5. August 2014 - 13:34

Leseprobe aus Sanguineus – Band III: Schattenspiel

 

Erwachen

 

 

Es gab Momente, in denen die Zeit stehen zu bleiben schien, in denen alles in andächtige Regungslosigkeit verfiel, um dem Zauber des Geschehens genügend Raum zu geben, sich frei zu entfalten. Sonnenaufgänge wie dieser waren solche Momente. Wenn sie besonders prachtvoll werden wollten, kündigten sie sich durch ein warmes orange-gelbes Glühen am Horizont an, dessen Ausläufer sich beinahe vorsichtig in den nachtgeschwärzten Himmel tasteten, ihren Glanz von einer wattigen Wolke auf die nächste übertragend, die dann wie glühende Feuerwesen in Zeitlupe über den sich langsam rosarot färbenden Himmel tanzten. Doch auch sie mussten vor der großen roten Feuerkugel verblassen, die sich allmählich hinter der zerklüfteten Gebirgswand meilenweit von Sams Standpunkt entfernt erhob und mit aller Macht ihre warmen, rotgoldenen Strahlen in die karge Landschaft unter sich ergoss. Für diesen kurzen Augenblick, wirkten die Kakteen und krüppeligen Bäume, selbst der staubige Boden, über den nun eine leichte Brise fuhr und Schwaden feinen Sandes vor sich her trieb, kostbarer als jede Schatzkammer auf dieser Welt. Für diese wenigen Minuten sah alles aus, als hätte jemand einen Eimer flüssigen Goldes über die Landschaft gegossen.
Eine wohlige Gänsehaut breitete sich von Sams Nacken über ihren ganzen Körper aus. Sie sog tief die frische Luft in ihre Lungen ein, die die Nacht mit sich gebracht hatte und wie in einer wehmütigen Geste des Abschiedes noch einmal kurz mit einer leichten Böe über ihren Körper gleiten ließ, ihr das lose Haar aus dem Gesicht streichend. Sam stieß einen zufriedenen Seufzer aus, kuschelte sich ein wenig fester in die war-me Decke, in die sie sich gewickelt hatte, und lehnte sich auf der kleinen, aber nicht allzu unbequemen Holzbank auf der Veranda des Hauses zurück. Sie liebte diese wunderschönen Naturschauspiele. Viel zu selten hatte sie in ihrem hektischen Leben Zeit dafür, sich dem wundervollen Anblick eines Sonnenaufganges hinzugeben. Dabei waren es gerade solche Dinge, die einem neuen Mut, neue Kraft geben konnten, zeigten sie doch auf so überwältigende Art und Weise, dass die Welt und das Leben in ihr immer noch schöne, lichte Seiten hatte.
Die noch so milden Strahlen der Sonne waren nun auch bis zu ihr vorgedrungen und krochen langsam an ihren ausgestreckten Beinen entlang über ihren Körper, glitten dann sanft hinauf in ihr Gesicht. Sam schloss die Augen, lehnte ihren Kopf an die Hauswand hinter sich und genoss für einen langen Augenblick die laue Wärme auf ihrer Haut, die sie so wunderbar entspannte. Sie fühlte sich ein wenig dösig, weil sie nur wenige Stunden geschlafen hatte und beschloss, sich noch einmal etwas Ruhe zu gönnen, bevor sich die ersten anderen Personen im Haus zu regen begannen.
Die Ereignisse der letzten Tage waren zu aufregend gewesen, um so weit zur Ruhe zu kommen, dass sie durchschlafen konnte. Sie war immer mal wieder aufgewacht und hatte auf die Geräusche im Haus geachtet, bis ihr schließlich klar geworden war, dass sie diese bis zum frühen Morgen hin vernehmen würde, weil der Großteil der momentanen Bewohner des Hauses aus nachtaktiven Lebewesen bestand. Dieses Wissen hatte sie letztendlich so weit beruhigt, dass sie dann doch wieder eingeschlafen war. Nun jedoch, um kurz nach fünf, hatte der Schlaf einfach nicht mehr zurückkehren wollen. Da waren zu viele Gedanken, die sie bewegten, und so war sie aufgestanden, hatte sich umgezogen – sie war Valerie sehr dankbar, dass sie beim Packen der Kleider auch an sie gedacht hatte – und war dann in die Küche gegangen, um sich einen Kaffee zu machen.
Dr. Kendlroe war der Einzige gewesen, der zu diesem Zeitpunkt noch wach gewesen war, aber auch er hatte ihr erklärt, dass er schlafen gehen müsse, und war dann mit einem entschuldigenden Lächeln verschwunden. Sam war das ganz recht gewesen. Smalltalk am frühen Morgen lag ihr so gar nicht und außerdem fühlte sie sich mit den ihr fremderen Vampiren allein in einem Raum nicht richtig wohl. Als Mensch war sie doch immer auch eine gewisse Versuchung.
Hier auf die Veranda zu kommen und den Sonnenaufgang mitzuerleben, war eine gute Entscheidung gewesen, stellte Sam noch einmal für sich fest, als sie die Kaffeetasse, die sie neben sich abgestellt hatte, wieder in die Hand nahm und die belebende, warme, äußerst geschmacksintensive Flüssigkeit schlürfte. Der Anblick der Sonne, die nun schon viel höher am Himmel stand und den Tag unübersehbar eingeläutet hatte, und die frische Luft ließen ihren Geist und ihre Kraft neu erwachen und befähigten sie, sich erneut mit der ungewissen Zukunft zu befassen, in die sie sich mit jeder Sekunde, die verstrich, tiefer hinein bewegte.
Sie hatte bezüglich dieser ganzen Sache mit Malcolm und seinen Freunden keine Angst, jedoch gewisse Befürchtungen und Sorgen, gegen die es anzukämpfen galt – und zwar mit allen Mitteln, die sie aufbringen konnte. Ihr war schnell klar geworden, dass sie am Tag der Entscheidung nicht mehr viel tun konnte. Sie konnte sich weder vor Nathan stellen noch die anderen Vampire angreifen. Als Mensch war sie diesen Wesen unterlegen und allein die Vorstellung war lächerlich. Dennoch war sie sich sicher, dass sie eine äußerst wichtige Rolle in dieser ganzen Sache spielen und unglaublich viel bewegen konnte. Sie konnte die Zukunft beeinflussen, formen, zu ihren Gunsten verändern, ganz einfach, indem sie sich um Nathan kümmerte und ihm half, sich selbst wiederzufinden. Und gerade dieser Moment auf der Veranda, mitten im strahlenden Licht des Sonnenaufgangs, und ihre eigenen Reaktionen darauf, hatte ihr noch einmal den Auftrag bestätigt, den sie sich selbst gegeben hatte: Nathans menschliche Sinne aufzuwecken, ihm die Möglichkeit zu geben, das Leben wieder als Mensch zu spüren, in sich aufzunehmen und daraus Kraft und Lebenslust zu schöpfen. Erst dann würde er auch dazu fähig sein, sich mit seinen dunklen Erinnerungen und seiner vampirischen Seite auf positive Weise auseinanderzusetzen. Wer sich in die düsteren Abgründe seiner Seele begeben musste, brauchte ein Licht in seinem Herzen, das ihn leitete.
Auch wenn es am vorherigen Abend viel Streit und Unruhe gegeben hatte, so war der erste Versuch, Nathan wieder zu einem aktiven Mitglied des Teams zu machen, verhältnismäßig gut verlaufen. Er hatte ihnen bewiesen, dass sein Verstand wieder einwandfrei funktionierte und hatte selbst feststellen müssen, dass zumindest Jonathan und sie ihn nicht mehr aus wichtigen Dingen heraushielten, sondern ihn selbst in die unangenehmen Details ihrer Pläne einweihten. Und noch etwas außerordentlich Wichtiges war passiert: Der Vampir in Nathan hatte sich von seiner menschlichen Seite zurückdrängen lassen! Natürlich hatte Sam einen erheblichen Anteil dazu beigetragen und sich dabei die allergrößte Mühe gegeben, so zu tun, als würde sie die beginnende Verwandlung nicht bemerken. Im Endeffekt war es jedoch Nathans Willenskraft gewesen, die den Kampf gewonnen hatte. Er selbst musste das bemerkt haben und sie war sich sicher, dass dies für die nächsten Tage und Wochen und vor allem für ihre Pläne sehr hilfreich sein würde.
Ein leises Geräusch aus dem Inneren des Hauses ließ Sam aufhorchen. Es schien so, als hätte noch jemand anderes ein paar Probleme mit dem Schlafen, denn nun vernahm sie deut-lich Schritte und dann das leise Gurgeln des Wasserhahns. Sie hatte auch schon so eine Vorahnung, wer das sein konnte.
Sam atmete abermals tief durch, dieses Mal allerdings, um die in ihr aufwallende Aufregung zurückzudrängen, die ärger-licherweise immer auch eine Beschleunigung ihres Pulses mit sich brachte. Dann wickelte sie sich aus der Decke, stand auf und lief zum Eingang des Hauses. Sie hatte die Türen zuvor offen gelassen, um für ein wenig frische Luft in den ihrer Meinung nach viel zu muffigen Räumen zu sorgen, und konnte so ungehindert das Haus betreten – jedoch nicht unbemerkt.
Schon früher hatte Nathan ihre Anwesenheit gespürt, noch bevor er sie hatte sehen können. Daran schien sich nichts geändert zu haben. Er stand im Küchenbereich an die Ablage gelehnt, ihr zugewandt und hatte ein großes noch nicht ganz geleertes Glas Wasser in der Hand. Und er sah sie an, als wüsste er nicht genau, wie er mit der frühen Begegnung am Morgen umgehen sollte. Da war er nicht der Einzige.
„Hey“, kam es Sam mit einen leichten Lächeln über die Lippen. Auch sie fühlte sich seltsam befangen und hoffte, dass sich das in den nächsten Minuten geben würde, so wie am gestrigen Abend, sonst würde sich die Umsetzung ihres Plans weitaus schwieriger gestalten, als angenommen.
Nathan sah aus, als wolle er ihren Gruß erwidern, brachte dann aber nicht mehr als ein Nicken und ein halbes Lächeln zustande. Sein Blick wanderte an ihr vorbei, hoffnungsvoll nach einer weiteren Person suchend, richtete sich jedoch sofort wieder auf sie, als sie entschlossen auf ihn zuging. Gleichwohl wirkte seine ganze Körperhaltung, die Art, wie er sie ansah, alles andere als abwehrend oder verängstigt. Sie war nicht ganz sicher, aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass er den Kontakt mit ihr ebenfalls herbeisehnte, jedoch nicht so genau wusste, ob das für ihn und sie wahrlich eine so gute Idee war.
„Ich hab dich doch nicht etwa geweckt, oder?“, fragte sie, obwohl sie ganz genau wusste, dass dies nicht der Fall war. Aber dieses Thema war so schön unverfänglich und äußerst geeignet, um ein Gespräch zu beginnen. Vor allem, wenn man selbst mit Unsicherheit zu kämpfen hatte. Warum brachte sein Anblick sie immer nur so aus dem Konzept?
„Nein“, antwortete er brav und stellte das Glas Wasser beiseite. „Ich schlafe noch nicht so wirklich gut. Um die Zeit bin ich oft wach.“
Sie stellte ihre Kaffeetasse, an der sie sich die ganze Zeit festgehalten hatte, ebenfalls auf die Ablagefläche und drehte sich dann zu ihm um. Sie war jetzt nah genug, um ihn besser in Augenschein nehmen zu können, und musste mit einem kleinen Kloß im Hals feststellen, dass er nicht nur auf äußerst niedliche Art und Weise noch ziemlich schlaftrunken und zerknautscht aussah, sondern zusätzlich nicht dazu gekommen war, sein Hemd richtig zuzuknöpfen, sodass sie einen freien Blick auf seinen zwar deutlich schmaleren, aber immer noch sehr athletischen Oberkörper fast hinunter bis zum Bauchnabel hatte. Sie konnte nichts dagegen tun, ihr Blick wanderte automatisch dorthin, wo er nicht hinwandern durfte, und verharrte an jeder einzelnen Narbe, die von den dramatischen Ereignissen der letzten Woche auf dieser für sie so makellosen Haut zurückgeblieben war. Kein Außenstehender würde glauben können, dass diese gut verheilten Wunden erst vor kurzem verursacht worden waren. Dennoch war es für Sam ungewohnt, solch deutlichen Narben auf Nathans Körper betrach-ten zu können, und sie widerstand nur mit Mühe dem Bedürfnis, diese Male auch mit den Fingern zu erfühlen.
Nathan bemerkte ihren Blick sofort und wandte sich ein wenig um, vorgebend, dass er sein Glas abspülen musste, doch sie spürte deutlich, dass sie ihm mit ihrem starren Blick Unbehagen bereitet hatte. Sam schloss kurz die Augen und schlug sich innerlich ein paar Mal kräftig ins Gesicht.
„Und … was hat dich geweckt?“, half Nathan ihr über die peinliche Stille zwischen ihnen hinweg.
„Ich weiß nicht“, griff sie dankbar das Thema wieder auf. „Ich denke, ich muss mich wohl erst wieder daran gewöhnen, in einem Bett zu schlafen, das bei jeder Bewegung quietscht und knirscht, als würde es gleich zusammenbrechen.“
Er nickte verständnisvoll. „Ich glaube, ich bin der Einzige in diesem Haus, der in einem Bett nächtigt, das es auch verdient hat, als solches bezeichnet zu werden“, gab er mit einem kleinen Schmunzeln zu, das Sam sofort erwiderte. Er war heute erstaunlich kontaktfreudig und sorgte so dafür, dass sie sich langsam ein wenig entspannte.
„Auf jeden Fall besser als eine schmutzige Matratze auf dem Boden oder eines dieser Doppelstockbetten, die es in einigen der Zimmer hier gibt, oder?“, hakte sie nach.
Nathan zog grüblerisch die Brauen zusammen, so als müsse er tatsächlich erst darüber nachdenken. „Ich weiß nicht … ein bisschen kuscheliges Beisammensein mit anderen ist auch nicht zu verachten …“, brachte er mit einem beinahe schmachtenden Ausdruck hervor und Sam strahlte über das ganze Gesicht. Wenn das nicht der alte Nathan-Humor war, der sich da mutig ans Tageslicht kämpfte …
„… Kissenschlachten“, setzte sie genießerisch hinzu. „Gruselgeschichten, bis man vor Angst nicht mehr schlafen kann …“
Nathan nickte nachdenklich und begann sich ganz unauffällig das Hemd zuzuknöpfen. „Dafür wären Schlafsäcke um ein Lagerfeuer sehr viel besser geeignet“, wandte er schmunzelnd ein. „Und wenn man aus dem Schlaf hochfährt, holt man sich keine Beule.“
Sie musste lachen, obwohl ihre Augen schon wieder an seinen Händen hängen blieben, beziehungsweise eher diesen vorauseilten, um wenigstens noch einen kurzen Blick auf die Versuchung zu erhaschen, die sich nun auf und davon machen wollte. Sie war halt auch nur ein Mensch.
„Und? Hast du dir den Sonnenaufgang angesehen?“, bemühte sich Nathan ihre Aufmerksamkeit zurückzugewinnen.
Sie nickte lächelnd. „Ich liebe es, der Natur zuzusehen, wie sie erwacht“, gab sie in einem leicht verträumten Ton zu und bemerkte erfreut, wie sich etwas im Blick ihres Gegenübers veränderte. Er wurde noch sanfter und zugänglicher. Es bestärkte ihr Gefühl, dass er tief in seinem Inneren ein immenses Bedürfnis nach sinnlichen Erfahrungen hatte, welches er nur nicht auszuleben wagte.
„Die Sonne sah aus wie ein riesiger Feuerball, der den Himmel zum Brennen bringt“, lächelte sie und auch Nathan verzog seine Lippen zu einem sanften Lächeln, ihre Schilderung sichtbar nachempfindend.
„Das nächste Mal zerre ich dich einfach mit raus“, meinte sie und griff nach der Kaffeekanne, die immer noch ganz gut gefüllt war, um sich neu einzuschenken.
„Ich glaube nicht, dass das so eine gute Idee ist“, konnte sie ihn murmeln hören und spürte dabei seinen sehnsüchtigen Blick, der jeder Bewegung ihrer Hände folgte.
Nathan war im menschlichen Zustand ein regelrechter Kaf-feefanatiker gewesen, das hatte er ihr bei einem ihrer private-ren Gespräche gestanden, genauso wie den Fakt, dass er leckerem Essen und eine Zeit lang auch Zigaretten sehr zugeneigt gewesen war.
„Du bist jetzt wieder ein Mensch, Nathan“, erinnerte sie ihn und sah ihm dabei eindringlich in die Augen, die nun wieder auf ihrem Gesicht ruhten. „Die Sonne kann dir nicht schaden.“
Wie vermutet, wich er ihrem Blick sofort aus und der erste Anflug von Niedergeschlagenheit zeigte sich in seinen Zügen.
„Ich bin nicht wirklich menschlich, Sam“, sagte er leise und betrachtete eingehend die Kacheln des gefliesten Bodens.
„Oh, ich denke schon“, widersprach sie ihm sofort. „Soweit ich Peterson verstanden habe, hast nur du die einzigartige Fähigkeit von einem Zustand in den anderen zu wechseln.“
Nathan sah sie nun doch wieder an und stieß ein verärgertes Lachen aus. „Aus deinem Mund klingt das so, als ich hätte ich damit den Hauptgewinn gezogen.“
Oho! Jonathan hatte Recht gehabt. Ihr gemeinsamer Freund war derzeit leicht reizbar und konnte von einer Sekunde auf die andere seine Laune ändern. Doch so leicht ließ sie sich nicht einschüchtern.
„Okay, dann lass mich dir das auf eine andere Weise erklären“, meinte sie und auch das unwillige Zusammenziehen seiner Augenbrauen konnte sie nicht davon abhalten, weiter zu sprechen. „Ich weiß, dass du sehr mit dir selbst zu kämpfen hast und dein Körper oft nicht so will, wie du es gern hättest, aber du solltest dich deswegen nicht hier in diesem Loch einschließen und gar nichts mehr wagen, nur weil du nicht genau weißt, was passieren wird.“
Wieder hing sein Blick an den Bodenfliesen fest, aber im-merhin widersprach er ihr nicht, sondern schien eher über ihre Worte nachzudenken. Sam betrachtete ihn für einen Moment und wandte sich dann ihrem Kaffee zu, als keine weitere Reaktion von ihm kam.
„Ganz davon abgesehen, dass das völlig deiner Natur widerspricht“, musste sie doch noch leise hinzu setzen.
Nathans Augen wanderten wieder zu ihr hinüber und er hob ein wenig herausfordernd die Brauen. „Die da wäre?“
Sie musterte ihn kurz und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass sich seine Anspannung wieder verflüchtigt hatte. Er machte nun einen eher neugierigen als wütenden Eindruck.
„Lass mich nachdenken“, sagte sie gedehnt und blickte hinauf an die Decke. „Aktiv, energiegeladen … manchmal ein wenig zu waghalsig … forsch …“
„Forsch?“, wiederholte er mit einem halben Lachen. „In Bezug auf was?“
Sie zuckte mit einem unschuldigen Lächeln die Schultern. „Auf jeden Fall ist es endlich an der Zeit, dass du dieser Natur ein wenig mehr nachgibst und auch mal etwas wagst, das du nicht so richtig einschätzen kannst.“
Nathan hob fragend eine Braue. „Wie zum Beispiel?“
„Einen Spaziergang im Sonnenschein“, kam sie sofort zu ihrem eigentlichen Anliegen zurück. Natürlich sah er sie voller Skepsis an.
„… oder eine Tasse Kaffee am Morgen“, schlug sie weiter vor und schenkte ihm ein aufforderndes Lächeln.
Schon war die Resignation wieder da. „Was würde das bringen?“, gab er etwas vergrämt zurück. „Selbst wenn ich ihn vertrage … ich kann ohnehin nichts schmecken.“
Auf diese Antwort hatte sie gewartet. Sie legte ihren Kopf ein wenig zur Seite und studierte für einen Augenblick sein Gesicht. „Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen oder getrunken, was einen richtig intensiven Geschmack hatte?“
Seine Augen flohen vor ihrem Blick und richteten sich dieses Mal auf die Wand ihm gegenüber. „Frank mixt mir immer diese Nährstoffdrinks …“
„Das ist alles, was er dir bisher angeboten hat?“, fragte Sam beinahe empört. „Wahrscheinlich hat das noch nicht ein-mal einen Geschmack … oder einen, den man sogar vergessen will.“
Nun flog sein Kopf doch wieder zu ihr herum, mit einer Mischung aus Ärger und Unwillen im Blick. „Sam, so einfach ist das alles nicht! Ich bin kein richtiger Mensch! Jedenfalls nicht so einer wie du! Und ich kann definitiv nichts schmecken!“
„Gut“, meinte sie nur und verwirrte ihn damit völlig.
„Gut wie: ‚Ich glaube dir, dass du besser weißt, was in dir vorgeht‘?“ Sein Blick sucht nach einer Antwort in ihrem Ge-sicht, doch sie wandte sich wortlos von ihm ab, holte einen Löffel aus einer Schublade, öffnete dann den Kühlschrank und nahm ein kleines Fläschchen, das sie noch in der letzten Nacht dort deponiert hatte, heraus. Genau auf diese Situation hatte sie sich bestens vorbereitet.
„Gut wie: ‚Du hast deine Meinung und ich haben meine‘“, erklärte sie, während sie ein paar Tropfen der durchsichtigen Flüssigkeit aus dem Fläschchen auf den Löffel träufelte. Dann trat sie dicht an ihn heran und sah ihn herausfordernd an. „Oder gut wie: ‚Dann wird dir das hier ja wohl kaum etwas ausmachen‘ …“
Sie hob den Löffel in die Höhe seiner Lippen und nickte ihm mit einem optimistischen Lächeln zu. „Na, los! Mund auf!“
Nathan war nun vollends verwirrt. Er wollte den Kopf schütteln, ließ es dann aber bleiben und runzelte lieber misstrauisch die Stirn. „Was ist das?“
„Das wirst du ja dann schmecken …“, erwiderte sie ungerührt, „… oder auch nicht. Kommt ganz darauf an, wer von uns beiden Recht hat.“
Wieder stieß er ein Lachen aus, aber dieses Mal wirkte es ziemlich verkrampft. „Sam, was … was soll das?“
Sie legte den Kopf schräg und zog nachdenklich ihre Brauen zusammen. „Hast du etwa Angst?“
„Nein!“, entfuhr es ihm entrüstet. „Ich verstehe nur nicht, was das soll!“
„Das hier hat einen ziemlich intensiven Geschmack“, erklärte sie geduldig, obwohl sie spürte, dass ihr Arm langsam lahm wurde. „Wenn du das nicht schmecken kannst, lass ich dich für immer mit dem Thema in Ruhe.“
Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber wenigstens für die nächsten Tage würde sie ihn dann mit dem Thema Essen nicht mehr belästigen. Für Nathan schien das allerdings ein recht verführerisches Angebot zu sein. Er betrachtete den Löffel mit wachsendem Interesse.
„Ist das scharf?“, fragte er argwöhnisch.
„Was stört es dich?“, erwiderte sie provokant. „Du schmeckst es doch nicht, oder?“
Er hielt ihren Blick und hob seine Hand. Sam konnte nichts gegen den kleinen Schauer unternehmen, der ihren Rücken hinunter rann, als sich seine Finger sanft um ihr Handgelenk schlossen und er so den Löffel zu seinem Mund führte. Genauso deutlich spürte sie sein erneutes Zögern, sah sie die Frage, die aus seinen dunkelgrünen Augen sprach.
Und wieder nickte sie ihm auffordernd zu. „Vertrau mir“, brachte sie nur sehr leise über die Lippen und Nathan öffnete die seinen, um den Löffel in seinem Mund verschwinden zu lassen.
Seine Reaktion kam schnell, sogar noch schneller, als sie erwartet hatte. Sein Gesicht verzog sich zu einer gequälten Grimasse und er riss den Löffel in Sekundenschnelle wieder aus dem Mund, wandte sich zur Seite und schüttelte sich sichtbar, immer wieder die Augen zusammenkneifend. Doch Sam fühlte sich großartig. Es fiel ihr schwer, nicht vor Freude zu lachen. Seine Reaktion zeigte nicht nur, dass er etwas schmecken konnte, sondern dass er dies genauso gut konnte, wie jeder andere Mensch auch, und das machte sie so furchtbar glücklich, dass sie ihm am liebsten um den Hals gefallen wäre.
„O Gott!“, stieß Nathan mit einem halben Lachen aus und schüttelte sich schon wieder. „Was zur Hölle …“
„Einfache Zitronensäure“, antwortete sie, noch bevor er seine Frage vollständig ausgesprochen hatte, nahm ihm den Löffel ab und öffnete erneut den Kühlschrank, um ihn, ungesehen von Nathan, neu aufzufüllen.
„Samantha Reese!“, konnte sie ihn hinter sich mahnend sagen hören. In seiner Stimme steckte jedoch so viel Belustigung und aufblühende Freude, dass sie genau wusste, dass er alles andere als wütend auf sie war. „In dir steckt ja ein richtiger, kleiner Teufel!“
Sie schloss den Kühlschrank wieder und wandte sich mit einem breiten Grinsen zu ihm um, wohl darauf bedacht, den Löffeln hinter ihrem Rücken zu verstecken. Abermals trat sie dicht an ihn heran und reckte ihm ihr Kinn entgegen, sodass er ihr einfach in die Augen sehen musste. Das lebhafte Funkeln, das in den seinen plötzlich erwacht war, sorgte dafür, dass ihr Herz ein paar freudige Hopser machte. Es funktionierte … ihr Plan ging auf!
„Wenn du das richtig erkennst, verspreche ich dir, dass du auch den Kaffee wie jeder andere ganz normal genießen kannst“, sagte sie fest. „Augen zu!“
Nathan war nach der letzten ‚sauren’ Erfahrung erstaunlich gehorsam und öffnete sofort den Mund, sodass der Löffel auch dieses Mal ziemlich schnell sein Ziel fand. Nur Sekunden später riss er die Augen auf und sah sie mit solch einer Verblüffung an, dass das Lachen aus Sam einfach herausplatzen musste, vor allem als sich seine Lippen fest um den Löffeln schlossen und sich dann zu einem seligen Grinsen verzogen. Es dauerte eine ganze Weile, bis er den Löffel wieder herausrücken konnte und dazu fähig war, zu sprechen. Seine Augen glänzten nun vor Freude und er machte den Eindruck, als hätte jemand ein Licht in seinem Inneren angezündet, dass seine ganze Gestalt zum Leuchten brachte.
„Honig“, kam es ihm beinahe in einem Schnurren über die Lippen und wieder musste Sam lachen, erleichtert, befreit, glücklich. Manchmal war es doch zu schön, Recht zu haben. Vor allem wenn man danach von einem Menschen auf eine solche Weise angesehen wurde, wie Nathan das jetzt tat. So warm und dankbar und voller Zuneigung.
Sam hielt den Atem an, als seine Hände sich plötzlich nach ihr ausstreckten, ihre Handgelenke packten und er sie sanft an sich zog. Seine Arme spannten sich um ihre Schultern, sein stoppeliges Kinn berührte kurz ihre Stirn, bis sie ihr Gesicht an seiner Brust bergen musste, weil der Druck gegen ihren Rücken stärker wurde, Nathan sie noch fester an sich zog und seine Nase in ihrem Haar verbarg. Sie vernahm, wie er ihren Duft einsog und wagte nun endlich, dasselbe zu tun, schlang ihre Arme um seine Taille und lauschte dem raschen Schlag seines Herzens, dicht an ihrem Ohr, der sein Echo in ihrer eigenen Brust fand.
Es war überwältigend, so intensiv, ihn plötzlich so nah zu spüren, seine menschliche Wärme durch ihre Kleider dringen zu fühlen, dass ihre Beine weich wie Pudding wurden, ihre Kehle sich verengte und ihre Augen zu brennen begannen. Wie hatte sie sich das gewünscht, wie sehr hatte sie sich danach gesehnt, ihm nah zu sein, zu spüren, wie viel sie ihm bedeutete. Nie hätte sie damit gerechnet, dass das so schnell passierte. Und jetzt wollte sie ihn nicht mehr loslassen, nie wieder. Sie wollte ihn festhalten, am liebsten in ihn kriechen und so dafür sorgen, dass niemand mehr sie trennen konnte und all der Schrecken, alle Schmerzen und Ängste des letzten Jahres verschwanden und nie mehr wieder kamen. Sie brauchte diese Nähe, denn durch sie schienen alle Probleme kleiner zu werden und sie selbst viel stärker. Sie hoffte so, dass er dasselbe empfand.
Ein leises Gurgeln aus seiner Magengegend riss sie aus ihrer halben Trance und sie öffnete die Augen, die sie, ohne es zu bemerken, nur wenige Sekunden zuvor geschlossen hatte. Das nächste Gurgeln war schon ein wenig lauter und ihr kam ein leises Lachen über die Lippen. Nathans Umarmung lockerte sich deutlich und sie hob den Kopf, blickte ihm schmunzelnd ins erstaunte Gesicht.
„Scheint so, als hätten wir da einen Löwen geweckt“, sagte sie leise und musste sich geradezu zwingen, ihren Blick auf seine ausdrucksvollen Augen gerichtet zu lassen. Sein Gesicht war beunruhigend nah und nun verzogen sich seine Lippen auch noch zu diesem etwas verlegenen, unwiderstehlichen Lächeln.
„Jetzt muss ich mich auch noch damit rumschlagen“, rügte er sie leise, doch seine Augen funkelten amüsiert. Dass diese ebenfalls kurz ihre Lippen streiften, war gewiss nur Einbildung.
‚Okay, Sam, lass ihn jetzt los!’, befahl sie sich selbst, während sie ihn nur weiterhin etwas weggetreten anlächelte. ‚Dieser Mann ist gerade erst dem Tod von der Schippe gesprungen und kämpft mit den Folgen einer Reihe von schlimmen Experimenten, die man an ihm vorgenommen hat. Mag sein, dass er dein Bedürfnis nach körperlicher Zuneigung teilt, aber das nur bis zu einem gewissen, anständigen Maß. Also, reiß dich gefälligst zusammen!’
„Keine Sorge, ich helfe dir bei der Fütterung des Raubtiers“, entgegnete sie in einem viel zu verspielten Tonfall. Du liebe Güte, jetzt fing sie auch noch an zu flirten!
Es kostete sie sehr viel Willenskraft – gerade weil auch Nathan keine Anstalten machte, sie loszulassen – aber schließlich gelang es ihr, sich aus seinen Armen zu befreien und mit wackeligen Beinen zum Kühlschrank zu gehen. Sie spürte Nathans Blick in ihrem Rücken und betete zu Gott, dass er gesundheitlich noch zu angeschlagen war, um zu erahnen, was in ihr vorging und welche Bedürfnisse diese unschuldige Umarmung in ihr geweckt hatte. Schnell konzentrierte sie sich darauf, die wenigen Dinge im Kühlschrank auf ihre Brauchbarkeit zu überprüfen. Jonathan hatte zwar für ein paar Le-bensmittel gesorgt, da Peterson und sie jedoch die einzigen Personen waren, die bisher etwas gegessen hatten und auch darauf angewiesen waren, fiel die Auswahl nicht allzu groß aus. Wenn Sam ganz ehrlich war, wusste sie auch nicht genau, was Nathan schon essen durfte und was nicht. Auch wenn sein Geschmackssinn eindeutig wieder da war, sein Magen war durch eine Kugel verletzt worden und sie war sich nicht darüber im Klaren, in wie weit diese Verletzung ausgeheilt war und wie vorsichtig er sein musste.
„Gibt es etwas, worauf du besonders Hunger hast?“, fragte sie und wandte ihren Blick vom Inhalt des Kühlschrankes ab, um festzustellen, dass Nathan sich eine Tasse aus dem Küchenschrank genommen hatte und diese nun voller Vorfreude mit Kaffee füllte. Sein Blick streifte sie nur, als er aufsah, und blieb dann an einem Punkt hinter ihr hängen.
„Na, wenn das nicht meine beiden Lieblingsmenschen sind!“
Ein sprechender Punkt musste sie mit einem erschrockenen Zusammenzucken feststellen.
„Hab ich euch bei einer geheimen Verschwörung gegen die Vampire dieses Hauses gestört oder laufen wir uns nur durch die Fügung des Schicksals zu so früher Stunde über den Weg?“
Und ein Punkt, der ungewöhnlich gute Laune hatte.
Jonathan begegnete Sam mit einem fröhlichen Grinsen, als sie sich zu ihm umwandte, und trat dann sogleich neben sie an den Kühlschrank, um sich eine frische Packung Blut herauszunehmen. Nathan musterte seinen Freund, der in eine elegante dunkle Hose und ein seidiges blaues Hemd gekleidet war, eingehend von oben bis unten und nickte schließlich anerken-nend.
„Jetzt stimmt das Bild wieder.“
Tatsächlich machte Jonathan einen viel gelösteren, vertrauteren Eindruck als zuvor, einfach nur, weil er durch Valeries Fürsorge wieder in der Lage war, sich so zu kleiden, wie es eines Jonathan Haynes würdig waren. Er strahlte eine Heiterkeit und Lebendigkeit aus wie schon lange nicht mehr und begegnete Nathan mit einem Grinsen, das seinesgleichen erst suchen musste.
„Warum bist du so früh auf?“, erkundigte sich Sam interessiert und schloss den Kühlschrank wieder, ohne selbst etwas herausgenommen zu haben.
„Frühschicht“, erklärte er knapp und nahm sich ein Glas aus dem Küchenschrank über der Ablage. „Außerdem habe ich noch eine Menge Dinge zu organisieren, die mit Menschen zu tun haben. Auch wenn ich es ausgesprochen genieße, diesen kleinen Urlaub hier mit euch zu machen – meine Geschäfte erledigen sich nicht von allein. Und wie du weißt, sind die meisten Menschen besser am Tag zu erreichen.“
„Was genau heißt Frühschicht?“, hakte Sam irritiert nach.
Jonathan goss sich schwungvoll das Blut in sein Glas.
„Wir waren alle der Meinung, dass das Haus am Tag von mindestens zwei Personen bewacht werden sollte, und da es für eine Weile nur einen Tagaktiven im Haus gab und ich meist ohnehin viele Dinge zu erledigen habe …“ Er zuckte die Schultern und blieb mit seinem Blick an Nathan hängen, der soeben voller Genuss einen Schluck von seinem Kaffee nahm, und stutzte.
„Du trinkst Kaffee?“ stellte er mit freudiger Überraschung in der Stimme fest und Nathan nickte, ohne das selige Lächeln, das ihn überfallen hatte, abstellen zu können.
Jonathans breites Grinsen war sofort wieder da und Sam war sich sicher, dass sich seine Laune noch ein ganzes Stück gehoben hatte.
„Wir haben festgestellt, dass mein Geschmackssinn doch nicht völlig abhanden gekommen ist“, erklärte Nathan und nahm gleich einen weiteren großen Schluck von seinem so heiß geliebten und lang vermissten Getränk.
„Hört, hört“, lächelte Jonathan. „Hab ich sonst noch wichtige Ereignisse während meines Schönheitsschlafes verpasst?“
„Nein, aber wir wollen heute noch einen schönen Spaziergang in der Sonne machen“, setzte Sam hinzu und überraschte damit beide Männer so sehr, dass sie sich beinahe an ihren jeweiligen Getränken verschluckten.
„Was bitte?“, gelang es Jonathan mit einem leichten Husten zu fragen. „Ihr wollt … raus?“ Sein Blick wanderte von Sam zu Nathan, der mit dieser Frage sichtlich überfordert war.
„Äh … ich … eigentlich …“, stotterte er und Sam ent-schied sich, ihn schnell zu erlösen.
„Ich denke, Nathan ist lange genug in diesem Haus eingesperrt gewesen“, erklärte sie und machte damit deutlich, dass das alles zu ihrem Plan gehörte und nicht zu verhandeln war. „Ein bisschen frische Luft und Sonne werden ihm gut tun.“
„Mit der frischen Luft habe ich kein Problem, Sam“, erwiderte Jonathan zögernd. „Aber Sonnenlicht …“
„Er ist ein Mensch, Jonathan“, gab sie fest zurück und brachte ihn damit sichtbar ins Grübeln.
„Auch wenn du dieser Meinung bist, Sam“, mischte sich nun Nathan doch wieder ein und schien merkwürdigerweise wirklich nervös zu werden, „… so ganz stimmt das nicht. Ich besitze immer noch einen Vampiranteil …“
„Aber der ist im Moment doch furchtbar gering!“, hielt sie dagegen. „Oder Jonathan?“
Der Vampir betrachtete seinen Freund einen Moment nachdenklich, dann nickte er.
„Der Vampirgeruch ist in der Tat minimal“, musste er zugeben. „Dein Herzschlag klingt wie der eines Menschen und du strahlst auch eine ganze Menge Wärme aus. Kein anderer Vampir, der deine Geschichte nicht kennt, würde jemals auf die Idee kommen, dass auch in dir ein Vampir steckt.“
„Aber das sagt nichts darüber aus, ob ich Sonnenlicht vertrage oder nicht!“, wandte Nathan erregt ein und Sam konnte nun deutlich spüren, dass er in der Tat Angst davor hatte, das Haus zu verlassen. Jedoch war sie sich sicher, dass das Sonnenlicht nur ein vorgeschobener Grund war. Dumpf aus ihrem Unterbewussten drängte herauf, dass sie mal etwas über dieses Phänomen gelesen hatte. Menschen, die eine lange Zeit eingesperrt gewesen waren, konnten durchaus eine anfängliche Phobie vor der Freiheit, vor offenem Gelände entwickeln und taten sich sehr schwer damit, geschlossene Räume, in denen sie sich einigermaßen sicher fühlten, zu verlassen.
Komischerweise zeigte Nathan in Angstzuständen wie in der Nacht, als er aus seinem Alptraum erwacht und sich verwandelt hatte, ein völlig gegensätzliches Verhalten – dann musste er unbedingt ins Freie, um wieder zu Atem zu kommen.
„Da hat er auch wieder Recht“, riss Jonathan sie aus ihren Gedanken und solidarisierte sich damit zu Sams Ärgernis mit Nathan. Umso erfreuter war sie, als gerade in diesem Augenblick Peterson schlaftrunken in den Wohnbereich torkelte und nach einem kurzen Moment der Orientierungslosigkeit mit einem matten Lächeln auf sie zukam.
„Meine Güte, haltet ihr so früh am Morgen schon wieder eine Versammlung ab?“, murmelte er und auch sein erster Gang führte zur Kaffeemaschine.
„Was passiert, wenn Nathan sich in die Sonne stellt?“, fragte Sam geradeheraus, als Peterson sich großzügig Kaffee in Sams halbgefüllte Tasse goss.
Der Professor blinzelte ein paar Mal irritiert, dachte dann allerdings über die Frage nach. Schließlich zuckte er die Schultern. „So in seinem jetzigen Zustand?“, fragte er mit einem kurzen Blick auf Nathan, dessen Wangenmuskeln schon wieder vor Anspannung zuckten, und Sam nickte rasch.
„Wenn er das zu lange macht …“, er nickte, sich selbst zustimmend, „… wird er höchstwahrscheinlich …“, Sam hielt den Atem an, „… schön knackig braun werden.“
Der Professor stieß ein kleines Lachen aus und nahm dann glücklich einen Schluck Kaffee.
Nathan starrte ihn mit einem Ausdruck völliger Sprachlosigkeit an und auch Jonathan hob erstaunt die Brauen.
„Geht es dir gut?“, erkundigte er sich bei dem alten Mann. Doch der lachte nur wieder.
„Aber ja doch!“, setzte er fröhlich hinzu. „Es ist zwar noch vor sieben Uhr in der Früh, aber ich habe wunderbar geschla-fen. Das erste Mal seit … ich weiß nicht wie lang. Irgendwie glaube ich nämlich seit gestern, dass wir alles ganz wunderbar hinbekommen werden. Also …“, er trat an Nathan heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter, „… tu einfach, was diese wundervolle, kluge, junge Frau dir sagt und geh raus an die frische Luft! Selbst ein Vampir kann unter Sonneneinstrahlung nicht zu Staub zerfallen und du erst recht nicht. Dein Körper wird dir sagen, ob du es verträgst oder nicht. Du musst nur endlich anfangen, ihm zuzuhören und auf seine Bedürfnisse zu reagieren.“
Nathan sah den Professor zweifelnd an. Sam spürte jedoch, dass sein Widerwille zu bröckeln begann, auch wenn sich seine Angst weitaus weniger schnell verflüchtigen wollte.
„Und du bist ja nicht allein“, setzte der Professor hinzu und sein Mund und seine Nase verschwanden wieder hinter den Rändern der Kaffeetasse.
„Und du?“, wandte sich Nathan stirnrunzelnd an Jonathan. „Du hast keine Einwände, wenn Sam und ich allein da draußen herumlaufen?“
Jonathan sah kurz zur offenen Haustür, durch die schon die Strahlen der Morgensonne fielen und den Holzboden erwärmten, und zuckte dann die Schultern.
„Das hier ist das einzige Farmhaus auf Meilen“, meinte er, als er seinen Freund wieder ansah. „Ich denke, ernstzuneh-mende Gefahren gibt es hier für euch nicht.“
„Ich rede ja auch nicht von fremden Gefahren“, erinnerte ihn Nathan etwas verstimmt.
„Glaubst du im Ernst, der Vampir in dir wird sich regen, wenn du mitten im prallen Sonnenlicht herumwanderst?“, erkundigte sich Jonathan. „Einen besseren Zeitpunkt kannst du dir für einen Spaziergang momentan nicht aussuchen.“
Sam hätte ihren Freund für dieses Argument am liebsten so fest gedrückt, wie sie nur konnte, doch sie riss sich zusammen. Jonathan war kein Freund von überschwänglichem Körperkontakt. Also beließ sie es bei einem dankbaren Lächeln.
Nathan hingegen war sogar die Lust auf seinen Kaffee vergangen. Er stellte die Tasse zurück auf die Ablage und verkreuzte mit einem leicht bockigen Gesichtsausdruck die Arme vor der Brust. Sein Blick wanderte ungnädig von Jonathan zu Peterson und dann zurück zu ihr.
„Wie … wie lange soll das denn dauern?“, fragte er ein wenig knurrig.
„Nur so lange, wie du es erträgst“, gab sie sanft zurück. Sie war ja schon froh, wenn er überhaupt ein paar Schritte vor die Tür machte.
Nathan schwieg ein paar Sekunden lang.
„Okay“, gab er schließlich nach und Sams Herz machte einen kleinen, erfreuten Sprung.
„Aber wenn irgendwas nicht stimmt, gehen wir sofort wieder rein“, setzte er rasch hinzu und sie nickte eifrig.
Er atmete tief durch und löste sich dann aus seiner starren Haltung. „Dann geh ich noch mal auf mein Zimmer, meine Schuhe holen“, erklärte er und setzte sich sofort in Bewegung.
Sam sah ihm mit einem kleinen Schmunzeln nach und registrierte aus dem Augenwinkel, dass sie nicht die Einzige war.
„Jetzt geht er verzweifelt nach einer Lösung suchen, wie er da wieder rauskommt“, bemerkte Jonathan in einem amüsier-ten Ton. „Ich bin ja mal gespannt …“
„Da kommt er nicht raus“, verkündete Sam entschlossen und Jonathan wandte sich schmunzelnd zu ihr um.
„Wie hast du das hingekriegt?“, fragte er mit ehrlicher Bewunderung in der Stimme. „Er trinkt Kaffee, ist verhältnismäßig gut gelaunt und wird sich wahrscheinlich zum ersten Mal seit langem an die frische Luft bewegen.“
„Ja, das ist fantastisch!“, stimmte Peterson ihm begeistert zu. „Sie sind ein richtiges Animationstalent!“ Leiser setzte er hinzu: „Vor allem, wenn man bedenkt, wie schlecht es ihm bisher psychisch ging. Aber passen Sie auf, dass Sie ihn nicht überfordern!“
„Das werde ich nicht“, versprach Sam sofort. „Mir reichen nur ein paar Minuten an der Sonne. Da muss kein richtiger Spaziergang draus werden.“
„Wenn ihr länger als eine Stunde wegbleibt, schicke ich euch einen bewaffneten Suchtrupp hinterher“, drohte Jonathan ihr. „Bei dir weiß man ja nie, auf wen du unterwegs plötzlich triffst und im Nu’ ist die halbe Welt hinter euch her.“ Er zwinkerte ihr zu, doch sie spürte genau, dass auch ein Stück echte Besorgnis hinter seinem heiteren Ton steckte.
„Ich verspreche hoch und heilig, so schnell wie möglich wieder da zu sein“, sagte sie, machte nun doch einen Schritt auf Jonathan zu und drückte ihn kurz.
„Danke“, brachte sie leise hervor, als sie ihn wieder los-ließ.
„Wofür?“, fragte er mit einem verwirrten Stirnrunzeln.
„Für dein Vertrauen“, erklärte sie, schenkte ihm ein weite-res dankbares Lächeln und wandte sich dann von den beiden Männern ab, um sich nun selbst in ihrem Zimmer für den Spaziergang fertig zu machen.
„Moment …“, hörte sie Peterson sich verblüfft an Jonathan wenden, als sie schon im Flur war. „Sagtest du gerade, er trinkt Kaffee?“

 

 

Schattenseiten

 

 

Ich hatte die Sonne früher gemocht. Nicht so wie all die Sonnenfanatiker, die sich jedes Jahr auf irgendwelchen tropischen Inseln so lange in die heiße Glut legten, bis sie aussahen wie frisch gekochte Hummer und dann im Alter daran zerbrachen, dass ihre Haut vom schwarzen Hautkrebs zerfressen wurde. Nein. Aber ich hatte sie gemocht. Es war ein schönes Gefühl gewesen, sein Gesicht für ein paar Minuten in die wärmenden Strahlen zu halten, die Augen zu schließen und sich einfach nur zu entspannen. Allein, dass ich mich nach all diesen Jahren noch an dieses Gefühl erinnern konnte, sprach dafür, dass ich es mehr als genossen hatte. Und manchmal vermisste ich es.
Ich mochte die Sonne auch heute noch – solange ich ihr nicht direkt ausgesetzt war, verstand sich natürlich. Dass mein Wohnsitz in Kalifornien lag, hing zwar hauptsächlich mit meinen Geschäftsverbindungen zusammen, hatte aber auch etwas damit zu tun, dass ich der Wärme und Helligkeit dieses Staates zumindest nicht abgeneigt war. Solange ich mich im Schatten aufhalten konnte und über eine gut funktionierende Klimaanlage verfügte, hatte auch ich meine Freude an schönem Wetter, fröhlichen Menschen und knapp bekleideten Frauen – vorzugsweise, wenn diese sich mit mir in meinem wundervollen Pool tummelten.
Hier jedoch gab es weder einen Pool noch knapp bekleidete Frauen – ich war mir beinahe sicher, dass sich Sam von mir nicht dazu überreden lassen würde, einen Bikini anzuziehen – sondern nur die für mich beinahe aggressiv vom Himmel brennende Sonne, der man kaum entkommen konnte, sobald man das sichere Heim verlassen hatte. Die wenigen Bäume und Büsche waren zu niedrig, als das man ihren Schatten nutzen konnte, um den grellen Sonnenstrahlen zu entfliehen, und die Scheune hatte ich längst hinter mir gelassen. Aber da mein Ziel nun schon viel näher gerückt war, eilte ich einfach weiter über den staubigen Boden, Barrys Computerzeitschrift über den Kopf haltend und mich auf den Gedanken konzentrierend, dass mein Besuch bei unseren menschlichen Gastgebern absolut notwendig war. Ganz gleich wie anstrengend der Marsch zu ihrem Haus war, diese Visite war nicht mehr aufzuschieben.
Zwei Anliegen bewegten mich zu diesem Irrsinn: Zum einen benötigte ich aufgrund von Nathans positiver Entwicklung mehr Lebensmittel, um Sam in ihrer erstaunlich erfolgreichen Motivationsarbeit zu unterstützen – auch Frank hatte noch einmal ausdrücklich betont, wie wichtig es war, die Grundbedürfnisse von Nathans menschlicher Seite zu befriedigen – und zum anderen hatte ich mich daran erinnert, dass vielleicht auch Alejandro über die neuesten Taten der Garde aufgeklärt werden müsste und er eventuell einige meiner eigenen Wissenslücken füllen konnte.
Zudem war es wichtig, dass ich allein mit ihm sprach und das konnte ich nur, solange Nathan noch zu sehr mit sich selbst und Sam beschäftigt war, um sich für die Dinge zu interessieren, die ich organisierte. Auch wenn Alejandro und seine Familie gemeinsame Freunde von uns waren und Nathan sie sogar ein Stück länger kannte als ich selbst, so gab es doch ein pikantes Detail in Alejandros Vergangenheit, das wir ihm beide vorenthalten hatten und das in Hinblick auf das Martyrium, das Nathan im letzten Jahr durchlebt hatte, deutlich an Brisanz gewonnen hatte. Der Gedanke daran machte mich nervös, vor allem, weil mir nur allzu deutlich bewusst war, dass das Geheimnis, das Alejandro und ich teilten, nur noch für eine sehr begrenzte Zeit eines bleiben konnte.
Erinnerungen wallten in mir auf. Erinnerungen, an den Beginn einer Kette dramatischer Ereignisse, die am Anfang keiner hätte voraussagen können und am Ende zwar zur Freiheit dreier Menschen, aber auch zu Schmerzen und Tod ande-rer geführt hatte. Wenn ich ehrlich war, hätte ich es allerdings zumindest im Ansatz erahnen können, als Nathan mich im Sommer 1991 zu diesem Treffen in einer gemütlichen, kleinen mexikanischen Bar eingeladen hatte. Natürlich nur um mich um einen winzig kleinen Gefallen bezüglich eines neuen Falls zu bitten. Allein sein eigenartig lockerer Ton während unseres kurzen Telefonats hätte mich damals stutzig machen müssen. Und im Grunde genommen hatte ich in jener Zeit schon so viele negative Erfahrungen mit Nathans Himmelfahrtskom-mandos zur Rettung eines armen, hilflosen Menschen gemacht, dass ich eigentlich gar nicht hätte hingehen dürfen. Aber ich war mal wieder hoffnungslos in einer dieser seltenen, dekadenten Ich-weiß-nichts-so-richtig-mit-meinem-Leben-anzufangen-Phasen gefangen gewesen und sehnte mich so sehr nach Abwechslung, dass ich mich tatsächlich von Nathans furchtbar einfallslosen Lockmitteln einlullen ließ: heiße Musik, selbstgebrannter Schnaps und rassige Frauen …

 

Das Lokal, das ich betrat, war keine sonderlich große Überra-schung für mich. Nett, gemütlich, ein stimmungsvolles Ambiente mit ansprechender Musik, fröhliche Gäste – darunter auch ein paar wirklich schöne Frauen, die sich geschmeidig auf der Tanzfläche zu bewegen wussten – eben ein typisches Nathan-Lokal. Natürlich passte ich nicht hierher mit meinem maßgeschneiderten Anzug und dem leicht arroganten Zug um die Lippen, der bei mir zu einem Automatismus geworden war, sobald ich einen Raum betrat, der mit vielen fremden Personen gefüllt war. Es verhinderte, dass mir unangenehme Menschen zu schnell auf die Pelle rückten und sorgte, gepaart mit meiner Ausstrahlung, meist für den nötigen Respekt und Abstand.
Ich sog unauffällig die von Rauch, Alkohol und Schweiß geschwängerte Luft in meine Nase ein, sortierte in Sekunden-schnelle die verschiedenen Gerüche und wusste im nächsten Moment ganz genau, in welche Richtung ich gehen musste, um Nathan zu finden. Er war der einzige Vampir in diesem Lokal. Aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich seinen Geruch sofort von allen anderen unterscheiden können, gab es doch kaum einen, der mir vertrauter war.
Nathan saß in einer stilleren Ecke an einem längeren Tisch und war natürlich nicht allein. Vier Menschen leisteten ihm Gesellschaft, von denen zwei mir gänzlich unbekannt waren. Die anderen beiden hatte ich schon ein paar Mal getroffen. Rechts von Nathan saß ein junger Mexikaner mit einem run-den, sehr kindlichen Gesicht, der sich ein wenig über den Tisch gebeugt hatte und gerade lachend eine Geschichte er-zählte. Nathan und er hatten sich durch seine Schwester Mari-sa kennengelernt und ziemlich rasch freundschaftliche Bande geknüpft. Sein Name war recht eingängig … José, oder so ähnlich. Ich wusste von Nathan, dass er nicht ganz gesund war und schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken spielte, sich zu einem Vampir machen zu lassen.
Überrascht war ich allerdings darüber, dass sich seine junge, bildhübsche Schwester, die soeben noch neben Nathan gestanden hatte, nun mit einem verführerischen Lächeln auf seinem Schoß niederließ und mein Freund ihr einen Blick schenkte, der alles andere als harmlos war und sich direkt auf ihre Halsschlagader richtete. Hätte ich Nathan nicht so gut gekannt, hätte ich damit gerechnet, dass er jeden Moment seine Fänge in ihrem zarten Hals versenkte; doch Nathan war nicht der Typ, der sich in der Öffentlichkeit an einer lebenden Nahrungsquelle vergriff – schon gar nicht, wenn ihm Men-schen gegenübersaßen. Jedoch war da noch etwas anderes in seinem Blick, etwas, das in der Beziehung zwischen Marisa und ihm neu war und mir so gar nicht gefallen wollte: sexuelles Interesse.
Natürlich hatte ich mich für Nathan gefreut, dass er sich mit Marisa endlich mal wieder eine willige Blutspenderin zugelegt hatte und ich war grundsätzlich der Meinung, dass man sich mit diesen auch durchaus auf andere Weise amüsieren konnte, doch Nathan war nicht wie ich. Er hatte seit seiner Verwandlung nie etwas mit einem Menschen angefangen, hatte sich noch nicht einmal eine kurze, heiße Affäre gegönnt – nicht nur weil er davor Angst hatte, eine menschliche Frau eher zu verletzen oder gar zu töten, sondern auch weil er sich selbst zu gut kannte. In Nathans Welt hingen Sex und Liebe ziemlich eng zusammen. Wie jeder Mann hatte er in seinem menschlichen Leben auch den einen oder anderen One-Night-Stand mitgenommen, aber ganz tief in seinem Inneren suchte er trotz der schlechten Erfahrungen mit Béatrice immer noch nach Liebe und Geborgenheit. Sexuelles Interesse an einem Menschen, das er sich selbst eigentlich streng verbat, deutete bei ihm meist darauf hin, dass er drauf und dran war, sich zu verlieben.
Marisa war schön, sexy und temperamentvoll und sie hatte ihren eigenen Kopf, eine Eigenschaft, die nicht nur Nathan an Frauen zu schätzen wusste. Aber sie war ein Mensch – eine gänzlich schlechte Voraussetzung, um daraus eine Liebesbe-ziehung zu machen. So etwas funktionierte nicht und führte im Endeffekt nur zu Schmerz und Reue, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Es war wohl mal wieder an der Zeit, dass ich mir meinen Freund zur Seite nahm und ein ernstes Gespräch mit ihm führte.
Die anderen beiden Personen am Tisch waren mir gänzlich unbekannt, soweit ich das von der mit jedem meiner Schritte schrumpfenden Distanz erkennen konnte. Und sie saßen mit dem Rücken zu mir. Da ihre Arme jedoch recht braun waren und ihr Haar voll und dunkel, ging ich davon aus, dass auch sie ursprünglich aus Mexiko gekommen waren. Was ich aller-dings sehen konnte, war, dass es ein Paar war. Sie war eine recht zarte Person, mit schmalen Schultern und kunstvoll hochgestecktem Haar, während er sehr breitschultrig und für einen Mexikaner ziemlich groß gewachsen war. Er hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt und ihr Kopf ruhte an der sei-nen.
Nathan schien meine Anwesenheit nun endlich zu spüren und mit ein wenig Mühe gelang es ihm, seinen Blick von dem Hals Marisas zu lösen und dem meinen zu begegnen. Ein erfreutes Lächeln erhellte für einen Moment seine Züge und auch die junge Frau auf seinem Schoß sah nun zu mir hinüber, stand schnell auf und eilte auf mich zu.
„Jonathan“, strahlte sie und warf mir die Arme um den Hals, um mich herzlich zu drücken. Auch wenn ich das Gefühl eines warmen Frauenkörpers, der sich fest an den meinen presste, in anderen Situationen außerordentlich genoss, so waren mir solch körperliche Begrüßungszeremonien sonst doch eher ein Gräuel. Für mich hatten sie oft etwas Falsches, Verlogenes an sich, hatte man doch die wenigsten Menschen so gern, dass man sie physisch spüren wollte.
Dennoch bemühte ich mich um ein Lächeln und ließ mich von Marisa an den Tisch ziehen. Nathan versteckte ein Schmunzeln hinter seiner Hand, kannte er meine Eigenarten doch zu gut. Doch ihm kam es nicht in geringster Weise in den Sinn, mich aus den Klauen seiner Spenderin zu befreien. Es war nicht so, dass ich Marisa nicht mochte – ich hatte sie und Nathan sogar bekannt gemacht – aber sie war mir manchmal ein wenig zu forsch und dominant.
„Jonathan, das sind mein lieber Cousin Alejandro Sergio Moreno und seine Frau Isabella“, stellte sie mir das junge Paar vor. Ich musterte die beiden kurz. Sie waren ein ganz hübsches Paar; er sehr markant für sein noch so jugendliches Alter, mit hohen Wangenknochen und dunklen, aber sehr warmen Augen und sie unglaublich weiblich, mit vollen Lippen, weichen, beinahe klassisch schönen Gesichtszügen und großen, unergründlichen Augen, die großen Kummer hinter einem freundlichen Lächeln verbargen. Ich bemerkte erst spät, dass da noch eine weitere Person am Tisch, beziehungsweise auf dem Schoß Isabellas saß und mich nun mit runden, staunenden Augen begaffte: ein kleiner pausbackiger Junge von knapp zwei Jahren. Er besaß die schönen mit langen Wimpern umrahmten Augen seiner Mutter, jedoch die breite Nase seines Vaters und dessen prägnantes Kinn. Er schien erstaunlich furchtlos zu sein und entblößte seine ersten Zähne mit einem Strahlen, das Frauen gewiss zu einem entzückten Quietschen bringen konnte. Das Quietschen lag mir nicht so, also sah ich ihn nur stirnrunzelnd an.
„Und das ist Manolo“, erklärte Marisa mit einem Stolz, als würde sie mir ihr eigenes Kind vorstellen. Ich bemerkte deutlich, wie sie meine Reaktion auf den Kleinen beobachtete und langsam dämmerte mir, dass der Gefallen, um den Nathan mich bitten wollte, nicht nur auf seinem Mist gewachsen war, sondern auch zu großen Teilen auf dem ihren. Und dieser unschuldige, kleine Junge sollte als Druckmittel herhalten, um mein kaltes Herz zu erweichen, was mich ahnen ließ, dass der Gefallen mit dieser Kleinfamilie zusammenhängen musste.
„Meinen Bruder Javier kennst du ja schon“, setzte sie noch hinzu und der junge Mann nickte mir bemüht herzlich zu. Ich lächelte überfreundlich zurück und sah dann meinen besten Freund mit erhobenen Brauen an.
„Also, worum geht es?“, fragte ich direkt, bevor Marisa noch weitere zuckersüße Geschütze auffuhr, um mich weich zu kochen.
„Setz dich doch erst einmal“, erwiderte Nathan leicht amü-siert und zog den Stuhl, neben dem ich stand, zurück, um dann mit einem Nicken auf die Sitzfläche zu weisen.
Wenn ich mich jetzt setzte, konnte es durchaus sehr anstrengend werden, aus der ganzen Sache herauszukommen. Nathan war ein verdammt sturer Hund und er war dieses Mal nicht allein. Aber hatte ich nicht erst gestern darüber gejammert, wie uninteressant mein Leben zurzeit war?
Ich atmete tief durch und ergab mich meinem Schicksal.
„Mein Cousin und seine Familie haben ein ziemlich großes Problem“, wandte sich zu meiner Verwunderung Javier an mich, kaum dass mein Gesäß den Sitz berührt hatte. „Und weil wir ihnen allein nicht helfen konnten, haben wir uns an Nathan gewandt. Und er meinte, er könne uns vielleicht unterstützen, wenn wir dich auch noch mit ins Boot kriegen.“
Nathans Mimik war anzusehen, dass ihm die Wortwahl des jungen Mexikaners so gar nicht gefiel, musste sie doch bei mir sofort eine Abwehrhaltung provozieren.
„Moment, Moment!“, gab ich rasch zurück. „Ich bin alles andere als ein guter Bootsmann und schon gar nicht seetauglich.“ Bildersprache war doch so etwas Wundervolles … so schön viele verwirrte Gesichter …
„Du sollst ja auch nur die Leinen lösen und dem Boot einen kleinen Schubs geben.“ Tja, bei Nathan funktionierte die Verwirrungstaktik nicht ganz so gut.
„Reicht es nicht, wenn ich am Steg stehe und winke? Ich könnte dabei auch ganz nett lächeln“, bot ich freundlich an.
„Ich kann dich kaum zwingen, etwas anderes zu tun“, meinte Nathan ernsthaft. „Aber vielleicht hörst du dir erst einmal an, worum es genau geht.“
„Bitte. Ich bin ganz Ohr.“ Ich sah bewusst nur Nathan an, war ich mir doch darüber im Klaren, dass ich von ihm die genausten, wichtigsten Informationen bekommen würde.
„Sagt dir der Name Frederico Sanchez etwas?“, fragte mich mein Freund und überraschte mich damit wirklich.
Frederico war ein ehemaliger Geschäftspartner von mir und obendrein noch ein ziemlich alter Vampir. Ich hatte den Kontakt zu ihm abgebrochen, als mir klar geworden war, dass sich seine Geschäfte in eine Richtung entwickelten, die den Weg des Legalen langsam verließ. Außerdem war er einer der radikaleren, machtbesesseneren Vampire, der schon seit einiger Zeit alle Blutsauger, die ähnlich dachten wie er selbst, um sich scharte und aufstachelte und damit für ziemlich große Unruhe in den Reihen der Vampire von Kalifornien gesorgt hatte. Um es deutlich zu machen: Er war uns ein Dorn im Auge.
Nathan deutete mein Schweigen als ‚Ja’ und fuhr einfach fort. „Er hat eine Gruppe von Vampiren um sich gesammelt, die sich ‚Hijos de la luna’ nennen und momentan damit be-schäftigt sind, die Kontrolle über Drogengeschäfte und Menschenhandel an der Grenze zu Mexiko zu übernehmen.“
Das war mir nicht neu, aber dass Nathan darüber so gut Bescheid wusste, überraschte und beängstigte mich zu gleichen Teilen. Fredericos Organisation hatte mit der Zeit mafiaähnliche Strukturen entwickelt und eigentlich hatte ich Nathan aus dieser ganzen Sache heraushalten wollen. Das war ein Problem, um das sich die Ältesten in unseren Reihen kümmern mussten und nicht solch junge, relativ unerfahrene Vampire wie Nathan.
„Und wenn ich Menschenhandel sage, dann spreche ich nicht von dieser allgemein bekannten Form“, fuhr Nathan fort und ich merkte, dass ihn das Thema ziemlich aufwühlte. „Die betreiben sie zwar auch, aber alle Flüchtlinge müssen zunächst eine Blutuntersuchung über sich ergehen lassen. Wenn sie eine seltene Blutgruppe besitzen, werden sie an reiche Vampire versteigert, die dann mit ihnen machen können, was sie wollen. Erinnert dich das an etwas?“
Der prüfende Blick, mit dem mich Nathan bedachte, verärgerte mich.
„Wenn du damit sagen willst, dass ich dich damals angelo-gen haben, als ich sagte, das Problem sei ein für alle Male behoben, dann sag das doch gleich direkt, Nathan“, forderte ich ihn mit deutlichem Zorn in der Stimme auf.
„Hast du?“, hakte er sofort nach, respektlos wie eh und je. Er war der Einzige, der sich so etwas bei mir leisten durfte. Leider wusste er das auch.
„Nein“, knurrte ich zurück und registrierte nebenbei, dass Marisa versuchte, Nathan mit Blicken zu signalisieren, dass er damit aufhören sollte. Sie hatte Recht. Wenn man jemanden um einen Gefallen bitten wollte, war es nicht unbedingt eine kluge Taktik, ihn zuerst zu verärgern. Nathan jedoch schien das wenig zu scheren. Unsere Freundschaft war so eng geworden, dass wir mehr wie Brüder miteinander umgingen als wie Freunde – das schloss Direktheit und einen zeitweilig etwas rüden Ton ein.
„Wusstest du, dass es eine neue Gruppe gibt, die noch viel besser organisiert ist und ihre Geschäfte in einem noch viel umfangreicheren Maße abwickelt?“, fragte Nathan weiter und sein Blick sagte mir deutlich, dass er die Antwort auf diese Frage eigentlich längst meinte zu kennen, diese nur bestätigt haben wollte.
„Es gab ein paar Gerüchte in diese Richtung“, musste ich unwillig zugeben. „Aber die habe ich nicht so richtig ernst genommen.“ Ich atmete tief ein und wieder aus – so viel Zeit ließ er mir noch. „Sag mir jetzt bitte nicht, dass du dich zu der Mission berufen fühlst, sämtliche Menschen aus den Händen dieser Organisation zu befreien!“
„Nicht sämtliche“, fuhr ihm Marisa dazwischen und machte mir damit deutlich, dass sich die beiden nicht darüber einig waren, was zu tun war, denn Nathans Blick sagte etwas ganz anderes.
„Es geht nur um Alejandro und seine Familie“, setzte die junge Frau hinzu und ich sah nun doch die anderen drei Men-schen zu meiner linken Seite an, die ich bisher gekonnt ignorieren hatte.
Alejandros Augen ruhten hoffnungsvoll auf meinem Ge-sicht, während seine Frau eher betreten zu Boden sah. Manolo hingegen strahlte mich schon wieder an und streckte doch tatsächlich eine seiner dicken, kleinen Hände nach mir aus, so als wüsste er, dass es darum ging, mich zu motivieren, ihnen zu helfen. Seine Eltern machten jedoch nicht den Eindruck, als würden sie sich schon jetzt in das Gespräch einmischen wollen. Vielleicht verstanden sie auch gar nicht unsere Sprache.
„Heißt das, sie sind mit Hilfe der ‚Hijos de la luna’ nach San Sergio gekommen?“, wandte ich mich wieder an Nathan und der nickte bestätigend.
„Alejandro kam vor einem Jahr hierher“, erklärte er. „Er hatte keine besondere Blutgruppe, also hat man ihn als Billig-arbeiter weitervermittelt und ihn immer wieder für kleinere illegale Sachen herangezogen. Aber er hat vor zwei Wochen heimlich seine Frau und sein Kind nachgeholt und das ist nicht unbemerkt geblieben.“
„Sie hat die Blutgruppe B negativ“, erklärte Javier und ich hob überrascht die Brauen. Das war eine der seltensten Blutgruppen weltweit. „Genauso wie ihr Sohn.“
Es brauchte kein allzu hohes Maß an Fantasie, um sich auszumalen, in welche Katastrophe die noch so junge Familie da geschlittert war. Und ich verstand langsam, warum Nathan so engagiert in Bezug auf diesen Fall war. Man wollte ein Kind und seine Mutter auf dem Markt wie Vieh verhökern und dann wahrscheinlich aussaugen lassen. Auch wenn ich nicht annähernd so vernarrt in Kinder war wie Nathan und mich das Schicksal der Menschen um mich herum meist wenig interessierte – dieses Drama konnte mich nicht kalt lassen. Dazu waren Manolos Augen einfach zu groß, seine Mutter zu schön und sein Vater zu verzweifelt.
„Seit wann wissen die Hijos darüber Bescheid?“, wandte ich mich auf Spanisch direkt an Alejandro, der mich mit seinen traurigen, braunen Augen schon die ganze Zeit angesehen hatte, aber nun ein Anflug von Freude auf seinem Gesicht zeigte.
„Seit einer Woche“, antworte er mir sofort in seiner Landessprache.
„Und sie haben noch nicht versucht, deine Frau und deinen Sohn mitzunehmen?“, hakte ich erstaunt nach.
„Wir sind geflohen, als sie mit ihren Wagen kamen“, erklärte der junge Mann und seine Stimme zitterte dabei ein wenig, so als hätte die Angst ihn immer noch nicht verlassen. „Marisa hat uns zu Nathan gebracht …“
„Wann?“
„Vor zwei Tagen.“
„Da seid ihr nicht sicher“, gab ich zurück und sah nun wieder Nathan an, der mit einem Kopfnicken deutlich machte, dass er meine Meinung teilte.
„Deswegen habe ich ja auch dich angerufen“, klärte er mich auf. „Du bist die einzige Person in meinem Freundeskreis, die über die Mittel und Wege verfügt, jemanden so verschwinden zu lassen, dass ihn niemand mehr auffinden kann.“
Nun ruhten sämtliche Augenpaare auf mir und ich begann, mich ein wenig unwohl in meiner Haut zu fühlen. Ich trug nicht gern die Verantwortung für das Glück und Wohl anderer Personen. Was war, wenn etwas schief ging? Wenn einer dieser Menschen starb? Hoffnung und Dankbarkeit konnten sich schnell in Wut und Hass verwandeln.
„Du willst also, dass ich mich eventuell mit Frederico anlege, um drei Menschen zu retten, von denen ich noch nicht einmal weiß, ob ich ihnen vertrauen kann?“, fragte ich dennoch bewusst nur Nathan.
Mein Freund beugte sich ein wenig zu mir vor und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Hab doch ein wenig mehr Zuversicht in deine eigenen Fähigkeiten“, meinte er mit die-sem charmanten Lächeln, das nur er zur Perfektion beherrschte. „Du wirst das alles bestimmt schaffen, ohne das Frederico auch nur den Hauch deiner Anwesenheit spürt.“
Ich erwiderte sein Lächeln so liebenswürdig, wie es mir in dieser Situation möglich war, und stieß dann einen tiefen, schweren Seufzer aus. „Gut“, gab ich mich geschlagen und konnte gleich mehrere Personen erleichtert aufatmen hören, „ich werde sehen, was ich tun kann. Aber auch ich brauche Zeit, um Dinge in die Wege zu leiten. Ihr solltet dringend eure Unterkunft wechseln und euch nicht mehr draußen sehen lassen, bis alles organisiert ist.“
Alejandro nickte rasch, ergriff zu meiner Überraschung mit beiden Händen meine Linke und drückte sie innig. „Danke, danke“, brachte er mit erstickter Stimme auf Englisch hervor und zu meinem Unbehagen standen ihm Tränen in den Augen. „Meine … meine Familie ist mein Leben! Das werde ich Ihnen nie vergessen!“
„Schon gut“, gab ich peinlich berührt zurück und war meinerseits sehr dankbar, als der aufgewühlte junge Mann mich wieder losließ und stattdessen seine nun vor Erleichterung schluchzende Frau in die Arme schloss, den kleinen Manolo zwischen ihnen einschließend. Ich wandte meinen Blick schnell ab und starrte automatisch in die warmen Augen meines besten Freundes. Er verschonte mich zu meiner großen Erleichterung mit emotionalen Dankbarkeitsbekundungen und beließ es bei einem zufriedenen Lächeln.
„Nathan sagte schon, du hättest einen weichen Kern“, hörte ich stattdessen Marisa sagen und wandte mich ihr widerwil-lig zu. Auch in ihre Augen standen Tränen geschrieben und sie sah schon wieder aus, als wollte sie mich erneut umarmen. „Aber ich konnte es nicht so richtig glauben. Jetzt muss ich es wohl.“
„Oh, nein, nein!“, widersprach ich ihr schnell. „Ich brauche momentan nur ein wenig mehr Abwechslung in meinem Leben – und da kommt mir ein kleines Räuber-und-Gendarme-Spiel für Erwachsene doch ganz gelegen.“
Wie erhofft, runzelte Marisa irritiert die Stirn und hielt in der Bewegung auf mich zu inne, während aus Nathans Lächeln ein amüsiertes Schmunzeln geworden war.
„Wie wär es, wenn du mit deiner Schwester und den anderen zu meiner Wohnung fährst und ihnen beim Packen hilfst“, wandte er sich an Javier, nun entschlossen, mich vor weiteren körperlichen Attacken und unangenehmen emotionalen Ausbrüchen seiner Freunde zu schützen. Der junge Mann nickte sofort willig und erhob sich, während seine Schwester Nathan fragend ansah.
„Ich komme dann nach“, setzte er für sie hinzu und sah sie eindringlich an. Nach ein paar weiteren Sekunden des Zögerns nickte sie schließlich und stand auf, sich mit ein paar knappen spanischen Worten an ihre Angehörigen wendend. Sie wirkten immer noch sehr aufgelöst, nickten aber rasch und erhoben sich dann ebenfalls von ihren Plätzen.
„Ich … ich danke Ihnen“, stieß Alejandro noch einmal aus. „Sie sind unserer Retter! Wir wussten schon nicht mehr weiter!“
„Ja … kein Problem“, würgte ich ihn schnell ab, mich weiterhin um ein freundliches Lächeln bemühend, während im Hintergrund nun auch Isabella anfing, mir voller Hingabe auf ihrer Landessprache zu danken und mir ein langes, glückliches Leben zu wünschen. Nach ein paar weiteren für mich qualvollen Minuten gelang es Marisa und Javier schließlich, alle von unserem Tisch wegzulotsen und endlich auch aus dem Lokal zu schieben und ich stieß einen außerordentlichen Seufzer der Erleichterung aus.
„War es so schlimm?“, konnte Nathan es sich nicht verkneifen zu fragen und mein Kopf flog zu ihm herum.
„Wenn du so etwas noch einmal mit mir machst, schwöre ich, dann …“ Mir fehlten die Worte. „… dann … dann zwinge ich dich, für einen Tag als mein persönlicher Assistent in meinem Büro auszuhelfen!“
Das war eine ziemlich harte Strafe, bedachte man, wie ungern Nathan sich mit Bürokram auseinandersetzte. Dennoch stieß er ein kleines Lachen aus.
„Haben wir dich tatsächlich weich kochen können“, stellte er noch einmal belustigt fest und ich kniff ein wenig die Augen zusammen, um ihm meinen bitterbösesten Blick zukommen zu lassen.
„Ich hatte keine andere Wahl“, entschuldigte er sich schmunzelnd. „Wenn du in deinem Büro sitzt, bist du immer so abgelenkt und wenn wir uns privat treffen, willst du nichts von meinen Aktionen hören – schon gar nicht, wenn es dabei um Menschen in Not geht.“
„Ja und das hat, wie du gerade eben wunderbar sehen konntest, gute Gründe!“, gab ich zurück. „Sie klammern sich dann an einen, als wäre man der Einzige, der sie retten kann, und man wird sie nie wieder los!“
„Oh, in diesem Fall schon“, widersprach mir Nathan. „Darum geht es ja.“
Ich blickte für einen Moment auf meine Hände und musste erneut tief einatmen.
„Ich kann dir nicht versprechen, dass es funktioniert“, musste ich ihm nun doch sagen. „Frederico und seine Freunde sind gefährlich und gut organisiert. Ich würde mich nicht so gerne mit ihm anlegen.“
Schon gar nicht, weil es da eine andere Gruppe gab, die es sich längst zur Aufgabe gemacht hatte, die ‚Hijos de la Luna’ zu beobachten, herauszufinden, wer genau zu ihnen gehörte, um dann zum Vernichtungsschlag auszuholen.
„Du willst ihn also weiter sein Unwesen treiben lassen?“, stellte er die Frage, die ich schon zu Anfang unseres Gesprä-ches gefürchtet hatte. „Er versklavt und tötet Menschen, Jonathan“, erinnerte er mich an die Schandtaten dieses Mannes und daran, dass er selbst ein gebranntes Kind war – eine Tatsache, die ich sehr gern vergaß. „Und er hetzt andere Vampire gegen dich und viele deiner Freunde auf! Er ist der Meinung, dass Vampire dafür geschaffen wurden, in die obersten Kreise der Politik und dieser Gesellschaft aufzusteigen und letzten Endes die Weltherrschaft zu übernehmen! Er ist völlig größenwahnsinnig!“
„Das ‚größen’ kannst du weglassen“, erwiderte ich emotional total unbeteiligt. „Ich gebe es ja nur ungern zu, doch leider gibt es auch unter uns Vampiren Personen, die nicht mehr ganz sauber ticken. Da hast du Recht. Es ist allerdings nicht deine Aufgabe, dich um diese Angelegenheit zu kümmern.“
„Wessen dann?“
Oho, jetzt kamen wir in einen Bereich, in den ich Nathan eigentlich nicht mit einbeziehen wollte. Ich musste vorsichtig sein, wenn ich nicht eine Lawine lostreten wollte, die keiner mehr aufhalten konnte und womöglich meinen besten Freund unter sich begrub.
„Wenn man es genau nimmt, die der ältesten Vampire hier in Kalifornien“, erwiderte ich knapp.
„Das heißt, du kümmerst dich darum?“
Der skeptische Blick, den Nathan mir zuwarf, kränkte mich ein wenig, obwohl er durchaus eine Berechtigung hatte. Momentan hatte sich mein ‚Kümmern’ eher auf Beobachtung und das Sammeln von Informationen beschränkt. Einen wirklichen Handlungsbedarf hatte ich noch nicht gesehen, obwohl mir immer klar gewesen war, dass es eines Tages darauf hinaus-laufen würde. Umso gelegener kam es mir, dass sich plötzlich die Garde eingeschaltet hatte, um das Problem aus der Welt zu schaffen und zwar ziemlich gründlich, so weit ich das von meinem Beobachtungsposten aus überblicken konnte. Nur konnte ich das Nathan schlecht sagen, wusste er doch noch nicht einmal, dass es eine menschliche Organisation gab, die über uns Vampire Bescheid wusste und zeitweilig sogar ziemlich radikal gegen uns vorging. Dennoch nickte ich etwas verzögert.
„Okay“, sagte er und beugte sich zu mir vor, sich mit den Armen auf den Tisch stützend. „Also, was tun wir?“
Ich zog verärgert die Brauen zusammen. „Ich dachte ei-gentlich, ich hätte das schon gesagt, aber für dich wiederhole ich es gern noch einmal: Wir tun gar nichts, Nathan!“, gab ich fest zurück. „Ich helfe dir dabei, deine neuen Freunde in Sicherheit zu bringen und dann will ich, dass du dich schön in deinem Stuhl zurücklehnst und Frederico Sanchez vergisst!“
Nathan sah mich eine Weile prüfend an. „Wenn du ihn dafür im Gedächtnis behältst, habe ich damit kein Problem“, sagte er und sein Blick wurde noch intensiver.
„Das werde ich“, gab ich ruhig zurück. „Allein schon weil du mir wahrscheinlich damit täglich auf die Nerven gehen wirst.“
Nathans Lippen verzogen sich zu einem liebenswürdigen Lächeln. „Stündlich“, verbesserte er mich und ich wusste, dass ich ihn beim Wort nehmen konnte. Es kamen harte Zeiten auf mich zu.

 

Das Haupthaus war in einem wesentlich besseren Zustand als unser eigenes Domizil, frisch gestrichen, intakt und von bunten Blumenbeeten umgeben, die in völligem Kontrast zu der sonst so kargen Landschaft standen. In den Fenstern hingen farbige Vorhänge und auch die Veranda, auf der jemand eine gemütliche Sitzecke mit Hollywoodschaukel eingerichtet hatte, wurde durch Blumenkästen und andere Pflanzen verziert. Hier sah man deutlich den kreativen Geist einer Frau, die genügend Zeit und Muße hatte, das kleine Fleckchen Heimat um sie herum mit Liebe zu gestalten.
Ich atmete erleichtert auf, als ich die drei Stufen zur Veranda erklommen hatte und endlich in die erholsame Kühle des Schattens tauchen konnte. Der kurze Marsch durch die Sonne hatte mich ziemlich viel Kraft gekostet, obwohl es noch sehr früh und die Intensität der Strahlen eher schwächlich war, und sorgte dafür, dass mich trotz meines reichhaltigen Frühstücks ein leichter Hunger befiel. Nicht gut für ein längeres Gespräch mit einem Menschen.
Das Brummen, das ich im nächsten Augenblick vernahm, kam allerdings nicht von meinem Magen oder sonst einem meiner Organe. Die Haustür war nicht verschlossen und hinter der Fliegengittertür, die in dieser Gegend jedes Haus besaß, erschien nun der breite Kopf eines ziemlich riesigen Schäferhundes, dessen bernsteinfarbene Augen mein Gesicht fixierten. Ich mochte Hunde nicht sonderlich. Das hing nicht nur damit zusammen, dass ich sie für schmutzige, stinkende, sabbernde Raubtiere hielt, deren Bisse durchaus tödlich sein oder zumindest schlimme, schmerzhafte Wunden hinterlassen konnten, sondern viel eher damit, dass ich schon mehrfach von einem Rudel solcher Tiere – natürlich im Auftrag einer mordgierigen Meute Menschen – gehetzt worden war. Solche Erlebnisse vergaß man nicht so schnell, ganz gleich wie viele Jahre ver-gangen waren. Deswegen fühlte ich mich auch unter dem Blick dieses Hundes nicht wohl, obwohl ich ihn kannte und wusste, dass sein Brummen nichts mit Aggressionen zu tun hatte, sondern viel eher mit unbändiger Freude. Das bestätigte auch das nachgesetzte Winseln und sein fröhliches Schwanzwedeln.
‚Monster’, wie dieses Tier passender Weise hieß, war in Vampire nahezu vernarrt, hatte ihn doch einst ein Vampir vorm sicheren Hungertod gerettet und über Monate aufgepäppelt, bevor er schließlich hier ein neues Zuhause gefunden hatte. Daher liebte er den Geruch dieser Geschöpfe der Nacht und begegnete den meisten von ihnen mit großer Freude und lautem Begrüßungsritual. Dass sie auch eine Gefahr für ihn sein konnten, wollte das dumme Tier einfach nicht einsehen. Genauso wenig wie es verstehen konnte, dass ich ihn nicht jedes Mal, wenn wir uns sahen, genauso freudig begrüßte wie er mich. Glücklicherweise hielt ihn die Fliegengittertür davon ab, sofort über mich herzufallen.
Schritte aus dem Inneren des Hauses sagten mir, dass sich dieser Zustand jede Sekunde ändern konnte. Es war Manolo, der etwas gedankenverloren zur Tür kam und das Gitter öffnete, ohne zu registrieren, dass ich auf der Veranda stand. Der Koloss von Hund gab ein glückliches Fiepsen von sich und war mit einem Satz bei mir und auf den Hinterbeinen. Ich riss blitzschnell die Arme vor mein Gesicht und machte einen Ausfallschritt, um nicht mein Gleichgewicht zu verlieren, innerlich betend, dass der Köter meine Kleidung wenigstens halbwegs am Leben ließ. Seine riesige Zunge fuhr über meine Arme und alles andere, was sie auf die Schnelle erwischen konnte, während er mir seine stumpfen Krallen in die Brust schlug, um nicht so schnell den Halt zu verlieren.
„Monstruo!“, rief Manolo aufgebracht. „Para! Siénta-te! Siénta-te!“
Die Kommandos allein reichten nicht aus. Der junge Mexi-kaner musste seinen Hund erst am Halsband packen und mit aller Kraft von mir wegziehen, um mich aus dessen Klauen zu befreien. Das leise Ratschen meines Hemdes ging mir durch Mark und Bein. Als ich wieder freie Sicht hatte, konnte ich einen feinen Riss im unteren Teil des seidigen Hemdes erken-nen, den ein guter Schneider bestimmt flicken konnte – mir aber tat dieser Anblick sogar körperlich weh. Da konnten mich auch das freudige Gesicht Manolos und die halbe, herzliche Umarmung über den immer noch zappelnden Hund hinweg nicht trösten. Doch ich machte gute Miene zum bösen Spiel, tätschelte den Rücken des jungen Mannes und rang mir ein Lächeln ab.
„Ich wollte euch gerade einen kleinen Besuch abstatten gehen“, strahlte er mich an. „Ich hab gehört, Nathan geht es deutlich besser?“
Ich nickte und mein Lächeln wurde ein wenig echter. Die Sache mit Nathan hatte die ganze Familie sehr mitgenommen und nur meine strengen Worte und das deutlich ausgesprochene Kontaktverbot hatten diese Menschen daran hindern kön-nen, uns nicht schon am ersten Tag aufzusuchen und ihre Unterstützung anzubieten. Jetzt da sie wussten, dass die größten Schwierigkeiten überwunden und die meisten Gefahren erst einmal gebannt waren, war es nicht verwunderlich, dass es vor allem Manolo danach drängte, Nathan zu sehen.
„Du wirst ihn aber höchstwahrscheinlich nicht im Haus erwischen“, sagte ich. „Er macht vielleicht heute seinen ersten Spaziergang.“
Meine Güte, klang ich wahrlich wie ein stolzer Vater, des-sen Sohn die ersten Schritte machte? Wenn ich ehrlich war, fühlte es sich innerlich für mich beinahe so an. Erschreckend!
Manolo schenkte mir ein breites Grinsen. „Das … das ist toll“, freute er sich mit mir. „Weißt du, wo er hingehen woll-te?“
Ich sah ihn einen Augenblick nachdenklich an und fragte mich, ob eine so gute Idee war, die beiden aufeinander treffen zu lassen. Es war durchaus möglich, dass Manolos Anblick neben einigen schönen Erinnerungen auch wieder Bilder in Nathan weckte, die ihn aufregen und bedrücken konnten.
„Nein, nicht so wirklich“, gab ich mit etwas Verzögerung zurück. „Aber such ihn bitte nicht. Er braucht immer noch sehr viel Ruhe, um wieder zu sich kommen zu können.“
Die Enttäuschung, die meine Worte mit sich brachten, war so deutlich in Manolos Augen zu erkennen, dass es mir schon fast wieder leidtat, aber er nickte schließlich verständnisvoll.
„Dann machen wir halt nur unsere übliche Runde“, meinte er weitaus weniger enthusiastisch und tätschelte Monsters Kopf, der mich immer noch mit großen Augen und hängender Zunge fixierte, auf den Moment wartend, in dem sich der Griff um sein Halsband wieder lockern würde.
„Ist dein Vater im Haus?“, fragte ich Manolo, während ich mich schon langsam aus der Reichweite des Kolosses bewegte und die Fliegengittertür öffnete.
„Ja, er bereitet zusammen mit meiner Mutter das Essen vor“, erwiderte der Junge. Er hatte nun wieder sichtlich mit seinem Hund zu kämpfen, der anscheinend gar nichts von der Idee hielt, dass ich mich verkrümelte. Er war aufgesprungen und zog mit solcher Macht am Halsband, dass Manolo ungewollt ein paar Schritte hinter mir her machte. Ich war jedoch schneller, schlüpfte geschwind durch die Tür und schlug diese genau vor der Nase des Tieres zu. Der Blick, den mir der Hund zuwarf, war beinahe empört. Er sah mich noch ein paar Sekunden länger ungnädig an, drehte sich dann mit Schwung um und würdigte mich keines Blickes mehr, als er mit seinem Herrn die Veranda verließ.
Ich schüttelte den Kopf und betrachtete noch einmal traurig den Schaden, den dieses Untier angerichtet hatte. Der Gedanke daran, dass es noch ein paar andere Hemden dieser Art in meinem Zimmer gab, tröstete mich ein wenig. Dann machte ich mich auf den Weg in die Küche.
Isabella liebte es bunt, denn fast jeder Raum in diesem Haus war in einer anderen Farbe gestrichen und an den Wän-den hingen selbst gemalte, sehr geschmackvolle Kunstwerke. Sie war über die Jahre eine ernstzunehmende, sehr talentierte Künstlerin geworden. Nathan hatte einige ihrer Bilder gekauft und sich in seine Wohnung gehängt, und auch ich selbst besaß einige ihrer Werke. Meist musste sie jedoch aufgrund ihrer Lebenslage ihre Bilder unter falschem Namen ausstellen und verkaufen, was für sie ziemlich frustrierend war. Doch sie war auch noch in ihrem jetzigen Lebensalter eine lebensfrohe, aktive Frau, die sich nur von sehr wenigen Dingen aus der Ruhe bringen ließ, und das strahlte auch ihr Heim aus.
Ich war nicht oft hier gewesen, aber die paar Male, die ich unsere menschlichen Freunde besucht hatte, waren ausreichend gewesen, um mir die wichtigsten Dinge einzuprägen. Bereits im Flur konnte ich die fröhlichen Stimmen der beiden hören, vernahm ihr Lachen und verlor darüber meinen ganzen Unmut. Die Morenos waren ausgesprochen warmherzige, gute Menschen, die es verstanden, sich in fast jeder Lebenssituation zurechtzufinden und sich auch an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen. Und sie waren dazu in der Lage, dieses Lebensgefühl an andere Personen weiterzugeben, zumindest solange diese mit ihnen zusammen waren.
Die beiden Menschen zuckten nicht zusammen, als ich die Küche betrat, sondern empfingen mich mit einem strahlenden Lächeln und einer schnell folgenden herzlichen Umarmung. Ich hatte mich so an diese Art der Begrüßung gewöhnt, dass ich mich dabei sogar ganz wohl fühlte. Wirklich erstaunlich …
„Wir dachten uns schon, dass du das bist“, erklärte Alejandro. „Monster ist so von seinem Platz hoch geschossen und hat sich so gefreut, dass es nur du oder Nathan sein konn-ten. Und da Nathan noch nicht so ganz stabil ist …“
„Ihr solltet eurem Hund eines Tages mal klar machen, dass Vampire nicht der richtige Umgang für ihn sind“, gab ich ernsthaft zurück, doch Alejandro lachte nur.
„Oh, er macht schon Unterschiede“, erklärte Isabella mir lächelnd. „Er ist nämlich weitaus klüger, als er aussieht, und hat ein ziemlich gutes Gespür dafür, wer zu den Guten gehört und wer zu den Bösen. Er kann ganz schön garstig werden.“
Ich wollte sie skeptisch ansehen, aber in diesem Moment fiel mir ein, dass Monster Malcolm bei ihrer letzten Begeg-nung ziemlich bösartig angeknurrt und den Eindruck erweckt hatte, als wolle er ihn angreifen. Vielleicht unterschätzte ich das Tier tatsächlich.
„Es ist schön, dass du hier bist“, meinte Alejandro mit aufrichtiger Zuneigung in den Augen und packte einen der Stühle vor dem kleinen Küchentisch an der Lehne, um ihn für mich vorzuziehen.
„Setzt dich doch“, forderte er mich sogleich auf und ich kam seiner Bitte nach. „Ich denke, es gibt einiges zu bereden“, setzte er hinzu, während er sich neben mir niederließ.
„Das gibt es“, stimmte ich ihm zu.
„Wie geht es Nathan wirklich?“ Isabella ließ sich mit be-sorgtem Blick mir gegenüber nieder und ich schenkte ihr ein ernst gemeintes Lächeln.
Sie war immer noch eine sehr schöne Frau, obwohl sich um ihre Augen und Mundwinkel ein paar strengere Falten gebildet hatten und auch ihr Haar schon mit grauen Strähnen durchsetzt war. In ihren großen, dunkelbraunen Augen glänzte gleichwohl dasselbe Feuer, dieselbe Energie wie vor zweiundzwanzig Jahren.
„Es geht ihm wahrhaftig viel besser“, klärte ich die beiden rasch auf. „Jeden Tag geht es ein kleines Stück aufwärts und ich denke, die Chancen stehen ganz gut, dass er wieder ganz der Alte wird.“
„Ihr hättet ihm das Mädchen gar nicht erst wegnehmen sollen“, erwiderte Isabella in einem beinahe tadelnden Ton und überraschte mich mit ihrem Wissen. „Ihr Männer seid doch ohne uns Frauen hoffnungslos verloren – vor allem, wenn es euch seelisch so schlecht geht. Ihr solltet das endlich einsehen.“
„Daniel hat uns immer wieder etwas erzählt, wenn er sich bei uns ausgeruht und etwas gegessen hat“, erklärte mir Alejandro, dem meine Verblüffung nicht entgangen war, schmunzelnd. „So sind wir zumindest meist darüber infor-miert, wer hier ein- und wieder ausgeflogen wird.“
Ich überlegte für einen Moment, ob ich mir meinen Piloten das nächste Mal zur Brust nehmen musste, entschied mich dann aber dagegen. Unsere Gastgeber hatten eigentlich ein gutes Recht zu erfahren, was auf ihrer Farm so vor sich ging, und ich war mir sicher, dass Daniel normalerweise schweigen konnte wie ein Grab. Er wusste halt, wie sehr ich dieser Fami-lie vertraute.
„Wann werden die anderen Vampire wiederkommen?“, nutzte Alejandro mein Schweigen aus und kam damit gleich auf eines der wichtigeren Themen zu sprechen.
„In ungefähr zwei Wochen“, gab ich zurück. „Aber das kann sich auch schlagartig ändern. Ich denke, es hängt ganz davon ab, was die Garde in den nächsten Wochen tun wird. Wenn der Druck zu groß wird, werden unsere Freunde hier gewiss auch früher auftauchen.“
Alejandro nickte nachdenklich und die Falte zwischen sei-nen Augenbrauen wurde noch tiefer. „Wir sind auf jeden Fall vorbereitet.“
Ich sah ihn hellhörig an. „Ich hoffe doch auf eine Flucht.“
„Aber natürlich“, gab mein Freund ohne ein sichtbares Zögern zurück und gerade das machte mich stutzig.
„Ganz gleich, was passiert, ich möchte, dass du dich da raus hältst“, sagte ich streng. „Es werden eine Menge Vampire hier auftauchen und ich möchte, dass ihr im Haus bleibt und eure Türen verriegelt. Wenn die Situation eskaliert, werdet ihr so schnell wie möglich verschwinden!“
Wieder reagierte Alejandro mit einem Nicken. Überzeugen konnte er mich auch dieses Mal nicht. Mein alter Freund war kein Mensch, der sich gern etwas von anderen vorschreiben ließ. Er hatte gewiss schon seine eigenen Pläne gemacht.
„Außerdem solltet ihr uns auch vorher lieber nicht besuchen kommen“, fuhr ich fort. „Das Haus ist auch jetzt schon voller Vampire und Nathan …“ Ich suchte nach den richtigen Worten. „… sagen wir, er ist in seiner Rolle als Vampir noch nicht so ganz wieder bei sich.“
„Dann ist er es also wirklich …“ Isabella sah mich mit gro-ßen Augen an. „Ich meine beides … ein Mensch und ein Vampir?“
„Ja“, gab ich ohne Umschweife zu. „Aber so richtig klar kommt er damit noch nicht.“
„Wie haben die das gemacht?“, fragte Alejandro fassungslos.
„Das ist ziemlich kompliziert“, erwiderte ich ausweichend. „Vielleicht schicke ich euch Frank mal rüber, damit er es euch erklären kann, aber jetzt ist keine Zeit dafür.“
„Hat … hat Nathan schon irgendetwas erzählt?“, blieb Isa-bella bei den unangenehmen Fragen. „Ich meine … wie es ihm ergangen ist? Was sie mit ihm gemacht haben?“
Dieses Mal schüttelte ich den Kopf und Alejandro betrach-tete betreten seine Hände.
„Sein Hass auf die Garde muss unermesslich sein“, fügte er den Worten seiner Frau leise hinzu. Ich wusste genau, worauf er anspielte, und schwieg lieber. Für eine Weile herrschte betretene Stille zwischen uns, dann stieß Isabella einen tiefen Seufzer aus.
„Wir müssen es ihm dennoch sagen!“, brachte sie mit erstaunlich fester Stimme hervor und Alejandro sah sie genauso erschrocken an wie ich selbst.
„Nein!“, stieß er beinahe panisch aus. „Nicht jetzt! Später! Viel später!“
„Aber … wenn er es allein herausfindet?!“, rief Isabella er-regt. „Was glaubst du, was dann passiert?! Vielleicht wird dann alles viel, viel schlimmer!“
„Nein, Isabella“, mischte ich mich mit erhobener Stimme ein. „Dein Mann hat Recht – ihr könnt es ihm jetzt nicht sagen. Er ist viel zu labil. Auch wenn das alles schon Jahre zurückliegt und ihr nichts mit der ganzen Sache, die ihm widerfahren ist, zu tun habt – es würde ihn furchtbar aufregen.“
„Ja, weil wir ihn belogen und betrogen haben!“, fuhr Isabella auf und in ihren Augen standen jetzt Tränen. „Er hat das nicht verdient! Er verdient Aufrichtigkeit und –“
„Aber nicht jetzt!“, fiel ich ihr barsch ins Wort. „Wenn du ihm jetzt sagst, was ihr damals getan habt, zerstörst du das bisschen Lebensfreude, das er in den letzten Stunden entwickelt hat! Willst du das?!“
Isabella senkte den Blick und nun rannen ihr die ersten Tränen die Wangen hinunter.
„Ich … ich schäme mich so“, stieß sie leise aus. „Ich schäme mich, dass mein Name mit solchen Menschen in Verbindung gebracht werden kann, dass ich einmal an die Ideale dieser Menschen geglaubt habe, dass ich dachte, sie würden etwas Gutes tun!“
„Isabella …“ Alejandro ergriff ihre Hand und drückte sie. „Du bist doch nur da hinein geraten, weil ich so dumm war.“
„Es lässt sich nicht ändern“, griff ich helfend ein. „Wichtig ist nur, dass diese Zeit vorbei ist, wir aber vielleicht das Wis-sen und die Verbindungen nutzen können, die uns deine dama-lige Mitgliedschaft eröffnet.“
„Oh, Gott! Jonathan, sag das doch bitte nicht so“, erwi-derte Alejandro mit einem ziemlich gequälten Gesichtsaus-druck. „Das klingt ja so, als sei die Garde ein netter Verein, in den man jeder Zeit ein- und wieder austreten kann.“
Natürlich hatte Alejandro Recht. Wenn die Garde eines mit Sicherheit nicht war, dann ein harmloser Verein. Obwohl diese Gruppe es verstand, sich zu tarnen und zu verstecken, wusste ich mittlerweile, dass sie ursprünglich im Zuge der Inquisition Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden war und sich nach und nach so vergrößert hatte, dass sie fast überall auf der Welt kleine Zweigstellen besaß. Verschwiegenheit, das Arbeiten im Geheimen und eine unglaublich gute Organisation hatten dieser Vereinigung trotz einiger Kämpfe mit vampirischen Gegenbewegungen im Laufe der Jahrhunderte das Überleben gesichert. Wer in diese Gemeinschaft aufgenommen wurde, verpflichtete sich dazu, ihr lebenslang zu dienen. Die Möglichkeit eines Austritts gab es nicht, nicht wenn man am Leben bleiben wollte. Genau das hatte Alejandro am eigenen Leib erfahren müssen. Gegen die Garde war ein Frederico Sanchez nur ein Schuljunge, der Schutzgeld erpresste. Und genau an diesem Punkt begann schon der ganze Betrug an Nathan.
Alejandro und seine Familie waren 1991 wahrhaftig auf der Flucht gewesen und ja, auch die ‚Hijos de la luna’ waren für sie eine Gefahr und ihnen auf den Fersen gewesen, aber die größte Angst hatte Alejandro vor seinen eigenen ehemaligen Kameraden gehabt. Vor ihnen versteckte er sich bis heute.
Der damals noch so junge Mann war im zarten Alter von 16 Jahren von einem Bekannten für die Garde rekrutiert worden. Sein Vater war Priester in einer streng katholischen Kirche gewesen und war mit zunehmendem Alter immer fanatischer und auch verrückter geworden. Er hatte zum Beispiel drastische Teufelsaustreibungen bei einigen jungen Mädchen unternommen und glaubte fest daran, dass es der Auftrag eines jeden Christen war, die Dämonen dieser Welt aufzuspüren und zu vernichten. So war es kein Wunder gewesen, dass Alejandro, der wie jeder andere Junge seinem Vater unbedingt gefallen wollte, für die Werte und Ideale der Garde sehr empfänglich gewesen war und bald schon als aktives Mitglied einer ihrer Zellen auf Vampirjagd ging.
Er war sportlich, intelligent und energiegeladen und arbei-tete sich schnell zu einem der führenden Kommandanten empor. Doch gerade seine Intelligenz und seine weiche Seite, die er oft bei seinen Missionen verleugnen musste, machten es ihm mit der Zeit immer schwerer, seiner Arbeit nachzukommen. Er begann sich für die Bestien, die er jagte, zu interessieren, stellte unerlaubterweise Nachforschungen an und begriff sehr bald, dass sich hinter dem Mythos ‚Vampir‘ ziemlich menschliche Wesen verbargen, die keinesfalls alle in die Schublade des besessenen, bösartigen Dämons passten, die die Garde immer so gern hervorzog.
Was ihm noch stärker zu schaffen machte als dieser Fakt, waren die sektenähnlichen, fanatischen Strukturen und Gesetze innerhalb der Garde und der extreme Druck, der auf jeden einzelnen, sogar unter Bedrohung des eigenen Lebens, ausge-übt wurde. Ihm dämmerte bald, dass er sich einer Organisation angeschlossen hatte, die zwar nach außen hin glaubte, das Gute zu vertreten und zu verteidigen, aber in Wahrheit dem abgrundtief Bösen diente.
Im Lichte dieser Erkenntnis und aufgrund eines Schlüsselerlebnisses im Jahr 1990 entschied sich Alejandro, das scheinbar Unmögliche zu wagen und aus der Garde auszutreten. Natürlich hatte er nach all den Jahren begriffen, dass er damit sein eigenes Todesurteil unterschreiben würde und entwickelte über ein volles Jahr hinweg einen klugen Plan, um sich und seine Familie, die es zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren gab, für immer verschwinden zu lassen.
Der Auftrag, sich in die Hände der ‚Hijos de la luna’ zu begeben, um diese Gruppe auszuspionieren und der Garde die Möglichkeit zu geben, diese Vampire zu vernichten, kam ihm sogar gelegen. Wenn das Augenmerk auf ihm und seiner Ar-beit lag, konnte er so zuerst seine Familie und dann sich selbst in Sicherheit bringen. So hatte er es sich zumindest gedacht. Nur bekam die Garde auf seltsame Weise Wind von seinen Plänen und zwei Wochen bevor er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte, brachten ihm seine ‚Freunde’ überraschenderweise Frau und Kind in sein neues Heim in den Staaten, während sie gleichzeitig Sanchez über Alejandros Doppelrolle informierten.
Die Rache der Garde sollte grausam werden. Alejandros Familie sollte von den Wesen vernichtet werden, mit denen er so plötzlich sympathisierte. Aber wie durch ein Wunder gelang es der Familie, noch rechtzeitig zu fliehen und sich Hilfe zu suchen. Er wusste zu diesem Zeitpunkt schon lange, dass sein Cousin und sein Cousine enge Kontakte zu anderen Vampiren pflegten und ihm war klar, dass es im Kampf gegen Blutsauger und Vampirjäger keine besseren Verbündeten gab als andere, starke Vampire. Und so gerieten Nathan und ich genau zwischen die Fronten.
Aufgrund einiger negativer Erfahrungen war ich schon immer vor allem Menschen gegenüber besonders misstrauisch gewesen und bemerkte damals, dass etwas nicht stimmte, als Alejandro irgendwann in einer verzweifelten Situation bemerkte, alles würde ohnehin keinen Sinn machen, denn ‚sie’ würden ihn wahrscheinlich überall auf der Welt finden.
Mir war sofort klar gewesen, dass er nicht über Frederico und seine Bande sprechen konnte, denn so mächtig war dieser Mann nicht. Außerdem hatte ich durch meinen angeborenen Argwohn einige Informationen über Nathans Klienten ange-sammelt und war auf ein paar Widersprüche und Ungereimtheiten in seinem Lebenslauf gestoßen. Zudem bereitete mir der fanatische Vater im Hintergrund Bauchschmerzen. Daher dauerte es nicht lange, bis ich mir alles zusammengereimt und Alejandro in einer stillen Minute ohne Nathan dazu gebracht hatte, seine Mitgliedschaft in der Garde zu gestehen. Eigent-lich überfiel mich sofort das starke Bedürfnis, ihn zu töten, aber die Erinnerungen an die großen, braunen Augen seines Sohnes und seine ehrliche Reue konnten mich schließlich umstimmen und dazu bewegen, stattdessen einen Handel mit ihm einzugehen: Lebenslanger Schutz gegen lebenslange Informationen, was die Garde betraf.
So entsprach es auch meinem Wunsch, als Alejandro ein paar Jahre später auf die Idee kam, eine Organisation zu grün-den, die es anderen Betroffenen ermöglichte, aus der Zwangsmitgliedschaft der Garde zu entkommen, denn auf diese Weise konnte mein Wissen über die Vorgänge in dieser Organisation beständig anwachsen. Dass Alejandro Wiedergutmachung an der Menschheit leistete, indem er auch den Opfern anderer dubioser Vereinigungen – wie ich hörte, sehr erfolgreich – half zu fliehen und irgendwo ein neues Leben anzufangen, scherte mich wenig. Wichtig waren mir nur seine Verbindungen zu den anderen ehemaligen Mitgliedern der Garde.
Alejandro riss mich mit einem schweren Seufzer wieder aus meinen Erinnerungen.
„Die Schattenseiten seines Lebens holen einen immer wieder ein, hat mir mal mein Großvater gesagt“, kam es ihm leise über die Lippen. „Und es gibt Fehler, die kann man nicht wiedergutmachen, egal wie sehr man sich darum bemüht.“
„Du kannst das Geschehene nicht auslöschen“, verbesserte ich ihn. „Aber so viel Wiedergutmachung, wie du in den letz-ten Jahren geleistet hast, sollte eigentlich dein Gewissen etwas erleichtern.“
„Nein“, gab mein sterblicher Freund kopfschüttelnd zurück. „Ich … ich hätte mehr tun müssen. Ich hätte aktiver gegen die Garde kämpfen müssen, vielleicht sogar veröffentlichen sollen, was ich über sie weiß …“
„Niemand hätte dir geglaubt“, unterbrach ich ihn.
„Aber ich hätte es versuchen sollen!“, erwiderte er aufge-wühlt. „Dann … dann wären sie vielleicht vorsichtiger gewor-den …“ Er sah wieder betrübt auf seine Hände, die er vor lauter Erregung zu Fäusten geballt hatte. „… vielleicht hätten sie Nathan dann in Ruhe gelassen.“
„Und vielleicht wärst du jetzt tot“, fügte ich ernst hinzu.
„Besser tot als ein Jahr in den Händen verrückter Wissenschaftler“, stieß er leise aus und ich bemerkte bedrückt, dass nun auch er mit den Tränen kämpfte. Ich hatte nicht geahnt, dass er sich selbst solche Vorwürfe wegen Nathan machte, dass er sich so viel Schuld gab, sonst hätte ich ihn gewiss sehr viel eher besucht.
Isabella legte ihrem Mann nun ihrerseits eine Hand auf die seine und streichelte seine von der harten Arbeit raue Haut mit dem Daumen, während sie ihn voller Mitgefühl ansah.
„Dass du einmal einer von denen warst, macht dich nicht automatisch zu einem der Täter“, versuchte ich ihm ein wenig Last von den Schultern zu nehmen.
Alejandro hob den Blick und sah mich mit seinen nun rot-geränderten Augen traurig an. „Nathan wird das anders se-hen“, sagte er leise.
„Nein“, gab ich ruhig zurück. „Nicht wenn wir ihm genug Zeit geben, sich zu erholen. Wenn er erst wieder halbwegs er selbst ist, wird er es verstehen.“
„Er wird sich rächen wollen“, erwiderte Alejandro, als hätte er mir nicht zugehört. „In ihm muss so viel Hass und Wut sein, so viel Verzweiflung. Rache ist ein gutes Ventil. Er wird sich auf jeden stürzen, der auch nur annähernd mit der Garde zu tun hatte, Jonathan.“
Ich konnte darauf nichts erwidern. Nathan war in seinem vampirischen Normalzustand immer eine Person gewesen, die ihre Aggressionen und Wut trotz ihres Temperaments bis zu einem bestimmten Punkt hervorragend im Griff hatte – dafür sorgte schon allein die langsamere Zirkulation des Blutes – aber war dieser Punkt erst einmal überschritten, konnte er nahezu explodieren, was auch bedeutete, dass er zu einer tödli-chen Waffe wurde. In seinem jetzigen Zustand kamen die Ausmaße einer emotionalen Explosion der einer halben Naturkatastrophe gleich.
„Irgendwann wird er sich beruhigen“, erwiderte ich und sah vor allem Isabella eindringlich an. „Wir dürfen es ihm halt vorher nicht sagen.“
Die Mexikanerin nickte schließlich einsichtig und fuhr sich mit dem Handrücken über das tränennasse Gesicht. „Gut“, sagte sie, „aber solche Geheimnisse müssen irgendwann heraus. Sonst werden sie uns eines Tages zerstören.“
„Ich weiß“, gab ich ihr Recht. „Aber bis dahin haben wir noch viel zu tun. Und in einigen Punkten, vor allem, was die Machenschaften der Garde angeht, bin ich auf eure Mithilfe angewiesen.“
Alejandro nickte einsichtig und erhob sich. „Ich … ich hab ein paar Sachen für dich zusammengesucht“, erklärte er. „Warte einen Moment.“
Ich sah ihm nachdenklich zu, wie er aus der Küche verschwand, wandte mich dann aber wieder Isabella zu.
„Was ist mit Manolo?“, erkundigte ich mich zögernd. „Weiß er mittlerweile über alles Bescheid?“
Sie schüttelte betrübt den Kopf. „Er glaubt immer noch, dass wir uns vor einer mexikanischen Verbrecherorganisation verstecken. Er würde es nicht verstehen.“
Ich hatte beinahe geahnt, dass Alejandros schlechtes Gewissen nicht nur mit Nathan zusammenhing. Manolo besaß, wie mein Freund, viel Temperament, einen extremen Gerechtigkeitssinn und war sehr intelligent. Er studierte durch ein wenig Unterstützung meinerseits unter falschem Namen an der Universität in L.A. Rechtswissenschaften und war nur hier, weil er unglücklicherweise von unserer Flucht und Nathans Schicksal erfahren hatte. Es war nicht auszuschließen, dass er auf das Geständnis seines Vaters mit Wut und Verachtung reagieren würde, ganz gleich, wie sehr er ihn liebte; es war in Zusammenhang mit Nathans Leiden einfach schwer zu verkraften.
„Er hat Nathan so schrecklich gern“, setzte sie noch hinzu und ich musste ihr innerlich zustimmen.
Man sagte, dass traumatische Erlebnisse enge Bande zwischen den Menschen knüpfen konnten, die sie gemeinsam durchmachen mussten, und Nathans Beziehung zu Manolo und Sam bestätigten dies. Beide waren von ihm als Kinder gerettet worden und beide besaßen ein tiefes Vertrauen zu ihm und eine unglaubliche Hartnäckigkeit, was den Kontakt zu ihm anging. Manolos räumliche Trennung erschwerte ihm dies allerdings ungemein. Doch, soweit ich wusste, hatte er sich über Jahre hinweg zumindest telefonisch und später dann auch über das Internet bei Nathan gemeldet. Der Kontakt war dadurch nie abgebrochen und es hatte auch einige persönliche Wiedersehen gegeben, wenn wir auf Geburtstagsfeiern oder andere Feste eingeladen wurden. Das letzte Treffen war mitt-lerweile schon eine ganze Weile her und erklärte Manolos Drang, seinen alten Freund endlich wiederzusehen und sich mit ihm auszutauschen.
„Apropos Nathan“, versuchte ich, das Thema in eine etwas erfreulichere Richtung zu drehen. „Mein Freund entwickelt langsam einen gesunden Appetit und deswegen wollte ich euch fragen, ob ihr nicht vielleicht …“
„Aber natürlich!“, rief Isabella erfreut, noch bevor ich meinen Satz beendet hatte. Die Erleichterung über diesen Themenwechsel war ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. „Was braucht ihr?“
Ich zuckte ein wenig unschlüssig die Schultern. Meine letzte, nach menschlichen Maßstäben ‚ordentliche‘ Mahlzeit war über hundertfünfzig Jahre her. Ich hatte keine Ahnung, was man heute so als Mensch aß, beziehungsweise essen konnte.
„Ich denke, am besten Dinge, die einen intensiven aber guten Geschmack haben.“
„Selbstgemachte Marmelade?“, fragte sie mit einem Strahlen, und setzte sich sofort in Bewegung Richtung Kellertür, die gleich um die Ecke im Flur lag.
„Und ich habe heute Morgen erst frisches Brot gebacken! Davon könnt ihr auch etwas haben“, hörte ich sie noch sagen, dann stieg sie bereits die Treppe hinunter und Alejandro er-schien an ihrer Stelle wieder in der Küche, einen Stapel Papie-re und Akten in den Armen, die er mir sofort vor die Nase legte.
„Als du mir am Telefon erzählt hast, dass die Garde schon über längere Zeit Experimente an Vampiren durchführt, habe ich noch einmal meine alten Akten durchsucht und bin fündig geworden“, erklärte er, während er sich wieder neben mir niederließ. „Außerdem habe ich noch ein paar andere Kontakte angesprochen und bin auf interessante Erkenntnisse gestoßen.“
Er schlug eine der Akten auf und zog ein paar Papiere her-vor, auf denen einzelne Abschnitte mit Textmarker angestri-chen waren. „Es gab oder gibt wahrscheinlich noch auf der ganzen Welt verteilt Labore, in denen man ….“ Er musste sich räuspern, um weitersprechen zu können, und vermied dabei den Blickkontakt, so unangenehm schien ihm das ganze Thema zu sein. „Man … man testet dort die neuesten Waffen, die im Kampf gegen Vampire eingesetzt werden sollen.“
„An Vampiren.“ Das war mehr eine Feststellung meinerseits als eine Frage, aber Alejandro fühlte sich dennoch ver-pflichtet, zu nicken.
„Ich würde vermuten, dass sie das schon tun, seit es die Garde gibt“, fügte er beklommen hinzu. „Sonst wären sie über die Jahre nie so erfolgreich, so effektiv gewesen.“
Ich schluckte tapfer die aufbrodelnde Wut in mir hinunter. „Und das, was sie mit Nathan gemacht haben …?“
„Das ist neu“, gab Alejandro sofort zurück. „So etwas gab es vorher noch nicht. Jedenfalls wurde es bisher auch in den Reihen der Garde ziemlich geheim gehalten, sonst hätte ich davon erfahren.“
„Wie bist du an diese Akten gekommen?“, fragte ich stirnrunzelnd und nahm eine der schon etwas verblichenen Schrift-stücke in die Hand, um sie flüchtige durchzublättern.
„Vor zirka sechs Jahren habe ich doch diesem Blockkommandanten geholfen, sich abzusetzen“, erklärte mein Freund rasch. „Ein Teil unserer Abmachung war es, dass er mir so viele Informationen über den Aufbau der Garde verschafft, wie er bekommen kann.“
„Ich erinnere mich dunkel“, gab ich nachdenklich zurück. „Er hat uns die Sache mit den Zellen und den Verbindungs-männern erklärt.“
„Ganz genau“, stimmte Alejandro mir zu, „aber der Mann der mich gestern kontaktiert hat, weiß noch eine ganze Menge mehr.“
Mein Kopf fuhr hoch und ich starrte mein Gegenüber für einen Moment sprachlos an. „Dich hat jemand von der Garde kontaktiert?“
„Ich denke, er gehört zu der Seite, die momentan von ihren eigenen Leuten verfolgt und ausgelöscht wird“, erwiderte Alejandro in seiner typischen Ruhe, die im völligen Kontrast zu meinen eigenen Gefühlen stand. „Diejenigen, die Nathan in der Mangel hatten …“
Mordlust fuhr mir wie ein brennendes Schwert in die Brust.
„Wie heißt er?“, stieß ich mit zusammengebissenen Zähnen aus.
Alejandro bedachte mich mit einem grüblerischen Zusammenziehen der Brauen. Dennoch antwortete er mir, obwohl ihm der Ausdruck in meinen Augen gar nicht zu gefallen schien. „Paul Ritchcroft.“
Der Name sagte mir nichts.
„Er wollte nicht viel verraten“, fügte mein Freund erklä-rend hinzu. „Er hatte zu viel Angst, aber als ich ihm drohte, den Kontakt abzubrechen, hat er mir einige interessante Dinge anvertraut.“
Ich sagte nichts, sondern sah Alejandro nur auffordernd an.
„Du weißt ja, dass die Garde so schwer zu enttarnen ist, weil sie sich, ähnlich wie Terrororganisationen, in viele kleinere Zellen teilt, die keinen Kontakt zueinander oder zu der Führungsspitze haben“, begann Alejandro mit seiner Erklärung und wieder nickte ich nur. „Aus dem einfachen Grund, dass sie, wenn sie auffliegen, keine wichtigen Informationen und vor allem keine Namen an ihre Feinde weitergeben können. Lediglich der Zellenkommandant hat Kontakt zu dem Blockobersten, der vier Zellen kommandiert und wiederum einem anderen höher stehenden Menschen unterstellt ist und so weiter. Fliegt eine Zelle auf, braucht die Garde entweder nur den Zellenkommandanten oder schlimmstenfalls den Blockobersten aus dem Weg zu räumen und schon ist das Problem gelöst.“
Das war mir nicht neu. Genau an diesem Punkt scheiterten immer unsere Versuche, an Informationen über die obersten Anführer dieser Organisation zu gelangen. Jeder Mann, den wir bisher hatten fangen können, hatte uns maximal einen Namen verraten können, dessen Träger dann nur noch tot aufzufinden war. Bisher hatten wir immer nur am untersten Rand gekratzt und uns nur an dem Fußvolk rächen können.
„Aber der Riss, der jetzt durch die Garde geht, zieht sich hinauf bis in die Führungsspitze“, erklärte mir Alejandro beinahe begeistert. „Dieses Mal hat es irgendwo ganz oben gekracht und zwar so, dass der Riss nicht mehr zu kitten ist und nun Menschen auf der Flucht sind, die unglaublich viel wissen und vor allem viele Namen kennen!“
„Und dieser Paul …?“
Alejandro beugte sich verschwörerisch zu mir vor. „… war verantwortlich für sämtliche Einsätze im Südwesten der Staa-ten. Er hat regelmäßig an den Versammlungen der Aktionsleiter teilgenommen und kennt wiederum die Namen einiger Leute aus der obersten Führungsspitze.“
„Und die will er dir verraten, wenn du ihm hilfst?“, fragte ich zweifelnd.
„Eingeschränkt“, musste Alejandro zugeben. „Es gibt ein paar Freunde, die er schützen möchte.“
Ich gab ein verächtliches Lachen von mir. „Was glaubst du, wie schnell er diese Freunde vergessen wird, wenn es ihm um sein eigenes Überleben geht.“
„Auf jeden Fall war er wohl nicht nur bei der Garde ein aufwärts strebender Mensch“, fuhr Alejandro fort. „Er war auch in der Politik beschäftigt und der persönliche Assistent eines angehenden Senators.“
Ich sah ihn alarmiert an. „Welches Senators?“
„Dieser Kerl, der da letztes Jahr in diesen Betrugsskandal verwickelt gewesen war. Wie hieß der noch gleich …?“ Alejandro legte angestrengt nachdenkend seine Stirn in Falten.
„Harald Jeffersen?“, fragte ich lauernd und Alejandros Augen blitzten freudig auf.
„Ja, genau!“
Meine Gedanken schlugen sofort Purzelbäume und mich hielt es nun nicht mehr länger auf meinem Stuhl. Die Energie, die in diesem Augenblick meinen Körper erfasst hatte, musste auf irgendeine Weise herausgelassen werden.
„Ich muss den Mann sehen!“, stieß ich aufgebracht aus und fuhr mir mit einer Hand durch das Haar, zur Tür laufend und dann sofort wieder umdrehend.
Mein mexikanischer Freund folgte mir, etwas verwirrt über meine heftige Reaktion, mit den Augen. „Wann?“
„Jetzt! Sofort!“, entfuhr es mir, obwohl ich genau wusste, dass das völliger Blödsinn und überhaupt nicht machbar war.
„Er wird sich erst morgen wieder melden“, versuchte Alejandro mir vorsichtig beizubringen. „Und er vertraut mir noch nicht so wirklich. Es wird schwer werden, ihn dazu zu überreden, sich persönlich mit uns zu treffen.“
„Die Garde ist in Panik und daher noch schneller und tödlicher als sonst“, gab ich drängend zurück. „Wenn er sich nicht mit uns trifft, ist er bald ein toter Mann!“
„So wie ich das sehe, ist er das auch, wenn er sich mit uns trifft“, merkte Alejandro zögernd an und ich wandte mich mit einem verärgerten Stirnrunzeln zu ihm um.
„Alles, was ich will, ist über ihn endlich an die Führungsspitze dieser Sammlung von Verbrechern heranzukommen!“, blaffte ich ihn an.
„Das heißt, du willst ihn nicht töten, wenn du alles hast, was du wolltest?“
Das war eine gemeine Fangfrage und allein mein Zögern genügte Alejandro schon, um mich zu durchschauen.
„Jonathan, auch wenn ich deinen Hass verstehen kann und ich genauso nach Vergeltung für Nathan dürste wie du … ich habe dennoch meine Prinzipien“, sagte der Mexikaner so nachdrücklich wie möglich. „Wenn ich mit einem meiner Klienten einen Deal mache, halte ich mich auch daran! Wenn er für die Informationen, die wir bekommen, leben will, dann werde ich mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, dafür sorgen! Ganz gleich, was er zuvor getan hat. Meine Gefühle müssen dann hinten anstehen und in diesem Fall auch die deinen!“
Ich musste über das nachdenken, was er sagte. Mein Durst nach Rache war ziemlich groß und dieser Paul schien auch noch einer der Drahtzieher der Aktionen um Nathan herum zu sein. Konnte ich meinen Hass so weit zurückschrauben, dass ich keine Entzweiung mit Alejandro herbeiführte? Konnte ich dem Mann begegnen, ohne mich auf ihn zu stürzen und ihn zu zerfleischen? Besaß ich genug Selbstbeherrschung, um für eine Zeit zu vergessen, was Nathan angetan wurde?
Mir war klar, dass ich mich im Grunde zwischen zwei Dingen entscheiden musste: Entweder Rache für Nathan und all die anderen Vampire, die durch die Versuche in den Laboren elendiglich gestorben waren oder die Chance, endlich an die Namen der Obersten zu kommen und eventuell die Garde für immer zu zerstören.
Ich biss die Zähne zusammen und nickte schließlich zustimmend. Es kostete mich viel Mühe, aber ich meinte dieses Nicken ernst – es war das Versprechen, mich den Wünschen Alejandros zu fügen.
„Wenn du für morgen ein Treffen mit dem Mann organisieren kannst, schwöre ich, dass ich ihn verschonen werde“, setzte ich zähneknirschend hinzu und Alejandro atmete erleichtert auf. Er hatte sich anscheinend schon darauf eingestellt, sich mit mir anlegen zu müssen.
Ein Rumpeln von der Kellertreppe her, sagte mir, dass Isabella mit den Lebensmitteln wiederkam und im nächsten Augenblick erschien sie auch schon mit einer gut gefüllten Holzkiste und einem von der Anstrengung geröteten aber strahlendem Gesicht in der Tür.
„Ich denke, das hier wird Nathan eine Menge Energie liefern“, lachte sie, gar nicht registrierend, dass ihr Mann und ich immer noch ziemlich angespannt waren, und hievte die schwere Kiste mit ein wenig Mühe auf den Tisch.
Ich trat, neugierig geworden, an sie heran. Mein Blick flog über Brot, Gemüse, selbst gemachten Käse und Wurst und viele andere Lebensmittel und meine Lippen verzogen sich trotz der inneren Unruhe, die mich nicht loslassen wollte, zu einem amüsierten Schmunzeln.
„Ich denke, damit kann man selbst einen erkrankten Elefanten wieder aufpäppeln“, bemerkte ich verschmitzt.
Alejandro stieß ein kleines Lachen aus, ging auf seine Frau zu und drückte ihr einen sanften Kuss auf die rosige Wange.
„Du schaffst es doch immer wieder, in jeder Situation meine Welt ein klein wenig heller zu machen“, sagte er zärtlich und ich konnte ihm innerlich nur zustimmen.
Manchmal kam es eben nur auf die ganz kleinen Gesten im Leben an. Manchmal genügte ein winziges Licht, um den dunkelsten Schatten zu vertreiben.

 

Ebook: 3,99 € (Kindle-Format) ; andere Formate (epub, etc.)

Softcover/Taschenbuch: 10,99 € epubli; auch im Buchhandel über die ISBN  9783737509176 bestellbar

 

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