12. November 2016 - 18:32

Leseprobe von Diatar – Kind des Lichts

Dämonenkind

 

 

 

Jaro hatte gewusst, was passieren würde, wenn der Husten schlimmer, das Pfeifen in seiner Brust auch für alle anderen hörbar wurde. Er hatte gesehen, wie sie Miyrta weggebracht hatten, kurz vor der Dämmerung, und ohne sie zurückgekehrt waren. Das war erst zwei Monate her und sie war wie alle anderen nie wiedergekommen. Ihre Mutter hatte geweint. Nicht vor den anderen Stammesmitgliedern, aber still und leise, hinter ihrer Hütte. Jaro hatte ihr eines seiner selbst geschnitzten Holzpferde geschenkt, weil Miyrta sie so gern gehabt hatte, aber ihre Mutter hatte es nicht gewollt, war schnell in ihre Hütte verschwunden. Jaro hatte das Pferdchen darauf zu der Lichtung gebracht, ganz nahe beim Dorf, wo die kleineren Kinder am Tage immer spielen durften, und es dort an Miyrtas Lieblingsbaum vergraben, in der Hoffnung, dass die Geister der Erde es zu ihr bringen würden.

Für ihn würde keiner etwas Derartiges tun. Er hatte nicht so viele Freunde. Keiner gab sich gern mit dem dünnsten, schwächlichsten Kind des Stammes ab; mit jemandem, der seit seiner Geburt jede Krankheit bekam, die das Dorf geißelte. Acht Jahre war er jetzt alt und in jedem dieser Jahre hatte es mindestens zweimal ein Shurto seinetwegen gegeben, eine Versammlung, in der die Ältesten die Geister der Natur anriefen, um ihren Rat zu erhalten, Heilung zu erbitten. Jedes Mal waren die Geister gnädig gewesen und einige hatten schon von einem Wunder gesprochen, weil sie Jaro derart oft eine Chance gaben, sein armseliges Leben weiterzuführen. Doch dieses Mal waren sie nicht auf seiner Seite gewesen.

Niemand hatte Jaro etwas gesagt. Er hatte mit seinem Fieber ringend auf seinem Schlaflager gelegen, als sein Vater von dem Gespräch mit den Domicias zurückgekehrt war. Die Abwesenheit der streichelnden Hand seiner Mutter hatte ihn aus seinem vernebelten Zustand gerissen, ihn ihr leise Weinen und die strengen Mahnungen des Vaters wahrnehmen lassen. Sie hatte ihn nicht noch einmal in den Arm nehmen dürfen. Sein Vater hatte das getan, weitaus weniger sanft und einfühlsam, hatte ihn aus dem Zelt und schließlich auch hinaus aus dem Dorf getragen.

Jaro wusste nicht genau, wie lange er mit ihm gelaufen war, als sie anhielten, weil er trotz seiner Angst und Trauer eingeschlafen war. Sein Körper war zu geschwächt, um in einen erregten Zustand zu geraten, sehnte sich ständig nach Ruhe … Schlaf.

„Jaro!“, sagte sein Vater in diesem strengen Ton, der ihm verriet, dass er kein Gejammer, keinen Widerspruch, keine Gegenwehr duldete. Er wiederholte seinen Namen ein paar Mal, aber erst als seine großen rauen Hände an Jaros Fingern zerrten, nahm er wahr, dass diese sich in sein Hemd gekrallt hatten, nicht loslassen wollten, obwohl er ihnen den Befehl dazu gab.

Doch Kertja, der Fischer war stark und geschickt. Er ging in die Knie und setzte Jaros Füße auf den Boden, löste die Hände seines Sohnes aus seinen Kleidern, obwohl er leise wimmerte, und erhob sich dann.

Jaro griff nicht wieder nach ihm, auch wenn seine Beine in greifbarer Nähe waren. Sein Verstand sagte ihm, dass er sich den Gesetzen ihrer Stammes zu fügen hatte, seine Brüder und Schwestern nicht durch seine Krankheit gefährden durfte. Die Geister des Waldes würde ihn aufnehmen. Vielleicht würde er erfrieren, bevor die Dämonen der Nacht kamen, um ihn zu holen. Oder er konnte selbst in den Fluss springen, dessen Rauschen bereits an seine Ohren drang.

Sein Vater hatte damit begonnen, das Stammesgebet aufzusagen, und Jaro gab dem Flehen seiner schwachen Beine nach, ließ sich im kühlen, feuchten Gras nieder und stimmte schließlich in das Gebet mit ein. Er summte es immer noch vor sich hin, als Kertja längst gegangen war; hielt sich an den uralten Worten fest, während die Kälte durch das dünne Hemd, das er trug, in seine Knochen drang, seinen ausgemergelten Körper erzittern ließ. Erst nach einer ganzen Weile erstarb seine Stimme und er sah wieder auf.

Sein Vater war ein großes Risiko eingegangen, indem er ihn so weit vom Dorf weggebracht hatte, denn die Dunkelheit kroch bereits durch die Äste der Büsche und Bäume um ihn herum. Er hatte ihn nahe an die Grenze der Dämonenwelt gebracht, obwohl das eigentlich verboten war. Warum wusste Jaro nicht, denn den Monandor den Körper eines Diatar zu überlassen, wurde zuhause mit dem Tode bestraft.

Jaros Angst wuchs nun doch, weil aus dem dunklen Wald die gruseligsten Geräusche kamen. Das Klappern seiner Zähne machte es schwer, herauszuhören, ob sich nur ein Tier durch das Dickicht bewegte oder etwas anderes, gefährlicheres und da Jaro im Dunkeln auch kaum etwas erkennen konnte, kniff er schließlich die Augen fest zusammen und presste sich die Hände auf die Ohren. Ein Husten kitzelte in seiner Brust und schon nach ein paar Sekunden konnte er es nicht mehr zurückhalten. Der Krampf schüttelte seinen ganzen Körper, seine Lunge brannte und rasselt und ihm wurde so schwindelig, dass er zur Seite kippte und erschöpft liegenblieb. Wenn die Dämonen in der Nähe waren, hatten sie ihn mit Sicherheit gehört und würden sich jeden Moment auf ihn stürzen. Es machte keinen Sinn sich zu wehren oder wegzulaufen. Sie waren viel zu stark und schnell und würden ihn mit ihren Nachtaugen in jedem Versteckt ausfindig machen.

Die Geräusche wurden deutlicher. Etwas oder jemand bewegte sich eindeutig durch den Wald. Jaro schluckte schwer und sein Herz donnerte gegen seine Rippen, ließ seinen Atem schneller werden und den Hustenreiz zurückkehren. Sein Verstand befahl ihm die Augen zu schließen, weil es besser war, das Monster, das ihn töten wollte, nicht auch noch vorher zu sehen. Aber er konnte es nicht, hielt sie stattdessen weit geöffnet, bis ein weiterer Hustenkrampf seinen Körper schüttelte.

Die Welt drehte sich für ein paar Minuten und Jaro verzog das Gesicht, presste die Lider zusammen, weil der brennende Schmerz in seiner Brust zu groß wurde. Erst als er wieder abebbte, konnte er die Augen öffnen und … erstarrte. Da waren Füße vor ihm. Kleine. Nicht größer als die seinen. Nackt. Sie mündeten in ein Paar dünner, blasser Beine und … Jaro schluckte schwer, als er den Blick weiter hinaufwandern ließ, in das Gesicht des Dämons. Doch das, was er sah, ließ ihn nicht schreien oder in Angststarre verfallen. Ganz im Gegenteil, seine Furcht wurde geringer, musste dem faszinierten Erstaunen weichen, das sich in ihm ausbreitete.

Vor ihm stand ein Mädchen, kein Monster. Ein Kind nicht viel jünger oder älter als er, gekleidet in abgewetzte Stoffe und Leder, ähnlich wie die Kleider, die sein eigenes Volk trug. Dennoch sah sie vollkommen anders aus als die Menschen seines Stammes. Ihr Haar glänzte im Mondlicht wie der silberne Schmuck der Domicias, ihre Haut war hell wie die kostbare Milch der Gita-Schafe, die es nur zu besonderen Festtagen gab. Und ihre Augen … ihre Augen strahlten in einem leuchtend hellen Blau, strahlender als jeder Kristall, den er jemals gesehen hatte.

Sie sagte etwas zu ihm, etwas in einer anderen Sprache, und auch ihre Stimme hatte nichts Furchterregendes an sich, obwohl er sich sicher war, eine Monandor vor sich zu haben. Sie war warm und hell … freundlich und ein wenig sorgenvoll. Genauso wie der Ausdruck in ihren faszinierenden Augen, als sie vor ihm in die Hocke ging und ihn genauer musterte.

Jaro stützte sich auf seinen Händen ab und setzte sich vorsichtig auf, ließ dabei das Mädchen nicht aus den Augen. Nicht aus Angst, sondern weil er nicht anders konnte. Da war dieser innere Zwang in ihm, ein starkes Drängen, eine ungesunde Neugierde. Er atmete nur ganz flach und stockend, als er seine Hand nach diesem seltsamen Wesen ausstreckte. Monandor durfte man nicht berühren. Niemals. Sie verhexten einen und das bedeutete den sicheren Tod. Doch er konnte nicht anders. Der Drang war zu groß, denn sie war zu schön, um tatsächlich zu existieren. Er musste sicher sein, dass sie keine Halluzination war.

Seine Finger trafen auf ihre Haut und für einen kleinen Moment setzten sein Atem und Herzschlag aus. Seidig weich und … warm! Kein kaltes Dämonenblut, keine Stacheln, keine spitzen Zähne, die nach ihm schnappten, keine Krallen, die ihm Haut und Fleisch von den Knochen rissen.

Sie gab ein Glucksen von sich, das wie ein Lachen klang, übermütig und wunderschön. Etwas, das er bisher nur selten in seinem Leben vernommen hatte und ganz tief in ihn drang, in seine Brust, sein Herz. Seine Mundwinkel bewegten sich, ohne sein Zutun. Etwas Befremdliches geschah in seinem Inneren, ließ ihn ein ganz ähnliches Geräusch ausstoßen wie sie zuvor.

„Risa“, sagte sie schließlich und wies auf ihre Brust.

Jaros Lippen bewegten sich ein paar Mal erfolglos, bis er endlich ein leises ‚Jaro‘ hervorbrachte.

„Jaro?“, wiederholte sie erstaunt und er nickte.

„Jaro“, sagte sie und wies lächelnd auf den Mond.

Er runzelte die Stirn. Sein Name bedeutete in der Tat Mond, aber so wie sie ihn aussprach, mit diesem leicht rollenden ‚R‘ hatte er ihn noch nie vernommen. Zudem erstaunte es ihn, dass die Monandor dasselbe Wort für den Mond verwendeten wie sein Volk.

„Risa“, wiederholte das Mädchen auch seinen Namen und wies auf eine kleine weiße Blüte ganz in der Nähe. „Risalora. Risa.“

Jaros Erstaunen wuchs. Rischalorel nannten seine Stammesmitglieder Blüten dieser Art. Er wollte ihr das sagen, doch leider packte ihn gerade in diesem Moment ein weiterer Hustenanfall, der ihn schmerzerfüllt das Gesicht verziehen ließ.

Die Augen des Mädchens bekam einen mitleidigen Ausdruck und erneut kamen Worte aus seinem Mund, die nicht so fremd klangen, wie er erst gedacht hatte. Diese Sprache … sie war der seinigen gar nicht unähnlich und wenn er sich nicht irrte, hatte das Dämonenkind ihn gerade gefragt, ob er fror. Er blinzelte verwirrt und nickte zaghaft, als es seine Frage noch einmal wiederholte. Risa sprach weiter. Er verstand Worte wie ‚zurück‘ und ‚nach Hause‘ und schüttelte dieses Mal den Kopf.

„Ich kann nicht“, sagte er und schämte sich nicht für das Brechen seiner Stimme und die Tränen, die sofort in seine Augen stiegen. Der Blick des Mädchens wurde noch mitleidiger und nur wenig später fand er sich in seinen Armen wieder. Sein Körper versteifte sich ganz automatisch und er riss entsetzt die Augen auf, doch ihm fehlte die Kraft sich gegen Risas erstaunlich kräftigen Griff zu wehren. Umarmungen kannte er nur von seiner Mutter. Niemals war jemand anderer ihm bisher so nahe gekommen und es fühlte sich befremdlich an, aber auch in gewisser Weise … schön. Tröstend. So war es für ihn schon beinahe schmerzhaft, als das Mädchen ihn wieder losließ und aufstand. Er wollte nicht, dass sie ihn verließ, ihn dem sicheren Tod überließ wie sein Vater es getan hatte.

Doch Risa schien das gar nicht vorzuhaben. Ihre blasse Hand streckte sich in seine Richtung aus, schwebte vor ihm in der Luft, bis er zugriff und sich von ihr auf die Beine helfen ließ. Sie waren zwar weich und zitterten wie der Rest seines geschwächten Körpers, doch sie trugen ihn, bewegten sich, als Risa zusammen mit ihm loslief. Wohin sie ihn führte, wusste er nicht. Er war noch nie in diesem Teil des Waldes gewesen, so nah am Reich der Dämonen. Kinder seines Stammes durften sich nie weit vom Dorf entfernen, zu groß war die Gefahr, dass ihnen etwas zustieß, oder die Monandor sie verschleppten. In seinem Fall spielte das jedoch keine Rolle mehr. Sein Stamm hatte ihn aufgegeben und der Tod war ihm gewiss. Da machte es keinen Sinn, darüber nachzugrübeln, was das Dämonenmädchen vorhatte oder wohin sie ihn brachte. Viel Zeit in der Welt der Lebenden blieb ihm ohnehin nicht mehr und es war besser jemanden in den letzten Stunden an der Seite zu haben als allein zu sterben. Risa nahm ihm seine Angst und dafür war er ihr unendlich dankbar.

Nach einer kleinen Weile vernahm er ein dumpfes Rauschen in seiner Nähe, wie … Wassermassen, die irgendwo hinabstürzten. Sein Vater hatte ihm mal von den Kitsar-Fällen erzählt, die am Rande des Dämonenlandes lagen. Er hatte sie nie gesehen, aber man erzählte sich in seinem Dorf furchtbare Geschichten über diesen Ort. Er wurde nachts von Monstern und Gespenstern heimgesucht, schlimmeren Wesen als den Monandor. Risa schienen diese Geschichten jedoch nicht bekannt zu sein, denn sie hielt weiter auf das Rauschen zu, lachte ihn sogar aufmunternd an, als sie sein Zögern bemerkte und zog ihn weiter mit sich mit.

Der Wald lichtete sich bereits und das Tosen des Wasserfalls war so laut geworden, dass es jedwedes andere Geräusch der Nacht übertönte, als Risa endlich anhielt und Jaro losließ. Sie ging vor einem Busch mit runden gelben Früchten in die Knie und begann diese in Eile zu pflücken. Jaro, dessen Beine mittlerweile nahezu um Ruhe flehten, plumpste neben ihr auf den Boden. Er hatte eigentlich sitzen bleiben wollen, doch sein Körper forderte mehr als das, ließ ihn zur Seite sinken und nach einem schmerzhaften Husten erschöpft die Augen schließen. Doch ihm war keine lange Ruhezeit vergönnt. Risa sagte etwas zu ihm und er schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen, obwohl er kein Wort verstanden hatte. Er hörte, wie sie dichter an ihn heranrutschte und dann fühlte er, wie sie ihn auf den Rücken drehte. Nur wenig später wurde sein Hemd bis zu seinem Kinn hochgezogen und die kalte Waldluft traf auf seine nackte Haut, jagte einen unangenehmen Schauer durch seinen Körper. Seine Lider flogen auf und er starrte verblüfft in Risas Gesicht. Ein konzentrierter Ausdruck lag in ihren Augen, während sie die Früchte des Buschs zwischen ihren Händen zerquetschte und die Masse dann auf seine Brust tropfen ließ.

Jaro zuckte zusammen, doch das war alles an Regung, das er zustande brachte – selbst als Risa begann seine Brust mit der Fruchtmasse einzureiben und sich dabei eine erstaunliche Wärme und ein leichtes Brennen entwickelte. Er lag einfach nur da, mit weit aufgerissenen Augen und stockendem Atem und ließ alles über sich ergehen, ohne einen Ton von sich zu geben.

Risa hielt auf einmal inne und runzelte die Stirn. Ihre Augen ruhten auf einem bestimmten Punkt seiner Brust und als sie einen Finger dorthin brachte, wusste er schließlich, was sie entdeckt hatte: Die Tätowierung der Domicias. Seine Haut kribbelte, als Risas Finger den feinen Linien auf seiner Haut folgte. Dem Erstaunen in ihrem Gesicht war ein Ausdruck größter Verzückung und leichter Aufregung gefolgt. Sie griff in ihr Haar und warf es zu einer Seite auf ihren Rücken, um ihren Hals zu entblößen, und drehte dann ihren Kopf, sodass Jaro sehen konnte, was sich nur wenige Zentimeter unterhalb ihres Ohres befand: die Tätowierung einer Art Auge, dessen Iris zu einer Hälfte Sonne und zur anderen Mond war.

Jaros Herz machte einen kleinen Sprung und er setzte sich auf, berührte zaghaft ihre Tätowierung, so wie sie es zuvor bei ihm getan hatte. Das ganze war ihm unbegreiflich. Wie konnte eine Monandor dasselbe Zeichen wie er tragen? Beschützten die alten Geister auch Dämonenkinder? Denn das war es, was sein Vater ihm erzählt hatte, dass dies ein Zeichen der Gnade der alten Geister war.

Risa schien sich über die Entdeckung furchtbar zu freuen, denn sie lachte ihn an, beugte sich vor und drückte ihre Lippen auf seine Wange. Es war nur für den Hauch eines Augenblicks und dennoch hüpfte sein Herz ein wenig und in seinem Inneren wurde es ganz warm. Seine Lippen hoben sich und ganz tief in ihm regte sich das Bedürfnis, erneut ihre Arme um sich herum zu fühlen, ihr nahezukommen und zu vergessen, welch schlimme Dinge ihm noch bevorstanden.

Dieses Mal zog Risa ihn jedoch nicht in eine Umarmung. Sie ergriff stattdessen seine Hand und drückte sie auf ihr Herz, während ihre Finger sich auf das seine legten, über dem Hemd, das mit seinem Aufsetzen wieder hinuntergerutscht war.

„Wir kommen von demselben Ort“, sagte sie leise und dieses Mal verstand er jedes ihrer Worte, auch wenn sie immer noch fremd klangen.

Jaro nickte. Er wusste, dass sie recht hatte und es machte ihm Angst, ließ sein Herz schneller schlagen und die Wärme in seiner Brust abebben. Der Husten kam zurück, ließ sie beide nicht lange in ihrer seltsamen Pose verweilen. Risa rupfte schnell weitere Früchte von dem Busch neben ihnen und reichte sie Jaro, als er wieder zu Atem kam.

„Essen“, wies sie ihn an und begleitete das Wort mit einer entsprechenden Geste. „Das wird dir helfen. Es macht dich gesund.“

Jaro zögerte nicht lange und steckte sich die Früchte in den Mund. Sie waren bitter und hatten eine schleimige Konsistenz, doch bereits nach den ersten Bissen entfalteten sie auch in seinem Mund eine angenehme Wärme, die bis in seinen Rachen ausstrahlte. Das Zittern seines Körpers wurde geringer und er fühlte die Kälte der Nacht kaum noch. Er wollte sich bei Risa bedanken, doch das Mädchen wandte ihren Kopf plötzlich zur Seite und schien angespannt zu lauschen. Es dauerte einen Moment, bis Jaro ihr Verhalten verstand. Aus der Ferne waren plötzlich wieder Geräusche zu vernehmen: das Rascheln von Laub und Knacken von kleinen Ästen.

Das Dämonenkind war mit dem nächsten Atemzug auf den Beinen, packte Jaros Hände und zog ihn ebenfalls auf die Füße. Ihre nächsten Worte verstand er in all der Aufregung nicht mehr, doch das brauchte er auch nicht, denn sie zog ihn einfach wieder hinter sich her.

Jaro wollte protestieren, ihr sagen, dass es keinen Sinn machte, ihn zu retten, doch die Angst in den Augen des Mädchens ließ ihn willenlos hinter ihr her stolpern. Lange konnte er mit ihrem Tempo allerdings nicht mithalten. Sein Körper war trotz ihrer Behandlung mit den Früchten von der Krankheit zu geschwächt. Seine Lunge rasselte schon bald und seine Beine kamen den Befehlen seines Verstandes nicht mehr richtig nach. Er sank in die Knie und gab sich einem neuerlichen Hustenkrampf hin, der ihn schwindeln ließ.

„Komm! Komm!“, drängte eine Stimme neben ihm und Risa legte sich einen seiner Arme um ihre Schulter, packte ihn bei der Taille und brachte ihn damit wieder auf die Beine.

Sie waren nun langsamer als zuvor, aber Risa war stark, trug ihn halbwegs durch das felsige Gelände und drängte ihn immer wieder nicht aufzugeben, weiterzulaufen. Jaro wusste nicht, wieso er es tat, aber er folgte ihren Anweisungen, begann um das Leben zu ringen, das er bereits aufgegeben hatte, auch wenn er gar nicht wusste, wer sie verfolgte und ob er das Monandormädchen nicht in Gefahr brachte. Irgendwann erreichten sie eine Felswand und Jaro musste mit Staunen feststellen, dass sich zwischen ein paar Gebüschen und Efeuranken der Eingang zu einer versteckten Höhle befand.

Risa musste schon öfter hier gewesen sein, denn, nachdem sie Jaro geholfen hatte, sich auf einem mit Fellen ausgestatteten Lager niederzulassen, löste sie einen etwa zwei Hand großen Stein aus der Felswand, durch den sanftes Mondlicht in das Innere der Höhle fiel. Jaro sah sie erstaunt um. Es war eindeutig, dass sich jemand hier häuslich eingerichtet hatte. Es gab einen Schlafplatz, eine Feuerstelle und selbstgeschnitztes Kochgeschirr – sogar einen kleinen Hocker auf dem eine Decke lag.

Risa hob diese auf und legte sie Jaro um die Schultern. Sie war warm und weich und sie roch wundervoll nach Lavendel. Er atmete beglückt auf und sah das Mädchen vor sich dankbar an – bis es die Decke wieder öffnete und mit in sie hinein kroch, sich an ihn kuschelte und ihn festhielt. Jaro war erst erstarrt, begann sich aber schnell wieder zu entspannen, weil es nun erst richtig warm unter der Decke wurde. Dämonen waren nicht kalt und hart. Ganz im Gegenteil. Sie fühlten sich ausgesprochen gut an. Zumindest diese Dämonin und er war nicht willens, die Geborgenheit und Hilfe, die sie ihm zukommen ließ, aufzugeben, nur weil es ihn vielleicht irgendwann das Leben kosten konnte, ihr zu vertrauen. Ein Leben, das sein Stamm ohnehin weggeworfen hatte.

„Hier bist du sicher“, murmelte Risa an seiner Schulter und ihr Haar kitzelte seinen Hals. „Das ist mein Geheimversteck. Niemand wird uns hier finden.“

Er wollte sie fragen, wie sie die Höhle gefunden hatte, ob sie oft hier war, warum sie ihm half, aber leider kam nur ein kurzes Husten aus seiner Kehle.

Risa sah ihn an und lächelte. „Ich mach dich wieder gesund“, versprach sie ihm und seltsamerweise glaubte er ihr.

 

Ebook:    2,99 € bei Amazon,Kobo, Thalia, Weltbild, Hugendubel, ebook.de etc.

Softcover 11,99 € bei Amazon, bei epubli , Thalia, Hugendubel und im Buchhandel unter der ISBN: 9783741886256 bestellbar

 

 

Share Button

6 Kommentare »     

Kommentar schreiben

Kommentar

W o w, freut ich mich schon auf die Geschichte. Das klingt ja vielversprechend.
Wann kann man denn mit dem Buch rechnen?

Wow! Da hast du mich sehr neugierig gemacht. Wann wird es denn rauskommen. Ich freu mich schon.

Liebe Ina,inzwischen weiß ich ja, dass die Geschichte von Jenna und Marek noch nicht zu Ende ist (das wusste ich schon vor dem Ende von Locvantos). Aber jetzt kann ich mich nicht nur auf diese Fortsetzung freuen, sondern auch auf die neuen Abenteuer von Jaro und Risa. Die Leseprobe klingt vielversprechend.

Liebe Grüße

Marianne Pielorz

Danke dir! Und ich hoffe natürlich sehr, dass dich auch der Rest der neuen Geschichte nicht enttäuscht. :)

Neugierde ist immer gut und freut mich sehr! :) Ich hoffe, dass ich es schaffe, das Buch ungefähr zu Weihnachten rauszubringen. Sicher ist das aber nicht. Spätester Termin wäre Anfang Januar.

Schön, dass ich dich begeistern konnte. :) Weihnachten ist der angestrebte Veröffentlichungstermin. Wenn das nicht klappt, spätestens Anfang Januar.