22. March 2017 - 11:01

Leseprobe von Lyamar – Vergessene Welt – Band 1: Malins Erben

Prolog

 

 

Ein. Aus. Ein. Aus. Ruhig bleiben. Konzentrieren. Das war alles, worauf es jetzt ankam. Sein Plan war gut. Er würde funktionieren. Sobald der Zauberer in den Kreis der magischen Objekte trat, wurden seine Kräfte ausgeschaltet und er konnte ihm nichts mehr anhaben. Dann konnte man ihn töten, ohne wie beim letzten Mal selbst in Gefahr zu geraten.

Ma’hariks Fäuste schlossen sich fester um den Knauf seines Schwertes und er biss die Zähne zusammen. Da war wieder dieses hohle Gefühl in seinem Bauch, das sich immer weiter ausbreitete, die Stimme in seinem Hinterkopf, die ihn drängte, seinen Platz hinter dem Regal mit den Zauberutensilien zu verlassen; wieder zu gehen, seinen Hass unter Kontrolle zu bringen und dem Pfad der Rache den Rücken zu kehren. Er durfte nicht auf sie hören. Nefian musste gerächt werden! Der Zirkel musste ausgelöscht werden, sonst starben weitere gute Menschen, die das nicht verdient hatten! Niemand außer ihm konnte den Zauberern in dieser Welt die Stirn bieten, sie töten. Es war seine Aufgabe, seine Pflicht, das zu tun!

Ma’hariks Blick schweifte zur Tür der kleinen Hütte, in der er sich aufhielt. Sie wackelte ein wenig durch den starken Wind, der momentan durch das Vorgebirge fegte, knarrte dabei unangenehm, doch niemand öffnete sie. Es waren noch nicht einmal Schritte dahinter zu vernehmen. Vielleicht hatte sich die magische Runenscheibe ja doch geirrt. Ma’harik griff mit einer Hand unter den Mantel, in die seitliche Tasche seiner Weste und holte die ungefähr handtellergroße metallene Scheibe hervor. Von den fünf normalerweise durchsichtigen Steinen, die zwischen den Runenzeichen eingelassen waren, leuchteten vier in einem dunklen rot, was bedeutete, dass der Zauberer jetzt noch näher heran war als zuvor. Und flimmerte nicht auch schon ein winziges Licht in dem letzten Stein in der Mitte? Ja! Das hieß, der Mann musste jeden Moment in der Hütte auftauchen.

Hastig steckte Ma’harik die Scheibe zurück in seine Tasche, stieß dabei jedoch mit dem Ellenbogen gegen etwas hinter ihm, das mit einem Poltern zu Boden ging und ihn erschrocken zusammenzucken ließ. Ein schweres Buch, das nun aufgeklappt neben ihm lag und den Blick auf ein paar alte Pergamente freigab, die man dort hineingelegt haben musste. Er runzelte die Stirn. Das waren Landkarten. Nicht von Falaysia, sondern von einem Land namens Lyamar. Hieß so nicht der andere Kontinent dieser Welt? Und warum waren alle Bezeichnungen in der Schriftsprache der M’atay verfasst?

Zögernd streckte er die Hand danach aus, doch gerade in diesem Moment öffnete sich die Tür der Hütte und der Zauberer trat ein. Ma’harik duckte sich rasch und spähte mit hämmerndem Herzschlag durch die Lücke zwischen den vielen Töpfen und Schalen des Regals. Assarel war ein großer, kräftiger Mann, mit einem langen braunen Bart und ebenso langem Haar, das er zum Teil mit dünnen Zöpfen rechts und links von seinem Gesicht gebändigt hatte. Auf den ersten Blick verriet nichts an ihm, welche Kräfte in ihm schlummerten und welcher machthungrigen, gnadenlosen Gruppe er sich angeschlossen hatte. Er sah freundlich, aber auch ein wenig müde aus und setzte sich nun mit einem tiefen Seufzer auf den Hocker nahe des Eingangs, um sich seine Stiefel auszuziehen. Leider noch außerhalb des magischen Kreises.

Ma’harik versuchte so leise wie möglich zu atmen, sich nicht zu bewegen, doch er saß nun schon derart lange in dieser gekrümmten Haltung da, dass es langsam immer schwerer wurde. Wenn Assarel ihn entdeckte, bevor er in den Schutzkreis trat, würde es äußerst gefährlich und schwierig werden, ihn zu töten. Schon bei seinem letzten Opfer hatte Ma’harik mehr Glück als Verstand gehabt und dass er ein zweites Mal in einem Duell mit einem richtigen Zauberer siegte, war äußerst unwahrscheinlich. Die drei Jahre Training mit Jarej konnten ein ganzes Leben an Erfahrungen nicht aufwiegen.

Der Mann erhob sich nun mit einem weiteren Seufzer, sah kurz hinüber zur Tür und begab sich dann an seinen Tisch und damit endlich hinein in die Falle, die ihm gestellt worden war. Rasch ließ Ma’harik seine Kräfte zusammenlaufen, konzentrierte sich auf die versteckt aufgestellten Kerzen, und ließ die Energie frei. Assarel fuhr erschrocken herum, doch es war schon zu spät. In einer kleinen Stichflamme entzündeten sich die Kerzen und die Runensteine, die Ma’harik ebenfalls ausgelegt hatte, leuchteten hell auf, erschufen den unsichtbaren Käfig, aus dem sich kein Zauberer befreien konnte, der nicht auf die Kraft aller Elemente zugreifen konnte.

Assarel schien das auch schnell zu erkennen, nachdem er tastend seine Hände gehoben und in alle Richtungen bewegt hatte. „Ich hätte das ahnen müssen“, sagte er mit Grabesstimme. „Die anderen haben mich gewarnt.“

Obwohl er jetzt in Sicherheit war, fiel es Ma’harik nicht leicht, hinter dem Regal hervorzukommen und sich dem Mann zu zeigen. Sein langer Mantel besaß zwar eine Kapuze, aber diese ließ sich nicht so weit ins Gesicht ziehen, dass man dieses nicht mehr erkennen konnte. Daran musste er noch dringend arbeiten.

Verblüffung zeigte sich auf Assarels Gesicht, als Ma’harik sich ihm näherte. „Du bist der gefährliche Rächer Nefians?“, stieß er ungläubig aus. „Du bist Na’hadir?“

Ma’harik nickte knapp und blieb außerhalb des Kreises stehen.

„Du bist ja noch ein halbes Kind!“, fuhr der Mann fort. „Wie alt bist du? Fünfzehn? Sechzehn?“

Gut geraten – aber das musste er nicht wissen.

„Spielt das eine Rolle?“, fragte Ma’harik kühl. Endlich hatte er seine Aufregung im Griff!

„Du bist noch jung – du musst das nicht tun“, kam der Mann gleich zur Sache.

„Ah – du meinst, ich habe in dem Alter noch ein Herz, an dem man rühren kann“, erwiderte Ma’harik mit einem verständnisvollen Nicken. „Ich muss dich leider enttäuschen“, er klopfte sich mit der flachen Hand auf die Brust, „da ist nichts mehr, das fühlt.“

Er umgriff sein Schwert wieder mit beiden Händen, während der Zauberer die seinen abwehrend hob. „Warte! Junge! Du begehst einen schwerwiegenden Fehler!“

„Hast du dafür gestimmt, Nefian zu töten?“, stieß Ma’harik nun doch etwas unbeherrschter aus, und das Herz, von dem er behauptet hatte, das es zu keiner Regung mehr fähig sei, zog sich bei diesen Worten schmerzhaft zusammen. „Hast du?!“

„Der Zirkel … sie planen etwas ganz Großes, etwas, das unsere Welt vollkommen aus den Fugen bringen könnte“, wich Assarel seiner Frage aus. „Ich habe mich hier in die Einsamkeit zurückgezogen, weil ich einen Weg finden will, den Plan der anderen zu verhindern. Das musst du mir glauben. Wenn du mich tötest, sind wir alle verloren.“

„BEANTWORTE MEINE FRAGE!“, platzte es ungehalten aus Ma’harik heraus.

Der Zauberer schluckte schwer und senkte schließlich die Hände. Resignation zeigte sich auf seinem Gesicht, ehe er nickte.

Ohne zu zögern, stieß Ma’harik zu, versenkte sein Schwert tief in der Brust des Mannes, der nur noch weit die Augen aufreißen konnte, bevor er mit einem erstickten Röcheln in die Knie ging.

„Kein einziges Zirkelmitglied wird auch nur irgendeinen seiner widerlichen Pläne in die Tat umsetzen“, presste Ma’harik zwischen den Zähnen hervor und zog mit einem Ruck das Schwert aus Assarels Brust, „weil ich sie alle vorher töten werde!“

Der Blick des Zauberers kehrte sich nach innen, dann kippte er zur Seite und sein schlaffer Körper schlug mit einem Rums auf dem Boden auf. Ma’harik wusste nicht, ob der Mann seine Worte noch vernommen hatte, aber das war ihm auch gleich. Wichtig war nur, dass ein weiterer von Nefians Mördern den Tod gefunden hatte. Die Trauer und der Hass in seinem Innerem wurde dadurch nicht geringer, aber die Aussicht, eines Tages nicht mehr Angst vor Verfolgung haben zu müssen, vielleicht sogar ruhiger schlafen zu können, war zu schön, um nicht weiter dafür zu kämpfen.

Es waren schnelle Schritte von draußen, die Ma’harik erschrocken zusammenfahren und das blutverschmierte Schwert erneut heben ließen, dann flog die Tür auch schon auf und er hielt entsetzt den Atem an. Das Gesicht, in das er blickte, war jünger als das seine – ein Junge von maximal fünf Jahren – und das Wort, das das Kind beim Anblick von Assarels lebloser Gestalt ausstieß, ging Ma’harik durch Mark und Bein: „Papa?!“

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1 Kommentar »     

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Kommentar

Das steigert auf jeden Fall die Vorfreude auf weitere spannende und romantische Abenteuer ! :)

Mir haben die ersten Bände sehr gut gefallen. Ein perfekter Mix aus Spannung, Abenteuer und Liebesgeschichte. Die Charaktere sind einem sofort sympathisch und die Geschichte ist niveauvoll geschrieben. Allerdings fand ich das (vorläufige) Ende etwas unbefriedigend. Da fehlte mir was. Deshalb freue ich mich nun umso mehr, dass es weiter geht und hoffe auf viele schöne Lesestunden.