4. August 2014 - 13:14

Leseprobe aus Sanguineus – Band I: Gefallener Engel

Die Liste

 
„Mr. Haynes?“ Die helle Männerstimme drang kaum zu mir durch, so weit hatten mich meine schwermütigen Gedanken davongetragen. „Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“
Hatte ich das? Ich musste zugeben, dass ich tatsächlich etwas ver-wirrt war. An diesem Abend in Nathans Apartment zu gehen und mich in seinen Bürosessel zu setzen, um das Gefühl zu haben, ihm auf irgendeine Weise nahe zu sein, war wohl doch keine so gute Idee gewesen.
Ich räusperte mich und versuchte, einen möglichst arroganten Ton anzuschlagen, um mir nicht anmerken zu lassen, dass er mich kalt erwischt hatte. „Terry, hatten Sie jemals das Gefühl, ich hätte schlechte Ohren?“
„Nein, Sir, ich …“
„… aber wenn Sie der Klang Ihrer eigenen Stimme so erfreut, dürfen Sie sich gern wiederholen.“
Für einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende der Lei-tung. Dann war es an Terry, sich zu räuspern.
„Ich … äh … na, ja, wie gesagt, da ist ein Päckchen per Eilpost gekommen und Sie sagten ja, wenn eines kommt …“
„Kommt es aus New York?“, unterbrach ich ihn hastig und konn-te nicht verhindern, dass mein Herz einen für einen Vampir unge-wöhnlich schnellen Rhythmus aufnahm.
„Ja, es –“
„Öffnen Sie’s und faxen Sie mir, was drin ist, an die Nummer, die auf Ihrem Display zu sehen ist.“
„Wann?“
„Vor fünf Minuten!“ Ich drückte meinen Gesprächspartner ein-fach weg, warf das Telefon auf den Schreibtisch, sprang auf und machte einen großen Schritt hinüber zum Faxgerät. Verflucht noch mal! Warum mussten sämtliche Geräte in diesem Büro bloß ausge-schaltet sein?
Das Faxgerät gab ein leises Schnurren von sich, als ich den Power-Knopf drückte, und fing an, sich warm zu laufen. Meine Sinne waren aufs Äußerste gespannt. Ich konnte fühlen, wie das Blut meines Abendmahls durch meine Adern pumpte, und hören, wie sich die Klappen meines Herzens in raschem Tempo öffneten und wieder schlossen. Ich hörte allerdings noch etwas anderes, ganz nah, so als wäre es direkt neben mir: Das Klappern eines Schlüssels und dann das Öffnen der Haustür zu Nathans Apartment.
Ich hob meinen Kopf, schloss die Augen und sog die Luft meiner Umgebung durch meine Nase ein. Parfüm, menschliche Haut, weibli-che Östrogene … Sam.
Das war nicht gut. Kein guter Zeitpunkt, obwohl ich mir hätte denken können, dass sie heute hier auftauchen würde. Genau heute war es ein Jahr her …
Ich zuckte fast zusammen, als das Faxgerät anfing zu piepen und dann mit dem Druck begann. Schon nach wenigen Zeilen konnte ich feststellen, dass es genau das war, worauf ich gewartet hatte: die Lis-te. Und sie hatte sich tatsächlich über die letzten Wochen hinweg verändert. So viele Namen waren ausgestrichen … so viele … Nie-mand hatte ihr Fehlen bemerkt – nur die, die aufmerksam waren; diejenigen, die wussten, was hier vor sich ging, hinter dem Rücken der meisten Menschen.
„Hallo?“ Sams Stimme klang unsicher, fast ängstlich. Sie hatte wohl die Geräusche aus dem Büro gehört und wusste nicht genau, was sie davon halten sollte. Gleichwohl war da noch etwas anderes in ihrer Stimme: Hoffnung.
„Wer ist denn da?“
Ich konnte spüren, dass sie ihn so gern aussprechen wollte, seinen Namen. Doch die Hoffnung war so klein und zerbrechlich, dass sie es nicht wagte.
„Jonathan!“, rief ich ihr entgegen und konnte fast selbst den klei-nen Stich fühlen, den ihr meine Antwort versetzen musste. Ich atmete tief durch und wandte mich widerwillig von dem Faxgerät ab. Die Antwort auf die Frage, die mich augenblicklich am meisten quälte, musste warten – ihr zuliebe. Das alles gehörte ganz gewiss nicht mehr zu Sams Welt und je eher sie in die ihre zurückkehrte, desto besser.
Ich straffte die Schultern und schlüpfte hinein in die Rolle, die ich bis zur Perfektion beherrschte: die des selbstbewussten, charmanten, manchmal beinahe arroganten Jonathan Haynes.
Mich um ein Lächeln bemühend verließ ich das Büro, noch ehe sie die Chance dazu hatte, es zu betreten. Was bedeutet: Wir liefen tatsächlich an der Tür ineinander und zwar mit solchem Schwung, dass Sam ein wenig von mir abprallte und sie es nur meinen hervorragend funktionierenden Vampirreflexen zu verdanken hatte, dass sie nicht stürzte.
„Hoppalla!“, kommentierte ich unseren kleinen Unfall und schenkte ihr ein kurzes Lächeln, um sie dann sorgsam zurück auf die Beine zu stellen. Ich konnte dem Drang, noch einmal kurz den Duft ihres Haares einzuatmen, nicht widerstehen.
„Hmm. Neues Shampoo? Irgendwas mit Honig oder?“
„Ähm … ja …“, sie strich sich verlegen eine dunkelblonde Haar-strähne hinter das Ohr und lächelte. „Du hättest ruhig sagen können, dass du heute herkommst.“
„Na ja, für den morgigen Tag war schon alles ausgebucht“, gab ich nonchalant zurück und bewegte mich Richtung Wohnzimmer. „Da dachte ich, ich probiere es mal heute. Keine Sorge, die willigen Blutspender sind schon alle weg. Fanden die Stimmung zu düster …“
„Ich meine nur, du hättest ja gestern was sagen können, als wir es-sen waren“, erwiderte sie ungerührt.
„Essen warst nur du – ich hab zugesehen, wie immer – als treuer Platzhalter.“ Ich ließ mich auf die Couch nieder und nickte ihr auffordernd zu. „Ganz davon abgesehen, war ich nicht der Einzige, der vergessen hat, den Trauer- und Gedenkabend in Nathans Wohnung zu erwähnen.“ Ich hob tadelnd eine Augenbraue.
„Ich hatte nicht vor zu trauern“, gab Sam cool zurück. Sie hielt sich heute erstaunlich gut. „Eigentlich müsste mein Date jeden Mo-ment eintreffen, also …“ Sie nickte Richtung Ausgang und ich legte demonstrativ die Füße auf den Tisch.
„Da bin ich ja mal gespannt … Schließlich scheinen mir gerade die Freunde auszugehen. Vielleicht hat dein Neuer ja Lust auf einen ‚Kumpel‘ mit etwas Biss.“ Ich ließ geräuschvoll meine Zähne aufei-nander schlagen.
Sam musste lachen. „Ja, mal sehen“, grinste sie und ließ sich ne-ben mir nieder. Für eine Weile herrschte einvernehmliches Schweigen zwischen uns. Es war schon merkwürdig, wie schnell einem in Notlagen Menschen vertraut werden konnten, die man eigentlich gar nicht in sein Leben hatte lassen wollen. Doch Sam und ich hatten mittlerweile so viel Zeit miteinander verbracht, dass …
„Ich … ich hatte nur gehofft, mich ihm etwas näher zu fühlen, wenn ich hier bin“, unterbrach sie meine Gedanken. Ihre Stimme war nur sehr leise, aber in ihr lag so viel Sehnsucht und Trauer, dass ich für einen Moment spürte, wie meine Fassade bröckelte und der eigene Schmerz mit aller Macht heraus drängte. Doch ich sagte nichts. Meine Kehle war plötzlich wie zugeschnürt.
„Ich vermisse ihn so sehr.“ Sie atmete tief und ein wenig zittrig ein, aber ich konnte noch keine Tränen in ihren Augen schimmern sehen. Sie wollte wohl auch für mich tapfer sein.
„Manchmal habe ich das Gefühl, es macht überhaupt keinen Sinn mehr zu hoffen“, fuhr sie fort. „Ein Jahr … überleg dir das mal …“ Sie schüttelte resigniert den Kopf.
Ich zuckte die Schultern. „Gemessen an meiner Lebenszeit ist das nur ein Wimpernschlag“, brachte ich nun doch leise heraus. Ver-dammt noch mal, dabei wollte ich sie doch nicht noch ermutigen, weiter auf einen glücklichen Ausgang dieser ganzen Geschichte zu hoffen. Nicht nach den ganzen Informationen, die ich in den letzten Tagen gesammelt hatte.
Sie brachte tatsächlich ein kleines Lächeln zustande, wurde aber schnell wieder ernst.
„Lieutenant Harris hat mich heute dezent darauf hingewiesen, es vielleicht in Betracht zu ziehen, dass Nathan tot ist“, sagte sie und ihre Stimme zitterte ein wenig. „Als ob ich das noch nie hätte! Ich hab schon so oft darüber nachgedacht, dass es mich ganz krank macht. Aber ich will Beweise … Ich will ihn nicht aufgeben, nur weil … weil es sein kann.“
Sams Gedanken machten es mir unerträglich, weiter ruhig neben ihr sitzen zu bleiben, und ich stand auf. Normalerweise besaß ich eine grandiose Selbstbeherrschung – ganz im Gegensatz zu meinem besten Freund – und Sam hatte seit Nathans Verschwinden bei mir immer Trost und Zuspruch finden können, doch heute, mit all den neuen Informationen im Kopf und den Geräuschen des Faxgerätes im Ohr, das vielleicht eben diesen Beweis brachte …
„Jonathan?“, hörte ich sie irritiert fragen, während ich zu einem der großen Fenster lief. Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete tief ein. Dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um den wei-chen, verletzlichen Jonathan heraus zu lassen; der, den das alles ganz genauso mitnahm wie die junge Frau, die nun langsam auf ihn zukam.
„Es … es tut mir so leid“, flüsterte sie und legte mir eine Hand auf einen der Arme, die ich verkrampft vor der Brust gekreuzt hatte. „Ich vergesse immer, wie sehr auch du ihn vermissen musst. Ihr kennt euch schon so lange …“
Ich räusperte mich, um den Frosch in meinem Hals zu beseitigen. „Ich bin an Verluste gewöhnt“, sagte ich schroff. „Nach einhundert-fünfundsiebzig Jahren sollte man damit umgehen können …“
„Wir wissen nicht, ob er tot ist“, gab Sam in einem Ton zurück, der wohl Trost spenden sollte, aber ich wollte diesen nicht. Sich an falsche Hoffnungen zu klammern, war nach einem Jahr nicht mehr gesund. Und es würde sehr bald sehr gefährlich werden – vor allem für einen Menschen. So sehr ich die junge Frau mittlerweile in mein Herz geschlossen hatte, sie musste diese Welt möglichst bald für im-mer verlassen – ohne Nathan. Also packte ich sie mit beiden Händen an den Schultern und zog sie dichter an mich heran. Meine Augen bohrten sich in die ihren, die sie nun etwas erschrocken aufriss.
„Sam, dieser Harris hat recht“, sagte ich mit Nachdruck. „Nathan ist seit einem Jahr verschwunden! Das ist eine lange Zeit für einen Menschen und eine noch längere für einen Vampir! Er verträgt keine Sonne und er braucht Blut. Selbst wenn er irgendwo eingesperrt wor-den ist – wie soll er das ein Jahr lang überleben, ohne Hilfe, ohne Schutz, ohne alles? Und es ist nicht unmöglich, Vampire auch anders zu töten. Wir sind nicht unsterblich! Ein Jahr, Sam! Ein verdammtes Jahr!“
Der Ausdruck den Sams Gesicht zeigte, war eine Mischung aus Schock, Erschütterung, Trauer, sterbender Hoffnung und Wut, wäh-rend ihr nun doch sichtbar Tränen in die Augen stiegen. „Wie … wieso sagst du das?“, brachte sie zunächst nur im Flüsterton hervor. „Jonathan, weißt du irgendetwas?“
Ich ließ sie ruckartig los und wandte mich von ihr ab, schon wie-der die Beherrschung verlierend.
„Jonathan“, drängte sie weiter, packte mich mit erstaunlich festem Griff am Arm und zog mich zu sich herum. Nicht genug Zeit, um erneut eine Maskerade aufzubauen. Und dieser Druck in der Brust, dieses Ziehen in den Gedärmen …
„Du verheimlichst mir doch etwas – schon seit einer Weile. Bitte, Jonathan …“ Sie sah mich flehentlich an.
„Du musst gehen“, kam es mir leise über die Lippen. „Du musst diese Welt verlassen. Es wird zu gefährlich, Sam!“
„Wovon redest du? Hat das mit Nathans Verschwinden zu tun?“
„Nathan kann dich nicht mehr beschützen“, fuhr ich unbeirrt fort, „deswegen werde ich das tun.“ Und vielleicht war ihr die volle Wahr-heit zu erzählen, der wirksamste Weg das zu tun. „Ich habe im letzten halben Jahr von einigen Dingen erfahren, die ein völlig neues Licht auf Nathans spurloses Verschwinden werfen. Ich … ich wollte den Zusammenhang erst nicht sehen und ich wollte dich auch damit nicht noch zusätzlich belasten, aber nun …“
Ich machte eine kleine Pause, musste mich noch einmal sammeln.
„Es wird einen Krieg geben, Sam. Einen Krieg zwischen einer speziellen Gruppe von Menschen und uns Vampiren. Eigentlich hat er längst begonnen, hinter dem Rücken des Großteils der menschlichen Bevölkerung. Und wenn du weiterhin in der Nähe von Vampiren bleibst, könntest du leicht zu einem der Opfer werden.“
„Moment, Moment … Krieg?“ Sie sah mich erschüttert an. „Was … was soll das bedeuten? Wer sollte gegen euch einen Krieg führen? Ich dachte, niemand weiß, dass ihr existiert!“
Ich atmete tief ein und wieder aus und schloss für einen Moment die Augen. „Was ich dir jetzt erzähle, war selbst Nathan nicht be-kannt. Es gibt nur sehr wenige, die darüber Bescheid wissen, was schon seit Jahrhunderten immer wieder vor sich geht. Du musst das unbedingt für dich behalten. Niemand – weder Mensch noch Vampir – darf erfahren, dass du darüber informiert bist! Ist das klar?“
Sam sah mich nur mit großen Augen an und nickte stumm.
„Setzen wir uns“, sagte ich und wies auf die Couch.
Sam folgte meiner Aufforderung bereitwillig und ich setzte mich so nah an sie heran, dass unsere Stimmen auf einem sehr niedrigen Level bleiben konnten. Sie war sehr angespannt und aufgeregt, das konnte ich fast körperlich fühlen, und der schnelle Schlag ihres Her-zens fand sein Echo in dem meinen. Sie über alles zu informieren, war für uns beide gefährlich, doch jetzt gab es kein Zurück mehr.
„Es gibt eine geheime Organisation unter euch Menschen, die sich die Garde nennt. Sie existiert schon seit langer, langer Zeit und kämpft von jeher gegen ein weiteres Ausbreiten der ‚Vampir-“, ich machte diese albernen Gänsefüßchen in der Luft, „-Krankheit‘. Wann immer diese Leute im Laufe der Geschichte der Meinung waren, dass es zu viele Vampire gibt oder dass diese zu viel Macht in der Welt an sich reißen, sind sie eingeschritten.“
„Auf welche Weise?“ Der schockierte Ausdruck in Sams schönen Augen wies deutlich darauf hin, dass sie die Antwort auf ihre Frage längst erahnte.
„Indem sie eine große Anzahl von Vampiren einfach abschlachte-ten, getarnt als berechtigte Taten innerhalb geschichtlicher Gewalt-ausschreitungen, wie zum Beispiel der Hexenverfolgung oder den vielen Revolutionen und Kriegen der Weltgeschichte – perfekte An-lässe, um den Mord an unzähligen Vampiren zu vertuschen.“
„Oh mein Gott!“, entfuhr es Sam und sie fuhr sich entsetzt mit der Hand an den Mund. „Wie furchtbar!“
„Momentan ist es wieder soweit“, fuhr ich leise fort. „Doch in unseren modernen Zeiten müssen sie wesentlich vorsichtiger und verdeckter agieren als früher. Die modernen Medien erschweren es ihnen, viele Vampire auf einmal hinzurichten. Also gehen sie langsa-mer als sonst vor, greifen sich immer wieder einzelne, wenn die Gelegenheit günstig ist. Ich weiß nicht, was dieses Mal der Anlass dieser … Reduktion ist, aber sie sind dabei, gerade hier in den USA die Anzahl der Vampire kräftig zu dezimieren.“
„Wie viele bisher?“, fragte Sam mit zittriger Stimme.
„Wir wissen es nicht genau“, gab ich zu, „aber es müssten bis jetzt an die fünfzig sein. Die Garde hat Dateien angelegt, in denen sie die Namen, Adressen und alle weiteren Informationen derer sammelt, die vom ‚Vampirvirus‘ befallen sind. Dort wird auch vermerkt, wer unter ‚besonderer Beobachtung‘ steht und wann und wie diese Perso-nen eliminiert wurden. Durch die Zusammenarbeit mit einigen mäch-tigen Vampiren in Europa ist es dem Vampirrat in Kalifornien gelun-gen, an einige dieser Daten heranzukommen. Ihm wird in regelmäßi-gen Abständen eine auf den neuesten Stand gebrachte Liste geschickt, in der vermerkt ist, auf wen es die Garde momentan ganz besonders abgesehen hat.“
Ich gab ihr einen Moment Zeit, all die neuen Informationen zu verarbeiten, innerlich hoffend, dass sie vielleicht selbst darauf kom-men würde, was ich ihr eigentlich sagen wollte.
Ihr Blick war ein paar Herzschläge lang in die Ferne gerichtet und ihr war deutlich anzumerken, wie sich ihre Gedanken überschlugen, wie sie sich verzweifelt darum bemühte, nicht die Frage stellen zu müssen, deren Antwort sie nicht hören wollte Aber sie konnte nicht anders. Sie drängte sich ihr zu sehr auf. Ihre Augen wanderten wieder zu mir, voller Angst und schlimmer Befürchtungen.
„Hast du diese Listen gesehen?“
Ich nickte knapp.
„Stand … stand Nathans Name auf der Liste?“, hauchte sie.
Wieder musste ich nicken.
Sie atmete zitternd ein. „War er ausgestrichen?“
Ein paar Sekunden lang zog ich es in Erwägung, sie anzulügen – einfach um alles möglichst kurz und schmerzlos zu machen. Aber ich konnte es nicht. Sam war, soweit ich wusste, immer ehrlich zu mir gewesen und ihre Gegenwart hatte mir diese nervenzerfressende Zeit des Wartens und Bangens in gewisser Weise leichter gemacht. Ihre Gegenwart hatte mir das Gefühl gegeben, die Verbindung zu Nathan nicht völlig verloren zu haben. Sie hatte es nicht verdient, angelogen zu werden.
„Nein“, gab ich schließlich zu und sah eine Welle der Erleichte-rung über ihr Gesicht schwappen.
„Aber die letzte Liste war alles andere als aktuell“, setzte ich schnell und etwas zu scharf hinzu. „Das sagt gar nichts aus.“
Sie schien wegen meiner Reaktion ein wenig irritiert, ließ sich je-doch von meinen Worten nicht erschüttern. „Eben. Es sagt nichts aus“, erwiderte sie. „Wir können daraus weder schließen, dass er tot ist, noch dass er lebt.“
Nun stand ich doch wieder auf. „Hast du mir nicht zugehört, Sam?“, fuhr ich sie ungehalten an. „Die Garde jagt Vampire, um sie zu töten! Nathan stand auf ihrer Liste und er ist nun verschwunden – wie wahrscheinlich ist es da, dass er noch lebt?!“
Sam sah mich entsetzt an, während ihr gleichzeitig langsam wie-der Tränen in die Augen traten. „Willst du, dass er tot ist?“
Das war tatsächlich eine gute Frage und sie traf mich direkt ins Herz, riss mir den letzten Rest an Selbstbeherrschung, an Standhaf-tigkeit unter den Füßen weg.
„Ja“, brach es aus mir voller Inbrunst hervor. „Das will ich … weil ich …“, ich rang nach den richtigen Worten, „… ich könnte damit besser umgehen, als die Hoffnung aufrecht zu erhalten, dass er noch lebt …“
„Jonathan, das –“, begann sie verzweifelt, doch ich ließ sie nicht ausreden. Ich wollte reden, wollte endlich jemandem erzählen, was mir schon so endlos lange auf der Seele lastete.
„… denn weißt du, was das bedeuten würde?“, fuhr ich fort, ob-wohl mir das Sprechen immer schwerer fiel, weil sich meine Kehle verengte und ich stockend ein und aus atmen musste. „Dass er ir-gendwo da draußen ist, dass er festgehalten wird und … und jemand ihm etwas Furchtbares antut … und ich kann ihm nicht helfen! Ich kann ihm nicht helfen, Sam!“
Die letzten Worte hatte ich fast geschrien und ich wandte ihr schnell meinen Rücken zu, weil mir Tränen in die Augen schossen. Ich hasste es, so emotional zu werden, aber ich konnte es nicht ver-hindern. Nathan zu verlieren war eine größere Katastrophe, als ich mir jemals zuvor eingestanden hätte. Doch die Ungewissheit darüber, was mit ihm geschehen war, war noch viel schlimmer. Sie begann mich in den Wahnsinn zu treiben.
„Aber vielleicht können wir das bald“, hörte ich sie leise sagen. „Wir dürfen nur nicht aufgeben, Jonathan.“
Ich konnte sehen, wie sie sich tapfer ein paar Tränen wegwischte, als ich mich wieder etwas gefasster zu ihr umwandte. „Wenn wir aufgeben, ist er endgültig verloren.“
„Hast du wirklich noch Hoffnung?“, fragte ich kraftlos.
„Ja“, war die klare Antwort.
„Das solltest du nicht, Sam“, gab ich resigniert zurück. „Du soll-test Nathan in guter Erinnerung behalten und gehen. Du solltest wie-der zurück in deine Welt kehren, uns Vampire vergessen und ein neues, glückliches Leben beginnen. Vergiss, dass wir existieren, vergiss alles, was ich dir erzählt habe, und rette deine Zukunft.“
„Das kann ich nicht“, erwiderte sie leise und schüttelte nach-drücklich den Kopf. „Nicht, solange ich nicht weiß, was mit Nathan passiert ist. Ich brauche einen Beweis dafür, dass er tot ist.“
Ich sah sie einen langen Moment schweigend an, dann nickte ich verständnisvoll, denn mir ging es ganz genauso.
„Den brauchst du“, stimmte ich ihr zu, wandte mich um und ging auf das Büro zu. Mein Herz begann wieder schneller zu schlagen und mit jedem Schritt, den ich mich dem Faxgerät näherte, kam es mir stärker wie das dumpfe, düstere Schlagen einer Trommel vor, das eine noch viel schwärzere Erkenntnis herbeirief. Meine Finger zitterten, als ich die vielen Blätter Papier aus dem Gerät nahm, aber ich wagte es nicht, jetzt schon einen Blick darauf zu werfen. Es war, als ob Sams Gegenwart die schlimme Nachricht erträglicher machen konnte. Sie war im Wohnzimmer geblieben, saß immer noch auf der Couch, als ich an sie heran trat.
„Ich wollte dich eigentlich damit verschonen, aber …“ Ich hielt einen Augenblick inne und sah sie fragend an. Sie nickte kurz und ich fuhr fort.
„Das ist die aktuellste Liste aus den Dateien der Garde. Frag mich nicht, wie die anderen da immer wieder rankommen. Malcolm hat viele Verbindungen.“ Ich atmete ein und wieder aus.
„Sie wurde mir vor wenigen Minuten per Eilpost geschickt und einer meiner Angestellten hat sie auf meinen Wunsch hierher gefaxt. Ich … konnte sie mir noch nicht ansehen.“
Sam starrte auf die Blätter, die ich ihr entgegen hielt. Einen Herz-schlag lang dachte ich, sie würde nicht zugreifen, doch dann schlos-sen sich ihre Finger um das Papier und nahmen es mir aus der Hand. Mein Herz hämmerte jetzt so heftig in meiner Brust wie schon lange nicht mehr und meine innere Anspannung bereitete mir beinahe Schmerzen. Ein Teil von mir drängte voller Sehnsucht nach der Wahrheit, während der andere mich laut anschrie, sofort möglichst weit wegzulaufen und alle Sinne vor der Außenwelt zu verschließen.
Sam atmete zitternd ein und fing an zu blättern. Ihre Augen flogen über die vielen Namen, dann hielten sie inne … und es schien so, als würde etwas in ihrem Inneren plötzlich zusammenbrechen. Die Hoffnung, die sie so lange festgehalten hatte, entglitt ihr wohl mit einem Mal und ließ nur noch tiefe Trauer, Verzweiflung und Schmerz in ihren Augen zurück. Die Blätter in ihrer Hand zitterten, während sie unter Tränen immer wieder den Kopf schüttelte.
„Das … ist nicht wahr …“, konnte ich sie stockend flüstern hören, als ich ihr die Seiten aus der Hand nahm, um es endlich selbst schwarz auf weiß zu sehen. Ich fand Nathans Namen sofort. Ein lan-ger dunkler Strich zog sich mit kalter Grausamkeit durch jeden ein-zelnen Buchstaben. Am Rand hatte jemand ein Datum und zwei Buchstaben notiert. Der Tag seines Verschwindens. Was das Kürzel bedeutete, wusste ich nicht, doch es war mir auch egal.
Die Erkenntnis, dass ich meinen besten Freund für immer verloren hatte, traf mich mit voller Wucht, aber sie warf mich nicht aus der Bahn oder ließ mich gar emotional werden. Ich fühlte mich einfach nur plötzlich ganz leer und kalt – so als wäre gerade eben erst alles Leben aus meinem Körper gewichen. Es war, als wäre ich gar nicht mehr da. Ich sah mir selbst zu, wie ich an Sam heran trat, die nun doch angefangen hatte, haltlos zu weinen, und auf der Couch zusammensank, nicht fähig ihre Trauer zurückzuhalten.
Ich fühlte nicht, wie ich mich neben sie setzte und ihren bebenden Körper in meine Arme zog, um wenigstens ihr ein wenig Trost und Halt zu geben. Ihr verzweifeltes Schluchzen berührte mich nicht im Inneren, nur mein Verstand sagte mir, dass ich die Pflicht hatte, ihr in unseren letzten gemeinsamen Stunden so viel Kraft zu geben, dass sie sich aus meiner Welt verabschieden und ein neues Leben ohne Nathan beginnen konnte.
Und selbst als sie nach ein paar Stunden das Apartment verlassen hatte, kehrte ich nicht wirklich in meinen Körper zurück. Es war, als wäre mir ein Stück meiner Selbst für immer verloren gegangen und es gab nichts in dieser Welt, das es mir zurückbringen konnte.
Mit dieser Erkenntnis verließ ich irgendwann Nathans Apartment und als ich die Tür hinter mir schloss, fühlte es sich an, als hätte sich auch eine Tür in meinem Inneren für immer verschlossen.

 

 

Frye Island, Maine, 28. März 1992

 
Der kühle Märzwind blies durch die noch kahlen Zweige der Büsche und Bäume und beschwor damit die gruseligs-ten Geräusche in dem sonst so stillen Teil des Inselwäld-chens herauf: Knacken, Knistern, Knirschen, ab und zu sogar das Rascheln von vertrockneten Blättern, die sich vor dem Winter nicht hatten von den Zweigen lösen wollen.
Ein leichtes Zittern wanderte durch Nathans Körper und obwohl er gleich darauf den Kragen seines Mantels aufstellte und den Kopf ein wenig einzog, so als sei ihm kalt, konnte er diese Reaktion nicht der unangenehmen Witterung zurechnen. Menschen wie er froren nicht. Menschen … er schüttelte den Kopf über sich selbst. Er fühlte sich schon seit langer Zeit nicht mehr dieser Gattung zugehörig. Doch da sein bester Freund ihn meist strafend ansah oder gar für eine Weile beleidigt schwieg, wenn er andere Worte für die Spezies, zu der sie gehörten, benutzte, war er bereit, weiter-hin Begriffe wie ‚Menschen‘, ‚Personen‘ und ‚Leute‘ für sich und die anderen zu verwenden. Zumindest in Jonathans Beisein.
Nathans Blick wanderte zu dem riesigen Haus, das sich hier an diesem Ort, mitten im Wald, vor ihm auftat, und fröstelte erneut bei dem Gedanken daran, was sich im war-men Inneren tat. Durch die Fenster schien helles Licht und im unteren Stockwerk bewegten sich ab und an dunkle Schatten an den zugezogenen Vorhängen vorbei, verrieten damit, dass sich ‚Personen‘ im Haus befanden.
An und für sich war das nichts Ungewöhnliches – Häuser waren dazu da, bewohnt zu werden – doch das hier war Frye Island und normalerweise war die Insel zu dieser Jahreszeit so gut wie ausgestorben.
Frye Island war eine Ferieninsel, deren Bewohner nur saisonal ansässig waren. Sie war einzig mit einer Fähre zu erreichen und diese verkehrte aufgrund des dicken Eises, das im Winter den Sebago Lake überzog, von November bis April nicht zwischen der Insel und dem Festland. Das Eis hatte erst in den letzten Wochen zu schmelzen begonnen – sonst hätte Nathan die Insel anstatt mit dem Motorboot zu Fuß aufsuchen müssen.
Das Haus, vor dem er stand, hätte somit eigentlich gar nicht bewohnt sein dürfen und doch hatte er damit gerech-net, hatte er es sich sogar erhofft. Phillip Richards war der Name des reichen Geschäftsmannes, dem dieses Anwesen gehörte. So weit Nathan herausgefunden hatte, vermietete er sein Eigentum im Sommer an seine ebenfalls wohlhabenden menschlichen Freunde – im Winter jedoch, wenn niemand hier war, um Zeuge der Gräueltaten zu werden, die hier geschahen – veranstaltete er kleine, besondere Partys für die Sorte ‚Mensch‘, zu der er sich eigentlich zugehörig fühlte.
‚Markt-Nacht‘ nannte er dieses verbotene und doch leider recht gut besuchte ‚Event‘. Nur wenigen auserwählten Luni-ern wurde zu Beginn des Jahres eine Einladung zu dieser Veranstaltung geschickt und sie alle von oberster Stelle, also von Richards persönlich, zum Stillschweigen angewiesen. Ein Stillschweigen, an das sich bisher alle gehalten hatten, denn ein jeder wusste, dass derlei Partys gegen jedwedes Gesetz verstießen und die Veranstalter auch von der Vampirgesellschaft streng bestraft wurden, wenn sie aufflo-gen. Sie konnten nicht wissen, dass dieses Jahr ein faules Ei unter ihnen zu finden war; jemand, der die Informationen über die teilnehmenden Gäste, den Ort und die Zeit des Geschehens haarklein an Nathan weitergegeben hatte. Je-mand, der sich momentan ebenfalls im Inneren des Gebäu-des befand, jedoch auf seiner Seite kämpfen würde, sobald er erschien, um diese Veranstaltung ein für alle Mal zu be-enden.
Nathan sog die kühle Nachtluft tief in seine Lunge und schloss die Augen. Seine Wut und sein Hass auf die Vampire in dem Haus wollten schon wieder überhand nehmen. Er musste sie unbedingt unter Kontrolle halten, brauchte einen klaren, wachen Verstand und durfte nicht zulassen, dass die Erinnerungen wiederkamen. Denn das wollten sie. Schon die ganze Zeit. Von dem Moment an, als er erfahren hatte, dass Kathrin von diesem … Monster entführt worden war und dieses sie nun hier, nachdem es genug von ihr hatte, verkaufen wollte.
‚Nicht daran denken. Nicht daran denken‘, sprach er sich selbst zu, fest die Zähne zusammenbeißend.
„Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich würde gern noch heute Nacht wieder zurück nach Hause fahren, wo es kuschelig und gemütlich ist“, riss ihn die Stimme seines besten Freundes aus seinen Gedanken und sorgte sogar dafür, dass er ein wenig zusammenzuckte. Eines musste man den älteren Vampiren lassen: Sie bewegten sich faszi-nierend leise durch die Welt.
Nathan wandte sich ein wenig zu ihm um. „Und? Wie vie-le Wachposten sind es?“
Jonathans Lippen verzogen sich zu einem Schmunzeln. „Es waren vier. Jetzt sind es …“ Er tat so, als würde er in seinem Kopf eine schwere Rechenaufgabe zu bewältigen haben. „ … null.“
Nathan hob verblüfft die Brauen. „Du hast sie alle schon ausgeschaltet?“
„Es liegt mir nicht, den gleichen Weg zweimal zu gehen, mein Freund“, erklärte Jonathan und wischte sich einen kleinen Zweig von seinem teuren Mantel. „Ich weiß Besseres mit meiner Zeit anzufangen. Also? Legen wir jetzt los?“
Nathan hob einen Daumen, straffte die Schultern und setzte sich synchron mit seinem Freund in Bewegung. Es war schön, bei dieser Aktion nicht allein zu sein und auch wenn Jonathan immer vorgab, für solche Art von Beschäfti-gung nicht gemacht zu sein – er war, wenn er erst einmal loslegte, eine der effektivsten Killermaschinen, die Nathan bisher kennen gelernt hatte. Schnell. Präzise. Tödlich. Zu-dem brachte seine Gegenwart das kleine Kunststück zu-stande, Nathan zu beruhigen und zur selben Zeit zur Höchstform auflaufen zu lassen. Adrenalin schoss in seine Blutbahn, sein Herz leistete Rekordarbeit und sein ganzer Körper begann zu kribbeln.
Sie waren schnell. Schneller als Menschen sich jemals bewegen könnten – wahrscheinlich auch schneller als die meisten Tiere. Und es bereitete ihnen noch nicht einmal viel Mühe. Ein Lunier zu sein, besaß einige Vorteile und über-natürliche Kraft und Schnelligkeit gehörten ganz gewiss dazu.
Nathan liebte diesen Energiestoß, den seine vampirische Seite auslöste, sobald er sie von den Ketten ließ, die er ihr selbst jeden Tag anlegte, um seinen sonst so menschlichen Alltag bewältigen zu können. Diese Energie … die Kraft … die Geschwindigkeit … alles war in diesem Zustand so leicht, sein Verstand so wach, seine Sinne so geschärft. Er lebte wieder, fühlte wieder … war der ganzen Welt auf einmal überlegen. Er konnte alles erreichen, sich nehmen, was er wollte …
Nein! Das durfte er nicht. Er war hier, um Kathrin und die anderen Menschen zu retten; war hier, um die Not ande-rer zu beenden und nicht den egoistischen Bedürfnissen seiner vampirischen Seite nachzugeben. Kontrolle. Er muss-te die Kontrolle behalten.
Es dauerte nur Sekunden, bis sie das Gebäude erreicht hatten und nicht viel länger, um die unverschlossene Hin-tertür zu öffnen und so leise wie möglich ins Innere zu schleichen. Zeit, um sich lange umzusehen, hatten sie nicht. Vampire fühlten die Anwesenheit ihrer ‚Brüder‘ und ‚Schwestern‘ ziemlich schnell, was das Ausnutzen des Über-raschungseffekts auf ein zeitliches Minimum reduzierte.
Die Zimmer des Hauses waren ein wenig verschachtelt angelegt, sodass es ein Leichtes war, dem erstaunten Luni-er, der bei ihrem Eintreffen aus dem Badezimmer in den Flur trat, das Genick zu brechen, ohne dass die anderen Gäste es mitbekamen. Dann wurde es allerdings etwas schwieriger nicht aufzufallen, denn der Rest der Gäste befand sich im Wohn- und Essbereich und vergnügte sich bereits mit den neu erstandenen ‚Waren‘ – drei junge Frauen, wie Nathan mit einem kurzen Blick in Erfahrung brachte. Kathrin entdeckte er bereits, als er durch die offen stehende Tür des Wohnbereichs schritt und die ersten Vampire sich erstaunt zu den Neuankömmlingen umdrehten. Sie hing mehr oder minder auf der Couch, in den Armen ihres neuen ‚Besitzers‘, der seine Zähne in ihren Hals geschlagen hatte und sich mit sichtbarem Vergnügen von ihr nährte, dabei die unappetitlichsten Geräusche von sich gebend. Die junge Frau selbst wirkte wie in Trance, nur ab und an zuckten Anzeichen von Schmerzempfinden durch ihr Gesicht und mischten sich mit der Trauer und Hilflosigkeit in ihren Augen zu einer Fratze des Grauens.
Nathan handelte, ohne zu denken: Aus einem starken Impuls heraus sprang er auf das ‚Paar‘ zu, warf sich auf den fremden Vampir und rammte ihm beinahe in derselben Be-wegung das Silbermesser, das er bereits gezogen hatte, in den Rücken. Der Lunier schrie auf, so wie die anderen Vampire um ihn herum, die nun erst begriffen, weshalb die Fremden gekommen waren. Er versuchte nach Nathan zu schlagen, doch dieser war schneller, hatte seinen Arm im Nu um den Hals des Mannes geschlungen und riss ihn nach hinten, um ihm den Dolch dieses Mal von vorn ins Herz zu rammen.
„Das würde ich schön lassen“, vernahm Nathan Jo-nathans Stimme hinter sich, als er den röchelnden Mann von der Couch stieß. Es folgten zwei Schüsse durch einen Schalldämpfer und als Nathan den Blick hob, weil sein Gegner keine Regung mehr von sich gab, fielen zwei der anderen ‚Gäste‘ stöhnend in sich zusammen.
„Noch irgendjemand, der Probleme damit hat, Anweisun-gen zu folgen?“, erkundigte sich Jonathan freundlich und sah die übrigen Vampire der Reihe nach fragend an.
Es waren nicht mehr viele, die noch standen, zumal die Partygemeinschaft ohnehin nicht sehr groß gewesen war. Jonathan hatte wohl einem ihrer ‚Brüder‘ bereits beim Ein-treten in den Kopf geschossen, denn der Mann lag direkt neben der Tür und dann wohl erst einmal darauf gewartet, was der Rest tun würde. Zwei Männer und zwei Frauen wa-ren übrig geblieben. Sie standen in stummem Entsetzen auf ihren Plätzen und wagten es nicht, sich zu bewegen. Man konnte nur ihr angespanntes Atmen und das Stöhnen der Sterbenden vernehmen. Silberkugeln konnten für Lunier ziemlich tückisch sein.
„Gut. Dann sind wir uns ja einig!“ Jonathan sah zu Nathan hinüber und hob fragend eine Braue. Doch er konn-te ihm nicht antworten, denn er nahm wahr, dass sich Ka-thrin neben ihm aufrichtete, hörte ihre leise Stimme.
„Nathan“, hauchte sie und zwang ihn damit, sie anzuse-hen. Tränen glitzerten in ihren Augen. Sie schien kaum glauben zu können, dass ihr Leid nun endlich ein Ende hatte. „Du bist da! Ich … ich wusste, dass du kommst … ich wusste es.“
Sie lächelte, so erleichtert und dankbar, dass sein schlechtes Gewissen nur noch größer wurde. Er hätte sie schon viel früher retten, hätte schneller sein müssen. Er hatte sie zu lange aus seinen Augen verloren. Sie sah dünn und ausgezehrt aus. Missbraucht. Misshandelt. Und das nur, weil er versagt hatte, weil er verdrängt hatte, was er seinem Bruder einst geschworen hatte.
„Nate!“, erinnerte Jonathan ihn daran, dass er nicht al-lein war und es noch einige Entscheidungen zu fällen gab.
Nathan erwiderte Kathrins Lächeln so gut, er konnte. „Ich bin gleich wieder bei dir“, erklärte er und erhob sich.
Dies sah einer der Lunier wohl als solch eine bedrohliche Geste an, dass er sich nun doch bewegte –und zwar sehr schnell. Er sprang auf Jonathan zu, schlug ihm die Waffe aus der Hand und stieß ihn gegen die Wand. Der Weg zur Flucht war damit frei, dennoch kam der Mann nicht weit. Eine der noch anwesenden Frauen sprang ihm wie eine Raubkatze von hinten in den Rücken. Sie stürzten gemein-sam zu Boden und noch im Fallen schlug sie ihre Zähne mit einer solchen Kraft in den Nacken, dass man die Wirbel unter dem Druck ihres Kiefers knacken hörte.
Nathan war für wenige Sekunden wie erstarrt. Dann be-wegte er sich wieder, lief rasch auf die beiden zu. Der Mann röchelte, bewegte sich aber kaum noch, während die Frau mit gierigen Zügen sein Blut trank.
Nathan berührte sie vorsichtig an der Schulter.
„Béa“, sagte er sanft. „Es ist gut. Er wird nicht mehr auf-stehen.“
Es dauerte noch einen kleinen Augenblick bis die blonde Schönheit ihren Kopf hob und sich ganz langsam zu Nathan umwandte, ein zufriedenes Lächeln auf den blutverschmier-ten Lippen.
„Du weißt ja gar nicht, wie lange ich das schon tun woll-te“, sagte sie in diesem sanften, fast lieblichen Ton, der so gar nicht zu ihrem brutalen Handeln passte, und wischte sich das Blut von Kinn und Lippen. Béatrice war schon im-mer eine dieser Frauen gewesen, die man nicht richtig ein-schätzen und nie vollkommen verstehen konnte – einer der Gründe, warum es so schwer war, eine Beziehung mit ihr zu führen.
„Er war einer der schmierigsten Widerlinge, die ich je kennengelernt habe“, verkündete sie und erhob sich mit der für sie so typischen Eleganz von ihrem Opfer, dessen Herz soeben den letzten Schlag getan hatte. „Aber er hatte eine verflucht seltene Blutgruppe. Ich wage es kaum, mir vorzu-stellen, wie er geschmeckt hat, als er noch ein Mensch war.“
Sie seufzte leise, hob eine Hand an Nathans Wange und strich sanft über die stoppelige Haut. „Natürlich nicht mit dir zu vergleichen, mein finsterer Engel“, fügte sie mit einem schelmischen Grinsen hinzu.
Ein aufgebrachtes Keuchen erinnerte Nathan daran, dass sie nicht allein waren und es nicht gesund für ihn war, sich in der dunklen Tiefe ihrer schönen Augen zu verlieren. Er wandte sich um und sah in das entsetzte Gesicht des letzten männlichen Partymitglieds.
„Du … du gehörst zu denen?“, stieß Phillip Richards aus. „Du … Verräterin!“
Béatrice schob sich an Nathan vorbei und bewegte sich mit wiegenden Hüften auf den Mann zu, der sofort einen großen Schritt zurück machte.
„Ganz richtig“, sagte sie und Jonathan, der seine Waffe aufgehoben hatte, und wieder auf Richards und seine Be-gleiterin richtete, nickte beipflichtend.
„Sie besitzt viele von diesen wenig schmeichelhaften Na-men“, setzte er hinzu und Nathan schenkte ihm einen mahnenden Blick.
Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um ihre alte Feindschaft wieder aufleben zu lassen. Nathan hatte Béatri-ce ursprünglich auch nicht bei dieser Aktion mitmachen lassen wollen, aber am Ende hatte sich herausgestellt, dass sie ihnen mit ihren Verbindungen in der Vampirgesellschaft eine große Hilfe hatte sein können – trotz der vielen un-schönen Geschehnisse in ihrer gemeinsamen Vergangen-heit.
„Es war an der Zeit, dass du für die Grausamkeiten be-zahlst, die du anderen über so viele Jahre angetan hast, Phillipe“, fuhr sie fort und lächelte sanft. „Die Welt freut sich, wenn es einen weniger von euch in ihr gibt.“
„Du hast nun wirklich nicht das Recht über mich zu richten, Béatrice!“, stieß er mit einer Mischung aus Panik und Abfälligkeit aus. „Wissen deine Freunde denn, was du eigentlich …“
Er kam nicht weiter, denn die schöne Frau hatte aus ih-rem Ärmel einen silbernen Pflock gleiten lassen und ihm diesen im nächsten Moment in den Hals gerammt.
„Bea!“, entfuhr es Nathan aufgebracht und er machte ei-nen Schritt auf sie zu, auch wenn er nichts mehr ausrichten konnte. Richards ging mit weit aufgerissenen Augen vor Béatrice in die Knie, die Hand umklammernd, die mit gna-denlosem Druck den Pflock weiter in seinen Hals trieb. Er schnappte nach Luft, röchelte und brach wie eine Marionet-te in sich zusammen, als seine Mörderin den Pflock losließ. Die Kraft, ihn sich aus dem Hals zu ziehen, hatte er nicht mehr.
„Nun gut“, meinte Jonathan mit einem Schulterzucken, hob seine Waffe und schoss der übrig gebliebenen Vampir-frau kurzerhand in die Stirn.
„Was …?“ Nathan sah seinen Freund entgeistert an, als auch der letzte Partygast laut auf dem Boden aufschlug. „Was soll das?“
Jonathan zog die Brauen zusammen. „Ich erspare uns Zeit?“, schlug er ein wenig verstimmt vor.
„Von wem sollen wir jetzt erfahren, ob wir endlich alle erwischt haben?“ entfuhr es Nathan verärgert. „Ganz davon abgesehen, dass wir die Überlebenden eigentlich an die Custoren weitergeben wollten …“
Jonathan seufzte leise, als habe er es mit einem beson-ders begriffsstutzigen Menschen zu tun.
„Zum Ersten: Wir haben hier ein paar Zeugen, die uns ganz gewiss sagen können, wie viele Vampire heute hier waren und wie sie ausgesehen haben“, gab sein Freund gelassen zurück und wies auf Kathrin und die beiden ande-ren Frauen, die immer noch verängstigt auf den Sesseln und der Couch saßen und kaum verstanden, was auf einmal hier vor sich ging.
„Zum Zweiten“, fuhr Jonathan fort und steckte seine Waffe wieder weg. „Ich sagte dir schon draußen, dass ich heute Nacht noch nach Hause will. Was glaubst du, wie lange es dauert, bis die ein paar von den Jungs der Wacht hierhergeschickt haben? Wenn sich hier aber keiner mehr regt, können wir gehen und die Custoren müssen dann nur noch hinter uns aufräumen.“
„Na, die werden sich freuen!“, gab Nathan verstimmt zu-rück. „Die räumen doch immer gern für andere den Dreck weg!“
„Lass gut sein, Nate“, mischte sich nun leider auch noch Béatrice ein, denn sie schien ausnahmsweise mal mit Jo-nathan einer Meinung zu sein. „Ich kenne ein paar Leute in der Leitung der Wacht und werde mit denen reden. Niemand wird uns hieraus einen Strick drehen.“
„Meine Rede“, murmelte Jonathan und begab sich zu den beiden verstörten Menschenfrauen hinüber, um ihnen zu erklären, dass sie nichts mehr zu befürchten hatten und endlich zurück nach Hause kehren konnten.
Nathan dachte einen kurzen Moment nach und schüttel-te dann den Kopf. Es machte keinen Sinn mehr, weiter her-um zu diskutieren. Niemand würde ihm zuhören und in ihrer jetzigen Lage war es tatsächlich schlauer, so schnell wie möglich zu verschwinden. Er nahm einen tiefen Atemzug und ging dann hinüber zu Kathrin.
„Kannst du laufen?“, fragte er seine alte Freundin sanft.
Sie nickte und er half ihr, aufzustehen. Sie schwankte ein wenig, doch obwohl sie am ganzen Leib zitterte, besaß sie wieder genug Kraft, um zu stehen. Er nahm rasch eine Decke, die über einem Sessel lag und legte sie Kathrin um die schmalen Schultern. Es überraschte ihn, dass sie plötz-lich panisch die Augen aufriss und seinen Unterarm packte.
„Nate, warte … die Kinder!“, stieß sie aus.
Er sah verwirrt auf sie hinab. „Welche Kinder?“, fragte er mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube.
„Zwei Jungen und ein Mädchen!“, hauchte Kathrin und ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen. „Die Jungen wurden schon vor Stunden verkauft und werden wieder spurlos verschwunden sein, aber das Mädchen … das Mäd-chen hat er wieder mitgenommen. Er würde es nie verkau-fen. Er sagt immer, es sei sein Pfand. Er hat es gewiss noch bei sich.“
Nathans Verwirrung löste sich rasch auf. Ganz dunkel fiel ihm ein, dass auch der letzte Menschenhändler, den er in die Mangel genommen hatte, von den Vorlieben einiger Lunier für Kinder erzählt hatte. Die Vorstellung machte ihn ganz krank und sorgte erneut dafür, dass Erinnerungen in ihm hochstiegen, die er sonst immer so wundervoll verdrän-gen konnte. Es war hart, sie niederzukämpfen, und dennoch entging ihm die Verzweiflung in Kathrins Augen nicht. Sie hing an dem Kind, konnte es kaum ertragen, von ihm getrennt worden zu sein. Im Grunde war das aber auch gar nicht weiter wichtig. Er konnte ohnehin kein Kind in den Händen eines dieser Monster lassen.
„Wann ist dieses Schwein gegangen?“, fragte er ange-spannt.
„Vor maximal einer Stunde. Er hat das Motorboot ge-nommen, mit dem wir gekommen sind. Er wollte in ein Hotel in North Windham einchecken. Das hat er noch zu einem seiner Kunden gesagt, weil dieser ihm einen Restbetrag schuldete. Sein Name ist Oliver … Oliver Wielding oder so…“
Nathan nickte knapp und sah Jonathan an, der schon wieder genervt die Augen verdrehte. Sein Freund würde ihm dennoch helfen, das wusste er, auch ohne ein Wort mit ihm wechseln zu müssen.
„Bring Kathrin und die anderen von hier weg und sorge dafür, dass sie alles bekommen, was sie brauchen, um sich zu erholen“, sagte er zu ihm.
„Du willst doch nicht im Ernst …“, begann Jonathan, doch Nathan würgte ihn sofort ab.
„Ich muss das tun!“, sagte er mit Nachdruck. „Du weißt wieso!“
Sein Freund biss sichtbar die Zähne zusammen. Er tat es nicht gern, doch schließlich nickte er.
„Ich gehe mit dir“, verkündete Béatrice.
Nathan holte Luft, um ihr zu widersprechen, doch dieses Mal war er derjenige, der diese nicht nutzen konnte.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde“, mischte sich Jonathan rasch ein, „aber ich halte es aus-nahmsweise für eine gute Idee. Ich kenne Oliver von früher – glaub nicht, dass er ein Freund war – aber ich weiß, dass er ein alter, gerissener Vampir und dir auch kräftemäßig überlegen ist, mein Freund. Da kann es nicht schaden, ein hinterhältiges Biest wie Béatrice an deiner Seite zu haben.“
„Danke, Jonathan!“, erwiderte die Angesprochene schnippisch und bedachte den Vampir mit einem furchtbar falschen Lächeln, das er mit sichtbarer Freude erwiderte.
„Gern geschehen!“
Nathan seufzte leise und überwand sich dann dazu, zu nicken. „Dann los! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“, sagte er und wandte sich um. Doch er kam nur ein paar Schritte weit.
„Nate!“
Er blieb erneut stehen und Kathrin schloss noch einmal wankend zu ihm auf.
„Wenn die Kleine Angst vor dir haben sollte – sprich sie mit ihrem Namen an und sag ihr, dass ich dich geschickt habe. Sag, dass du sie zu mir bringst und uns danach nie-mand mehr trennen wird!“
Er nickte sofort. „Wie heißt sie?“
„Samantha.“

 

 

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