16. December 2013 - 20:10

Leseproben Falaysia Band III

 

 

Hexenbiest

 

Piladoma war ein atemraubend schönes Land. Abwechslungsreich, fruchtbar, wild. Riesige Waldgebiete erstreckten sich über die hügelige bis gebirgige Landschaft; Wasserfälle rauschten von den steilen Berghängen in glasklare Seen, die sich in den Tälern vor Urzeiten gebildet hatten, und kleine, idyllische Grasebenen versorgten die Tiere der Wälder mit ausreichend Nahrung und Fläche zum Herumtoben.

Es gab nur wenige Menschen, die dieses Land bevölkerten und kleine Dörfer an den Rändern des Gebirges oder an der zerklüfteten Küste errichtet hatten. Daher bestand der größte Teil Piladomas aus unberührter Natur. Hier galt ihr Gesetz – das Gesetz des Stärkeren und Anpassungsfähigeren. Es war hart, dieses Gesetz, und die Bevölkerung fürchtete sich vor ihm, doch niemand konnte sich ihm entziehen. Deswegen verbrachten die Menschen nur sehr ungern ihre Zeit außerhalb ihrer geschützten Dörfer und zogen nur selten durch das Land – höchstens wegen ihres alljährlichen Ganges zum Markt in eine der wenigen größeren Städte, um dort ihre überschüssigen Waren gegen Vieh oder andere Angebote einzutauschen.

Jedes Dorf in Piladoma war völlig autark, hatte sein eigenes Versorgungssystem und sogar seine eigenen Gesetze. Es gab Bauern, Schafhirten, Viehzüchter, Schlachter, Webstuben … sogar Wirtshäuser, um sich ab und an ein wenig Abwechslung und Spaß zu gönnen. Im Grunde gab es alles, was man brauchte, um in einer solchen Isolation überleben zu können. In diesen Dörfern kannte jeder jeden, wusste ein jeder um seine Abhängigkeit von dem anderen und versuchte seine Aufgabe so gut, wie es nur ging, zu erfüllen. Fremde wurden nicht gerne gesehen. Sie brachten meist Unruhe in die so gut eingespielte Gemeinschaft und oft kamen sie nur, um sich auf Kosten der Dörfler mit Nahrungsmitteln und warmer Bekleidung einzudecken, waren unhöflich und versuchten die Einheimischen einzuschüchtern.

So begegneten die Bewohner eines dieser Dörfer, am Rande des höchsten Berges in Piladoma, den beiden Fremden, die sich ihren von einem Palisadenzaun geschützten Häusern näherten, mit Misstrauen und offener Feindseligkeit – obwohl diese so ganz anders aussahen, als die meisten Fremden, die sich in dieser Gegend herumtrieben. Sie machten weder einen heruntergekommenen, armen Eindruck, noch hatten sie die gefährliche Ausstrahlung von Plünderern oder Kriegern. Sie ritten auf prächtigen Pferden, die gepflegt und mit teurem Sattelzeug ausgerüstet waren. Ihre Gewänder waren schlicht, aber sauber und unversehrt und sie verstärkten den Eindruck, dass diese Menschen aus einer höheren Gesellschaftsschicht kamen und einen gewissen Wohlstand genossen.

Aroom, der Dorfälteste, erkannte dies sofort, als er den Leuten ein paar Schritte entgegen gegangen war, seine Augen mit einer Hand vor der Sonne abschirmend. Er und die stärksten Männer des Dorfes taten dies immer, wenn sich Fremde ihren Häusern näherten. So konnten sie allzu üble Gesellen bereits vor dem Schutzzaun zum Teufel schicken. Probleme gab es immer nur bei bewaffneten Männern, die von diesen auch gern Gebrauch machten. Meist verzogen sie sich nur wegen der augenscheinlichen Überzahl an mit langen Messern, Forken und Spießen bewaffneten Dorfbewohnern und deren Entschlossenheit, sich sofort in den Kampf zu werfen und ihre Gemeinschaft mit ihrem Leben zu verteidigen.

Soweit Aroom erkennen konnte, war nur einer der Männer, die da hoch zu Ross auf sie zukamen, bewaffnet. Er trug ein Schwert an seiner Seite, machte aber nicht den Eindruck, als plane er dieses sofort zu benutzen. Da Aroom jedoch wusste, dass man sich in dieser Hinsicht durchaus täuschen konnte, machte er seine Kameraden lieber gleich darauf aufmerksam. Dann musterte er die Fremden weiter.

Sie waren jetzt so nah, dass er auch ihre Gesichter und Staturen besser erkennen konnte. Es waren zwei junge Männer, wobei der unbewaffnete vermutlich eher noch ein Knabe war. Er besaß sehr weiche, fast weibliche Gesichtszüge, die durch sein langes Haar, das ihm fast bis zur Taille über die Brust fiel, noch besonders betont wurden. Auch war er für einen Mann recht schmalschulterig. Aber er war ein Junge – eindeutig – trug er doch Männerkleidung und saß breitbeinig auf seinem Pferd wie ein Mann. Die meisten Frauen konnten gar nicht reiten. Zumindest nicht die, die Aroom kannte. Von den Kriegerinnen im wilden Drachenland hatte er bisher nur gehört, hatte nie ein solches Mannsweib selbst gesehen. Und eigentlich war er auch dankbar dafür.

Der andere Fremde war eine recht stattliche Erscheinung: Schlank, von gutem Wuchs, beinahe athletisch. Ein klares, sanftes Männergesicht, dem ein leichter Bartwuchs eine etwas kernigere Ausstrahlung verschaffte. Er lächelte, als sie ihre Pferde in respektvollem Abstand zu Aroom und seinen Begleitern zügelten, und nickte ihm freundlich zu. Dann sprang er leichtfüßig von Pferd und ging auf die kleine Gruppe Dorfbewohner zu. Der Knabe stieg ebenfalls ab, blieb allerdings bei den Pferden und musterte Aroom argwöhnisch. Ihm schien der Aufmarsch vor dem Dorf nicht zu gefallen.

„Seid gegrüßt“, sagte der ältere der beiden Reisenden mit einem erneuten Kopfnicken.

Aroom erwiderte den Gruß nur knapp. Er hielt nichts von derlei Höflichkeitsfloskeln. „Was wollt ihr?“ fragte er gerade heraus.

Der Fremde schmunzelte. „Ihr kommt schnell auf den Punkt“, stellte er fest.

Arooms Gesicht blieb unbewegt. Mit falscher Freundlichkeit erreichte man im Leben wenig. Ihr Dorf wollte keine Fremden. Je eher das dieser Mann verstand, desto besser.

„Gut“, meinte der Fremde nun und gab seinem Kameraden einen Wink. Der Junge ergriff die Zügel beider Pferde und gesellte sich nun doch zu ihnen. Arooms Begleiter hoben sofort ihre Waffen.

„Ganz ruhig bleiben“, meinte der ältere Fremde und hob beschwichtigend die Hände. „Wir sind keine Feinde und wollen bestimmt keinen Ärger machen.“

„Was wollt ihr dann?“ erkundigte sich Aroom frostig.

„Wir ziehen jetzt schon seit fünf Tagen durch die Wälder dieses Landes“, erklärte der Mann. „Dies ist das erste Dorf, auf das wir treffen …“ Er holte tief Luft. „Wir brauchen dringend einen Ort, an dem wir uns ausruhen und stärken können – wenigstens für eine Nacht. Wir würden auch gut dafür bezahlen.“

„Fünf Tage?“ wiederholte Aroom ungläubig. „Ihr habt fünf Tage und Nächte in den Wäldern verbracht?“

Der Fremde nickte. Aroom musterte ihn zweifelnd. Dann schüttelte er den Kopf.

„Niemals! Dann würdet ihr nicht so aussehen. Die meisten Menschen, die so lange Zeit in diesen verfluchten Wäldern verbringen, werden verrückt oder sterben sogar. Und wenn sie es überleben, sehen sie auf keinen Fall so aus wie ihr!“

„Wollt Ihr mir unterstellen, dass ich lüge?“ fragte der Mann mit einem nunmehr recht falschen Lächeln. Das schien ihn wahrlich zu ärgern.

Aroom dachte einen Moment nach. Ein Mann mit einem Schwert gegen sechs Männer, bewaffnet mit Spießen und Forken. Ein Krieger konnte bei einem solchen Kampf noch unverletzt davonkommen – aber dieser Mann war kein Krieger. Aroom grinste.

„Ja, genau das will ich damit sagen.“

Zu seiner Überraschung machte nun der andere Bursche einen Schritt auf ihn zu und funkelte ihn böse an.

„Wisst Ihr was?“ stieß er mühsam beherrscht aus und Aroom hob sofort überrascht die Brauen, denn der ‚Junge‘ sprach mit der Stimme einer Frau. „Mir ist es ganz gleich, ob ihr uns glaubt oder nicht! Ich kann nicht mehr weiter ziehen und ich werde definitiv in dieses Dorf gehen, mir ein nettes Zimmer und etwas zu essen suchen und dann dort über Nacht bleiben!“

Aroom war zu verblüfft, um sofort antworten zu können, und seinen Kameraden erging es wahrscheinlich genauso, denn er konnte sie hinter sich aufgeregt murmeln hören. Sein Blick wanderte nun sehr viel genauer über die Person, die er da vor sich hatte und die offenbar kein Mann war. Ja, jetzt bemerkte er, was ihm zunächst entgangen war: Unter den schlichten Kleidern verbarg sich ein doch sehr weiblicher Frauenkörper. Das Mädchen hatte sich ja noch nicht einmal die Mühe gemacht, ihre Brüste unter Leinenbinden zu verbergen. Wenn er sich nicht irrte, lugte sogar am Ausschnitt ihrer Tunika die Spitze eines Mieders hervor. Und ihr Gesicht … die weiblichen Merkmale hatte er ja zuvor schon bemerkt, doch jetzt stellte er fest, dass die junge Frau sogar recht hübsch war. Der fremde Mann hatte seinen Fang nicht sonderlich gut versteckt. Wenn er kein guter Schwertkämpfer war, war ihr Dorf bald um ein gebärfreudiges Becken reicher. Frauen waren hier oben in Piladoma Mangelware.

Aroom hatte anscheinend zu offensichtlich auf ihre Brüste gestarrt, denn die Frau verschränkte nun ihre Arme davor und sah ihn noch viel böser an als zuvor. „Was gibt es zu glotzen?!“ fauchte sie ihn an und er machte doch glatt einen Schritt zurück.

Ihr Freund legte beschwichtigend eine Hand auf ihren Arm und schüttelte den Kopf. „Jenna, ganz ruhig bleiben“, sagte er und wandte sich dann selbst wieder an Aroom.

„Wir brauchen fürwahr ganz dringend eine Unterkunft. Und, wie gesagt, wir sind bereit, gut dafür zu bezahlen.“ Er griff an den Gürtel seiner Tunika und ließ das dort hängende Ledersäckchen auf und ab wippen, so dass ein verlockendes Klimpern ertönte.

Gold war immer gern gesehen – auch bei ihnen im Dorf. Aber vielleicht musste Aroom die Leute ja auch gar nicht ins Dorf lassen, um an ihre Schätze zu kommen. Ein Mann gegen sechs … Sie mussten nur schnell sein.

„Nun“, erwiderte er so ruhig wie möglich und trat noch einen Schritt näher an die Frau heran. Jetzt brauchte er nur noch seinen Arm auszustrecken, um sie zu packen. „Wenn ich es mir recht überlege, ließe es sich bestimmt einrichten ein Bett und Nahrung aufzutreiben …“

Erleichterung machte sich auf dem Gesicht des jungen Mannes breit, doch er hatte keine Zeit mehr, sich so richtig zu freuen, denn Aroom sprach rasch weiter: „… aber nur für die Frau!“

Er war schnell, packte sie grob am Oberarm und wollte sie an sich ziehen, das Messer schon in der Hand, um sie als Geisel zu nehmen. Doch er kam nicht mehr dazu, auch nur eine bedrohliche Bewegung zu machen. Der Schmerz, der auf einmal durch seinen Arm und dann weiter in seine Brust schoss, war so enorm, so unerträglich, dass er gellend aufschrie und sofort zu Boden ging. Flammen! So fühlte es sich an. Als hätte er in Flammen gefasst und diese sich rasend schnell in seinem Körper ausgebreitet. Für einen Augenblick glaubte er ohnmächtig zu werden. Er bekam keine Luft mehr und es wurde dunkel um ihn herum. Seine Umwelt, die aufgeregten Rufe seiner Kameraden, die Hände, die nach ihm griffen, rückten in weite Ferne.

Dann ließ der Zauber auf einmal nach, ließ die Hexe ab von ihm … denn das musste sie sein … eine Hexe. Niemand konnte so etwas einem anderen Menschen so plötzlich antun, ohne eine Waffe zu benutzen. Aroom zitterte am ganzen Leib, als er schwer atmend wieder zu sich kam. Fintja und Laro waren bei ihm, halfen ihm auf die Beine. Doch ihre Blicke waren nicht auf ihn gerichtet, sondern auf das Teufelsweib vor ihnen, dem auch Aroom jetzt wieder ins schreckliche Antlitz blicken musste.

„Ihr … ihr seid eine Hexe“, keuchte er und das Wort allein genügte, um seinen Puls zu beschleunigen.

„Ganz genau!“ zischte das Biest und machte einen Schritt auf sie zu, der sie alle sofort zurückweichen ließ. „Und wenn ich nicht bekomme, was ich brauche, werde ich euch alle verhexen! Eure Felder werden eingehen, eure Tiere werden sterben und eure Frauen werden nur noch Missgeburten zur Welt bringen, denn ich bin mächtiger als jede Hexe, die jemals in Falaysia ihr Unwesen getrieben hat.“

Sie blieb zu Arooms Erleichterung stehen, schloss die Augen und atmete tief ein und wieder aus. Als sie die Lider wieder hob, hatten sich ihre Gesichtszüge geglättet und ein beinahe freundliches Lächeln lag auf ihren Lippen. „Solltest ihr allerdings meinen Wünschen sofort nachkommen, werdet ihr in den nächsten Jahren von Glück und Frieden gesegnet werden. Ihr habt die Wahl.“

Aroom wollte etwas sagen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt und alles, was er hervorbrachte war ein leises Krächzen, gefolgt von einem Husten. Eigentlich konnte sich die Hexe denken, was er antworten würde, doch sie half ihm nicht, sah ihn nur mit diesem ‚freundlichen‘ Lächeln an und wartete … wartete, bis er schließlich nickte und sich ein heiseres „Ihr seid in unserem Dorf herzlich willkommen!“ aus seiner Kehle kämpfte. Er würde diese Entscheidung gewiss noch bereuen – bis an sein Lebensende.

 

 

S

 

 

„Leon?“

Der junge Mann sah erstaunt von seinem Essen auf. Erstaunt, weil Jennas Stimme so bedrückt klang. Diesen Ton hatte sie nur, wenn sie von einem schlechten Gewissen geplagt wurde. Und – ja – sie sah auch danach aus: Große, betrübte Augen, zusammengepresste Lippen, verspannte Körperhaltung.

„Ja?“ gab er zurück und sah sie erwartungsvoll an.

„Also… ähm…“, druckste Jenna herum. „Das nächste Mal, wenn ich so ausflippe, musst du mich unbedingt zurückhalten!“

„Wieso?“ gab Leon breit grinsend zurück. „Das war doch genau das, was wir gebraucht haben.“ Er wies auf die vielen leckeren Dinge, die man ihnen bei ihrem Eintreffen in der Wirtsstube in Windeseile aufgetischt hatte. „Du hast den Dorfältesten echt beeindruckt.“

Beeindruckt ist hier wohl kaum das treffende Wort“, mahnte Jenna ihn und warf einen verunsicherten Blick über ihre Schulter auf den Wirt, der mit zittrigen Fingern gerade ein paar Becher und Teller in einem großen Eimer abwusch und sie beide nicht aus den Augen zu lassen schien.

„Eher zu Tode geängstigt“, setzte sie ein wenig leiser hinzu, als sie sich wieder zu ihm umgewandt hatte. Sie seufzte tief, ergriff den Holzlöffel in ihrem Teller Suppe und rührte ein wenig darin herum. „So was mache ich normalerweise nicht.“

„Ich weiß“, erwiderte Leon und legte eine Hand auf die ihre. „Du hattest einfach keine Nerven mehr. Was aus meiner Sicht sehr verständlich ist, nach all der Zeit des ziellosen Herumirrens in den Wäldern.“

„Wir sind erst seit einer Woche wieder unterwegs, Leon“, erinnerte sie ihn bedrückt. „Eigentlich hätten wir nach der angenehmen Zeit am Hof von Alentara weitaus länger durchhalten müssen. Wir waren doch so gestärkt und ausgeruht!“

Er zuckte die Schultern. „Vielleicht ist das ja gerade der Grund, warum wir so schnell wieder schlapp gemacht haben.“

„Wie meinst du das?“

„Na, vielleicht hat uns das bequeme Hofleben weich und zimperlich gemacht. Wir müssen uns erst wieder daran gewöhnen, nicht jede Nacht in einem Bett zu schlafen und dreimal am Tag die schönsten und reichhaltigsten Speisen serviert zu bekommen.“

Jenna stieß ein amüsiertes Glucksen aus. „Gut möglich. Aber dann ist es umso schlimmer, dass ich andere für meine Verweichlichung habe büßen lassen!“

„Ach was!“ Leon machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die hatten das nicht anders verdient. Was glaubst du, was die gemacht hätten, wenn du deine ‚Magie‘ nicht eingesetzt hättest?“

Auf Jennas sonst so glatter Stirn bildeten sich ein paar Falten. „Uns nicht in ihr Dorf gelassen?“ schlug sie vor.

Leon schüttelte den Kopf, nicht nur um ihre Frage zu verneinen, sondern auch über ihre Naivität. „Wie oft muss ich dir das noch sagen, Jenna? Die meisten Menschen in Falaysia sind nicht so edel und gut wie du. Zum Beispiel werden gerade hier, in den bergigen Gegenden, Frauen geraubt und verschleppt, weil es zu wenige gibt, die dieses harte Leben ertragen wollen. Frauen sichern den Fortbestand einer jeden Gemeinschaft und wenn man sie nicht auf friedliche, anständige Weise für diese gewinnen kann, holt man sie sich halt mit Gewalt. Es gibt sogar Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Frauen zu entführen und in entlegenen Dörfern zu verkaufen.“

Jenna starrte ihn nur mit offenem Mund und großen Augen an.

„Solange die Leute hier jedoch furchtbare Angst vor dir haben“, fuhr Leon fort, „werden sie nicht versuchen, dich einzubehalten. Also sei froh, dass das so ist.“

Er tunkte sein Brot in die Suppe, steckte es sich in den Mund und kaute genießerisch darauf herum. Manchmal war es erstaunlich, welch winzige Dinge einen wenigstens für kurze Zeit absolut zufrieden machen konnten. Da störte ihn noch nicht einmal Jennas fassungsloses Gesicht.

„Das ist …“, begann sie aufgebracht, brach dann aber ab, schüttelte den Kopf und griff ebenfalls nach einem der großen Stücke Brot, die vor ihnen in einer Holzschale lagen. Die neuen Erkenntnisse brachten anscheinend ihren Hunger zurück, den sie über ihr schlechtes Gewissen völlig vergessen hatte. Jetzt würde es sehr viel leichter werden, sich zu nehmen, was sie für die nächsten Tage brauchten. Keine ewigen Diskussionen um ‚Anstand‘ und ‚Rücksicht‘ mehr. Prima! Denn das war das Letzte, was sie brauchten.

Es war schwer gewesen, das sichere und ihnen in den letzten Wochen so heimisch gewordene Schloss vor einer Woche zu verlassen. Sowohl Jenna als auch ihm selbst war klar gewesen, dass damit wieder entbehrungsreichere und gefährlichere Zeiten auf sie zukamen. Gleichwohl hatten sie auch nicht noch länger bleiben können. Alentara hatte sich zwar als äußerst umgängliche und hilfsbereite Gastgeberin gezeigt, doch Leon hatte immer das Gefühl gehabt, dass sie sich zurückhielt, nicht zeigte, wer sie wirklich war und was sie in Wahrheit wollte. Daher hatte er sich nie völlig sicher gefühlt – sicherer als an den meisten Orten in Falaysia, aber nicht völlig sicher und mit diesem Gefühl war er nie allein gewesen.

Auch Jenna hatte der Königin bis zum Schluss nie richtig vertraut, obwohl sie sehr viel mehr Zeit mit ihr verbracht hatte als Leon. Die Königin hatte sich oft mit ihr zusammen in ihre Bibliothek zurückgezogen und sie hatten gemeinsam die Geschichte Falaysias und der Zauberei studiert. Am Abend hatte sich Jenna dann meist mit ihm darüber ausgetauscht und sie hatten überlegt, welche Information für sie und ihre Pläne relevant waren und welche man getrost wieder vergessen konnte. Ihr Plan hatte mit jedem Tag, der vergangen war, deutlichere Konturen angenommen und besaß jetzt nicht nur zwei große Hauptziele (nämlich die Steine zu finden und das Tor zu ihrer Welt zu öffnen), sondern auch mehrere Teilziele, von denen eines ausgerechnet hier in den Wäldern Piladomas zu finden war. So wurde es zumindest in einem der großen alten Bücher über die Entstehung und den Zerfall des Zirkels der Magier (was immer das auch war) behauptet. Hier in den Wäldern Piladomas sollte sich eines der letzten ehemaligen Mitglieder dieses einst so mächtigen Zirkels verstecken: Die Zauberin Kychona.

Es knarrte laut, weil Jenna sich soeben in ihrem Stuhl zurücklehnte und die Beine unter dem Tisch von sich streckte, sodass sie Leon beinahe gegen das Schienenbein trat – beinahe, denn er wich ihr rasch aus.

Sie hatte aufgegessen und machte nun einen sehr viel entspannteren und zufriedeneren Eindruck als zuvor. „Und nun?“ fragte sie ihn.

Er runzelte die Stirn. „Was nun?“

„Was machen wir morgen, wenn wir ausgeschlafen und uns mit Proviant für die Weiterreise eingedeckt haben?“ half sie ihm.

„Ähm … also …“ Er zuckte etwas hilflos die Schultern. „Weiter suchen? Oder hast du eine bessere Idee?“

Sie atmete hörbar schwer aus. „Nein, leider nicht“, erwiderte sie betrübt. „Ich hab mir das alles nicht so schwierig vorgestellt.“

„Nein?“ Er musste schmunzeln. „Ich hab dir ja gesagt, dass der Wald riesig ist, und es ist ja nicht so, dass wir eine Art Adresse hätten …“

„Und einen Navi, der uns dorthin lotst“, setzte sie ebenfalls schmunzelnd hinzu.

„Einen was?“

Sie sah ihn erstaunt an. „Du weißt, nicht was ein … oh ja – du bist ja schon so lange hier.“

„Wieder was, was ich verpasst hab?“ erkundigte sich Leon deprimiert. Jenna hatte ihm in den letzten Wochen eine ganze Menge über die moderne Welt erzählt und er war aus dem Staunen kaum noch herausgekommen. Es war unglaublich, was sich in einem Zeitraum von zehn Jahren alles entwickeln und verändern konnte und er hatte irgendwann das Gefühl gehabt, dass er uralt war und in eine solche Welt eigentlich gar nicht mehr hineinpasste. Es hatte ihn traurig gemacht, obwohl Jenna ihm versichert hatte, dass er sich ganz schnell an alles gewöhnen würde, wenn sie erst wieder zuhause waren. Es war nicht schön, zu wissen, dass man so viel verpasst hatte.

„Es tut mir leid“, sagte Jenna nun und legte beschwichtigend eine Hand auf die seine. „Ich wollte dich nicht daran erinnern …“

„Schon gut“, erwiderte er, darum bemüht, auch so auszusehen, als sei schon wieder alles vergessen. „Traurig sein hilft uns jetzt auch nicht weiter.“

Sie nickte verständnisvoll und drückte noch einmal kurz seine Hand, bevor sie ihn losließ, um sich noch ein Stück Brot zu nehmen.

„Was ist denn mit dem Amulett?“ überlegte Leon jetzt laut. „Kann uns das nicht irgendwie helfen? Ich weiß, dass es dich bisher immer nur beschützt hat, aber … hast du nicht auch erzählt, dass es nach dir gerufen hat, als du danach gesucht hast?“

Jenna kratzte sich nachdenklich an der Schläfe. „Ja, das hat es, aber … es heißt ja auch, dass es nach demjenigen ruft, der es tragen soll.“

„Hieß es nicht in dem Buch, dass auch Kychona eine der Trägerinnen der Bruchstücke war?“ erinnerte Leon sie.

„Hm …“ Jenna zupfte ein Stück von ihrem Brot ab und steckte es sich in den Mund, um dann eine Weile nachdenklich darauf herum zu kauen. „Das Problem ist nur, dass sie bereits in unserer Nähe sein müsste, damit der Stein sie rufen kann. Und sie muss in gewisser Weise selbst nach ihm suchen, ihre Sinne für ihn öffnen. Ganz davon abgesehen, kennen wir die Frau auch gar nicht, wissen nicht, wie sie ist und was sie im Schilde führt.“

„Du meinst, sie könnte auch ein böses Hexenbiest sein“, übersetzte Leon grinsend und Jenna verdrehte die Augen

„So meinte ich das nicht!“ verteidigte sie sich, musste allerdings selbst lachen.

„Sie könnte auch schon lange tot sein“, überlegte Leon weiter. „Dann haben wir die lange Reise ganz umsonst gemacht.“

Ein kleines Stück Brot flog an seinen Kopf. „Hör auf damit!“ mahnte Jenna ihn. „Kein Pessimismus, solange wir noch nichts Konkretes wissen. In dem Buch stand schließlich auch, dass große Zauberer mehrere hundert Jahre alt werden können …“

„… was nach absolutem Blödsinn klingt“, konnte er sich nicht verkneifen hinzuzusetzen.

„Leon!“

Dem nächsten Stück Brot wich er rechtzeitig aus, hob aber auch sofort schlichtend die Hände. „Schon gut – ich hör auf. Wir finden die Hexe … Zauberin. Ganz bestimmt!“

Jenna nickte zustimmend. „Und vielleicht hast du Recht. Vielleicht sollte ich versuchen, das Amulett für unsere Suche einzusetzen. Es hieß ja in anderen Schriften, dass es sich zu jeder Art von weißer Magie nutzen lässt, die Kräfte seines Trägers vervielfacht. Auch wenn ich immer noch nicht daran glaube, dass ich große magische Kräfte besitze, so könnte ich zumindest versuchen, mit Hilfe des Amuletts … eine Art Ruf auszusenden?“

„Klingt gut“, gab Leon mit einem aufmunternden Lächeln zurück. „Klingt zumindest besser als ‚Lass uns noch mal tagelang ziellos durch den Wald irren‘.“

„Ganz ziellos war das ja nicht“, verbesserte ihn Jenna.

Er zog die Brauen zusammen. „Sucht im Wald Piladomas? Besonders präzise ist das in Anbetracht dieser Waldfläche nicht!“

„Besser als gar nichts.“ Sie grinste, weil es ihr offensichtlich Spaß machte, ihm ständig zu widersprechen. An manchen Tagen versuchte sie ihn regelrecht damit aufzuziehen. Doch es störte ihn nicht mehr. Er hatte sich so an ihre Gesellschaft gewöhnt, genoss es so sehr, sie an seiner Seite zu haben, dass er derlei Mätzchen gut verkraften konnte. So langweilte er sich wenigstens nie.

„Aber es wird noch besser und erfolgversprechender, wenn ich das morgen mit dem Ruf versuche“, setzte sie hinzu und biss in ihr Brot. „Wirscht schon schehen.“

„Optimismus voran!“ brachte er voller Enthusiasmus heraus und hob sogar eine Faust in die Luft.

Jenna kopierte seine Geste lachend. „Aber holla!“

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Mistkerle

 

Jenna fragte sich, ob sie nicht schon wieder einen großen Fehler gemacht hatte, als sie bereits das dritte Mal den kräftigen Klaps einer Hand auf ihrem Hintern verspürte und das laute Lachen einer Gruppe von Männern durch das überfüllte Wirtshaus tönte.

Cilai hatte sich nur ungern dazu überreden lassen, dass sie im Wirtshaus mithalf. Leon war ihr Freund und dasselbe galt somit für Jenna. Freunde ließ man Cilais Meinung nach nicht für ihre Verpflegung und Unterkunft arbeiten. Es war schwer gewesen, sich gegen diese Haltung durchzusetzen, doch am Ende war Jenna dies doch noch gelungen. Nun begann sie sich über ihre eigene Sturheit zu ärgern. Cilai hatte sie vor den Männern, die ab dem späten Nachmittag in das Wirtshaus einkehrten, gewarnt. Ritvak war eine Grenzstadt, die in der Nähe der östlichen Küste des ehemaligen Piladomas lag, und somit auch eine Handelsstadt. Es gab einen regen Durchreiseverkehr, der Händler, Krieger und sonstige Reisende in das Wirtshaus Foralts führte. Die meisten Menschen, die sich hier aufhielten, waren erschöpft und wollten nur etwas Warmes in ihre Mägen bekommen und einen trockenen, gemütlichen Ort zum Schlafen haben. Doch es gab auch andere – diejenigen, die sich schon lange nicht mehr ordentlich amüsiert hatten und dies hier nachholen wollten, was bedeutete, dass Unmengen von Alkohol flossen und man nicht davor zurückschreckte, die wenigen Frauen, die in der Gaststube arbeiteten, zu belästigen, auch wenn es oft nur zum Spaß war.

Foralt hatte an diesem Abend mit Hilfe seiner kräftigen Söhne bereits vier Männer unsanft nach draußen befördert, doch er konnte zweifellos nicht jeden Gast hinauswerfen, der derbe Scherze auf Kosten der Frauen machte oder diese begrabschte. Auf diese Weise würde er ganz schnell ein paar seiner besten Kunden verlieren, denn gerade der Alkohol brachte eine Menge Gewinn ein.

Um ihrem netten Gastgeber keine Schwierigkeiten zu bereiten, hatte Jenna beschlossen, allen Ärger, den sie hatte, selbst zu regeln – und zwar ohne die Kräfte des Steins zu nutzen, den sie versteckt bei sich trug. Und das war leichter gesagt als getan, denn natürlich begann der Stein zu glühen, sobald sie sich auch nur ein wenig bedrängt fühlte. Kychona hatte ihr zwar ein paar Tipps gegeben, wie sie ihre eigenen Kräfte dazu nutzen konnte, die des Steins zu blockieren, doch da sie noch so ungeübt war, kostete es sie enorm viel Kraft und trieb ihr auch noch zusätzlich den Schweiß auf die Stirn. So überlegte Jenna, ob sie dem nächsten Übeltäter einfach mal das Tablett mit den schweren Bierkrügen auf den Schoß fallen lassen sollte, verwarf den Gedanken jedoch sogleich, da es nur wieder Foralt sein würde, der dann den entstandenen Schaden auszugleichen und den Ärger zu regeln hatte.

Jenna hatte endlich ihr eigentliches Ziel erreicht und stellte die vollen Krüge vor den drei grobschlächtigen Männern ab, die die Bestellung zuvor mit einem debil-lüsternen Grinsen aufgegeben hatten. Sie fühlte ihre gierigen Blicke auf ihrer Haut, die sich eindeutig auf einen bestimmten Punkt ihrer Anatomie gerichtet hatten: Ihr Dekolletee, das durch den Ausschnitt des Kleides, das Cilai ihr geborgt hatte, unglücklicherweise nicht so gut verdeckt war wie sonst. Sie biss die Zähne zusammen, ignorierte die Männer weiter und räumte die bereits geleerten Krüge ab. Und jetzt so schnell wie möglich weg! Zumindest war das der Plan, doch leider gelang es ihr nicht, diesen vollständig in die Tat umzusetzen, denn einer der Männer hielt sie am Saum ihres Kleides fest, als sie sich schon umgewandt hatte.

„Nicht so schnell“, lallte er. „Willst du uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten, Püppchen?“ Er grinste zu seinen Kumpanen hinüber. Die schienen von dieser Idee sehr angetan zu sein. Zumindest einer von ihnen, der kleinste und schmalste, nickte begeistert und entblößte ebenfalls zwei lückenhafte Reihen schlecht gepflegter Zähne.

Jenna atmete ganz langsam ein und wieder aus, schob das Kribbeln des Steins an ihrem Bauch zurück und brachte es sogar zustande, zu lächeln. „Ich muss arbeiten“, sagte sie knapp und versuchte weiterzugehen. Der hässliche Kerl dachte jedoch gar nicht daran, sie loszulassen, sondern zog stattdessen an ihrem Kleid, sodass sie auf ihn zugehen musste, um nicht alle Gläser auf ihrem Tablett zum Wanken zu bringen.

„Aaach“, winkte er grinsend ab. „Du hast dir gewiss eine kleine Pause verdient und hier ist doch so viel Platz für deinen süßen Hintern.“ Er wies großzügig auf seinen Schoß.

Hitze stieg in Jennas Wangen. Langsam wurde sie richtig wütend.

„Lieber setzte ich mich zu den Schweinen ins Gatter!“ erwiderte sie mit einem nunmehr zuckersüßen Lächeln.

Die anderen beiden Männer brachen in schallendes Gelächter aus, während ihr Freund nur halbherzig mit einstimmte. Ihre Bemerkung hatte ihn geärgert. Sehr. Anstatt sie loszulassen zog er so kräftig an ihrem Kleid, dass sie nach vorn stolperte und nur mit Mühe das Tablett auf den Tisch befördern konnte, bevor die Krüge umkippten. Es klirrte und schepperte laut. Doch zum Glück ging nichts zu Bruch.

„Ganz schön zickig!“ gluckste einer der anderen Männer, während Jenna die Krüge rasch wieder aufstellte und mittlerweile große Probleme hatte, ihre Wut und damit auch den Stein in Schach zu halten.

„Ich mag Zicken“, knurrte der dumme Kerl, der sie immer noch festhielt, und hob nun auch noch ihren Rock etwas an. „Hast hübsche Beine.“

Das reichte! Jenna richtete sich ruckartig auf. Sie holte tief durch die Nase Luft, sah dem Mistkerl noch einmal in sein dümmliches Gesicht und schlug zu – so hart, das der Mann von seinem Stuhl kippte.

„Jenna!“ rief eine Stimme hinter ihr erschrocken. Jemand packte sie am Arm und zog sie weg von dem Tumult, der durch sie entstanden war, denn der Mistkerl war so besoffen, dass er nicht nur kaum wieder auf die Beine kam, sondern dabei auch noch etliche frei stehende Hocker umwarf. Einige der anderen Gäste fanden das alles auch noch zum Brüllen komisch und schlugen sich wiehernd auf die Schenkel, was wiederum andere dazu veranlasste, sich lauthals über den Lärm zu beschweren.

Cilai blieb schließlich in der Nähe des Ausschanks stehen, packte sie an beiden Schultern und sah sie mahnend an. „So etwas kannst du nicht tun!“ fuhr sie Jenna an. „Ich hab dich gewarnt – genau davor!“ Sie wies zurück zu dem Tisch, an dem der Mann sich nun zu seiner vollen Größe aufrichtete. Warum setzte er sich nicht wieder hin?

„… aber du wolltest mir unbedingt helfen“, redete Cilai weiter auf sie ein. „Sie benehmen sich oft unverschämt, das weiß ich, aber dann gehe ihnen aus dem Weg und lass mich oder meine Brüder die nächsten Bestellungen bringen. Tu so etwas nie wieder! Du kannst dir nicht vorstellen, wie schnell so etwas zu einer handfesten Schlägerei ausarten kann.“

Jenna presste die Lippen aufeinander und nickte einsichtig. Sie hatte nicht an die möglichen Folgen ihrer Handlung gedacht. Ihr Temperament war mit ihr durchgegangen. Dabei wollte sie Foralt und seiner Familie auf keinen Fall Schwierigkeiten bereiten – das Gegenteil war der Fall gewesen, als sie ihre Hilfe angeboten hatte.

„Gut“, sagte Cilai, klang dabei allerdings etwas abwesend. Ihr Blick war in die Menge gerichtet und als Jenna sich umwandte, bemerkte sie, dass der Kerl, der sie belästigt hatte, mit finsterem Gesichtsausdruck auf sie zu wankte. Ein unangenehmer Druck machte sich in ihrer Magengrube breit. Anscheinend hatte er ihr ihre Attacke sehr übel genommen.

Irgendwo hinter Jenna brach ein wenig Unruhe aus. Sie vernahm die Schritte einiger Männer, die vermutlich herankamen, um sich das Spektakel vom nahen anzusehen, doch Jenna wagte es nicht, sich umzudrehen, aus Angst der Mann könne ihre Unaufmerksamkeit nutzen, um sie von hinten anzugreifen. Er kam weiter auf sie zu und wies nun auch noch erzürnt mit dem Finger auf sie.

„Das wirst du noch bereuen!“ brummte er. In seinem Blick flackerte heiße Wut, jedoch blieb dieser nicht lange bei ihr, sondern flog etwas verunsichert über ihre Schulter, fixierte dort jemand anderen.

Der Unruheherd hinter ihr war näher gekommen oder besser derjenige, der ihn verursacht hatte. Und dieser Jemand trat nun direkt hinter sie. Ein Prickeln begann sich von ihrem Nacken aus über ihren ganzen Körper auszubreiten, gefolgt von einem aufgeregten Flattern in ihrer Bauchregion. Ihr Atem stockte und ihr Herz vollführte ein paar seltsame Hopser. Kychona hatte Recht gehabt: Manche Energien konnte man stärker fühlen als andere, waren sie doch ungleich intensiver und besaßen diese unverwechselbaren Schwingungen … Es war weder Foralt noch eine andere Person aus seiner Familie, die da hinter ihr stand – zu vertraut war ihr dieses Energiefeld, zu sehr fühlte sie sich augenblicklich von ihm angezogen. Ihr Puls beschleunigte sich rapide und ein kaum merkliches Zittern lief durch ihren Körper – kein Zeichen der Angst, sondern eines der aufgeregten Freude.

Ihr aufdringlicher ‚Verehrer‘ war nun doch lieber stehengeblieben. Sein missbilligender Blick wanderte zwischen ihr und der Person hinter ihr hin und her. Sie konnte dem Mann ansehen, dass er in einer Zwickmühle war. Er wollte sich so gern rächen, doch spürte er offenbar, dass sich die Situation zu seinen Ungunsten gewandelt hatte und er sich vermutlich großen Ärger einhandelte, wenn er sich ihr weiter näherte.

„Verschwinde lieber“, riet Jenna ihm mit einigermaßen fester Stimme. „Das hier könnte nicht gut für dich ausgehen.“

Die Freunde des Widerlings traten nun neben ihn, bereits die Knäufe ihrer Schwerter packend. Er selbst lachte verärgert. „Jetzt fühlst du dich wohl stark!“ knurrte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich will nur nicht, dass hier irgendjemand zu Schaden kommt“, erklärte sie und das entsprach der Wahrheit, zumal sie sich ja alle in Foralts Gasthaus befanden – in dem es erstaunlich still geworden war. Kaum jemand wagte es noch, sich zu unterhalten. Das war kein gutes Zeichen.

„Ich an deiner Stelle würde tun, was sie sagt“, vernahm Jenna diese dunkle, ihr so vertraute Stimme hinter sich; die Stimme, die sie manchmal in ihren Träumen hörte und sie erschauern ließ – auch jetzt wieder. Da war auf einmal ein tiefes, fast unerträgliches Sehnen in ihr; ein Sehnen danach, sich umzudrehen, ihm in die Augen zu blicken und sich damit zu vergewissern, dass er wahrhaftig da war, dass es ihm gut ging und all die Gerüchte, die im Land umgingen, nicht der Wahrheit entsprachen. Doch sie konnte ihren inneren Drängen nicht nachgeben, nicht vor all diesen Leuten. Niemand durfte sehen, was sie für den Mann empfand, den alle hier so sehr hassten und fürchteten, dass sich niemand mehr regte und nur mit Bangen darauf wartete, was geschah.

Jennas ‚Verehrer‘ war vermutlich zu alkoholisiert, um ebenfalls in Angststarre zu verfallen – oder er wusste nicht, wen er vor sich hatte, denn er lachte erneut auf. Allerdings klang es wenig überzeugend, wirkte sehr angespannt. „Wirklich?“ fragte er dennoch.

Jemand anderes trat an ihre Seite. Eine riesige Gestalt, breitschultrig, blond. Jenna warf einen scheuen Blick hinauf in Kaamos Gesicht und erschrak beinahe vor der Kälte und dem Zorn in seinen Augen. Sie hatte ihn noch nie so gesehen und nahm ihn zum ersten Mal, seit sie so etwas wie Freunde geworden waren, als bedrohlich war. Das machte es schwer, sich darüber zu freuen, ihn wiederzusehen.

„Du solltest dich vorsehen mit dem, was du jetzt noch sagst“, dröhnte seine tiefe Stimme durch die Gaststube. Er meinet es ernst – gefährlich ernst.

Jenna verkniff sich einen leisen Fluch, denn nun kämpfte sich auch noch Foralt durch die Menge der Schaulustigen und stellte sich zwischen sie und den Betrunkenen.

„Was geht hier vor sich?“ fragte er streng und sah von dem Widerling, zu der Person hinter Jenna. Für einen kurzen Moment war ein Funken von Erschrecken in seinen Augen zu erkennen, dann hatte er sich wieder im Griff, zog sogar seine Brauen zusammen, um sein Missfallen noch deutlicher sichtbar zu machen.

„Nun …“, hörte Jenna Marek hinter sich gedehnt und in diesem für ihn so typischen überlegen-arroganten Ton sagen. Er trat an Jennas andere Seite. „Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt – noch bevor ich diese Stadt betreten habe.“

Jenna schluckte schwer und hob ganz langsam den Blick. Dunkles Hemd. Lederner Brustharnisch mit Schulterschutz, verziert mit silbernen Ornamenten und Nieten. Sein Haar war kürzer, der Bart gestutzt, sodass er sein markantes Gesicht und die hohen Wangenknochen noch stärker betonte – oder hatte er Gewicht verloren? Er war blasser als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte, doch seine Augen … seine Augen hatten nichts von ihrer Einzigartigkeit verloren. Mandelförmig, eisblau, durchdringend, wach … die Augen einer Raubkatze … wunderschön und beängstigend zugleich. Dabei sah er sie noch nicht einmal an, fixierte stattdessen Foralt mit einem seltsamen Lächeln und diesem starren, kalten Ausdruck, den Raubtiere annahmen, kurz bevor sie auf ihre Beute sprangen.

„Hier geht gar nichts vor sich. Es ist alles in Ordnung“, sagte Jenna rasch in Foralts Richtung und sah den betrunkenen Unhold vor ihr eindringlich an. Sie hoffte so, dass er verstehen und sich zurückziehen würde, anstatt Marek und Kaamo weiter zu provozieren.

Der Betrunkene schien intelligenter zu sein, als er aussah, denn nach ein paar Sekunden der Abwägung, nickte er schließlich mit säuerlicher Miene. „Ja, alles in Ordnung. Wir wollten uns nur von der netten Bedienung verabschieden, bevor wir gehen“, erklärte er. „Also … einen schönen Abend noch.“

Er nickte Jenna oder eher Marek kurz zu, zwang sich zu einem falschen Lächeln und trat dann den Weg hinaus aus dem Gasthaus an, dabei einen großen Bogen um Kaamo herum machend.

„Was für ein Jammer“, seufzte Marek und schüttelte in gespieltem Bedauern den Kopf. „Dabei wurde es doch gerade so amüsant.“

Hinter Jenna lachten ein paar Männer und sie warf einen kurzen Blick über ihre Schulter. Bakitarer. Ein Trupp von mindestens zehn Mann in leichter Rüstung, aber schwer bewaffnet. Marek war nicht allein und bestimmt nicht ihretwegen gekommen. Er hatte sie nur zufällig hier entdeckt, hatte eigentlich ein ganz anderes Missionsziel gehabt. Die Frage war nur: Welches?

Jennas Herz begann erneut schneller zu schlagen – dieses Mal jedoch aus Sorge um Foralt, wusste sie doch, wie gefährlich Marek für andere Menschen war, die für ihn keinen besonderen Wert hatten.

„Wenn Ihr hierhergekommen seid, um Euch zu amüsieren, muss ich Euch leider noch einmal enttäuschen“, erwiderte Foralt nun mit einem freundlichen Lächeln. „Wie Ihr seht, habe ich hier heute keinen Platz für eine so große Gruppe von Gästen.“ Er öffnete in einer präsentierenden Geste die Arme und hob dann die Schultern. „Daran ist nichts zu ändern. Ihr müsst ein anderes Mal wiederkommen.“

Jenna sah Marek ängstlich an, doch er blieb gelassen, sah sich kurz um und nickte dann. „Das kann ich verstehen“, gab er zurück. „Und wir kommen gerne wieder. Sehr bald.“

Die Drohung in Mareks Bemerkung war offenkundig. Foralts Lächeln verschwand und sein Gesicht nahm einen harten Zug an.

„Es sei denn, Ihr könnt uns einen besseren Ort empfehlen, an dem wir noch mehr Spaß haben können“, fügte der Kriegerfürst hinzu.

Foralt antwortete nicht sofort, sondern musterte Marek stattdessen genauer. „Ich denke, es gibt hier in dieser Nähe nichts, was einem Mann Eures Ranges gerecht werden würde oder Euch nur im Entferntesten interessieren könnte“, sagte er schließlich. „Es tut mir leid. Ich würde Euch so gern weiterhelfen.“

Jenna hielt den Atem an. Foralt riskierte mit diesem Sarkasmus viel. Doch Marek blieb weiterhin ruhig, musterte Foralt seinerseits.

„Das ist zu liebreizend“, erwiderte er. „Dann lasst mich Euch ein wenig Eurer warmen Freundlichkeit zurückgeben, indem ich Euch an diesem arbeitssamen Tag entlaste und Euch um einen Eurer sicherlich sehr anstrengenden Gäste erleichtere. Glaubt mir: Ich weiß, was ihr durchmacht. Wir sind nämlich alte Freunde.“

Jenna zuckte zusammen, als Marek sie auf einmal am Handgelenk packte, kam es doch viel zu überraschend. Der Stein erwärmte sich sofort und sie schob rasch seine aufbrausenden Energien zurück. Sie brauchte ihn nicht. Noch nicht.

Bedauerlicherweise hatte Foralt ihre Reaktion bemerkt und er fühlte sich sofort dazu veranlasst, einzugreifen.

„Moment!“ sagte er streng und machte einen Schritt auf Marek zu, was wiederum Kaamo dazu brachte, sich ebenfalls einzumischen.

„Vorsicht!“ knurrte er. Seine Hand legte sich in einer drohenden Geste um den Knauf seines Schwertes.

„Schon gut!“ stieß Jenna rasch aus und hob beschwichtigend ihre andere Hand. „Es ist alles in Ordnung! Ich … ich hab selbst vorgeschlagen, mit ihnen zu gehen. Das sind in der Tat alte Freunde“, beteuerte sie und nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Marek den Kopf ein wenig schräg legte und sie amüsiert betrachtete. „Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen und ich … ich gehe gern und freiwillig mit ihnen raus. Wir … wir gehen ja nur vor die Tür, um ein bisschen zu plaudern.“

Sie rang sich ein verkrampftes Lächeln ab, während Marek bestätigend nickte. „Ihr werdet uns ja wohl kaum ein kleines Schwätzchen unter guten Freunden verwehren?“ wandte er sich grinsend an Foralt.

Jenna sah ihren Gastgeber eindringlich an, versuchte ihm nur mit Blicken zu sagen, dass sie keine Angst und ganz gewiss nichts zu befürchten hatte. Sie hatte den Zauberstein. Niemand konnte ihr etwas antun, solange sie diesen besaß.

Es kostete Foralt große Überwindung, doch schließlich nickte auch er. Er war ein kluger Mann, wusste, was für ihn und seine Familie auf dem Spiel stand, wenn er sich Marek in den Weg stellte. Womöglich erinnerte er sich aber auch daran, was sie ihm über den Stein und seine Kraft erzählt hatte und dass sie ihn immer bei sich trug.

„Gut“, setzte er seiner Geste hinzu. „Ich denke, du weißt, was du tust.“

„Ja, das weiß ich“, bestätigte sie, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach. Sie hatte keine Ahnung, was jetzt auf sie zukam, konnte nicht abschätzen, welche Konsequenzen ihr Handeln nach sich ziehen würde. Alles, was ihr momentan wichtig war, war Marek und seine Krieger aus dem Gasthaus herauszulocken, sodass Foralt und seiner Familie vorerst nichts geschehen würde. Und dann würde sie weitersehen, versuchen herauszufinden, was Marek hierher geführt und was er ursprünglich geplant hatte. In Anbetracht der Rüstungen vermutlich nichts Gutes. Sie waren als Krieger in das Gasthaus gekommen – nicht als friedliche Gäste.

Foralt schenkte ihr noch einen letzten besorgten Blick, dann wandte er sich ab und ließ sie allein mit den Bakitarern. Marek gab seinen Männern einen knappen Befehl und schon kam Bewegung in die Truppe. Tatsächlich machten sie sich auf den Weg nach draußen und Jenna ging mit ihnen. Was blieb ihr auch anderes übrig? Schließlich umklammerten Mareks Finger immer noch ihr Handgelenk.

Vor dem Wirtshaus standen zwei weitere Krieger, die die Pferde des Trupps bewachten. Sie schienen verwirrt darüber zu sein, dass ihre Kameraden so schnell wieder aus dem Gasthaus kamen – und dann auch noch mit einem Überraschungsgast. Jenna wurde äußerst kritisch gemustert. Doch das störte sie nicht sehr. Sie fühlte sich seltsamerweise nicht bedroht, auch nicht als Marek sich zu ihr hinunterbeugte und seine Lippen dicht an ihr Ohr brachte.

„Du hast das Lügen nicht verlernt“, raunte er ihr zu.

Sie wollte sich ihm empört zuwenden, doch hatte er sie in der nächsten Sekunde losgelassen, nahm Kaamo am Arm und bewegte sich mit ihm so weit von ihr weg, dass sie sich leise unterhalten konnten, ohne dass Jenna ein Wort davon verstand.

Sie sah verdattert zu den beiden hinüber – so wie die anderen Männer des Trupps das auch taten. Was sollte das jetzt? Hatte er nicht mit ihr sprechen wollen? Auch Kaamo schien verwirrt, sein Gesichtsausdruck änderte sich jedoch rasch, wechselte von Irritation zu Besorgnis. Er schüttelte den Kopf und begann nun seinerseits leise auf Marek einzureden. Schnell schien aus dem Gespräch ein kleiner Streit zu werden, der auf beiden Gesichtern den Ausdruck ernsthafter Verärgerung hervorrief – bis Marek das Gespräch schließlich mit einem klar vernehmbaren „Genug! Das ist meine Entscheidung!“ beendete und seinen Freund einfach stehen ließ.

Kaamo presste die Lippen aufeinander und versuchte seinen Ärger hinunterzuschlucken. Er schloss die Augen und schüttelte den Kopf, während Marek Jenna schon fast wieder erreicht hatte. Doch er wandte sich nicht an sie, sondern an seine Männer.

„Kaamo wird ab jetzt das Kommando übernehmen“, verkündete er auf Zyrasisch. Jenna war glücklich, jedes einzelne Wort verstanden zu haben. Sie hatte in den letzten Wochen beim Lernen dieser Sprache große Fortschritte gemacht und das zahlte sich jetzt aus, da Marek auch noch so wundervoll akzentfrei sprach.

„Ihr haltet euch an den Plan, solange er nichts anderes befiehlt.“

Die Männer nickten ohne Widerworte.

„Gerot, ich nehme dein Pferd mit“, wandte sich Marek an einen sehr jung aussehenden, etwas schmaler gebauten Krieger. „Besorg dir hier ein neues.“

Der Junge nickte willig und Marek packte Jenna erneut am Handgelenk, um sie hinter sich her zu einem der Pferde zu ziehen.

„Steig auf!“ befahl er streng, als sie vor dem Tier stehengeblieben waren.

Jenna regte sich nicht, sah ihn nur völlig perplex an. „Nein, ich … Nein!“

Mareks Blick verfinsterte sich sofort. „Oh doch! Rauf da! Oder willst du, dass ich da wieder reingehe …“ Er wies auf den Eingang des Gasthofs. „… und ein intensiveres Gespräch mit dem Wirt führe?“

Jenna zögerte. Sie hatte den Stein. Sie konnte ihn gegen Marek verwenden, verhindern, dass er sie wieder verschleppte und dabei noch Foralt und seine Familie beschützen. Der Stein war mächtig – mächtiger als Marek mit seiner kleinen Truppe.

Der Krieger schien ihre Gedanken zu lesen, denn er beugte sich nun ein wenig zu ihr hinunter und sah sie eindringlich an. „Glaub nicht, dass du mit dem Amulett die ganze Stadt beschützen kannst“, warnte er sie leise. „Ich könnte viele arme Seelen zur Hölle schicken, ohne dass du etwas dagegen tun kannst. Willst du ihre Häuser brennen sehen? Willst du dafür verantwortlich sein, dass sie alles verlieren, das ihnen etwas bedeutet?“

Jennas ganzes Inneres zog sich zusammen. Seine Worte waren schockierend und taten weh, denn sie hatte diesen Teil von Mareks Persönlichkeit in ihren Träumen immer erfolgreich verdrängt. In der Realität trat er nun aber umso nachdrücklicher und erschreckender in Erscheinung. Die Menschen fürchteten den brutalen Krieger, der er nun einmal war, nicht ohne Grund.

„Wer sagt mir, dass du es nicht ebenso tust, wenn ich mit dir gehe?“ fragte sie leise, als sie ihren ersten Schrecken überwunden hatte. „Es könnte von Anfang an, dein Plan gewesen sein, die Stadt in Schutt und Asche zu legen.“

„Ich bin nicht hergekommen, um zu morden und zu brandschatzen“, erwiderte Marek.

„Warum dann?“ wisperte sie.

„Das geht dich nichts an“, gab er genauso leise zurück.

Jenna sah ihn noch ein paar Sekunden lang an, dann ergriff sie die Zügel des Pferdes und stieg schweren Herzens auf. Es war nicht so, dass sein Handeln sie vollkommen überraschte. Eine Seite von ihr hatte in dem Moment, in dem er hinter ihr aufgetaucht war, gewusst, dass er sie mitnehmen würde. Sie hatte allerdings gehofft, mehr Optionen und mehr Einfluss auf ihn zu haben, was sein weiteres Vorgehen anging. So konnte man sich täuschen.

Sie beobachtete wie Marek zu seinem Pferd lief, dicht gefolgt von Kaamo, der erneut damit begonnen hatte, leise auf ihn einzureden und ihn damit immer mehr zu verärgern schien. Jedoch wandte sich Marek weder zu ihm um, noch erwiderte er etwas. Lediglich seine Miene verfinsterte sich und er biss sichtbar die Zähne zusammen, als er sich ungewohnt schwerfällig in den Sattel seines Pferdes hievte. Allerdings brachte diese Strategie keinen richtigen Erfolg, weil Kaamo Bashin an den Zügeln festhielt und es somit dem Kriegerfürsten unmöglich machte, ihn weiterhin zu ignorieren.

Jenna hob überrascht die Brauen und drückte ihre Waden an den Bauch ihres Pferdes, um dieses näher an die beiden heranzubringen. Es reagierte sofort.

„Ich habe dir schon in Janta gesagt, dass wir Pause machen müssen“, hörte sie Kaamo in ihrer Sprache sagen. „Jetzt, nachdem wir auch noch nach Ritvak geritten sind, ist das Wahnsinn! Du kannst nicht sofort wieder losreiten, ohne dich ausgeruht zu haben! Und schon gar nicht allein!“

„Lass los oder ich schlage dir deine Hand ab!“ knurrte Marek dumpf. Der Zorn in seinen Augen machte deutlich, dass er seine Worte ernst meinte, und Kaamo fügte sich widerwillig seinem Befehl.

„Du wirst hier bei den Truppen bleiben – ist das klar?!“ schnauzte Marek den Mann weiter an. „Ich weiß, was ich tue!“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, erwiderte Kaamo leise.

Es war unglaublich, aber seiner frechen Antwort folgten weder ein Wutausbruch noch eine schmerzhafte Strafe. Marek atmete nur etwas tiefer und mit bitterböser Miene ein und ließ dann sein Pferd ein wenig zur Seite tänzeln, sodass es sich nicht mehr in Kaamos Reichweite befand. Dann sah er zu ihr hinüber und nickte ihr auffordernd zu.

Jenna zögerte nicht lange. Sie trieb ihr Pferd vorwärts – zumindest wollte sie es. Doch plötzlich war Kaamo neben ihr und hielt auch ihr Pferd fest. Er sah sie drängend, beinahe flehentlich an.

„Gib auf ihn Acht, ja?“ raunte er ihr zu. „Er ist noch nicht so stark, wie er vorgibt zu sein.“

„Kaamo!“ rief Marek wütend und der Mann ließ sie wieder los, nickte ihr zu. Da war so viel Sorge in seinen Augen. Wie damals, als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Doch dieses Mal galt seine Sorge einer anderen Person; einer Person, die diese normalerweise gar nicht benötigte. Dennoch nickte sie ihm zu, sagte ihm damit, dass sie verstanden hatte, bevor sie zu Marek aufschloss.

„Was hat er zu dir gesagt?“ verlangte er zu wissen.

„Dass wir auf uns aufpassen sollen“, veränderte sie die Wahrheit ein wenig. Marek glaubte ihr nicht, aber das war auch nicht weiter wichtig. Viel wichtiger war, herauszufinden, warum Kaamo so etwas zu ihr gesagt hatte. Und das würde sie. Bald.

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Kommentar

Danke, liebe Ina Linger für erstklassige Unterhaltung! Ich konnte das Buch schwer aus der Hand legen und kann kaum den 4. Teil erwarten (und hoffentlich kommen noch mehr Teile, von Falaysia lässt sich doch sicher noch viel mehr erzählen…)