21. March 2017 - 18:18

Leseprobe von Monandor – Kind der Dunkelheit

Todbringer

 

 

 

 

Es fühlte sich seltsam an, zuhause zu sein und zur selben Zeit Jaros Anwesenheit zu spüren. Die beiden Welten, in denen Risa als Kind eine Zeit lang gelebt hatte und die vor drei Wochen wieder aufeinandergeprallt waren, hatten sich plötzlich vereint und sie wusste noch nicht, wie sie damit umgehen sollte, konnte kaum absehen, welche Folgen dies mit sich bringen würde. Es war nicht nur so, dass sie ihrem Volk nicht ganz traute, sondern sie spürte auch, dass Jaro sich in der derzeitigen Situation nicht wohl fühlte. Wie sollte er auch? Er war mit ihr in ihrer Höhle eingesperrt worden, nun schon seit drei vollen Tagen und Nächten, und das musste für ein Kind des Lichts, einen Menschen, der es liebte, seine Zeit draußen an der frischen Luft, in der Sonne zu verbringen, eine einzige Qual sein.

Obgleich er sich große Mühe gab, seine Gefühle vor ihr zu verbergen, sie umsorgte, wie sie es für ihn getan hatte, und sanft und liebevoll mit ihr umging, spürte sie es: die wachsende Unruhe, die Traurigkeit, den Frust, die unterschwelligen Ängste. Jeden Tag wurde es ein bisschen schlimmer, war es ein bisschen deutlicher zu fühlen, doch bedauerlicherweise konnte sie ihm nicht helfen, es ihm nicht ermöglichen, wenigstens für ein paar Stunden am Tag allein hinaus zu gehen, Ruhe vor dem Volk zu haben, das noch vor kurzem der schlimmste Feind gewesen war. Es verstieß gegen die strengen Regeln, die mit dem Lometa-Recht einhergingen, und in ihrem geschwächten Zustand war Risa nicht fähig, daran zu rütteln. Zudem konnte der Versuch, die Regeln aufzuweichen, sehr gefährlich für sie beide werden.

Jaro war ein Gefangener der Monandor. Ihr Volk vertraute den Kindern der Lichts nicht und hatte bereits Schwierigkeiten, überhaupt einen Diatar-Krieger in ihrer Mitte zu akzeptieren. Davon abgesehen, dass es nur sehr selten passierte, waren die Diatar, die bisher in die Höhlen gekommen waren, entweder schon bald gestorben oder Kinder und Frauen und somit keine große Gefahr für ihr Volk gewesen. Jaro war ein erwachsener Mann, größer als die meisten hier und jeder konnte sehen, dass er zusätzlich in einer sehr guten körperlichen Verfassung war. Er sah durch sein dickes, lockiges Haar zwar nicht aus wie die meisten Diatar-Krieger, aber er besaß deren typische Tätowierungen und Risa ging davon aus, dass es sich in den vergangenen Tagen herumgesprochen hatte, welche Aufgabe ihm in seinem Stamm zugekommen war.

Misstrauen und Angst konnten leicht dazu führen, dass man Risas Loyalität gegenüber ihrem Volk in Frage stellte, eben weil sie Jaro durch das Lometa-Recht gerettet und allen damit gezeigt hatte, wie wichtig er für sie war. Jetzt galt es erst einmal die dadurch entstandene Verstörung unter den Ihrigen auszulöschen, um möglichst viele Unterstützer für ihre Sache zu gewinnen – und nicht neue Unruhe zu provozieren.

Dass viele Menschen ihres Volkes neben ihrer Angst auch eine gewisse Neugierde verspürten, war eigentlich ein gutes Zeichen. Bedauerlicherweise belastete es Jaro und damit auch Risa zusätzlich, weil sie ständig Besuch bekamen und der Grund dafür nur allzu offensichtlich war: Jeder wollte ihn sehen – den Diatar, der ihr Orakel gerettet hatte und nun dessen Besitz war; den wilden Krieger, der schon unzählige Monandor getötet haben sollte. Jaro war viel zu schnell zu einer Attraktion geworden, die jeder gesehen haben musste, und es war schwer, die Leute, die nicht direkt mit Risa befreundet waren, davon abzuhalten, sich vor ihrer Höhle aufzuhalten oder zumindest ab und an an ihr vorbeizulaufen, um vielleicht einen Blick  ins Innere erhaschen zu können.

Auch wenn die Besucher und neugierigen Herumlungerer die Eintönigkeit der letzten Tage aufgelockert hatten, sie machten Jaro zusätzlich nervös und sorgten dafür, dass auch zwischen ihm und Risa Spannungen entstanden, gegen die sie nichts tun konnten. Zusammengenommen mit der Gewissheit eines nahenden Weltunterganges, über den sie beide derzeit kaum wagten zu sprechen, war dies eine Belastung, der weder sie noch Jaro auf Dauer gewachsen war. Früher oder später würde sich alles mit einem großen Knall entladen und Risa wusste ganz genau, dass dies üble Folgen für den Diatar und sie selbst haben würde. Genau deswegen musste sie etwas dagegen unternehmen, konnte nicht weiter Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit nehmen.

Es war ein paar Stunden vor der Abenddämmerung, als Risas Plan, der gleich mehrere ihrer Probleme in Angriff nehmen sollte, stand. Sie erhob sich, schwang die Beine über den Rand und setzte die Füße entschlossen auf dem Boden auf. Sehr viel weiter kam sie aus eigener Kraft zu ihrem Leidwesen nicht. Ihr Kopf schwirrte bereits und der ziehende Schmerz in ihrem Oberschenkel machte sie unmissverständlich darauf aufmerksam, dass ihre Stichwunde noch nicht vollständig verheilt war und es gute Gründe gab, warum ihr von Hetha in den ersten Tagen strenge Bettruhe verordnet worden war.

„Warte!“, vernahm sie Jaros angenehm tiefe Stimme und im nächsten Augenblick war er auch schon bei ihr, ergriff ihren Arm und half ihr dabei aufzustehen.

Ihr Bemühen war an sich nicht ungewöhnlich. Seit gestern hatte Risa damit begonnen, immer wenn sie wach war, wenigstens einmal aufzustehen und in der Höhle oder auch auf dem Plateau davor hin und her zu laufen, um ihren Kreislauf in Schwung zu bringen. Dieses Mal hatte sie allerdings etwas anderes vor, etwas das Jaro guttun würde und gleichzeitig zu einem dringend notwendigen Fortschritt in Bezug auf die Vorkehrungen für den Weltuntergang führen konnte.

„Es geht schon“, log sie und wies hinüber zu der Gehhilfe, die der Diatar erst gestern fertig gestellt hatte. „Gib mir die Krücke – ich muss mich langsam daran gewöhnen, wieder selbstständiger zu werden.“

Jaro bedachte sie mit einem kritischen Blick, kam aber schließlich ihrem Wunsch nach und überreichte ihr seine Arbeit fast feierlich. Ihm war anzumerken, dass er stolz darauf war, und Risa mochte die wundervoll bearbeitete Stütze schon jetzt, war es doch zum großen Teil ihr zu verdanken, dass er noch nicht durchgedreht war. Die Arbeit mit den Händen hatte ihn abgelenkt, ihn eine Zeit lang vergessen lassen, dass er eingesperrt war. So wie Risa das Malen liebte, liebte Jaro die Schnitzerei und es war wundervoll ihm dabei zuzusehen, wie er ganz selbstvergessen, diesem Handwerk nachging.

„Scheint genau zu passen“, stellte er erfreut fest, als sie sich den oberen, mit Fell überzogenen Teil in die Achselhöhle schob und den seitlichen Griff mit der Hand packte. Es fühlte sich gut an, allein stehen zu können und sie schenkte dem jungen Mann ein strahlendes Lächeln, das er sofort erwiderte. Seine  großen, braunen Augen leuchteten vor Freude und es fiel ihr schwer, nicht ihre Hand auszustrecken, um ihm die dunkeln Locken aus der Stirn zu streichen.

„Dann steht unserem Ausflug ja nichts mehr im Weg“, verkündete sie.

„Ausflug?“ Jaro sah sie überrascht an.

„Ganz genau!“, bestätigte sie und wagte die ersten Schritte an ihm vorbei, auf den Vorhang ihrer Höhle zu. Auch wenn ihr Bein beim Laufen immer noch schmerzte, funktionierte es mit der Stütze wunderbar.

Jaro war schnell wieder an ihrer Seite, um den Vorhang für sie zu öffnen, und als sie nach draußen trat, wunderte sie sich nicht, dass gerade ein paar Kinder auf dem Plateau fangen spielten. Eines davon war der neunjährige Sohn ihrer Cousine Enia, der sofort innehielt und wie die anderen beiden Kinder, ein Mädchen und ein Junge, Jaro mit großen Augen anstarrte. Risa schien hingegen Luft für ihn zu sein, selbst als sie direkt auf ihn zuhielt und vor ihm stehenblieb.

„Kann ich dir helfen, Pito?“, fragte sie schmunzelnd und riss den Jungen erst damit aus seiner Starre.

„W…wieso?“, stammelte er und seine Ohren liefen genauso rot an wie seine Wangen.

„Du siehst aus, als hättest du Fragen“, erklärte sie belustigt und beobachtete dabei, wie die anderen Kinder sich schnell zurückzogen. Die Rolle der Shimana des Stammes hatte einige Vorteile. Eine Respektsperson zu sein, die von vielen beinahe gefürchtet wurde, gehörte eindeutig dazu.

Mit Pitos Respekt schien es allerdings nicht weit her zu sein, denn er sammelte sich relativ schnell und räusperte sich. „Bleibt er jetzt für immer hier?“, wagte er doch tatsächlich zu fragen und wies mit dem Finger auf Jaro, der gerade neben sie trat.

Risas Selbstsicherheit schwand innerhalb von Sekunden dahin, weil sie nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte, ohne Jaros Ängste und Unbehagen zu schüren.

„Natürlich“, erwiderte der Diatar zu ihrer großen Verblüffung an ihrer Stelle, „ich werde bald euer neuer Stammesführer und für richtig viel Spaß hier sorgen. Aber sag es noch keinem. Es soll eine Überraschung sein.“

Pito riss entsetzt die Augen auf, was Jaro dazu veranlasste, laut aufzulachen, und den Jungen nur noch mehr erschreckte. Ihr selbst zauberte es ein Lächeln auf die Lippen. Jaro lachen zu hören, war für sie immer schon ein Genuss gewesen und sie war froh, dass ihm gerade hier danach zumute war.

„Er macht nur Scherze“, erklärte sie dem verängstigten Kind und sah Jaro rügend an, als er Pito kurz zuzwinkerte. „Und er ist echt nett, weißt du? Niemand, vor dem man sich fürchten muss.“

Dieses Mal nickte ihr Freund und der Junge wagte es, erleichtert aufzuatmen und den Diatar noch einmal zu mustern. Es war eindeutig Zeit, das Gespräch zu beenden.

„Lass uns runter gehen“, schlug Risa rasch vor, bevor Pito noch etwas sagen konnte, und lief voran, auf die erste der vielen Treppen zu, die sie bewältigen musste.

Leider schloss nicht nur Jaro schnell zu ihr auf, sondern auch das Kind. Neugierig beobachtete es, wie Jaro Risa die Krücke abnahm und sie nun das Geländer und seinen Arm nutzte, um die Stufen hinab zu humpeln.

„Bist du wirklich einer der Todbringer?“, wandte es sich nach einer Weile direkt an den jungen Krieger und Risa hätte Pito am liebsten den Mund zugehalten – auch wenn es schon zu spät war und sie gar nicht an ihn herangekommen wäre.

Jaros Brauen bewegten sich aufeinander zu und er warf einen kurzen Blick auf den Jungen an seiner Seite. „Todbringer?“

Pito nickte und Risa seufzte resigniert. „So nennen viele Monandor die Krieger deines Stammes“, fühlte sie sich gezwungen zu erklären, während sie sich weiter die Treppenstufen hinabkämpfte.

„Und ‚Murtos‘“, setzte das Kind nun auch noch hinzu.

„Was heißt das?“, wandte sich Jaro dieses Mal sofort an sie.

Sie schluckte, entschloss sich aber die Wahrheit zu sagen. „Schlächter“, übersetzte sie widerwillig.

Die Gesichtszüge ihres Freundes entgleisten. Er öffnete den Mund, brachte jedoch nichts heraus.

Risa blieb stehen, umfasste seinen Unterarm in einer versöhnlichen Geste und suchte den Kontakt zu seinen Augen. „Nicht nur dein Volk neigt dazu, Geschichten zu verbreiten, deren wahrer Kern winzig klein ist“, erklärte sie. „Und auch wir haben dadurch Angst vor euren Kriegern. Monster kann man überall sehen – auch wenn sie auf keiner Seite existieren.“

Pito, der ein paar Stufen weiter gelaufen war, kam zu ihrem großen Bedauern wieder zu ihnen hoch und ihm war anzusehen, dass sein Wissensdurst noch längst nicht gestillt war.

„Du siehst auf jeden Fall nicht wie ein Monster aus“, sagte der Junge und musterte Jaro gründlich, der immer noch zu verarbeiten schien, was er gerade gehört hatte.

„Nein?“, gab er etwas verzögert zurück, weil Risa sich entschlossen hatte, weiterzugehen und er sich wieder darauf konzentrierte, ihr zu helfen. „Wie sehen die denn aus?“

„Sie haben auf jeden Fall keine Haare und sind riesige Muskelprotze“, berichtete Pito aufgeregt. „Und wenn sie schreien, platzt einem das Trommelfell. Sie könnten mich mit nur einem Faustschlag töten!“

Jaro gab ein amüsiertes Prusten von sich. „Mit nur einem Faustschlag?“, wiederholte er.

Pito nickte überschwänglich. „Das liegt daran, dass sie die Herzen ihrer Gegner essen. Sie bekommen dadurch zusätzliche Kraft. Hast … hast du das auch schon getan?“

„Herzen gegessen?“ Jaro sah den Jungen mit einer Mischung aus Unglauben und Belustigung an und schüttelte dann den Kopf. „Nein.“

„Aber … alle erzählen, dass du einer ihrer Krieger bist“, erwiderte Pito enttäuscht.

„Bin ich ja auch, aber menschliche Herzen gehören mit Sicherheit nicht zu meinen Lieblingsspeisen. Und ich kann dir noch etwas verraten.“ Jaro beugte sich ein Stück zu dem Kind hinunter. „Ich kenne auch keinen anderen Krieger, der das jemals getan hat.“

„Wusst ich’s doch!“, rief Pito erfreut aus. „Das erzähle ich den anderen!“

Mit beneidenswerter Schnelligkeit eilte der Junge davon und Risa atmete erleichtert auf. Es mochte nicht lange anhalten, aber sie hatten wenigstens für den Moment erst einmal Ruhe.

„Tut mir leid, dass er dich so belästigt hat“, entschuldigte sie sich auf der nächsten Etage und nahm wieder ihre Krücke an sich, erfreut darüber, wenigstens ein Stück auf ebener Fläche laufen zu können.

„Schon gut“, winkte Jaro ab, „ich mag Kinder.“

Sie sah ihn prüfend an und musste feststellen, dass er eher bekümmert als verärgert aussah. Ihr Hand fand von ganz allein die seine, drückte sie sanft. „Was ist?“

„Ich habe nie darüber nachgedacht, wie wir von euch wahrgenommen werden“, gestand er. „Ich bin immer davon ausgegangen, dass ihr uns eher hasst als fürchtet.“

„Weil dein Volk dir beigebracht hat, uns als Monster zu sehen, die keine anderen Gefühle kennen“, erklärte sie und strich mit ihrem Daumen sanft über seinen Handrücken, versuchte den physischen Kontakt nicht zu sehr zu genießen, „genauso wie das meine es unseren Kindern beibringt.“

Jaros Augen wanderten hinunter zur Dorfmitte, in die sie über das Geländer blicken konnten und in der es noch recht ruhig zuging. „Das sollte nicht so sein“, sagte er leise.

„Nein, sollte es nicht“, stimmte sie ihm zu. Deswegen haben die Götter uns zusammengeführt – damit wir das ändern.“

„Und du meinst das können wir noch rechtzeitig?“ Er hob fragend die dunklen Brauen, sah nun viel eher wie ein großer Junge als wie ein gefährlicher Krieger aus – dem hilflosen Kind von damals so ähnlich …

Risa ignorierte das leichte Ziehen in ihrer Brust, das immer von dem Bedürfnis, Jaro in die Arme zu schließen, begleitet wurde, und zwang sich zu einem Nicken.

„Vorurteile können sich nur halten, wenn man nicht eines besseren belehrt wird“, sagte sie, „und das wiederum kann nur passieren, wenn man Kontakt zu denen hat, die man fürchtet oder hasst. Hast du gesehen, wie schnell Pito seine Angst vor dir verloren hat? Die Götter haben dich nicht umsonst hierhergebracht.“

„Ich hab mich selbst hierher gebracht“, wandte er schmunzelnd ein.

„… und da du wiederum von den Göttern erwählt wurdest …“

Er lachte leise. „Schon gut, du hast gewonnen – du willst also, dass dein Volk mich kennenlernt?“ Jaro gelang es gut, seine eigenen Ängste und Sorgen zu überspielen, aber sie durchschaute ihn, konnte immer noch seine innere Anspannung fühlen, die mit ihrem Wunsch sicherlich nicht abnahm.

„Nicht alle auf einmal – und bestimmt nicht sofort“, beruhigte sie ihn. „Wir gehen hinunter zum Dorfplatz und gucken, wer da ist. Das machen wir ein paar Tage hintereinander und …“

„Weil wir ja so viel Zeit haben“, unterbrach er sie sanft aber bestimmt und brachte damit sofort ihr eigenes Unbehagen zurück.

„Gut“, seufzte sie und drückte ihm erneut die Krücke in die Hand, weil sie die nächste Treppe erreicht hatten, „dann halt nicht ein paar Tage hintereinander. Lass uns einfach damit anfangen und später überlegen, wie wir weiter vorgehen, ja?“

Jaro biss sich auf die Unterlippe und nickte schließlich. Was sollte er auch anderes machen? Augenblicklich gab es nicht viel, was sie tun konnten.

 

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