sie gepackt hatte.

Es dauerte nicht lange, bis der Trupp der Reiter sie erreicht hatte und an ihnen vorbeizog. Jenna starrte verbissen den aufgewühlten, stoppeligen Boden an, über den sie stolperte, doch sie konnte nicht ihre anderen Sinne verschließen, die sich sofort auf die vermeintliche Gefahr ausrichteten. Sie hörte das Schnaufen und Schnauben der Pferde, dass Quietschen von Leder, das Klirren von Metall. Sie fühlte die Wärme, die von den Pferden ausging, roch den Schweiß von Tier und Mensch und irgendwie… irgendwie konnte sie nach einer Weile nicht mehr an sich halten und hob doch ganz zaghaft den Blick.

Für einen Augenblick stockte ihr der Atem und ihr Puls beschleunigte sich ein weiteres Mal. Die Männer, die an ihnen vorbei ritten, sahen wirklich zum Fürchten aus. Bis auf die leichten Rüstungen, bestehend aus ledernen Schutzpanzern und Kettenhemden, die sie trugen, waren sie sonst nur spärlich bekleidet. Überall lugte braune Haut hervor, die oftmals reichlich behaart war. Stattdessen waren sie bis an die Zähne bewaffnet. Jenna hatte gar nicht gewusst, wie viele verschiedene Arten von tödlichen Waffen es gab und das schnürte ihr die Kehle zu.

Die Krieger trugen fast alle halblanges bis langes zottiges Haar, das ungestüm im Wind wehte, und verfilzte Bärte. Sie erinnerten Jenna sehr stark an Wikinger. Sie hatte zwar noch nie einen real gesehen – wie auch? –, aber so hatte sie sich die immer vorgestellt, nur dass diese Männer hier noch ein wenig wilder und blutrünstiger wirkten. Einige von ihnen hatten ziemlich vernarbte Gesichter, Überbleibsel vergangener Kämpfe, und wenn sie sich nicht täuschte, gab es auch frische Blutspuren auf ihrer Haut und den Rüstungen. In ihren Blicken lag etwas beängstigendes Kaltes, Unheil verkündendes, das Jenna einen Schauer nach dem anderen den Rücken hinunter jagte, auch wenn sie sie gar nicht ansahen, sie nicht einmal zu bemerken schienen.

Das dachte sie jedenfalls, bis sie ein wenig zu vorwitzig den Kopf hob und in das kälteste Paar Augen blickte, das sie jemals gesehen hatte. Blaues Eis und ein Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Jenna wollte den Blick senken, schnell wegsehen, doch sie konnte es nicht, wurde von diesen Augen festgehalten, die versuchten auf den Grund ihrer Seele zu blicken. So fühlte es sich jedenfalls für sie an.

Der dunkle Krieger, der auf seinem nun auf der Stelle tänzelnden Pferd hoch über ihr türmte, machte keine Anstalten mit seiner Truppe weiter zu reiten. Stattdessen hielt er das unruhige Tier fest, zog die Brauen zusammen und musterte sie mit einer Intensität, die kaum zu ertragen war.

Jenna bewegte sich nicht mehr. Sie war völlig erstarrt wie eine Maus vor einer Schlange und sie fühlte genau, dass sie in einer ähnlich bedenklichen Situation war. Diesem Mann drang aus jeder Pore seines Körpers, dass er gefährlich war. Ein wildes, gereiztes Tier, dem danach war zu töten – obwohl es das heute schon einmal getan hatte. Das verrieten ihr die getrockneten Blutspritzer in seinem von einem ungepflegten Bart zugewuchertem Gesicht, das teilweise von Blut verklebte, dunkle Haar und das bedrohliche Lodern in seinen hellen Augen. Er wollte es wieder tun, brauchte nur einen kleinen Anlass dazu…

Für ein paar Herzschläge glaubte Jenna ihr letztes Stündlein hätte geschlagen – einfach nur, weil sie es gewagt hatte, diesen Mann anzusehen – doch dann verzogen sich seine Lippen zu einem verächtlichen Lächeln und er riss sein Pferd herum und ließ es aus dem Stand in den Galopp springen, jagte zurück in die Mitte seiner Kameraden.

Jenna ließ den Atem heraus, den sie unbemerkt angehalten hatte, und schloss kurz die Augen. Dann wandte sie sich zu Gideon um, der sie mit blassem Gesicht und kopfschüttelnd erneut am Arm packte und vorwärts zog.

„Chevax perbetir savan nagi“, vernahm sie auf einmal eine helle Männerstimme neben sich und hob erneut ungewollt den Blick. Natürlich war es ein weiterer der grimmigen Krieger, kleiner als der Mann mit den Eisaugen, aber nicht weniger bedrohlich. Er schien verärgert und spuckte ihr im nächsten Augenblick vor die Füße.

Jenna zuckte zurück und hob abwehrend die Hände. Sie hatte keine Ahnung, warum der Mann so wütend war und was er zu ihr gesagt hatte. Alles, was sie empfand, war Angst. Warum konnte er nicht weiterziehen wie die anderen auch?

„Hamat-di. Hamat-di“, erwiderte Gideon für sie mit demütig gesenktem Haupt. „Sel ido sar e folo jag. Hamat-di.“

Der Mann lachte verärgert und sein Habicht-Gesicht verzog sich dabei zu einer hasserfüllten Maske. Jenna wurde heiß und kalt zur gleichen Zeit, als der Krieger zu seinem Schwert griff und es mit einem sadistischen Grinsen zu ziehen begann, während er sich ein wenig zu ihr hinab beugte.

„Fero mi-so te faco zeribre…“, lächelte er, erstarrte aber in der Bewegung, als eine laute Stimme zu ihnen hinüber tönte.

Jennas Blick flog hinüber zu der Kriegertruppe, die sich bereits ein gutes Stück entfernt hatte. Einer der anderen Krieger hatte sein Pferd durchpariert, das nun ein wenig stieg, und rief dem Mann vor ihr etwas in einem ziemlich strengen, ungeduldigen Ton zu. Wenn sie sich nicht irrte, war es der Mann mit den Eisaugen und er schien über dem Krieger vor ihr zu stehen, denn der machte plötzlich einen enttäuschten, mürrischen Eindruck und steckte sein Schwert wieder zurück. Mit einem letzten abfälligen Blick auf sie und Gideon trieb auch er wieder sein Pferd vorwärts und schloss sich dem weiter reitenden Trupp an.

„Großer Gott!“ stieß Gideon mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung aus, dann sah er sie kopfschüttelnd an. „Ist dir klar, wie gefährlich das gerade eben war?“

Jenna schluckte schwer und nickte dann beklommen. „Es… es tut mir so leid. Ich… ich… weiß nur nicht, was hier los ist… Ich…“ Sie schloss die Augen, atmete tief durch die Nase ein und wieder aus. Erst dann war sie dazu in der Lage, wieder einen vollständigen Satz zustande zu bringen. „Was waren das für… Menschen?“

„Nadir-Krieger“, sagte Gideon leise mit einem verstohlenen Blick in Richtung der Männer.„ Es gibt nichts Schlimmeres!“

Jenna nickte. Das konnte sie sich leibhaftig vorstellen. Umso mehr wunderte es sie, dass die Wächter vor den Toren Xadreds diese Krieger nun wortlos passieren ließen.

„Sie haben das Sagen in Allgrizia“, erklärte Gideon weiter, als könne er ihre Gedanken lesen. „Niemand wagt es, sich ihnen in den Weg zu stellen, es sei denn er ist völlig verrückt. Die Menschen haben Angst vor ihrer Brutalität, ihrem Kampfgeschick und den magischen Kräften Nadirs.“

Jenna fühlte, wie bei diesen Worten erneut ihre so schön verdrängte Panik aufkam, ihr Verstand erneut damit zu kämpfen hatte, zu begreifen, was hier mit ihr passierte. Dies hier widersprach jeder Logik, konnte einfach nicht die Realität sein. Und doch spürte Jenna, dass es so war.

„Magische Kräfte?“ fragte sie mit zugeschnürter Kehle.

„Ja“, meinte Gideon. „Es gibt nicht viele, die solche Kräfte haben, aber wer sie besitzt, ist mächtiger, als man es sich vorstellen kann.“

Jenna war schlecht. Das alles wurde immer abstrakter, immer verrückter. Magie? So etwas existierte doch gar nicht!

‚Ganz ruhig‘, sprach sie sich zu. ‚Panik wird dich nicht weiterbringen, sondern dir nur schaden. Du musst die Nerven behalten, versuchen das alles zu verstehen, logischer zu machen.‘

Gut – wenn das hier tatsächlich eine fremde Welt war, eine mittelalterliche Parallelwelt, dann hatte Demeon sie wahrscheinlich mittels übernatürlicher Kräfte hierher gebracht. Übernatürliche Kräfte konnte man auch als Magie bezeichnen, wenn man wollte. Und warum sollte es dann nicht auch hier noch jemanden geben, der solche Kräfte besaß? Sie sollte sich darüber freuen, denn vielleicht konnte dieser jemand sie ja dann auch mit diesen Kräften wieder zurück in ihre Welt bringen. Gott! Klang das verrückt!

„Und wer… wer ist dieser Nadir?“ fragte sie ein wenig gefasster.

„Er ist der mächtigste Mann, den es je in dieser Welt gegeben hat“, antwortete Gideon fast ehrfürchtig. „Ein Magier, den bisher noch niemand besiegen konnte. Und er hat eine riesige Streitmacht aufgebaut, mit der er die Könige der meisten Länder besiegt und sie und ihre Truppen vernichtet hat und große Teile Falaysias beherrscht. Auch Allgrizia zählt leider zu seinen Besitztümern. Es heißt, er wurde in diesem Land geboren.“

Jenna hatte gar nicht gemerkt, dass sie während ihres Gesprächs weitergegangen waren, aber mittlerweile waren sie an dem großen Haupttor der Stadt angelangt und einer der Wachleute kam auf sie zu.

 „Was wollt ihr in Xadred?“ fragte er in einem Tonfall, der vermuten ließ, dass er diese Frage in seinem Leben schon allzu oft hatte stellen müssen.

„Wir möchten gerne unsere Ware an einen Händler bringen“, antwortete Gideon so höflich wie möglich.

„Was führt ihr mit euch?“ erkundigte sich der Wachmann gelangweilt.

„Nur Wolle, Herr“, sagte Gideon ergeben.

Der Wachmann gab sich nicht einmal die Mühe, ihre Beutel zu inspizieren, sondern winkte sie gleich durch.

„Ihr dürft passieren“, leierte er dabei.

Jenna lief beeindruckt durch den gewaltigen Torbogen. Die Häuser, die sie sah, waren genauso, wie sie sie aus den Geschichtsbüchern kannte, teils aus Holz, teils aus Stein, dicht nebeneinander liegend, so dass die Straßen nur sehr schmal ausfielen. Es gab keine Bürgersteige, also tummelte sich alles auf den gepflasterten Gassen: Menschen, Hunde, Pferde, Wagen, alles, was eine mittelalterliche Stadt zu bieten hatte.

Als sie weiter in die Stadt hineingingen, trafen sie auf die ersten Marktstände an den Rändern der Straße, die allerlei Sachen anzubieten hatten. Je mehr Stände auftauchten, desto belebter wurden die Straßen. Menschen fast aller Schichten eilten umher, um sich mit frischen Lebensmitteln oder anderen wichtigen Dingen einzudecken; Menschen in bürgerlicher Tracht, Menschen in einfachen, fast bäuerlichen Kleidern, mit verhärmten Gesichtern und von der Arbeit gebeutelten Körpern, Menschen in zerschlissenen Lumpen, die um milde Gaben bettelten, Männer, Frauen, Kinder, Alte und auch Hunde, die im Abfall nach Essensresten stöberten. Ab und an ritt ein bewaffneter Krieger oder Wachmann mit grimmiger Miene durch die Menge, ohne auf spielende Kinder oder alte Frauen und Männer Rücksicht zu nehmen.

Jenna sah, wie Hände Geldbeutel entrissen oder flink ein paar Dinge von den Tischen der Verkäufer verschwinden ließen, wenn diese gerade abgelenkt waren. Immer wieder kam es im Gedränge zu kleinen Rangeleien, die schnell in handfeste Schlägereien ausarteten, und niemand ging dazwischen, um dieser Gewalt ein Ende zu setzen. Jeder gab nur auf sich selbst Acht, war nur auf sein eigenes Wohlergehen konzentriert. Überhaupt machte die Atmosphäre dieser Stadt keinen besonders guten Eindruck auf Jenna. Sie bemerkte schnell, dass Aggressionen und Ängste die vorherrschenden Gefühle waren. Die Menschen sahen einander nicht gerade freundlich an. Misstrauen stand in fast jedes Gesicht geschrieben. Nur manchmal zeigte sich auf den grimmigen Gesichtern ein Lächeln, das aber vermutlich eher hämischer Natur war.

Bald empfand Jenna nur noch tiefe Abscheu für diesen Ort. Sie konnte verstehen, dass Gideon und Tala so weit außerhalb der Stadt lebten und sie nur betraten, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Sie würde es auch nicht lange in Xadred aushalten.

Hier sollte es also einen Menschen geben, der ihr helfen konnte, der sie vielleicht aus diesem Alptraum befreien konnte. Jenna empfand bei diesem Gedanken leichtes Unbehagen, aber Gideon wusste wohl, was er tat.

Sie hielten vor einem Haus, an dessen Eingang ein großes Schild mit dem Namen ‚Zum goldenen Löwen‘ angebracht war.

 „Ich schlage vor, wir mieten uns erst einmal ein anständiges Zimmer, wie ich es für gewöhnlich mache, wenn ich in der Stadt meine Waren verkaufen will“, meinte Gideon. „Wir sollten nicht unnötig auffallen und außerdem wird es uns ganz gut tun, uns nach dem anstrengenden Marsch etwas auszuruhen. Dann werde ich die Wolle eintauschen gehen und wenn es dunkel ist, werden wir uns mit deinem Problem befassen. Bist du einverstanden?“

Jenna nickte sofort willig. ‚Ausruhen‘ klang sehr gut. Dennoch behagte es ihr nicht so recht, mitten in der Nacht durch eine Stadt wie Xadred zu wandern.

„Ist es im Dunklen nicht viel gefährlicher?“ fragte sie zaghaft.

Gideon schüttelte den Kopf. „Das macht keinen Unterschied.“

Und so, wie er es sagte, klang es sehr überzeugend.

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Kapitel 12: Nachtblind

 

„Leon?“

Jenna war durch irgendetwas aus ihrem leichten Schlaf gerissen worden und sah sich irritiert nach ihrem Weggefährten um. Er hatte sich doch am Abend neben sie gelegt. Die Decke lag noch an derselben Stelle, doch von ihm war weit und breit nichts zu sehen, jedenfalls nicht innerhalb des Lichtkegels, der durch das kleine Lagerfeuer vor ihr entstand.

 „Leon?!“ rief Jenna noch einmal und sah sich mit klopfendem Herzen noch einmal um. Sie lauschte angestrengt in die Stille der Nacht hinein, doch sie konnte keine Geräusche ausmachen, die von einem Menschen stammen konnten. Keine Stimme, die ihr antwortete, keine knackenden Schritte im Unterholz. Überhaupt war es beängstigend still.

Jenna bekam es langsam mit der Angst zu tun. Wo konnte Leon mitten in der Nacht hingegangen sein? Hatte er sie etwa allein zurückgelassen, hatte die Flucht ergriffen, weil er sie nicht mehr an seiner Seite ertragen konnte? Aber sie hatten sich doch heute so gut verstanden, hatten so viel gelacht und herumgealbert, so viel geredet, sich endlich besser kennengelernt. Sie hatte den Eindruck gehabt, als hätte er sie ein klein wenig ins Herz geschlossen, so wie sie ihn. Das hatte ihr der zunehmend wärmere Ausdruck seiner Augen verraten, immer wenn er sie ansah, der sanftere Klang seiner Stimme… Und er hatte ihr so viel häufiger ein Lächeln geschenkt…

Nein, im Stich gelassen hatte er sie ganz bestimmt nicht! Aber was war dann passiert? Was war, wenn dieses schreckliche Tier in ihr Lager eingefallen war, ohne dass sie es gemerkt hatte, und ihn weggeschleppt hatte, um ihn im Wald zu verspeisen? Eine schreckliche Vorstellung, die ihren Magen unangenehm verkrampfen ließ. Doch dann schüttelte sie den Kopf, um ihren eigenen dummen Gedanken wieder zu vertreiben. Das konnte nicht sein, schließlich hatte Leon gesagt, das Tier sei ungefährlich. Vermutlich war er nur kurz weggegangen, um das zu tun, was die Natur manchmal von einem verlangte.

Jenna beschloss zu warten. Schlafen konnte sie jetzt nicht mehr, nicht, solange Leon nicht wieder zurück war. Also wartete sie… und wartete… und wartete… bis sie es nicht mehr aushielt. Sie stand auf und sah sich wieder um.

 „Leon?“ flüsterte sie, warum sie das tat, wusste sie auch nicht. Hier war doch eh niemand, dessen Nachtruhe sie stören konnte. Aber diese Stille war so unheimlich… Ein paar Schritte konnte sie sich doch vom Lager entfernen, nur um ein wenig in die Büsche zu spähen.

Äste knackten unter ihren Füßen, als sie sich langsam in das Dunkel des Waldes bewegte, sich immer wieder nach dem Feuer umsehend, um ja nicht die Orientierung zu verlieren.

 „Leon!“ stieß sie erneut aus, nun schon etwas lauter. Irgendwo musste er doch stecken! Das war mehr als merkwürdig.

Ein lautes Knacken in ihrer Nähe ließ sie herumfahren. Ihr Herz war ihr bis in den Hals gesprungen und rutschte erst jetzt wieder etwas tiefer, um wild gegen ihre Rippen zu pochen. Sie rechnete mit dem Allerschlimmsten und das war für sie im Moment dieses Monster vom Elfensee. Aber nichts geschah. Nirgendwo regte sich etwas.

Sie atmete einmal tief durch. So ging das nicht. Sie konnte nicht unbewaffnet nachts durch den Wald laufen. Selbst wenn alles in Ordnung war und Leon bald wieder auftauchte, konnte es hier doch wilde Tiere geben, die sich durch ihre Anwesenheit bedroht fühlten und sie angriffen. Sie kniff die Augen etwas zusammen, beugte sich ein wenig nach unten und betrachtete eingehend den Waldboden. Schließlich entdeckte sie einen dicken Ast, der genau die richtige Größe hatte, um ihn als Knüppel zu benutzen. Also hob sie ihn vorsichtig auf. Er fühlte sich gut an in ihrer Hand und war auch nicht morsch oder von Insekten befallen. Jenna war zufrieden. So war sie wenigstens etwas geschützter. Jedenfalls bildete sie sich das ein. Sie beschloss trotzdem zum Lager zurückzukehren und dort auf Leon zu warten. Eigentlich war es eine Schnapsidee gewesen nach ihm zu suchen.

Sie drehte sich um und erstarrte. Alles um sie herum war in tiefster Dunkelheit versunken. Sie drehte sich einmal um sich selbst, die Augen starr in den Wald gerichtet, doch da war nichts. Nicht mal ein kleines Schimmern, das ein Feuer andeuten konnte. Ein kalter Schauer lief Jenna über den Rücken und ihr Herz begann erneut viel zu schnell zu schlagen. Sie hatte Recht gehabt. Hier ging etwas Unheimliches vor sich und sie befand sich mittendrin.

Jetzt vernahm sie es wieder, dieses Knacken. Ein Knacken, das nur menschliche Füße erzeugen konnten. Jemand lief durch den Wald. Das konnte sie nun deutlich hören. Und er kam auf sie zu. Nur aus welcher Richtung? Es klang beinahe so, als würden die Geräusche aus mehreren Richtungen gleichzeitig kommen. Wahrscheinlich war es der Hall, der sie so irreführte, oder waren es mehrere Personen, die sie umzingeln wollten?

Jenna war ganz schlecht vor Angst. Sie hätte nie zuvor gedacht, dass ihr Herz so schnell schlagen konnte. Die Übelkeit wurde stärker und das Hämmern in ihren Ohren war kaum auszuhalten. Sie taumelte ein paar Schritte rückwärts und stieß mit dem Rücken gegen einen Baum. Gut, so konnte sie wenigstens keiner von hinten angreifen. Jennas Hand krallte sich noch fester um den Stock, ihre einzige Waffe, als sie eine Gestalt in der Dunkelheit ausmachen konnte, die in geduckter Haltung durch das Unterholz eilte. Ab und zu blieb sie stehen und drehte sich um, so als hätte sie die Orientierung verloren.

Nein, diese Person war ganz sicher nicht hinter ihr her, das sagte Jenna ihr Bauchgefühl. Etwas an den Bewegungen dieser Person kam ihr sogar vertraut vor. Jenna runzelte die Stirn.

 „Leon?“ flüsterte sie zaghaft.

Die Person zuckte zusammen und sah sich irritiert um. Schließlich hatte sie Jenna entdeckt und kam auf sie zu. Jenna atmete erleichtert auf, als sie erkannte, dass es sich wirklich um ihren Freund handelte.

 „Gott sei Dank!“ stieß er leise aus und drückte sie zu ihrer Überraschung kurz an sich. „Als ich das Feuer nicht wiedergefunden hab, dachte ich schon, ich hab mich völlig verirrt.“

Er machte eine kurze Pause um Luft zu holen. „Wir müssen sofort hier weg! Findest du den Weg zurück?“

Jenna schüttelte den Kopf. „Ich hab mich gar nicht weit vom Lager entfernt, aber… das Feuer muss ausgegangen sein.“

Leon zog seine Brauen zusammen. „Es ist aus?“

 „Na ja, ich seh es jedenfalls nicht mehr“, gab sie leise zu.

Leon war anzusehen, dass auch er sich, ob dieser Nachricht, nicht mehr ganz wohl in seiner Haut fühlte.

 „Das ist gar nicht gut“, murmelte er und sah sich angespannt um. „Hoffentlich haben sie nicht das Feuer ausgemacht. Dann wissen sie nämlich, dass wir hier sind.“

Jennas Herz machte einen kleinen Sprung und sie sah ihn entsetzt an. „Sie? Wen meinst du mit ‚sie‘?“

 „Bakitarer“, antwortete Leon sehr leise. „Sie haben in unserer Nähe ein Lager aufgeschlagen. Ich hab es durch Zufall entdeckt, als ich ein wenig durch den Wald gewandert bin. Aber sie haben mich nicht gesehen. Dachte ich jedenfalls.“

 „Wieso wanderst du nachts durch den Wald?“ fragte sie vorwurfsvoll. Sie war wütend auf Leon, so als könne er etwas dafür, dass sie mittlerweile in großer Gefahr schwebten.

 „Ich leide seit geraumer Zeit an Schlafstörungen“, erklärte Leon leise und zog lautlos sein Schwert. Er sah sich ein weiteres Mal angespannt um. „Ich denke, es ist besser, wenn wir nicht zusammen gehen…“

Jenna wollte aufgeregt etwas dagegen einwenden, doch er hielt ihr mit sanftem Druck den Mund zu.

 „Hör dir das erst mal an. Wir machen ihnen doch nur eine Freude, wenn sie uns beide zusammen erwischen. Wir können auf keinen Fall zu den Pferden zurückgehen. Wenn sie das Lager entdeckt haben, laufen wir ihnen direkt in die Arme. Also müssen wir zu Fuß fliehen, weil sie damit am wenigsten rechnen. Ich werde vorgehen und du kommst in einem kurzen Abstand nach, so dass du mich noch einigermaßen sehen kannst. Versuche so wenig Geräusche wie möglich zu machen und wenn sie mich erwischen sollten, musst du dich verstecken und dann versuchen allein zu fliehen.“

Jenna starrte ihren Freund für ein paar Sekunden nur erschüttert an, dann schüttelte sie verzweifelt den Kopf, obwohl sie genau wusste, dass er Recht hatte. Doch die Vorstellung, dass Leon etwas zustoßen könnte und sie dann ganz allein durch diese ihr so fremde Welt irren musste, war zu schrecklich. Schließlich war er der einzige Freund, den sie zurzeit hatte. Und sie war sich nicht sicher, dass sie es übers Herz bringen konnte, ihn im Stich zu lassen.

 „Doch“, sagte er nachdrücklich und sah sie eindringlich an. „Du musst dann versuchen, dich allein nach Vaylacia durchzuschlagen, oder kehre um und geh zurück zu Gideon. Versprich mir das! Du musst es mir versprechen!“

Jenna war den Tränen nah, doch sie nahm sich schließlich zusammen und nickte tapfer. Es gab momentan keine andere Lösung, keinen besseren Plan und je länger sie hier standen, je mehr Zeit sie verloren, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass man sie entdeckte und ihnen beiden etwas Schlimmes zustieß. Großer Gott – sie wollte gar nicht daran denken!

 „Gut.“ Leon lächelte und strich ihr tröstend über die Wange. „Es wird schon gut gehen“, murmelte er. „Wir schaffen das!“ Er nickte ihr noch ein letztes Mal motivierend zu und machte sich dann so leise wie möglich auf den Weg.

Jenna musste sich zusammenreißen, um ihm nicht sofort hinterher zu stürzen. Es war so furchtbar dunkel und je weiter sich Leon von ihr entfernte, desto rasender schlug ihr Herz. Derzeit gab es für sie keine schlimmere Vorstellung, als allein in dieser furchtbaren Welt herumzuirren. Sie konnte das nicht, wollte das nicht…

Bald waren nur noch Leons Umrisse in der Dunkelheit zu erkennen, also umfasste Jenna ihren Stock noch fester und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Das Knacken der dürren Zweige unter ihren Füßen klang übernatürlich laut in ihren Ohren und sie zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein anderes Geräusch von irgendwoher ertönte. Ängstlich spähte sie immer wieder in die Dunkelheit um sie herum, um sich dann wieder mit ihren Augen an der Silhouette Leons festzuklammern.

Erneut zuckte Jenna zusammen, aber dieses Mal war es kein Geräusch gewesen, das sie so erschreckt hatte, sondern eine Bewegung, die sie unmittelbar in ihrer Nähe wahrgenommen hatte. Sie blieb ruckartig stehen und sah mit wild schlagendem Herzen genauer hin. Nein, da war nichts. Sie musste sich getäuscht haben. Sie wandte sich um und erstarrte. Leon war nirgendwo mehr zu sehen. Nur in der Ferne vernahm sie die leisen Geräusche seiner Schritte. Sie rannte los. Sie musste ihn unbedingt einholen. Allein hielt sie es hier nicht aus. Sie musste ihn wenigstens sehen können! Doch so schnell sie auch lief, sie konnte ihn nicht wieder entdecken. Dennoch lief sie weiter. Die Verzweiflung trieb sie vorwärts, ließ sie alle Vorsicht vergessen. Sie dachte nicht mehr an die Gefahren, die überall lauern konnten, sondern nur noch daran, nicht den einzigen Menschen, der ihr in dieser Welt helfen konnte, zu verlieren.

Jenna unterdrückte einen Aufschrei, als sie auf einmal stolperte und stürzte.

 „Verdammte Sch… ande“, fluchte sie leise und richtete sich halbwegs auf. Trotz des relativ weichen mit Laub bedeckten Bodens war Sturz relativ hart gewesen und ihr taten sämtliche Knochen weh. Sie wischte ihre aufgeschürften, schmutzigen Hände an ihrer Kleidung ab, hob dann panisch den Blick und fuhr zusammen. Da waren zwei Füße vor ihr auf dem Boden, die in zwei kräftige, in dunkles Leinen gekleidete Beine übergingen. Und da war ein Schwert, dessen Spitze direkt auf ihr Gesicht wies.

Jenna wagte es nicht, den Blick weiter zu heben. Sie konnte es auch gar nicht. Eine eisige Klaue hatte nach ihrem Herzen gegriffen und lähmte so ihren ganzen Körper.

 „Voi-a, shu had-we ke ta?“ fragte eine grollend tiefe Stimme. Eine Stimme, die sie nicht kannte, die lauernd und bedrohlich klang.

Die Angst füllte nun Jennas ganzen Körper aus. Sie fühlte sich ganz leer und schrumpfte innerlich unglaublich zusammen, während ihr Herz wild bis hinein in ihren Hals schlug, in ihren Schläfen pochte.

 „Had-te le?“ vernahm sie eine andere Männerstimme nicht allzu weit von ihr entfernt.

 „Ta“, sagte die tiefe Bassstimme vor ihr. „Fero sil ido sar-e jag.“

Jenna bemerkte, dass sich das Schwert vor ihr gesenkt hatte, und sah nun doch vorsichtig auf.

Es war einer dieser schrecklich wild aussehenden Krieger, die sie vor den Toren Xadreds und in der Stadt selbst gesehen hatte. Doch er trug, soweit sie das bei den schwierigen Lichtverhältnissen erkennen konnte, keine Rüstung, wie sie es zuvor oft gesehen hatte, sondern nur ein vergilbtes, weit aufgeknöpftes Hemd, aus dem einige seiner reichlichen Brusthaare hervorquollen. Sein langes, helles Haar hing zottelig über seinen breiten Schultern und machte einen sehr jämmerlichen Eindruck. Der Krieger kratzte sich an seinem wild wuchernden Bart. Er sah sie nicht an, sondern suchte die Umgebung sehr konzentriert mit seinen Augen ab und fragte dann seinen Kameraden etwas mit seiner gewaltigen Stimme.

 Die Antwort kam schnell und für Jenna genauso unverständlich wie alles andere, was die beiden Männer bisher gesagt hatten. Dann hörte sie, wie sich auch der andere Mann ihr näherte, seinem Freund dabei etwas in dieser seltsamen Sprache mitteilend.

Der Blonde schüttelte den Kopf und antwortete, während Jennas Angst weiter wuchs. Jetzt konnte sie den anderen Krieger ebenfalls sehen. Er war nicht sehr groß, aber ziemlich kräftig. Auch er trug einfache Kleidung, keine Rüstung, was wohl bedeutete, dass die Krieger heute Nacht nicht damit gerechnet hatten, jemanden in diesem Wald anzutreffen. Umso erfreuter schien dieser merkwürdige Geselle darüber zu sein, sie hier gefunden zu haben. Er zeigte mit einem boshaften Grinsen seine schlechten Zähne und ging so nah an Jenna heran, dass er sie auch in der Dunkelheit gründlich betrachten konnte. Es war ein hässlicher Kerl. Er hatte dunkles, kurzes Haar, buschige Augenbrauen und einen ziemlich schlecht gestutzten Bart. Seine Nase war groß und krumm – Jenna vermutete, dass jemand sie ihm mal gebrochen hatte – und ein goldener Ring war durch das eine Nasenloch gezogen worden. Jenna hatte Angst vor diesem Mann, mehr noch als vor dem großen Krieger, denn er wirkte nicht ganz normal.

 Der große Kerl sagte wieder etwas und sein Tonfall hatte etwas Mahnendes, leicht Besorgtes an sich, das Jennas Panik noch weiter steigerte.

Der Kleinere trat noch näher an Jenna heran und verzog dann enttäuscht das Gesicht. Er sagte erneut etwas zu seinem Freund und wandte sich ein wenig von ihr ab, sodass sie schon erleichtert ausatmen wollte. Doch im nächsten Augenblick schoss sein Fuß hoch und traf Jennas Gesicht. Der Tritt hatte eine solche Wucht, dass sie rücklings zurück zu Boden geworfen wurde, und die Nacht um sie herum wurde für ein paar Sekunden noch dunkler, als sie ohnehin schon war. Dann setzte der Schmerz ein, dröhnend, unnachgiebig, kaum zu ertragen und trieb ihr die Tränen in die Augen und alles, was sie noch vernahm, war das rasende Pochen ihres eigenen Herzschlages in ihren Schläfen. Etwas Warmes, Nasses lief seitlich über ihre Lippen, dann ihre Wange hinunter. Jenna bewegte sich nicht mehr. Sie wollte nur noch sterben. Keine Tritte mehr, keine Schläge… bitte…

Ein lautes Krachen ertönte plötzlich aus dem Buschwerk ganz in ihrer Nähe, so als würde etwas Riesiges das Geäst durchbrechen und schließlich bestätigte das tiefe Schnauben eines Pferdes ihre Vermutung.

Als die Sterne langsam aufhörten vor ihren Augen zu tanzen, wagte sie es matt, ein wenig den Kopf zur Seite zu kippen. Sie erkannte verschwommen die dunklen Umrisse eines Mannes auf einem Pferd, das auf sie zukam und dann nur wenige Meter vor ihr stehenblieb. Wunderbar, noch jemand, der sie quälen wollte. Was würden sie erst machen, wenn sie entdeckten, dass sie eine Frau war? Jenna wollte gar nicht daran denken, ihr ging es so schon mies genug.

 Eine tiefe Stimme fragte etwas knapp und streng und Jenna meinte selbst in ihrem lädierten Zustand zu fühlen, wie sich die beiden anderen Männer sofort anspannten.

„Ber-il he!“ kam es im Befehlston aus der Richtung des Reiters und der große Blonde setzte sich sofort in Bewegung, ergriff ihren Arm und zerrte sie grob auf die Füße. Die wollten doch nicht etwa, dass sie lief! Das war unmöglich. Sie war doch erledigt.

Jenna sackte kurz in sich zusammen, als der Krieger sie losließ, doch dann stand sie tatsächlich aus eigener Kraft. Es drehte sich zwar alles um sie und ihr Gesicht schmerzte furchtbar, aber sie stand. Sie wurde vorwärts gestoßen. Anscheinend überschätzten diese Krieger ihre Kräfte. Sie hatte nun große Probleme sich auf den Beinen zu halten und ihre Orientierung wiederzufinden, schließlich sah sie nur verschwommen, aber sie nahm sich zusammen. Wer wusste schon, wie unglücklich sie noch fallen würde. Vor dem Pferd blieb sie taumelnd stehen. Der Reiter beugte sich ein wenig zu ihr hinunter. Dann vernahm sie ein leises Lachen.

Die nächsten Worte, die an die anderen beiden Männer gerichtet waren, klangen nach einer Frage. Doch die Krieger schwiegen, auch wenn sie unglaublich viel Respekt vor dem Reiter zu haben schienen. Er musste eine ziemlich hohe Position unter den Kriegern innehaben.

Jenna kniff ihre Augen zusammen, in der Hoffnung damit etwas klarer im Kopf zu werden, doch stattdessen wurde ihr noch schwindeliger und sie begann zu wanken. Im selben Augenblicke schlang sich ein starker Arm um ihre Taille, sie wurde empor gerissen und landete bäuchlings auf dem Pferd, vor dem sie gerade noch gestanden hatte. Jenna blinzelte. Der Boden befand sich nun in etlichem Abstand unter ihr, also musste das Pferd ziemlich groß sein. Keine angenehme Aussicht. Wenn der Mann sie einfach wieder abwarf, würde sie sich ziemlich wehtun. Sie schielte nach rechts und entdeckte ein Bein, das in dunkles Leinen gekleidet war. Zu diesem Bein gehörte ein nackter Fuß. Der Mann hatte es vermutlich sehr eilig gehabt, sonst hätte er sich gewiss noch ein paar Stiefel angezogen. Sie versuchte etwas höher zu schielen, doch ein starkes Ziehen in ihrem Kopf ließ sie diesen Versuch sofort wieder abbrechen.

 Es gab einen weiteren knappen Wortwechsel zwischen den drei Männern, dann setzte sich das Pferd ruckartig in Bewegung. Jenna wurde ein wenig übel. Das verursachte wahrscheinlich der Druck auf ihren Bauch, der in dieser Lage unvermeidlich war. Etwas anderes machte Jenna viel mehr zu schaffen. Sie hatte keine Angst mehr. Nein, diese hatte einer völligen, alles erduldenden Gleichgültigkeit Platz gemacht. Und das war gar nicht gut. Wenn man keine Angst mehr hatte, gab es keinen Grund mehr zu kämpfen. Man hatte aufgegeben. Und das wollte sie auf keinen Fall. Nur, was konnte sie tun? In dieser Situation wohl gar nichts, aber sie konnte versuchen, einen Plan zu entwerfen. Bloß wie, ohne genau zu wissen, was auf sie zukam? Das war so gut wie unmöglich. Also, musste sie doch erst einmal abwarten, was passierte, und nichts war schlimmer, als untätig zu warten. Jenna versuchte sich abzulenken, indem sie den Fuß des Reiters genauer betrachtete.

Es war ein ganz hübscher Fuß und recht sauber für den Fuß eines Kriegers. Die hatten bisher immer so ungepflegt auf sie gewirkt. Vielleicht war sie hier auf eine Ausnahme gestoßen. Ob dieser Mann auch eine Ausnahme war, was die Behandlung seiner Gefangenen anging? Immerhin hatte er sie ja verhältnismäßig sanft auf sein Pferd gewuchtet und sie noch nicht geschlagen – das war mehr als man von den anderen Männern behaupten konnte. Vielleicht war sie ja rein zufällig an den nettesten und ungefährlichsten feindlichen Krieger geraten, den es in ganz Falaysia gab. Vielleicht konnte sie ihn ja sogar dazu überreden, sie freizulassen, schließlich hatte sie ja niemandem hier etwas getan, war völlig unwichtig. Wahrscheinlich verwechselten diese Leute sie sogar mit jemandem. Gideon hatte ihr gesagt, dass sie niemals die Hoffnung verlieren solle, und daran hielt sie sich jetzt fest, hoffte, dass sich alles noch zum Guten wenden würde.

Sie wandte ihren Blick der anderen Seite zu und entdeckte das Lager der Krieger, auf das sie langsam zuritten. Es war kein großes Lager. Es gab vielleicht vier oder fünf Zelte, vor denen Fackeln brannten, soweit Jenna das von ihrer Position aus überblicken konnte. In der Mitte des Lagers gab es ein größeres Feuer, das so viel Licht spendete, dass sie gut erkennen konnte, dass sich dort einige Krieger um einen Mann geschart hatten. Jennas Herz begann wieder wie wild zu schlagen, als sie erkannte, dass dieser Mann niemand anderer als Leon war. Die Krieger stießen ihn grob hin und her, boshaft dabei lachend, bis sie entdeckten, dass der Reiter auf sie zukam. Auch Leon sah zu ihm hinüber, doch sein Blick war weit weniger respektvoll. Blanker Hass sprach aus seinen Augen – bis er Jenna entdeckte. Für einen Moment entgleisten seine Gesichtszüge, doch dann nahm er sich zusammen und setzte einen völlig gleichgültigen Gesichtsausdruck auf.

Jenna spürte, wie eine Hand sie grob am Nacken packte, und kurz darauf landete sie unsanft auf dem Boden, konnte sich nur mit Mühe davon abhalten einen Schmerzenslaut von sich zu geben, weil der Aufprall erneut ein scharfes Stechen in ihrer Nase und den Schläfen hervorrief. Sie hatte sich wohl geirrt – das war kein netter Mensch.

Der Reiter sagte wieder etwas in dieser komischen Sprache – nur dieses Mal noch sehr viel lauter und Jenna war sich sicher, dass er sich an Leon gewandt hatte.

Jenna wagte es nicht, sich zu rühren, doch einen Blick auf den Mann zu werfen, der sie hierher gebracht hatte, konnte sie sich nicht verkneifen. Er war, wie erwartet, längst vom Pferd gesprungen, hatte sich nun aber Leon zugewandt und stand dadurch mit dem Rücken zu ihr. Er war sehr groß und breitschultrig und trug nur eine dunkle Leinenhose, die nichts von seinem durchtrainierten Körper verbarg. Das dunkle, etwas zu lange, lockige Haar war in seinem Nacken mit einem Lederriemen gebändigt worden und obwohl der Mann keinerlei Waffen bei sich trug, hatte er eine so bedrohliche Ausstrahlung, dass Jennas Herz wieder begann zu rasen. Erst recht, als er sich zu ihr umwandte und sie kurz mit einem seltsamen Lächeln musterte.

Blaues Eis. Sie hatte schon einmal in diese Augen gesehen, war schon einmal dieser erschreckenden Kälte ausgesetzt gewesen. Solche Augen gab es nicht noch einmal, solche Augen konnte man nicht vergessen. Und sie war wirklich froh, als diese wieder hinüber zu Leon wanderten und der Mann eine Frage an ihn stellte.

Leon funkelte den Krieger hasserfüllt an, zischte etwas in derselben Sprache zurück. Ihm schien es egal zu sein, dass er seine Antworten leicht mit seinem Leben bezahlen konnte. Doch es war nicht er, der die Konsequenzen seines Verhaltens zu spüren bekam.

Der Krieger machte einen Schritt zur Seite, packte Jenna am Haaransatz und zog sie auf die Füße. Sie schrie schmerzerfüllt auf und schlug in Panik um sich, bis sie schließlich wieder losgelassen wurde. Sie wich keuchend einige Schritte vor dem Mann zurück, der sie nun prüfend ansah. Mit scharfem Blick studierte er eingehend ihre Gesichtszüge und musterte kurz ihre Figur. Es dauerte nicht lange und ein merkwürdiges Lächeln machte sich auf seinem harten, kalten Gesicht breit.

 Als er sprach, wusste sie, dass sich seine Worte eigentlich an ihren Freund richteten, doch sein Blick ruhte weiterhin auf ihr, bekam einen sehr seltsamen, beängstigenden Ausdruck. Dann ging er langsam auf sie zu. Seine Bewegungen glichen denen einer Raubkatze auf Beutefang. Jenna wich fast mechanisch vor ihm zurück. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und plötzlich war ihr wieder schlecht.

 „Marek!“ hörte sie Leon nun laut rufen und die Besorgnis in seiner Stimme war nicht zu überhören. Das musste der Name des Kriegers sein, denn er hielt kurz inne und warf Leon, der weiter auf ihn einredete, einen abfälligen Blick über die Schulter zu. Für einen kurzen Augenblick hatte Jenna das Gefühl, als würden seine Worte etwas bei diesem schrecklichen Mann bewirken, doch dann war er mit einer raschen Bewegung plötzlich bei ihr, packte sie und zog sie zu sich heran. Der Geruch von Schweiß drang an ihre Nase und unter dem dichten, dunklen Bart sah sie kurz einen Mundwinkel abfällig zucken.

Atemlos und mit vor Angst weit aufgerissenen Augen starrte sie ihn an. Sie hätte zuschlagen, ihn kratzen, treten, sich loszureißen versuchen können, doch sie tat nichts dergleichen. Eine innere Stimme sagte ihr, dass es nichts gab, was sie zu diesem Zeitpunkt tun konnte. Gegenwehr würde alles nur noch schlimmer machen. Sie wusste, dass ihre Deckung aufgeflogen war, denn Marek sah sie nicht an, als hätte er einen Jungen vor sich, sondern eine Frau. Da war etwas in seinen hellen Augen, das es in ihrer Brust eng werden ließ, die Angst auf einen neuen Höhepunkt trieb, etwas in seinem Blick, das nichts Gutes verhieß.

Jenna spürte, wie ihre Knie weich wurden, und im nächsten Augenblick riss ihr der Krieger das Hemd bis zum Bauch auf. Ungnädig betrachtete er die Tücher, die fest um ihren Körper gewickelt waren, um das zu verbergen, was nur eine Frau besaß. Dann wandte er sich halbwegs zu Leon um.

Bei seinen nächsten Worten an ihren Freund, hatten sich seine Lippen zu einem lüsternen Grinsen verzogen und Jenna wurde ganz anders, als sich sein Blick deutlich auf ihre unter den Tüchern verborgenen Brüste richtete. Nur den Bruchteil einer Sekunde später zog der Mann einen Dolch aus dem bisher vor ihr verborgenen Halfter an seiner Seite. Ganz unbewaffnet, war er also doch nicht und es war genau dieser Anblick, der wieder Leben in Jennas Körper brachte. Sie würde ganz bestimmt nicht kampflos sterben. Mit einem erstaunlich gekonnten Schlag in die Armbeuge Mareks befreite sie sich aus seinem harten Griff. Einem anderen Krieger, der in der Nähe stand, verpasste sie einen Tritt gegen das Schienenbein und schlüpfte durch die Lücke zwischen den überraschten Männern.

Jenna rannte so schnell sie konnte, schlug Haken um die Männer, die sie packen wollten und… wurde schließlich von hinten zu Boden gerissen. Ein paar atemlose Sekunden lang lag ein schwerer Männerkörper auf ihr, dann verschwand das Gewicht wieder, sie wurde gepackt und landete so schwungvoll über einer kräftigen Schulter, dass ihr erneut die Luft wegblieb. Keuchend betrachtete sie den muskulösen Rücken des Mannes, der sie wieder eingefangen hatte, und wusste sofort, wer dieser Mann war. Schwarze Locken, gebändigt mit einer Lederriemen… Dieser Kerl machte ihr Angst und sie wusste nicht, was sie tun sollte, um sich aus dieser bedrohlichen Situation zu retten. So eisern, wie er sie festhielt, hatte sie momentan nicht den Hauch einer Chance zu entkommen – ganz gleich wie sehr sie sich auch wand und strampelte. Sie würde die Männer hier nur wieder dazu provozieren, ihr wehzutun. Also hing sie nur hilflos über der Schulter des starken Kriegers und wartete mit rasendem Puls darauf, dass er sie endlich wieder runterließ. Er sprach jetzt wieder und es machte sie unglaublich nervös, dass sie kein Wort von dem verstand, was er sagte. Was hatte dieser Mann bloß vor? Sicher nichts Gutes.

 „Marek!“ hörte sie Leon rufen. Sein Ton hatte sich verändert, war ängstlicher, fast flehentlich geworden, während er auf den Krieger einredete. Sie konnte ihn nicht sehen, doch sie bemerkte, dass sich seine Stimme langsam entfernte. Eine neue Welle von Panik packte sie, ließ ihr Herz noch schneller hämmern. Wo brachten sie ihn hin? Sie würden ihm doch nichts antun?

Sie spürte, wie Marek lachte, und wusste ganz genau, dass seine weiteren Worte Leon galten. Dieser Ton… so bedrohlich und provozierend… Weiteres heiseres Lachen ertönte aus mehreren Männerkehlen und Jenna wurde furchtbar schlecht. Das konnte nichts Gutes bedeuten!

 Leon sprach nicht mehr normal, er schrie den Krieger an, mit einer Mischung aus Verzweiflung und Wut in der Stimme und Jenna hob den Kopf, versuchte über die Schulter des Mannes zu sehen. Doch sie brauchte sich gar nicht mehr so anzustrengen, denn der Krieger lachte erneut und setzte sich wieder in Bewegung, drehte sich dabei, sodass sie noch sehen konnte, wie Leon in eines der Zelte ganz in ihrer Nähe gezerrt wurde. Ihre Blicke trafen sich für einen Augenblick. Leons Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Er rief ihr nichts mehr zu, doch sie brauchte auch keine Worte, um zu verstehen, was er sagte: ‚Es tut mir so leid.‘

Dann war er auch schon aus ihrem Blickfeld verschwunden. Nicht nur, weil die Zeltplane hinter ihm zufiel, sondern auch weil sie selbst in das Zelt daneben getragen wurde.

Jenna hatte das drängende Gefühl sich übergeben zu müssen, denn sie wusste genau, was dieser Krieger nun mit ihr vorhatte. Und niemand würde kommen, um sie davor zu bewahren, niemand würde sie retten. Wahrscheinlich konnte sie sich noch glücklich schätzen, dass dieser Marek, das Zelt hinter sich schloss und nicht noch ein paar andere seiner Krieger zu diesem ‚Spaß‘ einlud, doch das half ihr nicht weiter, konnte ihre Angst nicht schmälern und nicht die Tränen vertreiben, die ihr unaufhaltsam in die Augen stiegen. Es gab keinen Ausweg, keine Rettung. Selbst wenn sie sich aus Mareks festem Griff befreien konnte, wie sollte sie all den anderen Kriegern entkommen?

Alles, was ihr blieb, war zu versuchen, diesen Mann umzustimmen, mit ihm zu reden, ihn anzuflehen, ihr das nicht anzutun. Doch wie sollte sie das, wenn sie noch nicht einmal dieselbe Sprache sprachen. Und selbst wenn es anders wäre – sie bezweifelte, dass sie in ihrem panischen Zustand die richtigen Worte finden würde, um ihn zu erreichen, ihn umzustimmen. Sie bezweifelte, dass es überhaupt Worte gab, mit denen man ihn erreichen konnte.

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