4. August 2014 - 13:24

Leseprobe aus Sanguineus – Band II: Neugeboren

Evolution

 

 

Sam war furchtbar angespannt, als sie den langen Gang zu Nathans Wohnung hinunterlief, denn sie wusste nicht genau, ob sie das Richti-ge tat. Jonathan hatte ihr zwar versichert, dass das der einzige Weg war, um Nathan davon abzuhalten, sich wieder zurückzuziehen, aber überzeugt war sie davon nicht. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie die ganze Sache einfach angesprochen und mit Nathan ausdiskutiert, doch Jonathan war der Ansicht, dass man mit seinem bes-ten Freund über ‚Missgeschicke’ wie dieses nicht richtig reden konnte.
„Da kannst du dich auch vor die Freiheitsstatue stellen und sie bitten, mal den anderen Arm zu heben“, hatte er ihr am Telefon gesagt. „Wahrscheinlich hast du da sogar mehr Erfolg.“
Wenn Sam so darüber nachdachte, hatte Jonathan wahrscheinlich Recht. Sie kannte Nathan jetzt lange genug, um zu wissen, dass er eine Person ganz besonders hart und unnachgiebig behandelte – und zwar sich selbst. Sich selbst zu verzeihen, war für ihn fast ein Ding der Unmöglichkeit und gerade das machte es so schwierig, mit ihm eine intensive Beziehung einzugehen. Menschen machten Fehler, gerade in Beziehungen und irgendwie musste sie ihm begreiflich ma-chen, dass das völlig in Ordnung war und sie überhaupt nicht störte. Vor allem, wenn es um Dinge ging, die sie selbst gar nicht als Prob-lem ansah – wie der Liebesbiss eines über alle Maßen erregten Vampirs, mit dem sie das berauschendste sexuelle Erlebnis geteilt hatte, das ihr jemals widerfahren war. Allein der Gedanke an die vorange-gangene Nacht, die nur so wenige Stunden zurück lag, ließ ihr Herz schneller schlagen und weckte die vielen Schmetterlinge in ihrem Bauch aus ihrem leichten Schlaf.
Er war in den frühen Morgenstunden gegangen, hatte ihr leise ins Ohr geflüstert, dass er dringend zurück in sein deutlich kühleres Apartment musste und war dann verschwunden, noch bevor sie wieder ganz zu Sinnen gekommen war. Sie war zu müde gewesen, um sich Sorgen über sein Verhalten zu machen, und schnell wieder einge-schlafen. Erst nach dem Aufstehen, als sie im Badezimmerspiegel die kleinen Einstichstellen an ihrem Hals betrachtet hatte, war ihr der Gedanke gekommen, dass dieser Vorfall für Nathan vielleicht ein Problem sein könnte.
Sie hatte ihn daraufhin mehrmals erfolglos angerufen, bis er schließlich am Nachmittag ans Telefon gegangen war. Natürlich hatte er sich die größte Mühe gegeben, so zu klingen, als sei alles in Ord-nung, aber Sam kannte ihn zu gut, um nicht die leichte Befangenheit in seiner Stimme herauszuhören. Deswegen war sie erleichtert gewe-sen, als wenig später Jonathan bei ihr angerufen hatte.
Seine Bitte, Nathan aufzusuchen und ihn „nicht mehr entkommen zu lassen“, fühlte sich ein wenig eigenartig an. Aber da sie wusste, das hinter dieser Forderung nur große Besorgnis um das Glück seines besten Freundes stand, hatte sie es ihm nicht weiter krumm ge-nommen, dass er sie in so direkter Form darum bat, Nathan dazu zu bringen, seinen sexuellen Gelüsten erneut nachzugeben. Und wenn sie ehrlich war, war ihr eigener Drang, ihre leidenschaftliche Begegnung zu wiederholen, so groß, dass sie kaum an etwas anderes mehr denken konnte. So war es nicht verwunderlich, dass ihre Anspannung in Aufregung kippte, als sie die Tür zu seiner Wohnung erreichte und bemerkte, dass diese nicht ganz geschlossen war. Wirklich nachlässig … und es sprach deutlich dafür, dass Nathan momentan gedanklich nicht so ganz bei der Sache war.
Sam sah noch einmal an sich hinunter. Sie hatte darauf geachtet, mit ihrer Kleidung nicht allzu deutliche Zeichen dafür zu setzen, aus welchem Grund sie eigentlich gekommen war, aber die elegante Bluse und die dunkle Stoffhose, die sie trug, lagen eng an und betonten ihre weiblichen Rundungen genau an den richtigen Stellen, ohne dabei billig auszusehen.
Sie atmete tief durch und betrat dann leise Nathans Wohnung. Sie konnte ihn nicht auf Anhieb entdecken, aber von der oberen Etage her ertönten Geräusche, also war er da. Sie sah sich kurz um und entdeckte auf dem Wohnzimmertisch ein paar Fotos von Gebäuden und ein paar Notizen, in Nathans etwas unleserlicher Handschrift verfasst.
Ihr Blick wanderte zur Treppe, weil sie von oben her Schritte ver-nahm, und ihr Herz machte einen kleinen, kindischen Sprung, als Nathan in der für Vampire typischen Geschmeidigkeit zu ihr hinunter kam. Warum musste er nur diese extrem anziehende Wirkung auf sie haben, ganz gleich, was er trug oder gerade tat? Dass er wieder eines dieser engen, dunklen Shirts trug, das so gut wie nichts von seinem durchtrainierten Körper verbarg, war in Hinsicht auf ihre Selbstbe-herrschung natürlich nicht gerade von Vorteil.
Nathan war nicht überrascht sie zu sehen, wahrscheinlich hatte er sie längst gerochen, aber im seinem Blick zeigte sich trotz des sanften Lächelns, mit dem er ihr begegnete, Unsicherheit und Distanz. Den-noch war da sofort selbst über den Abstand zwischen ihnen eine in-tensive Spannung spürbar. Der Nachhall ihrer unvergesslichen Nacht war noch nicht verklungen, zu frisch waren die Erinnerungen daran.
„Ich dachte mir, da du ja in Arbeit förmlich zu versinken scheinst“, empfing sie ihn, bevor er etwas sagen konnte, und wies auf das Material auf dem Tisch, „komme ich einfach vorbei und biete dir meine Hilfe an.“
Sie zog demonstrativ ihre leichte Jacke aus und legte sie auf die Couch, um ihm deutlich zu zeigen, dass er sie nicht so schnell wieder loswerden würde.
Nathan wusste für einen Moment nichts darauf zu erwidern, son-dern stand nur unschlüssig da, während sich in seinen schönen Augen die unterschiedlichsten Gefühle spiegelten: Abwehr, Freude, Angst, aber auch unverhohlenes sexuelles Interesse. Der sehnsüchtige Blick, mit dem er sie kurz gemustert hatte, war Sam nicht entgangen, also trat sie mutig dichter an ihn heran.
„Also … worum geht es? Wurde wieder jemand entführt und die Polizei braucht deine Hilfe?“, fragte sie und erschrak beinahe selbst über den samtig weichen Klang ihrer Stimme. Sie konnte Nathan schlucken sehen und seine Augen wanderten kurz zu ihren Lippen, dann wandte er sich etwas zu schnell von ihr ab und ging hinüber zu seiner Couch.
„Ich … ich denke, das muss ich dieses Mal allein machen“, sagte er mit verräterisch kratziger Stimme und sammelte schnell alle Noti-zen und Fotos ein, die er sogleich in einer Akte verschwinden ließ. Sam ließ sich nicht so leicht abschütteln und war neben ihm, noch bevor er die Flucht antreten konnte.
„Sowas darfst du nicht sagen“, erklärte sie ihm leise mit einem leichten Lächeln. „Du weißt doch, das erregt erst recht mein Interesse …“
Sie war ihm nun so nah, dass sie seinen deutlich schnelleren Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte und seine Wangenmuskeln zucken sah, während seine Augen schon wieder nach ihren Lippen gierten. Jonathan hatte Recht gehabt, Nathans Selbstkontrolle war dieses Mal erstaunlich schwächlich, dabei hatte sie ihn noch nicht einmal be-rührt. Er musste sich räuspern, um überhaupt etwas hervorzubringen.
„Das ist … ziemlich …“ Er stockte, weil ihm anscheinend die Worte fehlten.
„Kompliziert?“, fragte sie mit unschuldigem Augenaufschlag und er nickte stumm, während sein Gesicht ungewollt ein Stück näher kam. Sams Puls begann sich zu beschleunigen und auch das Flattern in ihrem Unterleib wurde stärker.
„Eigentlich … wollte ich gerade …“ Er brach ab, hilflos den Re-aktionen seines eigenen Körpers ausgeliefert, und Sam beschloss, nun doch endlich Jonathans ‚Nur-eine-Berührung’-These auszutesten. Ohne ihren intensiven Blickkontakt zu unterbrechen, hob sie ihre Hand und legte sie auf Nathans sich verdächtig rasch hebende und senkende Brust, gerade so, dass ihre Fingerspitzen seine kühle Haut direkt an der geöffneten Knopfleiste berührten Ihr Herz konnte noch zwei weitere schnelle Schläge machen, dann waren plötzlich Nathans Hände seitlich an ihrem Kopf und seine Lippen pressten sich unge-stüm auf ihren Mund.
Sam gab sich dem fordernden Kuss bereitwillig hin und fühlte, wie die überaus heftigen Reaktionen ihres eigenen Körpers sofort ihren Verstand ausschalteten. Sie schob ihre Hände hinauf zu seinem Na-cken, schlang ihre Arme um seinen Hals und drängte sich an seinen festen Körper, während sie die Liebkosungen seiner Lippen und seiner Zunge beinahe fiebrig erwiderte. Sie war von dem Wunsch, sofort und so schnell wie möglich Sex mit ihm zu haben, wie besessen und stand ihm in seiner Leidenschaft und Ungeduld in nichts nach.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie sich auf der Couch wie-derfanden, er über ihr, seine Lippen an ihrem Hals und sie, ihre Bei-ne um seine Hüften schlingend, während sich ihre Hände forsch unter sein Hemd schoben und sehnsüchtig über die straffen Muskeln seines Bauches und seiner Brust glitten.
Gott, sie war verrückt nach diesem Mann. Sie wollte ihn schme-cken, riechen, spüren … verschlingen … Die Berührungen seiner Lippen brannten wie Feuer auf ihrer Haut und sorgten dafür, dass ihr Verlangen nach ihm, nach seinem Körper schnell so groß war, dass sie es kaum ertragen konnte. Dennoch nahm sie es überaus deutlich wahr, als seine Lippen an der Stelle anlangten, an der am Abend zuvor seine Reißzähne die zarte Haut durchbohrt hatten, und sie war nicht überrascht, als er atemlos innehielt, seinen Kopf hob und sie ansah. Reue und Erschütterung hatten sich vor seine sexuellen Be-dürfnisse geschoben und er hob eine Hand an ihr Gesicht und strei-chelte sanft, in einer behutsamen Geste der Entschuldigung, ihre Wange.
„Es … es tut mir so leid“, flüsterte er.
Sie schüttelte rasch den Kopf, zog eine ihrer Hände aus seinem Hemd, legte sie an seine Wange und erwiderte seine liebevolle Geste. „Ich weiß“, gab sie leise zurück. „Aber das braucht es nicht.“
Sie spürte, dass er in ihrem Gesicht nach einem Zeichen der Wut oder Ablehnung suchte und gleichzeitig furchtbare Angst davor hatte, tatsächlich fündig zu werden. Sie hob ein wenig ihren Kopf und küsste ihn sanft.
„Du bist kein Monster, Nathan“, flüsterte sie. „Du wirst mir nie wehtun … und du wirst mich nie verjagen können, ganz gleich was du tust. Ich weiß, es ist erschreckend, aber mich wirst du nicht mehr los.“
Sie versuchte sich an einem halben Lächeln, während er sie nur fasziniert und voller Liebe ansah. Dann beugte er sich vor und sie fühlte erneut seine Lippen auf ihrem Mund, sanft, unglaublich zärtlich und voller Sehnsucht.
„Ich liebe dich“, flüsterte er an ihren Lippen und küsste sie wieder und wieder, bis die Leidenschaft sie beide von Neuem erfasste und sein Mund erneut an ihrem Hals war, sich zärtlich der Stelle widmend, die er selbst zuvor gekennzeichnet hatte.
Sam atmete zitternd ein, als seine Lippen tiefer wanderten hinun-ter zum Ausschnitt ihrer Bluse, während ihre eigenen Hände längst sein Hemd ein gutes Stück nach oben geschoben hatten und sie nun ungehindert seinen nackten Rücken mit ihren Fingern erkunden konn-te. Sie war von ihrem eigenen Verlangen so benebelt, dass sie das Klingeln des Handys zunächst gar nicht registrierte. Sie bemerkte es nur, weil Nathan widerwillig seinen Kopf hob und hinüber zum Couchtisch sah, auf dem dieses teuflische, kleine Ding lag. Er sah sie an und sie schüttelte unwillig den Kopf, schlang die Arme um seinen Hals und zog ihn wieder zu sich hinunter, um ihn gierig zu küssen. Nathan war selbst zu erregt, um sich nicht wieder auf sie einzulassen und den Kuss inbrünstig zu erwidern, doch der Anrufer blieb hartnä-ckig und wollte einfach nicht auflegen.
„Nur … einen Moment …“, stieß Nathan atemlos aus und riss sich mit deutlichen Schwierigkeiten von ihr los.
„Ja!“, knurrte er darauf ungnädig ins Telefon.
Sam richtete sich hinter ihm auf, lehnte sich gegen seinen Rücken, ließ ihre Hände über seine breiten Schultern gleiten und schließlich vorn in seinem Hemd verschwinden.
„Was?!“
Sie verharrte, weil sie deutlich spürte, wie sich sein ganzer Körper plötzlich anspannte.
„Warte, warte … sag mir einfach, wo du bist, Ryan!“
Sam zog sich sofort zurück und Nathan stand auf. Große Sorge hatte von seinen Augen Besitz ergriffen und Sam wusste, dass das nichts Gutes bedeutete.
„Was? Nein, warte! Beruhige dich! Ich komme zu dir!“ Er sah sich hektisch nach seinem Mantel um und Sam tat es ihm nach, ent-deckte ihn schneller als er selbst auf dem Sessel neben der Couch, sprang auf, packte ihn und warf ihn zu Nathan hinüber.
„Bleib, wo du bist!“, befahl Nathan seinem Freund in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und zog sich schnell den Mantel an. „Rühr dich nicht von der Stelle! Ich bin in zehn Minuten da!“ Er legte auf und ergriff die Akte, die wieder auf dem Tisch lag.
„Wo gehen wir hin?“, fragte Sam und hatte bereits ihre eigene Jacke in der Hand. Doch Nathan schüttelte den Kopf.
„Du kannst nicht mitkommen“, sagte er deutlich. „Das ist…“ Er atmete tief durch und trat an sie heran, nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Ich verspreche dir, ich werde dir alles erklären, wenn ich wieder da bin. Aber zurzeit verstehe ich das alles selbst noch nicht so richtig und es ist einfach zu gefährlich – gerade weil ich nicht weiß, was passieren kann.“
„Aber …“, setzte sie an, doch Nathan ließ sie nicht ausreden.
„Sam, bitte!“, brachte er drängend hervor. „Warte einfach hier auf mich. Es wird nicht lange dauern. Ich brauche nicht länger als ein, zwei Stunden.“
Sam blickte einen langen Moment in seine sie flehentlich ansehen-den Augen und nickte dann widerwillig.
„Aber wenn du nicht rechtzeitig wieder hier bist, komme ich dich suchen, und du weißt, ich werde dich finden, egal wo du bist und mit wem du dich amüsierst.“
Ihr gespielt drohender Tonfall brachte ihn zum Lachen und er drückte ihr einen Kuss auf die Lippen, um dann sogleich zur Tür zu eilen. Sie folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Seine Eile machte sie zusehends nervöser.
An der Tür hielt er noch einmal inne und wandte sich zu ihr um. Seine Brauen hatten sich nachdenklich zusammen gezogen. „Du woll-test mir doch helfen – vielleicht kannst du das tatsächlich. Ich habe vorhin Langdon nicht erreichen können, aber ich muss dringend et-was von ihm wissen. Könntest du ihn anrufen?“
Sie zog irritiert die Brauen zusammen, nickte aber dennoch schnell. „Was soll ich ihn fragen?“
„Frag ihn, warum er die Ermittlungen gegen Harald Jeffersen eingestellt hat und warum die Anklage fallengelassen wurde, bevor es überhaupt zur Verhandlung kam.“
Sam runzelte verwirrt die Stirn, aber Nathan begegnete ihr nur mit einem schiefen Lächeln.
„Du erklärst es mir später?“, riet sie und er nickte kurz.
Sie seufzte tief und schwer. „Pass auf dich auf!“, sagte sie ernst, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz. Wie lange hatte sie es sich gewünscht, sich einmal so von ihm verabschieden zu kön-nen.
Er bedachte sie mit einem warmen Lächeln und wandte sich um. Sie tat es ihm mit einem kurzen Zögern nach und war umso über-raschter, als sie plötzlich ihren Namen hörte und wenig später am Arm gepackt und wieder herumgedreht wurde. Kühle Lippen pressten sich in einem hingebungsvollen Kuss auf die ihren und als sie wieder losgelassen wurde, blickte sie in Nathans nun dunkelgrüne, fragende Augen.
„Du bleibst hier bei mir?“, versicherte er sich noch einmal und die Unsicherheit in seinen Augen bewies, dass er immer noch nicht so recht glauben konnte, dass sie sich dafür entschieden hatte, mit einer Kreatur wie ihm zusammen zu sein. Sie nickte bestätigend und schenkte ihm ein Lächeln, das so voller Liebe war, dass er ihr einfach glauben musste.
„Ich warte“, versprach sie ihm und nun zuckte auch um seine Mundwinkel ein kleines Lächeln. Er beugte sich vor, küsste sie noch einmal sanft und eilte dann endgültig los. Sam sah ihm nach, bis er verschwunden war, schloss dann die Lider und holte tief und schwer Luft. Je intensiver ihre Beziehung und je tiefer ihre Liebe zu ihm wur-de desto schwerer wurde es, ihn gehen zu lassen.

 

Ganz gleich, ob sie angenehm oder schrecklich waren: Träume über Nathan brachten Sam immer dazu, plötzlich aufrecht im Bett zu sitzen und schwer atmend um Beherrschung ringen zu müssen. Dieser war in gewisser Weise beides und im Grunde genommen war es gar kein richtiger Traum gewesen, nur eine Erinnerung, die sie im Laufe des vergangenen Jahres allzu oft heimgesucht hatte. Es waren ihre letzten gemeinsamen Minuten gewesen, das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte, die letzten Worte, die letzten Küsse, die sie ausgetauscht hatten, bevor er verschwunden war, und das war es im Grunde genommen, was diese Erinnerung für sie bisher immer so furchtbar schmerzhaft gemacht hatte.
Nathan war nicht wiedergekommen. Nicht nach zwei Stunden, nicht nach drei auch nicht nach fünf. Sie hatte sofort gewusst, dass etwas nicht in Ordnung war und in ihrer Besorgnis Jonathan angeru-fen. Vielleicht hatte ein kleiner Teil von ihr gehofft, dass er über sie lachen und ihr erklären würde, dass eine solche Verspätung bei Nathan ganz normal war, wenn er in einem schwierigen Fall steckte. Aber diesen Gefallen hatte Jonathan ihr nicht getan. Er war genauso aufgebracht gewesen wie sie und hatte sofort Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um Nathan zu suchen. Ab diesem Moment hatte sie gewusst, dass alles noch viel schlimmer kommen würde.
Nathan war vermisst geblieben, genauso wie sein Freund Ryan. Man hatte am frühen Morgen sein Auto in einem Feld weit außerhalb der Stadt gefunden, aber nicht einen einzigen Hinweis darauf, was mit ihm passiert war – auch keine Akte. Und genau das war der Punkt, an dem Sam nun nach dieser langen Zeit wieder hängen blieb, während sie versuchte, sich zu sammeln.
Immer wieder hatte die Polizei sie gezwungen, sich an die letzten Minuten mit Nathan zu erinnern. Und sie hatte ihnen von der Mappe erzählt, hatte ihnen versichert, dass er diese beim Verlassen der Woh-nung mitgenommen hatte, doch niemand hatte ihr geglaubt. Stattdes-sen war sie nach einer Weile so verunsichert gewesen, dass sie selber nicht mehr so recht gewusst hatte, ob sie die Akte tatsächlich in sei-nen Händen gesehen hatte.
Wenn sie sich recht erinnert, war es vor allem Langdon gewesen, der ihr nicht so wirklich hatte glauben wollen. Er hatte immer wieder die Behauptung aufgestellt, dass Nathan sich vielleicht irgendwohin abgesetzt hatte, weil er in Schwierigkeiten war. Sie hatte ihn zuvor für Nathan angerufen, um etwas über diesen Politiker herauszufinden und danach hatte er sich sofort in die Ermittlungen um Nathans Ver-schwinden eingemischt. Er war alles andere als eine Hilfe gewesen und irgendwie hatte Sam das Gefühl gehabt, dass er die Polizei in gewisser Weise unter Kontrolle hatte und dass es mit seine Schuld war, dass die Ermittlungen schon nach wenigen Wochen eingestellt worden waren. Er hatte Nathan nie besonders leiden können, aus welchem Grund auch immer.
Jetzt, da Nathan wieder da war und sie klarer denken konnte, kam ihr diese ganze Geschichte verdächtiger vor als jemals zuvor. Nathans Auftrag, den Professor zu suchen, die Fotos von den Gebäuden der Garde, Ryans Anruf, das merkwürdige Auftreten Langdons und der Polizei und das Verschwinden der Akte – das alles roch so stark nach Intrige und Hinterhalt, dass Sam kaum verstehen konnte, dass sie nicht schon früher darauf gekommen war. Natürlich besaß sie jetzt mehr Informationen als zuvor und sie war nicht mehr in ihrer Trauer und Verzweiflung gefangen, aber wenn sie früher nur ein wenig mehr um die Ecke gedacht hätte …
Sie schüttelte den Kopf über sich selbst. Wenn sie wieder in die Stadt ging, würde sie sich auf jeden Fall erst einmal Lieutenant Harris und Langdon vornehmen. Aber auch hier, an diesem Ort, gab es jemanden, der ihr vielleicht ein paar Antworten auf ihre wichtigsten Fragen geben konnte.
Sam sah sich in dem kleinen, schäbigen Zimmer um, in dem sie sich befand. Es standen nicht sehr viele Möbel herum. Nur das alte Bett, auf dem sie saß, ein wackeliger Nachttisch und eine Kommode an der gegenüberliegenden Wand. Die Tapete hatte ursprünglich ein altmodisches Muster geziert, aber in all den Jahren, die sie nun schon die Wände bekleidete, hatte sich so viel Dreck auf ihr gesammelt, dass man dieses kaum noch erkennen konnte. Dasselbe galt für den gelblichen Vorhang vor dem kleinen Fenster, durch den das warme Licht der Mittagssonne schien und dem Raum gleich eine viel freund-lichere Note verlieh.
Sie konnte sich nicht erinnern, selbst hierher gekommen zu sein und vermutete daher, dass Jonathan sie in dieses Zimmer gebracht hatte, als sie wieder einmal im Sessel neben Nathans Bett eingeschla-fen war. Freiwillig hätte sie seine Seite nie verlassen. Er konnte doch jeden Moment aufwachen und sie vielleicht brauchen. Dieser Gedan-ke brachte sofort Leben in ihre schweren Glieder. Sie schlug die De-cke zurück und bemerkte freudig, dass sie noch voll bekleidet war. Nur ihre Schuhe standen ordentlich vor ihrem Bett.
Die Federn des Bettes quietschten, als sie sich an den Rand schob und schnell in die Slipper schlüpfte. Ein wenig wackelig auf den Beinen bewegte sie sich zur Tür, öffnete diese und sah dann rechts und links den langen, für diese Tageszeit recht düsteren Flur hinun-ter. Das Haus war sehr lang und flach und besaß zwei Flügel mit einer Menge kleiner Zimmer, ein größeres Wohnzimmer mit Küchenbereich und zwei Bäder. Soweit sie es sehen konnte, waren alle Türen geschlossen und zu ihrer eigenen Verärgerung konnte sie sich nicht mehr recht erinnern, wo genau sich Nathans Zimmer befand.
Sie schloss für einen Moment die Augen und lauschte angespannt, ob sie von irgendwoher Stimmen vernahm, aber das ganze Haus schien wie ausgestorben. Von weitem ertönte nur das monotone Kla-cken der Wanduhr aus dem Wohnbereich. Das wunderte sie aber nicht weiter, bestand doch der weitaus größere Teil der momentanen Bewohner dieses Hauses aus nachtaktiven Wesen, die sich in der Mit-tagshitze gewiss in den kühlen Keller zurückgezogen hatten. Auf eine Klimaanlage mussten sie hier ja leider verzichten.
Sam warf einen Blick zurück durch das schmutzige Fenster ihres Zimmers. Was sie dort draußen erkennen konnte, sah anders aus, als die Landschaft, die sie von Nathans Zimmer aus hatte sehen können, also brauchte sie nur die Türen auf der gegenüber liegenden Seite des Flures abgehen.
Die Dielen des Bodens knarrten unter ihren Füßen, als sie langsam den Flur Richtung Wohnbereich hinunter ging. Sie erinnerte sich, dass sein Zimmer nicht allzu weit davon entfernt gelegen hatte und mit einem Mal erkannte sie die Tür wieder und beschleunigte ihren Schritt. Sie konnte nicht verhindern, dass ihr Herz schon wieder ein klein wenig schneller schlug, als sie die Hand auf die kühle Klinke legte und die Tür leise öffnete, denn innerlich hoffte sie so sehr, dass Nathan vielleicht wach sein und sie ihn endlich wieder in die Arme schließen, in seine gütigen Augen blicken und mit ihm reden konnte. Sie wusste, dass diese Hoffnung ein wenig zu weit her geholt war – erst gestern hatten sie noch um sein Leben bangen müssen – aber es waren so viele wunderliche Dinge passiert. Vielleicht überraschte das Leben sie erneut.
Das Licht in dem Raum war etwas gedämpfter, schien hier doch keine Sonne herein, dennoch war es hell genug, um alles Wichtige zu erkennen. Nathan lag ein wenig zur Seite gekippt in seinem Bett und schien fest zu schlafen. Er atmete tief und ruhig und sah dabei so entspannt und friedlich aus, dass sich ein zärtliches Lächeln auf Sams Gesicht stahl. Sie trat leise an ihn heran und hatte zum ersten Mal, seit sie ihn gefunden hatten, die Zeit, ihn in Ruhe zu betrachten.
Seine Gesichtszüge waren über dieses schreckliche Jahr härter geworden, aber vielleicht lag das auch nur daran, dass er einiges an Gewicht verloren hatte. Die nervenaufreibende Zeit in den Versuchs-laboren der Garde hatte deutliche Spuren hinterlassen. Seine Wangen waren ein wenig eingefallen und die dunklen Ringe unter seinen Au-gen verstärkten den Eindruck, einen Menschen vor sich zu haben, der mit knapper Not eine schwere Krankheit überlebt hatte. An seinem Körper gab es wohl nicht einmal mehr ein Gramm Fett und er hatte auch deutlich Muskelmasse abgebaut. Noch ein paar Kilos weniger und sie hätte ihn als mager bezeichnet. Auch das nur wenige Millime-ter lange Haar war für sie gewöhnungsbedürftig. Sie vermutete, dass man ihm den Kopf komplett kahl geschoren hatte, um wahrscheinlich seine Gehirnströme zu messen, und das Haar gerade erst wieder nachwuchs, und fragte sich, was für Demütigungen er noch über sich hatte ergehen lassen müssen. Eine Woge des Mitleids erfasste sie und sie fühlte schon wieder Tränen in ihre Augen drängen, die sie nur dadurch zurückhalten konnte, dass auch eine gehörige Portion Wut in ihr hoch kochte.
Ihre Augen waren bei seinen Armen angelangt und der Anblick, der sich ihr bot, verstärkte sowohl ihr Mitgefühl als auch ihre Wut. Drogensüchtige sahen oft so aus, die Arme von den Injektionsnadeln völlig zerstochen und übersäht mit Hämatomen. Sam wollte gar nicht wissen, wie oft am Tag jemand in seiner Haut herumgestochert hatte, um ihm irgendwelche Stoffe und neu erfundene Mittel zu spritzen. Und selbst in ihrer Obhut war es nicht möglich, ihn von dieser Tortur zu erlösen. In seinem linken Arm steckte noch immer der Venenka-theter, über den gerade eine Elektrolytlösung in seinen Körper lief. Der leere Beutel, der ebenfalls noch am Tropf hing, wies darauf hin, dass er auch vor kurzem wieder mit Blut versorgt worden war.
Sam hatte noch mitbekommen, dass die Männer abgesprochen hatten, sich mit dem Wachehalten an Nathans Bett alle drei Stunden abzuwechseln, während Peterson eine Liege direkt in dessen Zimmer zugeordnet bekommen hatte, damit er sofort helfen konnte, falls sein Patient wieder einen Anfall bekam. Jonathan hatte die erste Schicht übernommen und versucht, Sam zu überreden, schlafen zu gehen. Sie hatte sich jedoch geweigert und war erst sehr spät vor Erschöpfung eingeschlafen. Irgendwann musste er sie dann in das andere Zimmer gebracht haben.
Sam sah sich kurz um. In der dunkelsten Ecke des Raumes konnte sie die Gestalt des Professors unter einer Decke liegen sehen. Er hatte sich bei ihrem Eintreten etwas bewegt, lag nun aber wieder ganz still. Sonst war niemand anderes anwesend – ein deutliches Zeichen, dass irgendjemand seinen Einsatz verschlafen hatte.
Sam zuckte beinahe zusammen, als Nathan sich plötzlich bewegte und hielt für ein paar Sekunden den Atem an, bis er schließlich wieder auf seinem Rücken lag und keine weitere Regung von sich gab.
„Nathan?“, stieß sie sehr leise und nach langem Zögern aus, weil sie eigentlich wusste, dass es für ihn wahrscheinlich besser war, wei-ter zu schlafen, um sich von den Strapazen der letzten Stunden zu erholen. Aber ihre Sehnsucht nach ihm war so furchtbar groß …
„Er hört Sie nicht“, ertönte eine Stimme hinter ihr und dieses Mal zuckte sie doch zusammen und sah sich erschrocken um. Peterson hatte sich auf seinem Nachtlager aufgerichtet und blinzelte müde zu ihr herüber. Augenscheinlich war sein Schlaf leichter, als sie ange-nommen hatte.
„Und er wird auch nicht so bald wach werden. Ich habe ihm in der Nacht ein Schlafmittel gespritzt, damit er nicht auch noch von Alpträumen gepeinigt wird. Ein langer, traumloser Schlaf ist augenblicklich das Beste für ihn, um wieder zu Kräften zu kommen.“
Sam starrte den Professor ausdruckslos an. Auch wenn er nun auf ihrer Seite war, es änderte nichts an der Tatsache, dass er eine der Personen gewesen war, die Nathan so gequält hatten. Und Nathans Reaktion auf den Professor hatte deutlich gezeigt, dass er mit diesem Menschen nur Schrecken und Schmerz verband, ganz gleich wie sehr der Vampir in Nathan ihn auch brauchte. Sie konnte nicht freundlich zu diesem Mann sein, nicht solange es so viele ungeklärte Fragen gab und da so viel Wut in ihrem Inneren brodelte.
„Können Sie mir eine Frage beantworten?“, erwiderte Sam so ru-hig, wie es ihr möglich war, und setzte sich behutsam auf das Fußen-de von Nathans Bett.
„Ich kann es zumindest versuchen“, gab Peterson zurück und ver-suchte sich an einem offenen Lächeln.
„Wussten Sie, dass Nathan sie gesucht hat? Diana hat ihn enga-giert, um Sie zu finden.“ Sam studierte aufmerksam Petersons Ge-sicht, während sie sprach, und bemerkte sofort, dass ihm diese Frage mehr als unangenehm war. Sein Blick wich ihr aus und er zupfte nervös an seinem Hemd.
„Sie sagten im Helikopter, dass Nathan der Idealfall für ihre For-schungen gewesen sei“, fuhr Sam kühl fort, „dass er alle Vorausset-zungen für einen Erfolg ihrer Forschungen hatte … Also … war es ein glücklicher Zufall für Sie und Pech für ihn oder hat man ihn mit dieser ganzen Entführungsgeschichte einfach nur in eine Falle ge-lockt? Ging es eigentlich die ganze Zeit nur darum, ihn möglichst ohne großes Aufsehen verschwinden zu lassen?“
Stille. Peterson brachte es für eine ganze Weile nicht über sich, ihr wieder in die Augen zu blicken, und das war eigentlich schon Antwort genug. Doch dann hob er den Blick und sah sie direkt an, erfüllt von großer Reue.
„Eigentlich ist das alles meine Schuld“, brachte er nur sehr leise heraus. „Ich … ich hatte genug von diesen Versuchen. Ich wollte das nicht mehr, wollte nicht noch weitere Menschen auf dem Gewissen haben, aber sie … sie ließen mich nicht gehen. Selbst als ich ihnen erklärte, dass mit den Forschungen keine Erfolge zu erzielen seien, weil es die Person, die ich dafür bräuchte, nicht gäbe …“
Er musste tief Luft holen, um fortfahren zu können. „Darauf frag-ten sie mich, wie diese denn aussehen müsste. Da ich davon überzeugt war, dass ein solcher Vampir nicht existiert, und ich so vielleicht alle anderen retten konnte, sagte ich ihnen, dass ich einen bräuchte, der nicht mehr als hundert und nicht weniger als dreißig Jahre Vampir ist, die Blutgruppe AB negativ besitzt und schon einmal mit einem bestimmten Serum in Kontakt gekommen ist.“ Er gab ein hysterisches Lachen von sich.
„Ich hab mich gar nicht erst angestrengt zu lügen, weil die Idee, dass so jemand existiert, so furchtbar absurd war, dass ich davon ausging, bald wieder frei zu kommen. Und dann … dann bringen sie mir Nathan …“
Peterson holte zitternd Atem und Sam erschrak beinahe, als sie Tränen in seinen Augen glänzen sah. Die Erinnerungen an das, was geschehen war, schienen für ihn weitaus schmerzhafter zu sein, als sie angenommen hatte.
„Dann war es also tatsächlich eine Falle“, kam es ihr nur sehr leise über die Lippen.
„Sie müssen mir glauben, dass ich das nicht wollte, Miss Reese“, flehte Peterson mit erstickter Stimme. „Aber ich konnte es nicht ver-hindern – auch ich war die ganze Zeit so etwas wie ihr Gefangener.“
Er sah sie verzweifelt an, doch Sam blieb unbarmherzig, zumin-dest was ihre nach außen sichtbare, kühle Haltung anging.
„Warum haben Sie sich dann nicht einfach geweigert, an Nathan herumzuexperimentieren?“, hakte sie nach.
„Sie kennen diese Menschen nicht“, gab er kopfschüttelnd zurück. „Wenn es etwas gibt, womit man Sie erpressen kann, dann finden sie es. Und außerdem hänge ich an meinem Leben, so erbärmlich und verachtenswert es momentan auch erscheinen mag.“
„Heißt das, Sie selbst hatten kein Interesse daran, die Forschungen fortzuführen?“, fragte sie in einem Ton, der deutlich machte, dass sie ihm kein Wort glaubte.
Peterson sah sie nachdenklich an.
„Ich will Sie nicht anlügen, Samantha. Ich bin Wissenschaftler mit Leib und Seele und ich arbeite schon so lange daran, ein Mittel gegen das Altern, gegen Krankheiten und die Sterblichkeit zu finden, dass ich natürlich jede Chance wahrnehme, meinem Ziel ein Stück näherzukommen. Aber ich wäre dabei nie – niemals – über Leichen gegangen. Nur war ich nicht der einzige Arzt, der in den Labors gearbeitet hat, der fähigste, das muss ich zugeben, aber nicht der einzige. Sie hätten ohnehin mit Nathan experimentiert und wahrscheinlich hätten sie ihn sehr schnell damit umgebracht.“
„Dann war es also ein Segen, dass Sie sich seiner angenommen haben?“, gab sie spöttisch zurück.
„Ich habe versucht, ihn zu retten!“, verteidigte sich Peterson nun doch schon ein ganzes Stück aufgebrachter. „Was glauben Sie, was ich alles riskiert habe, um ihn körperlich und geistig am Leben zu halten? Ich habe versucht, ihm bei der Flucht zu helfen, und als das fehlgeschlagen ist und sie ihn beinahe getötet haben, bin ich mit ihm zusammen geflohen. Nur so konnten Sie ihn finden!“
„Und das haben Sie nicht nur getan, um Ihre Forschungsergebnis-se zu sichern?“ Sie sah ihn skeptisch an, obwohl sie innerlich längst schon von Zweifeln an ihrer eigenen These gepackt wurde.
„Nein, Herrgott!“, rief Peterson so laut, dass sich Nathan auf ein-mal wieder bewegte. Sam hielt erneut den Atem an, doch er schlug nicht die Augen auf, sondern lag schon bald wieder still und atmete entspannt weiter.
Sam ließ die Luft aus ihren Lungen geräuschvoll entweichen und sah dann wieder den Professor an.
„Ich soll Sie also für einen netten, idealistischen Wissenschaftler halten, der nur durch schwierige Umstände gezwungen wurde, schlimme Dinge mit anderen Personen zu machen“, schloss sie aus seinen Worten.
Peterson ließ einen tiefen Seufzer vernehmen. „Nein, das sollen Sie nicht. Ich … ich möchte nur, dass sie mich als Menschen sehen. Als einen Menschen, der große Fehler gemacht hat, die er zutiefst bereut. Ich möchte ja noch nicht einmal, dass Sie mir verzeihen. Alles, was ich will, ist eine Chance, an Nathan wiedergutzumachen, was ich ihm und vielen anderen angetan habe.“
„Und was haben Sie ihm angetan?“, sprach Sam die Frage aus, die ihr schon eine ganze Weile auf der Seele brannte und gleichzeitig mit so viel Angst verbunden war, dass sie gar nicht wusste, ob sie die Antwort darauf tatsächlich hören wollte. Dennoch blieb sie hartnä-ckig. „Was genau haben Sie aus ihm gemacht?“
„Das ist schwer zu erklären.“
„Versuchen Sie’s.“ Sie bedachte ihn mit einem Blick, der deutlich sagte, dass sie gerade in Bezug auf diese Frage sehr viel Ausdauer besaß.
Peterson fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht, stand dann auf und trat an Nathans Bett heran. Seine Augen ruhten für die Dauer einiger rascher Herzschläge auf seinem Gesicht, dann wandte er sich wieder Sam zu.
„Was wissen Sie über Vampire, Sam?“, fragte er überraschend.
Sie runzelte nachdenklich die Stirn und zuckte die Schultern. „Nicht viel. Das Übliche halt. Dass Sie Blut trinken, Sonnenlicht nicht sonderlich gut vertragen, in gekühlten, dunklen Räumen schlafen und Selbstheilungskräfte besitzen, die sie nahezu unsterblich machen. Und sie altern nicht.“
„Und was ist ihrer Meinung daran so besonders?“
Die Frage des Professors verwirrte sie und es fiel ihr außeror-dentlich schwer, sich dies nicht anmerken zu lassen.
„Was ist daran nicht besonders?“, gab sie stirnrunzelnd zurück. „So etwas gibt es sonst nicht. Es ist unnatürlich, wie ein Wunder.“
„Sehen Sie – und das ist es eben nicht“, gab Peterson mit einem kleinen Lächeln zurück. „Oder man müsste sagen, unsere gesamte Welt ist voller Wunder. Denken Sie doch einmal nach, was die Natur in ihrer unbegrenzten Vielfalt im Laufe der Zeit so alles erschaffen hat. Es gibt Lebewesen, die fliegen können – darunter sogar Fische – andere, die im Winter in eine Starre verfallen und völlig auskühlen, ohne zu sterben; Tiere, die die Farbe ihrer Haut an ihre Umgebung anpassen können und nahezu unsichtbar werden. Andere können so-wohl unter Wasser als auch an Land atmen, weil sie sowohl eine Lun-ge als auch Kiemen besitzen. Fledermäuse fliegen ohne Mühe in der Dunkelheit mit Hilfe eines in ihrer Genetik angelegten Ultraschallsys-tems und einige Fischarten verwenden Elektrizität, die sie in ihren Körpern erzeugen, als Verteidigung gegen Angreifer oder zur Betäu-bung ihrer Beute. Außerdem gibt es schon lange Insekten und Säuge-tiere, die sich von Blut ernähren und andere Lebensformen, die unter den richtigen Lebensumständen theoretisch ewig leben könnten, wie zum Beispiel eine bestimmte Quallenart.“
Der Professor hatte während seiner langen Rede ein paar Schritte in den Raum hinein gemacht und kam nun zu ihr zurück.
„Wenn man es genau betrachtet, ist die ganze Natur, alles Leben auf diesem Planeten ein einziges Wunderwerk“, fuhr er enthusiastisch fort. „Denn alle Lebensformen sind dazu in der Lage, sich den Um-ständen, in denen sie leben müssen, auf fabelhafte Weise anzupassen. Sie vollbringen diese Wunder in ihrem Kampf ums Überleben, sie verändern sich im Laufe der Zeit und sorgen für manche Überra-schung. Der Grund dafür lässt sich in einem einzigen großen Begriff zusammenfassen: Evolution.“
„A-aber Vampire sind kein Produkt der Evolution“, setzte Sam ihm entgegen. „Sie sind zuerst Menschen und verwandeln sich dann auf mysteriöse Weise.“
„Das ist wahr“, gab Peterson sofort zu. „Sie verwandeln sich, aber nicht auf mysteriöse Weise.“
„Dr. Kendlroe meinte, Vampirismus wäre wie eine Art Krankheit. Das hat auch Nathan immer gesagt …“
„Und da hat er recht“, stimmte der Professor ihr zu und ließ sich auf dem Sessel neben Nathans Bett nieder. „Aber man muss sich zunächst einmal fragen, was für eine Krankheit das ist und wo sie herkommt. In diesem Fall hängen die Antworten zu den Fragen sogar besonders dicht zusammen.“
Sam hob fragend die Brauen und sah den alten Mann auffordernd an.
„Es gibt ein paar Legenden, die sich um den Vampir ranken“, hol-te Peterson ein wenig weiter aus, „und es ist sehr schwer herauszufin-den, welchen man eher nachgehen sollte und welchen nicht. Ich selbst habe mich sehr intensiv mit einigen davon auseinandergesetzt und habe auch ein paar Forschungsreisen gemacht, aber ohne die Unter-stützung und Arbeit eines guten Freundes, wäre ich nie auf den Kern, auf die Wahrheit bezüglich des Vampirismus gestoßen.“
„Die da wäre?!“, fragte Sam ungeduldig, denn in ihrem Kopf ka-men immer mehr Fragen auf, die darauf drängten, beantwortet zu werden.
„Vor mehreren tausend Jahren gab es im alten Afrika einmal eine unentdeckte mit dem Menschen eng verwandte Spezies, die über ganz außergewöhnliche Eigenschaften verfügte. Sie hatte ein unglaublich starkes Immunsystem und konnte sich selbst von schwereren Wunden in extrem kurzer Zeit erholen. Dazu kamen eine äußerst hohe Lebens-erwartung, das Ausbleiben jeglicher Alterungserscheinungen und die Fähigkeit, Energie in einem extrem hohen Maße zu speichern und in übermenschlichen Kräften wieder freizusetzen.“
„Lassen Sie mich raten“, unterbrach ihn Sam etwas gelangweilt. „Sie haben sich von Blut ernährt und konnten kein Sonnenlicht ertra-gen?“
Peterson schmunzelte. „Nein“, sagte er und es gelang ihm damit, sie ein weiteres Mal zu erstaunen. „Weder das eine noch das andere. Jedenfalls nicht zu Anfang. Die Nigong, wie sie in der Legende ge-nannt wurden, waren zwar eher dämmerungsaktiv, aber sie ernährten sich wie Menschen von Fleisch, Pflanzen und Früchten und sie konn-ten sich durchaus in die Sonne legen, um dort ein Nickerchen zu machen. Was sie wahrscheinlich häufig taten, weil ihr Körper am Tag sozusagen im Sparbetrieb lief, sie aber auch über das Sonnenlicht Energie aufnehmen konnten.“
„Dann waren sie keine Vampire?“, brachte Sam verwundert her-aus und Peterson nickte bestätigend.
„Ich will Ihnen das genauer erklären, weil es ungemein wichtig ist, um zu verstehen, was mit Nathan gemacht wurde“, setzte Peterson hinzu und beugte sich zu Sam vor, stützte sich mit den Ellenbogen auf seinen Knien ab.
„Das, was die Nigong so besonders machte, war ihre Fähigkeit be-stimmte Hormone und Enzyme zu produzieren, die für den Stoff-wechsel und das Immunsystem von unermesslichem Wert waren.“ Er hielt inne und kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. „Haben sie schon einmal von dem Hibernation Induction Trigger gehört?“
Sam schüttelte den Kopf.
„Das ist ein Hormon, das man in den siebziger Jahren bei Murmeltieren und später auch bei anderen Tieren gefunden hat“, erklärte der Professor rasch. „Dieses Hormon ermöglicht es zum Beispiel Bären, über mehrere Monate zu schlafen, ohne dabei Muskelschwund zu erleiden, was eigentlich nicht möglich ist. Zudem beschleunigt es auch beim Menschen den Heilungsprozess bei Unfallverletzungen, erhöht die Lebensdauer von Spenderorganen, mindert die Osteoporose und hat auch einen günstigen Einfluss auf Patienten mit Diabetes mellitus. Ein Wunderhormon schlechthin.“
„Und die Nigong hatten das auch?“
„Nicht dasselbe, aber ein ähnliches, nur viel stärker wirkendes“, fuhr Peterson beinahe aufgeregt fort und seine Augen glänzten vor Begeisterung. Aus ihm sprach nun der engagierte Forscher und Wis-senschaftler.
„Bei einer Verletzung oder Krankheit wurde es vermehrt produ-ziert und ausgeschüttet und sorgte für eine extrem schnelle Wundhei-lung oder dafür, dass sich zum Beispiel weiße Blutkörperchen teilten und so in Sekundenschnelle hundertfach selbst klonen konnten, um Krankheitserreger zu vernichten. Gleichzeitig befiel es die roten Blut-körperchen, um sich in diesen zu vermehren, bis sie platzten. Je mehr Hormone im Blut vorhanden waren, desto effektiver konnte der Kör-per des Nigong jede Bedrohung sofort abschmettern. War die Gefahr gebannt, produzierten andere Zellen Blockadestoffe, die die Hormone einfroren und deren Produktion beendeten. Ein Abfall der Körpertemperatur beschleunigte diesen notwendigen Bremsprozess und brachte auch den Energiehaushalt wieder ins Gleichgewicht.“
Sam fühlte, wie die Aufregung und Faszination des Professors für dieses Thema begann, auf sie überzuspringen. Ihre eigenen Gedanken schlugen schon wieder Purzelbäume und die absurdesten Ideen und Schlussfolgerungen in Bezug auf das Entstehen von Vampiren form-ten sich in ihrem Hinterkopf.
„Was würde passieren, wenn diese Blockadestoffe nicht produziert werden würden?“, fragte sie, bemüht darum, nicht allzu aufgewühlt zu klingen.
Peterson schenkte ihr ein anerkennendes Lächeln. „Das ist genau die richtige Frage. Da das Hormon sich an dem roten Blutkörperchen vergreift, würde es früher oder später zu einer heftigen Anämie und dann zum Tod kommen. Es sei denn, der Organismus findet in der Not einen anderen Weg, am Leben zu bleiben.“
„Evolution“, entfuhr es Sam verblüfft und der Professor nickte. „Heißt das der erste Vampir entstand aufgrund eines genetischen Defekts?“
„Ja. Im Grunde schon. Ein paar von den Nigong müssen Schwie-rigkeiten bei der Bildung von Blockadestoffen gehabt haben und unter Blutarmut gelitten haben. Die Legende sagt, dass sie irgendwann begannen, das Blut ihrer eigenen Spezies zu trinken, was zunächst nicht besonders erfolgversprechend war, da das Blut ja in den Magen und nicht in ihre eigene Blutbahn gelangte. Aber die, die überlebten, entwickelten sich weiter, sodass sie nicht nur über ihren Magen andere ihnen fehlende Stoffe aufnehmen konnten, sondern auch die roten Blutkörperchen über Mechanismen in ihrem Kiefer – den sogenannten Vampirzähnen. Ihr Organismus stellte sich fast komplett auf eine Ernährung durch Blut um.“
Sam griff sich beinahe abwesend an ihren Hals. „Und die anderen Nigong haben sich das gefallen lassen?“
„Nein, natürlich nicht“, wandte Peterson ein. „Es gab wohl mehrere Kämpfe und die Blutsauger wurden vertrieben und haben sich wohl überall auf der Welt verteilt …“
„… und die Menschen infiziert“, fügte Sam an und der Professor stimmte ihr mit einem weiteren Kopfnicken zu.
„Wer damit angefangen hat und warum, ist bis heute nicht klar“, fuhr er fort, „aber – ja, sie haben sich verbreitet und Menschen zu Vampiren gemacht.“
Sams Blick wanderte über Nathans Gestalt. „Er hat mir erklärt, dass Menschen nur zu Vampiren werden können, wenn sie deren Blut trinken …“
„Ja“, bestätigte Peterson, „die Hormone im Blut des Vampirs müssen in das des Menschen geraten. Sie sind aber nicht an den Blutkreislauf gebunden. Sie werden zwar inaktiv, wenn sie ihn verlassen haben, und sterben dann bald ab, doch sie sind dazu fähig, Membranen zu durchdringen. Sobald der Mensch mit den im Blut des Vampirs noch aktiven Hormonen in Berührung kommt, sei es auch nur mit der Zunge, dringen diese auf dem schnellsten Weg in die Blutbahn ein. Dort vermehren sie sich, angeregt durch den nach dem Vampirbiss lebensbedrohlichen Zustand ihres neuen Wirtes und greifen innerhalb ihrer Heilungs- und Abwehrreaktion leider auch gleich die Erythrozyten an, was zu einer Anämie führt.“
Sam zog nachdenklich ihre Brauen zusammen. „Warum stirbt der Mensch nicht? Sein Körper ist doch an all das gar nicht gewöhnt.“
„Weil sich auch die Hormone und die vielen anderen fremden Substanzen im Blut eines Vampirs mit der Zeit verändert haben“, erklärte ihr Gegenüber immer noch sehr geduldig. „Sie geben heute bestimmte genetische Informationen an die Zellen ihres Wirtes weiter, die dessen Stoffwechsel enorm beeinflussen und zwar in einem relativ kurzen Zeitraum. Es ist so, als ob sie nicht wollten, dass der Wirt stirbt – sie waren schon immer darauf angelegt, eben das zu verhindern. Sie sind sehr, sehr dominant und aktiv und sorgen für eine sehr schnelle Metamorphose des Menschen in einen Blutsauger, sodass dieser innerhalb weniger Tage dazu in der Lage ist, seine Blutarmut mit Hilfe des Blutes anderer Menschen in den Griff zu bekommen. Natürlich ist das Ganze ein gefährliches Unterfangen und um es durchzustehen, braucht man einen ziemlich stabilen Kreislauf und viel Kraft. Viele sterben leider bei ihrer Verwandlung.“
„Und warum kann das menschliche Immunsystem die Hormone nicht erfolgreich bekämpfen?“, hakte Sam interessiert nach und hatte langsam immer mehr das Gefühl, als würde sie für eine wissenschaft-liche Zeitung arbeiten und ein hochbrisantes Interview mit einer der führenden Größen der medizinischen Forschung führen.
Peterson schien zumindest seinen Spaß an ihren Fragen zu haben, denn er fuhr fast begeistert fort: „Weil sie sich relativ schnell als körpereigene Stoffe ausgeben und von den Antikörpern nicht mehr erkannt werden. Das Einzige, was sie aufhalten könnte, wären die Blockadestoffe der Nigong, die nur in deren Zellen produziert werden. Nur existiert keiner mehr wirklich von ihnen.“
Sam lag die Anwältin zu sehr im Blut, als dass ihr kleine Auffäl-ligkeiten in einer Formulierung entgehen konnten. „Keiner mehr wirklich?“, setzte sie sofort nach.
„Es heißt, sie hätten sich einst mit dem Homo Sapiens gemischt“, erklärte Peterson nun mit einem anerkennenden Lächeln. „Und wir sind uns ganz sicher, dass die Vertreter bestimmter seltener Blutgrup-pen Erben von ihnen sind, weil die Umstellung des Menschenstoff-wechsels auf den eines Vampirs bei ihnen besonders gut funktio-niert.“
Sam hob die Brauen. „So wie AB negativ?“
Peterson nickte wieder und Sams viele einzelne Gedankenfäden, die sie die ganze Zeit über innerlich eisern festzuhalten versuchte, setzten sich rasend schnell zu neuen Fragen zusammen. AB negativ war Nathans und ihre eigene Blutgruppe. Eine Blutgruppe, die für Petersons Forschung immens wichtig zu sein schien.
„Was genau bezweckt die Garde jetzt mit ihren Versuchen an Vampiren?“, fragte sie geradeheraus. „Ich meine, eigentlich hasst sie doch alle Vampire, also kann es ja wohl kaum sein, dass diese Leute plötzlich aus lauter Herzensgüte nach einem Heilmittel für Vampiris-mus suchen.“
„Das tun sie auch nicht. Sie suchen, wie auch ich, nach einem Mittel, den Menschen zu helfen, ihre Sterblichkeit und ihre Anfälligkeit für Krankheiten zu überwinden. Nur darum geht es.“
Das war genau die Antwort, mit der Sam gerechnet hatte und sie machte sie erneut furchtbar wütend. Diese Garde war ein bigotter, selbstgerechter Haufen!
„Aber warum reicht es dann nicht, nur mit dem Blut zu forschen und die Substanzen, die man darüber gewinnt, dann an kranken Men-schen zu testen?“, empörte sie sich und strich verärgert ihr Haar hinter die Ohren.
„Das haben sie getan“, war die erstaunliche Antwort. „Aber ganz gleich wie gering die Mengen an diesem Hormon waren, es kam immer zu einer Metamorphose. Und das war mit den ethischen Grundsätzen der Garde nicht zu vereinen.“
„Also hat man Vampire genommen, weil die ja schon verseucht waren – verstehe.“ Sam stieß einen abfälligen Laut aus und schüttelte verständnislos den Kopf. „Ethische Grundsätze…“
Peterson sah betroffen zu Boden. Wenigstens schämte er sich ein wenig für die Verbrechen dieser Monster.
„Die Idee war, ein Mittel zu finden, das zwar den Vampir als Blutsauger zerstört, aber seine positiven Kräfte für den Menschen nutzbar macht“, versuchte er sehr viel leiser zu erklären. „Nur ist uns das bis zum Schluss nicht richtig gelungen. Wir haben eine pflanzliche Substanz entdeckt, mit deren Hilfe wir ein Präparat herstellen konnten, welches das Hormon im Blut zumindest einfrieren kann und so für eine vorübergehende Heilung sorgt. Wird der Mensch aber schwer verletzt oder von einer tödlichen Krankheit befallen, werden die Hormone sofort wieder aktiviert und das Spiel beginnt wieder von vorne.“ Er seufzte resigniert. „Mir war bald klar, dass man nur etwas Dauerhaftes erreichen kann, wenn man Zellen im Körper des Vampirs genetisch so verändert, dass sie die Blockadestoffe selbst produzieren und somit das Gleichgewicht herstellen können, das den Körpern der Nigong innewohnte.“
Die Botschaft, die in diesen harmlosen Worten steckte, erwischte Sam kalt. Sie hatte so etwas schon geahnt, aber in der Hoffnung, dass sie sich irrte, immer wieder verdrängt. Einen Wimpernschlag lang starrte sie den alten Mann vor sich mit offenem Mund an.
„Sie haben Nathans Genetik verändert?!“, entfuhr es ihr schließ-lich etwas zu laut.
Peterson sah sie verschreckt an und hob beschwichtigend die Hän-de. „So extrem würde ich es nicht ausdrücken“, sagte er schnell. „Wir haben die DNA einiger seiner Zellen verändert und ihm auch ein paar fremde Zellen eingepflanzt …“
Sams Blut begann langsam aber sicher in ihren Adern zu kochen. „Wessen fremde Zellen?“, brachte sie nur gepresst zwischen den Zähnen hervor. Sie war sich sicher, hätte Jonathan ihrem Gespräch beigewohnt, würde Peterson jetzt wieder in einem Würgegriff einige Zentimeter über dem Holzboden baumeln und um Luft ringen. Und es war mehr als zweifelhaft, ob sie dem Professor dieses Mal wieder geholfen hätte.
Peterson war sich wohl bewusst, dass er sich momentan nur auf sehr dünnem Eis bewegte, denn er beeilte sich sichtlich, der Beant-wortung ihrer Frage nachzukommen, obwohl ihm das deutlich unan-genehm war.
„Vor zwei Jahren ist ein Forschungsteam der Garde in Südafrika auf einen mumifizierten Körper gestoßen, bei dessen Untersuchung sich heraus stellte, dass er ein Nachfahre der Nigong sein muss“, erzählte er hastig. „Wir haben uns intensiv mit dessen Genetik ausei-nandergesetzt und konnten wichtige Erbinformationen sicherstellen und reproduzieren. Diese gezüchteten Zellen haben wir bei Nathan verwendet. Und sein Körper hat sie tatsächlich angenommen. Er war der Einzige, bei dem das gelungen ist, und er ist mittlerweile dazu in der Lage, Blockadestoffe gegen die Hormone sogar selbstständig zu produzieren – nicht immer im ausreichenden Maße, aber es scheint soweit zu funktionieren, dass der Mensch in ihm in sehr dominanter Weise in Erscheinung treten kann.“
Auch wenn sie es nur ungern zugab, seine Antwort beschwichtigte sie tatsächlich ein wenig. „Aber der Vampir in ihm ist trotzdem noch anwesend“, brachte sie eher als Feststellung denn als Frage hervor.
„Ja“, räumte Peterson widerwillig ein. „Das ist eine der negativen Seiten dieser ganzen Geschichte. Irgendwie hat die fremde DNA auch etwas mit Nathans Vampirseite gemacht, sie in gewisser Weise ge-stärkt und wilder gemacht. Deswegen sind wir auch immer noch auf das pflanzliche Serum angewiesen.“
Das erklärte, warum Nathan als Vampir plötzlich so anders und schwer zu kontrollieren war. Und es war natürlich ein ziemlich großes Problem, vor allem für sie und ihre Beziehung zu ihm. Sam wollte gar nicht daran denken, was für Schwierigkeiten damit noch auf sie zukamen. Sie schüttelte sich innerlich kurz und brachte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem Mann, der ihr gegenüber saß.
„Sie sagten, Nathans verschiedene Seiten können ohne einander nicht leben“, griff sie eine der Äußerungen des vergangenen Tages wieder auf. „Wieso?“
Peterson holte tief Luft und nahm erneut seine alte, zu ihr vorge-beugte Haltung ein. „Weil das Vampir-Hormon die menschlichen Erythrozyten braucht, die Nathan durch die DNA der Nigong in grö-ßeren Mengen herstellen kann als ein normaler Mensch. Als Mensch braucht er wiederum die Vampirhormone, weil diese die nötige Ver-bindung mit den Blockadestoffen eingehen und diese ruhigstellen.“
Sam horchte auf. „Heißt das, auch die Blockadestoffe können für den menschlichen Körper gefährlich werden?“
Peterson antwortete mit einem Nicken. „Ja. Vor allem für das Im-munsystem, weil sie bei einer zu geringen Menge des Vampirhor-mons auch die normalen Immunreaktionen des menschlichen Körpers blockieren. Und ohne ein gut funktionierendes Immunsystem kann ein Mensch nicht überleben.“
Sein Blick wanderte jetzt wieder zu Nathan.
„Meine Aufgabe bestand in den letzten Monaten darin, Nathan in einen Zustand zu versetzen, in dem seine Vampirseite und seine menschliche Seite sich nicht mehr gegenseitig bedrohen und er am Leben bleibt, ohne ständig von außen mit Medikamenten, Enzymen und anderen Substanzen versorgt zu werden. Und das ist ein sehr schwieriges Unterfangen gewesen. Es gab immer wieder schlimme Rückschläge und Momente, in denen er nur um Haaresbreite dem Tod entgangen ist. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ging es jedoch plötzlich aufwärts und er wurde deutlich stabiler, sodass er nur noch alle zwei Tage zur Unterstützung eine Injektion mit dem pflanzlichen Serum brauchte. Nur hat das diesem Vollidioten Gallagher nicht gereicht.“
In Petersons sonst so sanften Gesichtszügen zeigte sich jetzt eis-kalte Verachtung und Wut. „Er wollte unbedingt noch weitere Zellen verpflanzen, weil ihm alles zu langsam ging und der Vampir in Nathan ihm Angst zu machen schien. Und als Nathan dann auch noch bei einem Fluchtversuch zwei seiner Angestellten tötete und einen von ihnen schwer verletzte, war es ihm sogar egal, dass er vielleicht durch diese neue Zellverpflanzung sterben könnte. Also bin ich mit Nathan geflohen. Und nun sind wir hier.“
Sam tat es dem Professor gleich und betrachtete für einen langen Moment nur die reglose, völlig entspannte Gestalt Nathans, der ver-mutlich gar nichts von ihrem langen Gespräch mitbekommen hatte. Die Flut an Informationen hatte sie ein wenig müde gemacht und musste erst einmal verarbeitet werden. Für einen Augenblick überkam sie das dringende Bedürfnis, sich einfach neben Nathan zu legen, sich behutsam an ihn zu kuscheln und ihm, selber vor sich hindösend, eine Weile beim Schlafen zuzusehen. Aber leider befand sich auch der Professor noch mit im Zimmer und da gab es noch eine letzte wichtige Frage, die sie ihm unbedingt stellen musste.
„Was wird jetzt aus Nathan werden?“
Peterson zog nachdenklich seine Stirn in Falten.
„Das ist eine gute und sehr spannende Frage, die ich Ihnen leider nicht so richtig beantworten kann, weil ich das ganz ehrlich nicht weiß“, gab er nach kurzem Zögern zu. „Zunächst einmal muss ich ihn wieder in den Zustand bringen, den wir schon im Labor erreicht hat-ten, und dann hoffe ich, dass es weiter aufwärts geht.“
Er lehnte sich mit einem Ausdruck höchster Konzentration in sei-nem Sessel zurück.
„Der Idealfall wäre es, wenn ich ein optimales Gleichgewicht in seinem Körper herstellen kann, das es ihm ermöglicht, den größten Teil seines Lebens als Mensch zu verbringen“, überlegte er laut. „Er könnte dann normal essen, in einem warmen Raum schlafen, ohne weitere Schwierigkeiten das Licht der Sonne genießen – also ein ganz normales Leben führen, mit dem Zusatz, dass er weder altern noch irgendwelche schweren Krankheiten bekommen würde und auch bei schweren Verletzungen eine sehr hohe Chance hätte, zu überleben.“
Sam bezeichnete sich selbst zwar nicht als Pessimistin, aber in diesem Fall tat sie sich schwer daran, an ein solches Wunder zu glau-ben. Das Schicksal war ihr im letzten Jahr nicht besonders gut geson-nen gewesen – warum sollte sich das plötzlich so schnell ändern?
„Im Idealfall bedeutet, das es auch ganz anders laufen kann oder zumindest nicht so gut, oder?“, fügte sie deswegen sofort hinzu.
„Ja“, gab Person etwas widerwillig zu. Er war wohl lieber ein Optimist.
„Es ist einfach so, dass wir mit Nathan einen Weg beschritten ha-ben, den noch nie zuvor jemand gegangen ist“, gestand er ein. „Alles, was jetzt kommt, wird auch für mich sehr neu und wenig berechenbar sein. Aber ich bin dennoch optimistisch, weil die bisherigen Ergebnisse so gut waren, dass man tatsächlich hoffen darf. Und ich bin mir sicher, dass ich zumindest verhindern kann, dass er stirbt.“
Das war doch mal eine Aussage! Dennoch sah Sam den Mann vor sich voller Skepsis an.
„Ist das ein Versprechen?“, fragte sie und erhielt zu ihrer eigenen Überraschung sofort ein warmes, ehrliches Lächeln.
„Ja, das ist es“, sagte er voller Zuversicht und irgendwie gelang es ihm mit seiner ganzen positiven Ausstrahlung, ihr tatsächlich Mut zu machen und den Glauben daran zurückzugeben, dass sie alle gemein-sam die kommenden Probleme meistern konnten.

 

 

Neugeboren

 

„Mit jedem Menschen, der geboren wird, erscheint die menschliche Natur immer wieder in einer etwas veränderten Gestalt.“

Christian Garve (1742 – 1798)

 

Sich nach dem Aufstehen zerschlagen, müde und unausgeglichen zu fühlen, war mir neu, gehörten diese Schwächen doch eigentlich eher in den Bereich des Menschseins, den ich glücklicherweise schon seit einer halben Ewigkeit hinter mir gelassen hatte. Natürlich hatten auch Vampire ihre Launen – ich war ein wandelndes Beispiel dafür –, aber normalerweise beschränkten sich diese Zustände nur auf den emotio-nalen Bereich und nicht auf den physischen. Wir waren dazu in der Lage, uns schneller und nachhaltiger als Menschen zu regenerieren, selbst wenn wir eine überaus anstrengende Nacht hinter uns hatten, aber dieses Mal …
Ich wusste ganz genau, dass meine physischen Probleme eigent-lich gar nicht vorhanden sein konnten und mir wahrscheinlich nur durch den psychischen Stress der letzten Tage vorgegaukelt wurden. Doch ich fühlte mich wirklich beschissen, als ich mit für einen Vam-pir immens schwerfälligen Schritten in die Wohnküche – allein das Wort löste klaustrophobische Gefühle in mir aus – unserer ‚heimeligen’ Behausung schlurfte und mich sofort bei den Blutkonserven des seit einigen Stunden wieder funktionierenden Kühlschrankes bedien-te.
Ein Mix aus Östrogenen, langsam verpuffendem Parfum und menschlichem Duft wehte in einer zarten Note aus dem Wohnbereich zu mir hinüber und ließ das abgepackte Blut, das ich mit tiefer Zufriedenheit in mich hinein schlürfte, gleich doppelt so gut schmecken, erleichterte es mir doch ungemein, mir vorzustellen, ich hätte meine Zähne in dem Hals einer schönen Frau versenkt.
Ich trank schnell aus und steuerte dann die Couch in der Mitte des Wohnbereichs an, auf der sich Sam wohl vor einer kleinen Weile erschöpft niedergelassen hatte, um sich einen heißen Früchtetee zu Gemüte zu führen. Sie lag dort in Embryonalhaltung, ihren hübschen Kopf auf ihre linke Hand gebettet und schlief selig, während der Tee auf dem wackeligen Couchtisch seine Wärme in Form von heißen Dampfschwaden, die sich in der Luft kringelten, abgab. Allzu lange konnte sie hier also noch nicht liegen und ich konnte nicht verhindern, dass sich ein sanftes Lächeln auf meine Lippen stahl, während ich ihr liebliches Gesicht betrachtete.
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass ihr Schlaf derart leicht war, dass sie tatsächlich davon aufwachte. Sie fuhr hoch, noch bevor sie ihre Augen vollständig geöffnet hatte und stieß ein pani-sches „Nathan?!“ aus.
Ich hob beschwichtigend die Hände. „Alles in Ordnung, Sam“, sagte ich schnell und ließ mich neben ihr nieder, um dem Eindruck entgegenzuwirken, dass ich halbwegs auf dem Sprung war – wohin auch immer. „Ihm geht es gut. Ich war grad mit August drüben.“
Sie blinzelte ein paar Mal und schüttelte dann über sich selbst den Kopf. „Man kann es auch übertreiben, Sam“, murmelte sie und ich musste lachen.
„Da bist du nicht die Einzige“, gab ich erstaunlich ehrlich zu und richtete dabei mein zerknautschtes Seidenhemd. Wirklich ärgerlich, in welchen Zuständen wir momentan leben mussten. Die gleichen Sachen zweimal tragen – wann hatte ich das zuletzt gemacht? Hatte ich es überhaupt schon mal gemacht?
„Hast du wenigstens gut geschlafen?“, wandte sie sich an mich.
„Oh, ja natürlich“, gab ich übertrieben begeistert zurück, „zwi-schen dem ersten und zweiten Stromausfall hat sich der Keller tat-sächlich ein wenig abgekühlt. Die pure Erholung!“
Sam sah mich mit ehrlichem Mitleid an. „Das tut mir so leid, Jo-nathan“, brachte sie sanft hervor und ich bereute schon wieder meinen zynischen Ton.
„Nachher ging es ja“, fügte ich schnell hinzu. „Und heute Nach-mittag wird Barrys Freund mit ein paar Dingen, die wir hier dringend brauchen eingeflogen – dann wird alles ein wenig besser, denke ich.“
Sam nickte stumm und ließ ihren Blick durch das schlichte Zimmer schweifen. „Wem gehört das hier eigentlich?“
Musste sie das fragen? Die Antwort war mir fast peinlich. „Mir“, gab ich widerwillig zu und ihre Brauen hoben sich überrascht.
„Du besitzt eine Farm in Mexiko?!“, fragte sie ungläubig und ich betrachtete für einen Augenblick lieber meine Fingernägel. Eine nette Maniküre wäre jetzt auch nicht schlecht.
„Warum?“, blieb Sam hartnäckig und ich war gezwungen, sie nun doch wieder anzusehen.
„Weil ich eine ziemlich intelligente Person bin“, gab ich etwas ar-rogant zurück. „Manchmal bleibt auch einem Vampir nichts anderes übrig, als für eine gewisse Zeit aus der Gesellschaft der Menschen zu verschwinden, und wer würde schon auf die Idee kommen, einen Blutsauger auf einer Farm in Mexiko zu suchen?“
Sam begegnete mir mit einem verständnisvollen Lächeln.
„… im Wüstenklima“, setzte sie hinzu.
„Ganz genau“, bestätigte ich und versuchte, den Gedanken, wel-che Temperaturen sich draußen heute schon entwickelt haben muss-ten, so weit wie möglich von mir fortzuschieben. Natürlich war es auch hier im Haus schon ziemlich warm, aber das Gebäude lag im Schatten einiger mittelgroßer Bäume und behielt so die meiste Zeit eine Temperatur, die für uns Vampire einigermaßen erträglich war. Zudem konnten wir uns ja im Keller abkühlen, wenn die Klimaanlage dort mal längere Zeit funktionierte.
„Lebt hier eigentlich noch jemand?“, erkundigte sich Sam nun und mir wurde bewusst, dass sie noch gar nicht die Zeit gehabt hatte, sich das Gelände, auf dem sich unser Haus befand, anzusehen. Und selbst wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte, ich bezweifelte, dass sie diese wahrgenommen hätte. Es war ja schon ein Wunder, dass sie hier im Wohnzimmer mit mir saß und nicht wie sonst an Nathans Seite klebte.
„Es gibt hier noch ein paar andere Gebäude und eines davon ist von Menschen bewohnt“, erklärte ich und bemerkte, dass ich sie mit dieser Antwort schon wieder überraschte.
„Und wissen die, dass …“ Sie machte eine unbestimmte Geste in meine Richtung.
„… sie hier bissige Gäste beherbergen?“, beendete ich ihre Frage mit einem Schmunzeln. „Du wirst es nicht glauben, aber auch ich habe menschliche Kontakte, die über meine Besonderheiten Bescheid wissen. Sie haben damit kein Problem – das können sie sich auch nicht leisten.“
„Das heißt, sie schulden dir etwas“, schloss Sam aus meinen Worten.
„Ja, mir und Nathan“, verriet ich ihr selbstgefällig lächelnd.
„Und man kann ihnen trauen?“ Für Sam war es wohl kaum vor-stellbar, dass Menschen, die durch irgendwelche nicht eingelösten Schulden unter Druck gesetzt wurden, in Notsituationen verlässliche Komplizen waren, und eigentlich musste ich ihr in diesem Punkt auch Recht geben. Sie konnte ja nicht wissen, dass es keinen Druck gab und die Familie, bei der wir untergeschlüpft waren, mehr als nur ein ‚Kontakt’ für mich und Nathan war. Wir hatten eine gemeinsame Geschichte, die enormes Vertrauen ineinander mit sich gebracht hatte.
„Das kann man“, sagte ich nur und damit war das Thema für mich erledigt. Sam hatte im vergangenen Jahr bereits zu verschiedenen Gelegenheiten einen Einblick in mein Seelenleben und damit meine so verhasste weiche Seite gewonnen – irgendwann reichte es. Also lehnte ich mich auf der modrig riechenden Couch widerwillig zurück und versuchte, schnell ein anderes Thema anzusprechen.
„Seit wann bist du wach?“, fragte ich die junge Frau interessiert.
Sie stutzte über den raschen Themenwechsel, ging aber gleich auf meine Frage ein. „Ich denke so seit zwölf Uhr mittags. Aber so genau kann ich das nicht sagen. Ich hab nicht auf die Uhr gesehen.“
Es war jetzt später Nachmittag und die Sonne warf ein warmes Licht in das triste Zimmer. Hübsch anzusehen für Lebewesen, die die Sonne mochten. Mir waren die Strahlen noch zu hell und vor allem zu heiß.
„War Nathan zwischendurch mal bei Bewusstsein?“, fragte ich weiter und Sam reagierte mit einem Kopfschütteln.
„Peterson hat ihm in der Nacht noch einmal ein Schlafmittel gegeben und meinte, es würde ihm gut tun, sich noch eine Weile auszuruhen.“
Ich gab einen verächtlichen Laut von mir. „Peterson … der macht aus ihm noch einen Junkie.“
Sam sah mich sehr nachdenklich an. „Ich hab mich eine Weile mit ihm unterhalten und er hat mir eine ganze Menge interessanter Sachen verraten.“
„Lass mich raten – über die ‚Vampirkrankheit’“, ich zeichnete ge-nervt ein paar Anführungsstriche in die Luft, „und seine tolle For-schung?“
Sie legte ein wenig den Kopf schräg, wie Nathan es auch manch-mal tat, wenn er nicht genau wusste, was er von meinem Benehmen zu halten hatte.
„Dann hat er dir auch schon davon erzählt?“, hakte sie nach und ich nickte gelangweilt. Natürlich war das alles sehr interessant und aufschlussreich gewesen, doch ich war noch nicht bereit, dies vor jemand anderem zuzugeben.
„August und ich haben ihn uns ein wenig vorgeknöpft, als du schlafen gegangen bist“, setzte ich erklärend hinzu, sie mit meiner Formulierung in Bezug auf ihr ‚Schlafen-gehen’ ein wenig neckend. Ich freute mich diebisch, als in ihren Augen ein wenig Verärgerung aufblitzte. Aber sie hatte sich gut unter Kontrolle. Stattdessen schlug sie mit kühler Gelassenheit zurück.
„Und? Wie fühlst du dich jetzt so als armes, krankes Wesen?“, fragte sie freundlich lächelnd und traf damit genau meinen wunden Punkt. Verdammt! Warum musste ich mich jetzt ärgern?!
Zu meiner Erleichterung betrat genau in diesem Augenblick Peterson die Bühne – eine Person, die es nun wirklich verdient hatte, dass ich mich an ihr abreagierte. Ich zog meine Brauen erbost zusammen und funkelte ihn wütend an, als er in den Küchenbereich ging, um sich ebenfalls einen warmen Tee einzugießen.
„Hat Ihnen irgendjemand erlaubt, Nathans Zimmer zu verlassen?“, brummte ich ihm zu und er sah erstaunt auf. Er sah furchtbar über-nächtigt aus, mit tiefen Ringen unter den Augen und bleicher Haut – fast wie ein Vampir.
„Ich wusste nicht, dass ich dafür eine Erlaubnis brauche“, erwiderte er gelassen, nahm seine Tasse in beide Hände, um sich die Finger daran zu wärmen, und kam dann zu uns herüber, meinen missbilligenden Blick an sich abprallen lassend.
„Dann wissen Sie es jetzt“, merkte ich kühl an. „Ist denn über-haupt noch jemand bei ihm?“
Peterson sog hörbar genervt die Luft ein und ließ sich doch tat-sächlich uns gegenüber in einem der schäbigen Sessel nieder.
„Es wird ihn nicht umbringen, wenn er für ein paar Minuten mal ohne Aufsicht schläft“, gab er so ruhig, wie es ihm möglich war, zurück. Es schien so, als forderten die Stunden der Schlaflosigkeit und Unruhe nun auch ihren Tribut von ihm. Er wirkte deutlich gestresst und irgendwie freute mich das.
„Und wenn er aufwacht?“, bohrte ich weiter und setzte einen furchtbar vorwurfsvollen Blick auf.
„Das wird er nicht“, behauptete der Professor überzeugt. „Sein Körper ist viel zu geschwächt nach all den Anstrengungen der letzten Tage – selbst wenn sein Geist wacher wird, wird sein Körper sich die Ruhe holen, die er braucht, und es nicht zulassen, dass er mehr tut, als sich von einer Seite auf die andere zu drehen.“
Ich schnaufte missbilligend. „Sie kennen Nathan nicht. Der ist zä-her, als Sie denken. Und wenn er eines gar nicht kann, ist das ver-nünftig zu sein oder Rücksicht auf seine körperliche Verfassung zu nehmen.“
Peterson begegnete mir zu meiner eigenen Überraschung mit offe-ner Wut. „Und Sie sollten sich endlich von dem Gedanken verab-schieden, dass Nathan noch derselbe Mensch ist wie vor einem Jahr. Glauben Sie ernsthaft, dass ein Jahr in Einzelhaft und Versuchslabo-ren keine Spuren in seiner Physis und Psyche hinterlassen hat?!“
Seine Worte trafen mich so schmerzhaft, dass ich ihn nur mit offenem Mund anstarrte und keinen Ton mehr heraus brachte. All meine Ängste bezüglich meines Freundes, die ich so erfolgreich in den hintersten Winkel meines Geistes zurückgedrängt hatte, brachen plötzlich wieder hervor.
„Sagt Ihnen der Begriff akute Belastungsreaktion etwas?“, setzte er ein wenig sanfter hinzu, weil auch Sam ihn verstört ansah. „Men-schen, die traumatische Erlebnisse mit Nahtoderfahrungen hinter sich haben, haben meist große Schwierigkeiten, diese zu bewältigen und geraten dann in einen Zustand, in dem sie starken emotionalen Schwankungen unterliegen und oft das Gefühl haben, nicht mehr sie selbst zu sein. Ganz davon abgesehen, dass sein Körper noch nicht völlig ausgeheilt ist, wäre es auch für uns besser, wenn er noch eine ganze Weile schläft, damit wir genug Kraft haben, ihn auch mit sei-nen möglichen psychischen Problemen aufzufangen.“
„Sie wollen ihn auffangen?!“, fuhr ich den Professor wutentbrannt an, mich mit Händen und Füßen gegen das ‚wir’ sträubend, das er soeben gewagt hatte, in den Mund zu nehmen. „Sie haben ihm das doch alles erst angetan! Er hasst Sie! Haben Sie nicht gemerkt, wie er auf Sie reagiert hat?!“
„Doch, aber das hat nichts mit Hass zu tun“, setzte Peterson mir aufgebracht entgegen. „Er ist schwer traumatisiert. Natürlich macht ihm alles Angst, was ihn an die Zeit in den Laboren erinnert. Das ist normal. Und im Übrigen habe ich alles Menschenmögliche getan, um zu verhindern, dass er durchdreht. Ich habe ihn nachts heimlich auf-gesucht und lange Gespräche mit ihm geführt; ich habe für ihn Tageszeitungen und Fotos ins Labor geschmuggelt, damit er die Anbindung an die Außenwelt nicht verliert; ich habe die medikamentöse Einstellung so manipuliert, dass er sehr viel weniger betäubt war als andere Vampire; ich habe alles getan – alles, damit er geistig gesund bleibt. Aber ein Trauma lässt sich unter solchen Umständen nicht verhindern!“
Ich funkelte ihn weiterhin hasserfüllt an, wusste jedoch nicht, was ich dazu noch sagen sollte, und auch Sam fehlten anscheinend die Worte. Wir waren beide so glücklich gewesen, dass Nathan noch lebte, dass wir uns tatsächlich keine Gedanken darüber hatten machen wollen, welche Auswirkungen das Jahr in Gefangenschaft wohl auf seine Psyche haben könnte.
„Ich will nicht sagen, dass Nathan nicht wieder zu seinem alten Ich zurückfinden kann“, meinte der Professor leise. „Aber das wird ein langer, anstrengender Weg werden, der den Menschen, die ihn lieben, sehr viel abverlangen wird. Wie schnell er sich erholt, hängt davon ab, wie hart er im Nehmen ist. Es gibt Menschen, die sehr viel mehr aushalten können als andere, die an schlimmen Erlebnissen, an denen die meisten zerbrechen würden, sogar wachsen können, aber in diesem Fall bin ich mir nicht sicher.“
„Warum?“, fragte Sam nun leise nach und in ihre Augen stand dieselbe unerträgliche Besorgnis geschrieben, die mein Inneres so unangenehm aufwühlte.
„Weil Nathan in der nächsten Zeit durch die Vorgänge in seinem Körper nicht so richtig zur Ruhe kommen wird“, erklärte Peterson. „Das ist alles sehr kompliziert, aber im Grunde genommen wacht er in einem Körper auf, den er nicht mehr so richtig kennt. Es ist wie …“
Er suchte angestrengt nach einem guten Vergleich und schließlich leuchteten seine Augen auf.
„Ja, wie ein Kind, das gerade auf die Welt gekommen, das neuge-boren worden ist. Es muss erst Stück für Stück seinen Körper, seine Bedürfnis kennen und einschätzen lernen, muss erst begreifen, was es wie erreichen kann. Nathan hat die Bedürfnisse zweier Wesen zu stillen und es wird ihm am Anfang ungemein schwerfallen, diese überhaupt erst einmal voneinander zu unterscheiden und mit ihnen auf die richtige Art und Weise umzugehen. Und das verursacht eine Menge Stress, was sich wiederum negativ auf seine Psyche auswirken kann.“
Ich schüttelte vehement den Kopf und stand auf, weil ich meine Aggressionen irgendwie in Bewegung umsetzen musste, um mich nicht auf Peterson zu stürzen.
„Nathan ist stark“, fügte ich meiner ablehnenden Geste hinzu. „Er hat einige böse Schicksalsschläge wegstecken müssen, ohne daran zu zerbrechen. Er wurde gegen seinen Willen zu einem Vampir gemacht und hat das einigermaßen gut verarbeiten können. Das schafft er auch dieses Mal.“
„Das hoffe ich auch“, gestand Peterson und ich spürte, dass er es ehrlich meinte. „Ich will nur, dass Sie darauf vorbereitet sind, dass er auch im wachen Zustand nicht leicht zu handhaben sein wird.“
„Danke“, sagte ich mit einem falschen Lächeln, „aber das …“ Ich brach ab, weil ich ein eigenartiges Geräusch aus dem Flur vernommen hatte und runzelte die Stirn. Es klang wie das Tappen von nackten Füßen auf dem Holzboden – sehr unregelmäßig und taumelig – begleitet von dem Knarren der Dielen, und mein sensibles Gehör vernahm noch etwas anderes: schweres, angestrengtes Atmen.
Obwohl ich unterbewusst eigentlich wusste, wer erscheinen wür-de, erstarrte ich komplett, als die fast schmale Gestalt meines besten Freundes im Eingang zum Wohnzimmer auftauchte und sich für einen Moment mit großen Schwierigkeiten am Türrahmen festhalten musste, um nicht zu stürzen. Er war furchtbar blass, atmete schwer und die ungewohnte Bewegung zehrte deutlich an seinen kaum vorhandenen Kräften. Irgendetwas schien ihn dennoch vorwärts zu treiben, ein tiefer Drang nach etwas für seine menschliche Seite enorm Wichtiges. Sein gehetzter Blick flog über uns hinweg, so als würden wir gar nicht existieren, und heftete sich dann an das rostige Waschbecken im Küchenbereich. Die Erleichterung, die ihn überkam, war für mich beinahe körperlich zu spüren und sorgte dafür, dass ich erwachte und mich zeitgleich mit ihm in Bewegung setze, während Sam, die mit dem Rücken zu ihm gesessen hatte, aber meinem Blick gefolgt war, schockiert ihre Hand vor den Mund hielt.
Aus dem Augenwinkel sah ich sie und Peterson synchron auf-springen, als ich auf Nathan zu eilte, der mehr zur Spüle stürzte als lief und sich nur vor einer Kollision mit dem gefliesten Boden be-wahrte, weil er seine Hände nach dem Rand des Beckens ausstreckte und sich dagegen warf. Seine Arme zitterten unter seinem eigenen Gewicht, als er sich mühsam in eine halbwegs aufrechte Haltung brachte und mit bebenden Fingern den Hahn aufdrehte.
Ich verspürte ein für mich ungewöhnlich starkes Bedürfnis, ihm zu helfen, aber bevor ich ihn erreichen konnte, streckte er eine Hand in so deutlich ablehnender und Einhalt gebietender Weise in meine Richtung aus, dass nicht nur ich, sondern auch Sam und Peterson sofort innehielten. Nathan nahm sich nicht die Zeit zu überprüfen, ob wir auch wirklich stehen blieben, sondern stützte sich wieder am Beckenrand ab, hielt die andere Hand unter den Wasserstrahl und sog so gierig das kühle Nass auf, dass man meinen konnte, er wäre gerade am Verdursten. Nur wollte sein Körper nicht so, wie er wollte. Er begann schnell zu husten und auch sein Magen schien gegen die Hast, mit der er gefüllt wurde, zu revoltieren. Ohne es zu wollen, begann er zu würgen und alles, was er schon sicher in seinem Körper geglaubt hatte, entleerte sich wieder ins Becken.
Genau dieser kräftezehrende Akt war anscheinend zu viel – Nathans Beine gaben sichtbar nach und er hatte es nur meinem schnellen Reaktionsvermögen zu verdanken, dass er nicht schmerz-haft mit dem Boden in Kontakt kam. Ich packte seinen Arm, legte ihn mir um die Schultern und schlang gleichzeitig einen Arm um seine Taille, um ihn wieder auf die Beine zu bringen. Erstaunlicherweise war er mit meiner Hilfe tatsächlich dazu in der Lage, zu stehen, aber anstatt zu warten, bis sich sein Kreislauf wieder stabilisierte, streckte er mit dem fanatischen Blick eines Suchtkranken erneut die Hand nach dem Wasserstrahl aus. Sam erschien an seiner anderen Seite und hielt sanft seine Hand fest, während Peterson hinter ihr schon wieder Anweisungen gab.
„Lassen Sie ihn bloß nichts trinken. Sie sehen doch, dass er es noch nicht verträgt!“
Ich hatte zu sehr mit dem starken Willen meines Freundes zu kämpfen, um mich über den Professor zu ärgern, und hielt ihn so vorsichtig, wie es mir möglich war fest, während Sam sich nun direkt vor ihn stellte, eine Hand an seine Wange legte und so seine Auf-merksamkeit auf sich lenkte. Allein der Blick in ihre Augen sorgte dafür, dass er innehielt und ruhiger wurde, aber der rasende Schlag seines Herzens, der unnatürlich laut in meinen Ohren nachhallte, sagte mir, dass sein Bedürfnis nach Wasser wirklich dringend war und unbedingt gestillt werden musste – einfach nur damit es ihm besser ging.
Sam schien dasselbe zu spüren oder zumindest in seinen Augen zu lesen. „Du kannst etwas trinken“, sagte sie ganz ruhig und überhörte bewusst die sofort einsetzenden Proteste des Professors. „Aber nur ganz langsam und mit meiner Hilfe, okay?“
Nathan brachte nach einem Moment des Zögerns ein halbherziges Nicken zustande und zeigte uns allen damit, dass er tatsächlich an-sprechbar und fähig war, zu verarbeiten, was ihm gesagt wurde. Das war ein solcher Fortschritt, dass sich ein fast debil-glückliches Lä-cheln auf meine Lippen stahl, während Sam unter dem darbenden Blick meines Freundes bereits den Wasserhahn ausstellte und statt-dessen nach einem Glas und einer der Wasserflaschen auf der Ablage griff.
„Das geht nicht gut, das geht nicht gut“, murmelte Peterson und lief unruhig hinter uns auf und ab. Er war vielleicht Nathans Arzt, aber wir hatten hier das Sagen und auch Ärzte konnten sich irren. Das hatte Peterson schon allein damit bewiesen, dass er erst vor wenigen Minuten behauptet hatte, Nathan würde nicht aufwachen. Es schien so, als kannte ich meinen Freund doch besser als dieser Möchtegern-Psychologe.
Sam wandte sich wieder zu uns um und ich musste deutlich mehr Kraft aufwenden, um Nathan zurückzuhalten, denn seine Augen kleb-ten geradezu an der Flüssigkeit in ihrer Hand. Sie zögerte und suchte meinen Blick. Sie war sich nicht ganz sicher, ob sie das Richtige tat, und benötigte erst ein Kopfnicken meinerseits, um dicht an unseren Patienten heranzutreten und das Glas an seine spröden Lippen zu setzen. Sie ließ ihn nur zwei Schlucke nehmen und zog ihre Hand dann schnell wieder zurück. Nathan gab einen protestierenden Laut von sich und wollte nach ihr greifen, aber Sam wich ihm geschickt aus.
„Langsam“, sagte sie noch einmal ganz deutlich und wartete einen Moment.
Ich konnte Nathans Magen laut Gurgeln hören, doch das warme Wasser schien ihm besser zu bekommen.
„Mehr …“, kam es Nathan in einem heiseren Krächzen über die Lippen und er sah Sam so flehentlich an, dass sie gar nicht anders konnte, als seiner Bitte nachzukommen. Dieses Mal griff er nach dem Glas und umfasste dabei mit seiner eigenen Hand die ihre, um zu verhindern, dass sie es zu früh wieder wegzog. Sie hob überrascht die Brauen und suchte unauffällig meinen Blick. Ihre Lippen formten lautlos aber deutlich das Wort ‚kalt’.
Ich war so damit beschäftigt gewesen, Nathan auf den Beinen zu halten, dass ich vergessen hatte, darauf zu achten, welche Signale sein Körper von sich gab. Dabei war das in meiner Situation mehr als einfach. Weil die Temperaturen im Haus ziemlich hoch waren und Peterson und August immer wieder die Fortschritte seiner noch nicht ganz verheilten Wunden überprüfen mussten, trug Nathan momentan nur eine meiner teuren Pyjamahosen und war sonst unbekleidet. Jetzt, da ich mich darauf konzentrierte, fühlte ich, dass seine Temperatur etwas über dem normalen menschlichen Wert lag und er schwitzte – ein deutliches Signal dafür, dass die ungewohnte Bewegung ihn stark belastete. Und seine Finger, mit denen er sich an meiner Schulter festhielt, waren tatsächlich ziemlich kalt. Das konnte ich selbst durch mein Hemd fühlen. Alles in allem bedeutete das, dass er möglichst schnell wieder in sein Bett musste, bevor sein Kreislauf völlig absackte.
„Und das reicht jetzt“, sagte ich mit milder Strenge, als Nathan das Glas komplett geleert hatte und Sam widerwillig losließ. Ich konnte Peterson erleichtert ausatmen hören, scherte mich aber nicht weiter um ihn.
„Wir gehen jetzt wieder brav schlafen“, murmelte ich und fasste noch einmal nach, um Nathan, der mit brennendem Blick Sam dabei zusah, wie sie das Glas wegstellte, möglichst wenig seines eigenen Körpergewichtes tragen zu lassen. Doch irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass es plötzlich nicht mehr das Wasser war, nach dem er sich sehnte. Ein prüfender Blick in seine Augen, verriet mir, dass ich mich nicht irrte. Das Grün seiner Iris war kaum merklich heller geworden und auch wenn Nathan furchtbar müde und erschöpft war, sein Blick war deutlich klarer und fokussierter als zuvor. Sam musste dringend damit aufhören, seine Grundbedürfnisse zu stillen, sonst sah er sie bald nur noch als Futterquelle an.
Sie selbst schien sich darüber allerdings nicht im Klaren zu sein, denn sie trat schon wieder an uns heran, um mir mit Nathan zu helfen.
„Ach, Sam, kannst du vielleicht schon mal die Zimmertür öffnen und das Bett richten?“, versuchte ich sie zu bremsen, weil ich hören konnte, dass sich Nathans Herzschlag in ihrer Nähe ungemein be-schleunigte. Ich hatte keine Lust herauszufinden, ob es seine mensch-liche oder seine vampirische Seite war, die so heftig auf sie reagierte.
Sam sah mich einen Moment verwirrt an, warf einen besorgten Blick auf Nathan und nickte schließlich zu meiner Erleichterung. Während ich mich langsam mit meinem Anhängsel vorwärts bewegte, wohl darauf bedacht, ihn im Höchstmaß zu entlasten, eilte sie uns schnell voraus. Die Bewegung strengte Nathan sehr an. Er atmete schwer und kniff ab und an die Augen zu, als hätte er Schmerzen – ich fragte mich, wie er den Weg in die Küche alleine bewältigt hatte – aber ich wusste genau, dass er es mir übel nehmen würde, wenn ich versuchen würde, ihn zu tragen. Dazu war er viel zu wach. Und der Nathan Phillips, den ich kannte, besaß einen ziemlich überdimensionalen, in manchen Fällen sogar für sich selbst schädli-chen Stolz.
Dennoch war ich überrascht, als er in dem Moment, in dem Sam in sein Zimmer verschwand, plötzlich mit seiner anderen Hand den Kragen meines Hemdes packte und sich so ganz dicht an mein Gesicht heran zog. Heißer, schwerer Atem blies einen Herzschlag lang in mein Ohr.
„Jonathan …“, stieß er atemlos aus und Angst sprach aus seiner kratzigen Stimme. „Jonathan … lass sie nicht … allein …“, zwei weitere heftige Atemzüge, „… mit mir …“
Ich verstand sofort, wovon er sprach und nickte verständnisvoll. „Wir haben das im Griff, Nathan“, gab ich so ruhig wie möglich zurück und fragte mich, ob mein Hemd nach dieser groben Behand-lung überhaupt noch weiter zu benutzen war. Nathans Hand krallte sich so fest in den weichen Stoff, dass es schon ein trauriges Ratschen von sich gab.
„Versprich es“, flüsterte er und ich sah ihn an. Sein Gesicht war meinem so nahe, dass ich die verschiedenfarbigen Sprenkel in seiner Iris erkennen konnte, die daran schuld waren, dass seine Augen in unterschiedlichen Lichtverhältnissen in verschiedenen Grüntönen zu leuchten schienen.
„Das tue ich“, gab ich ebenso leise zurück und diese simplen Wor-te sorgten tatsächlich dafür, dass die große Angst und Sorge aus sei-nen Augen fast vollständig verschwand, und er sich ein wenig ent-spannen und schließlich auch mein malträtiertes Hemd loslassen konnte.
Der weitere Weg in sein Zimmer gestaltete sich relativ unproble-matisch. Peterson nervte mich zwar mit seinen gut gemeinten Rat-schlägen und übertriebenen Sorgen, aber ich beachtete ihn einfach nicht weiter und konzentrierte mich nur darauf, was Nathan mir un-gewollt mit den Reaktionen seines Körpers vermittelte. Mit extrem sensiblen Sinnen ausgestattet zu sein, hatte in Situationen wie dieser immense Vorteile. Ich konnte Puls und Herzschlag ohne die Hilfe von Geräten überprüfen und auch Gefühle wie etwa Angst und Schmerz wahrnehmen, ohne mich dafür sonderlich anzustrengen. Angst hatte Nathan nicht mehr, als ich ihn vorsichtig auf das Bett niederließ, aber ihm fiel das Atmen schwer und er war mittlerweile so erschöpft, dass er sich einfach zur Seite kippen ließ und dann still da lag, mit geöffneten Augen, die deutlich zeigten, dass irgendetwas in seinem Leib ihm Probleme bereitete. Er hatte Schmerzen, was eigentlich kein Wunder war, bei den Verletzungen, die er vor nicht allzu langer Zeit erlitten hatte. Auch Peterson war das bewusst, denn er drängte sich nun an mir vorbei und ging vor Nathan in die Hocke, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Ich war etwas überrascht, dass Nathan dieses Mal nicht mit Panik auf den Professor reagierte, sondern seinen Blick nur unbewegt erwiderte.
„Wo tut es weh?“, fragte Peterson besorgt. „Im Magen?“
Nathans Reaktion war kaum als Kopfschütteln zu erkennen. Wir verstanden ihn dennoch.
„Die Lunge“, sagte ich für Nathan und wusste, dass ich Recht hat-te. Da war immer noch so ein feines Geräusch, das da nicht hin gehörte.
Nathan unterstützte mich mit einem leichten Nicken und Peterson richtete sich auf, um nach dem Stethoskop auf dem Nachttisch zu greifen. Erneut überraschte mich mein Freund, indem er sich bereit-willig auf den Rücken drehte und es zuließ, dass der Professor ihn untersuchte. Warum hatte er plötzlich keine Angst mehr vor ihm, seinem Peiniger und erklärten Feind? Auch wenn ich es nicht wollte: Es machte mich wütend, die beiden als ein so eingespieltes Team zu erleben. Nathan erschien mir plötzlich so willenlos und gebrochen – so wollte ich ihn einfach nicht sehen.
„Versuche einmal tief ein- und auszuatmen, auch wenn es weh tut“, sagte Peterson sanft und setzte das Stethoskop nun schon zum wiederholten Mal an.
Sam, die längst wieder an Nathans Seite saß, griff voller Mitgefühl nach seiner Hand und seine Augen suchten automatisch ihren Blick, so als ließe sich der Schmerz besser aushalten, wenn er ihr in die Augen sah. Und tatsächlich schien es zu helfen. Nathans Wangenknochen zuckten zwar verräterisch, als er tief Luft holte und sie dann langsam wieder heraus ließ, doch kein Laut des Schmerzes kam über seine Lippen. Noch einmal musste er diesen Vorgang wiederholen, dann ließ Peterson von ihm ab und rieb sich nachdenk-lich das spitze Kinn.
„Ganz verheilt ist das noch nicht“, erklärte er uns. „Wahrschein-lich war er nicht lange genug in seinem Vampirzustand, um die Ver-letzungen komplett auszuheilen. Aber um genaueres zu sagen, müsste ich ihn röntgen.“
„Das ist kein Problem“, meinte ich leichthin und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mich die Aussage des Professors ein wenig beunruhigte. „Ich habe ein tragbares Röntgengerät hierher bringen lassen. Wenn das ausreicht …“
Peterson nickte übereifrig. „Völlig. Und machen Sie sich keine Sorgen. Das ist nicht weiter schlimm. Ich muss das nur genau wissen, um die medikamentöse Behandlung besser auf seinen Zustand einzu-stellen.“
Ich nickte etwas abwesend, denn von draußen, in etlicher Entfer-nung, vernahm ich ein dumpfes Dröhnen – ein Dröhnen, das nur Hubschrauber verursachten, die sich im Anflug befanden. Ich runzelte nachdenklich die Stirn und richtete mein Gehör auf das Geräusch aus, während ich beobachtete, wie Sam aufstand, fürsorglich die Decke über Nathans nun doch wieder leicht zitternden Körper breitete und sich dann wieder dicht neben ihm auf dem Bett nieder ließ. Er sah sie immer noch an, tief in ihrem warmen Blick versinkend und langsam immer schläfriger werdend. Mittlerweile hatte sich der Vampir in ihm wieder komplett zurückgezogen und ihre Nähe schien ihn nun extrem zu beruhigen.
Ein Problem weniger, um das ich mich kümmern musste. Und das war auch gut so, denn das Motorengeräusch kam tatsächlich näher und schien auf unser Gelände zuzuhalten. Ich wandte mich um und trat ans Fenster heran, während sich meine Gedanken überschlugen. Daniel war gestern Abend nach L.A. geflogen, um ein paar wichtige Dinge zu besorgen und Nathaniels Elektriker-Freund abzuholen, aber ich hatte ihn nicht so früh zurück erwartet.
„Was ist das für ein Geräusch?“, hörte ich Sam nun auch hinter mir fragen.
Ein Blick in den blauen Himmel sagte mir, dass das tatsächlich nicht mein Hubschrauber war, der sich da im Landeanflug befand, und mein Herz brachte sich schnell auf eine enorme Geschwindigkeit. Ich zuckte beinahe zusammen, als die Tür zu Nathans Zimmer aufge-rissen wurde und August in Begleitung von Barry herein stürzte.
„Da landet gleich ein Hubschrauber“, informierte mich August mit deutlicher Panik in der Stimme. Sam sprang erschrocken auf und Peterson suchte voller Angst meinen Blick.
„Ich weiß“, gab ich knapp zurück und bemerkte besorgt, dass die Unruhe auch Nathan wieder aus seinem viel zu leichten Schlaf ge-weckt hatte. Er drehte sich schlaftrunken auf die Seite, stützte sich auf einen Arm und richtete sich etwas wackelig auf. Er blinzelte ein paar Mal verwirrt, als er bemerkte, dass sich die Personen in seinem Zimmer deutlich vermehrt hatten.
„Hey! Da ist ja einer von den Toten auferstanden!“, entfuhr es Barry erfreut und er wollte einen großen Schritt auf Nathan zu ma-chen, doch ich erwischte ihn noch gerade rechtzeitig an seinem Arm.
„Du kommst mit mir!“, sagte ich bestimmt und zog ihn sogleich mit mir zur Tür. August brauchte ich gar nicht erst anzusprechen. Er wusste, wie brenzlig es da draußen werden konnte, wenn es tatsäch-lich ein Hubschrauber der Garde war, und ich jede Hilfe gebrauchen konnte. Merkwürdigerweise glaubte ich nicht so richtig daran. Schließlich war es nur ein kleiner Hubschrauber. Das passte nicht zu dem bisherigen Auftreten dieser Organisation.
„Kommt ihr allein klar?“, wandte ich mich dennoch an Sam und Peterson, die mir die Frage mit einem einstimmigen Kopfnicken beantworteten. Das genügte mir. Aus dem Augenwinkel bekam ich noch mit, dass Nathan den Versuch startete, aufzustehen und von Peterson und Sam festgehalten wurde – dann eilte ich auch schon den Flur entlang, mit klopfendem Herzen und hochkonzentrierten Sinnen. Noch während ich mich im Haus befand, nahm ich ihn wahr, diesen intensiven Geruch, der den Passagieren, die soeben aus dem Hub-schrauber sprangen, vorauseilte. Es gab nur einen kleinen Kreis von Personen, der ihn besaß: Sehr, sehr alte Vampire, wie … Malcolm.

 

Ebook: 2,99 € (Kindle-Format), andere Formate (epub etc.)

Softcover: 9,99 € epubli, auch im Buchhandel mit der ISBN 9783737509626 bestellbar

 

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