30. June 2013 - 13:30

Leseproben zu Imperfect Match

1. Kapitel: Ein fataler Fehler

 

Ein fataler Fehler

 

 

 

Menschen sind nicht perfekt. Das lernt man recht schnell im Laufe seines Lebens. Ganz im Gegenteil – die Lebensgeschichte eines jeden Menschen wimmelt nur so von Fehlern; kleinen, verzeihlichen; mittleren, an deren Ausbügelung man manchmal schon ganz schön hart zu arbeiten hat, und großen, die einem das Leben ziemlich schwer machen und so manches Mal wünschen lassen können, es möge doch, wie bei einem Computerspiel, irgendwo einen Restart-Knopf geben. Leider gibt es den nicht. Insbesondere nicht bei der schlimmsten Kategorie aller Fehler: Dem fatalen Fehler. Dieser Bursche ist der schrecklichste unter allen und kommt – Dem Himmel sei Dank! – eher selten vor. Ich kenne nur wenige Leute persönlich, denen dieses Monster über den Weg gekrochen ist, zum Beispiel in Form eines Besäufnisses vor einer Examensprüfung, um die Aufregung in den Griff zu bekommen; oder der Idee, man könne auch mit dem Coitus interruptus wunderbar verhüten… Oh, ja! Auch in Form des Gedanken, es könne ja nicht so schwer sein, eine Satellitenschüssel auf dem Dach eines dreistöckigen Hauses selbst anzubringen.

Oft ist einem leider nicht bewusst, dass man gerade dabei ist, einen dieser schwerwiegenden Fehler zu begehen, weil sich diese fiesen Dinger gern in der Verkleidung einer guten Idee nähern und die eigene kurzzeitige, unbemerkte Ausschaltung des Verstandes ausnutzen. Das klingt wie eine dumme Ausrede, aber so ist es nun einmal.

Mein ganz persönlicher fataler Fehler, beziehungsweise dessen Vorbeben, begann mit folgenden harmlosen Worten in einer noch viel harmloseren Unterhaltung im Privat-Chat eines Online-Spiel-Forums:

Shadowhunter: Ich fahr dieses Wochenende nach London! Und rate mal mit wem!!

Klingt gar nicht schlimm, oder? M-hm, das dachte ich auch. Die Antwort brachte leider aber nicht den erwarteten Namen, sondern die eigentliche Hiobsbotschaft:

Midnightrider: Echt?? Wie krass ist das denn?? Ich WOHNE in London!!

Etwa zwei Minuten lang starrte ich den Bildschirm an, einen Ausdruck höchsten Entsetzens auf dem Gesicht (ich wusste das genau, denn ich konnte mich selbst in der spiegelnden Oberfläche sehen). Oh mein Gott. Oh! Mein! Gott!! Das war ja furchtbar, das war schrecklich, das war so wie festzustellen, dass man seine Examensarbeit gar nicht erst in drei Monaten abgeben musste, sondern schon am nächsten Tag und man noch keinen einzigen Satz geschrieben hatte.

Midnightrider: Okay, das hat dich jetzt erschreckt, oder?

Hysterisches Lachen hier, gespielte Entwarnung online.

Shadowhunter: Und wie!

Hatte ich das gerade ernsthaft getippt? Ich fügte ein Smiley hinzu. Ein trauriges. Dann noch eins – diesmal das richtige, das, das die Zunge herausstreckte. Und noch eins. Dann eins, das eine Umarmung darstellte. Ich starrte auf die kleine blaugelbe Armee des Wahnsinns und ließ dann meinen Kopf in einem buchstäblichen *Headkeyboard* nach unten sausen. Natürlich stoppte ich etwa zwei Zentimeter darüber, schließlich brauchte ich sowohl Tastatur als auch das knöcherne Gehirnbehältnis mit vier Buchstaben noch.

‚Night‘ hatte mir derweil ein dickes LOL geschickt, gefolgt von einer Reihe ebenso skurriler Smileys, die mich trotz meiner Misere zum Schmunzeln brachten. Wie ich diese Frau liebte! Ich weiß, dass dieses Wort viel zu oft in völlig falschem Kontext benutzt wird, aber in diesem Fall war es wirklich wahr, denn Night war eine Person, die man nur lieben konnte. Sie war witzig und schlagfertig, einfühlsam und zuvorkommend, intelligent und kreativ und wir teilten so viele Interessen und Überzeugungen, dass es manchmal fast gruselig war.

Wir waren Seelenverwandte, die durch das böse Schicksal zwar im selben Land, jedoch in zwei verschiedenen Städten geboren worden waren und sich erst viel zu spät auf einem Onlinespielboard kennengelernt hatten. Das war jetzt ein Jahr her. Zunächst hatten wir uns nur zufällig ab und an beim Spielen ein paar verbale Bälle zugeworfen, dann war die erste Kontaktaufnahme im Chatraum erfolgt, die ersten Privatnachrichten, zunächst nur auf unsere Spielstrategien bezogen, bald aber auch persönlicher Natur. Unsere Gespräche waren immer länger geworden und nach einer Weile hielt ich es kaum aus, wenn ich mal einen Tag lang nichts von ihr hörte. Wir konnten über alles reden, uns bei Problemen beraten, uns trösten und aufmuntern und waren immer von Grund auf ehrlich zueinander. Bis auf einen kleinen, winzig kleinen Punkt: Ich hatte mich bei dem Onlineboard aus Spaß von Anfang an als Mann ausgegeben, weil man dann meist von den anderen, vornehmlich männlichen Spielern ganz anders behandelt wurde, als wenn man sich als Frau zu erkennen gab.

Leider hatte ich es versäumt, Night irgendwann zu beichten, dass ich eigentlich auch ein Mädchen war und nach ein paar Monaten war dann der richtige Zeitpunkt auch schon viel zu lange vorüber gewesen. Erst recht nach einem Jahr. So hatte ich dieses kleine Spiel weitergespielt, auch wenn es mir immer wieder einen Stich versetzt hatte, sie anlügen zu müssen, speziell wenn es dann um Dinge ging, die man mich ‚mal als Mann‘ fragen musste.

‚Lügen‘ war vielleicht nicht der richtige Begriff, schließlich ist nirgendwo gesetzlich verankert, wie Männer und Frauen genau zu sein, beziehungsweise was genau sie für jeweilige Ansichten zu vertreten haben. Darüber hinaus war ich wohl auch keine typische Vertreterin meines Geschlechtes – etwas, das Colin, mein Mitbewohner und bester Freund, mir immerzu auf die Nase binden musste. Mit einer Begeisterung, die ich so gar nicht teilen konnte. Nein, ich war keine seiner kleinen Prinzessinnenfreundinnen, die auf zierlichen Füßchen durchs Leben schwebte, und ich wollte es auch nicht sein, zumindest nicht immer. Mit Make-Up umzugehen hatte ich nie wirklich gelernt und die Tatsache, dass meine ‚beste Freundin‘ seit meinem fünften Lebensjahr der absolute Prototyp eines kernigen Jungen war, schaffte nicht gerade Abhilfe.

Die Hündin, die ich als Kind gehabt hatte, war mit einer äußerst dominanten anderen Hündin aufgewachsen, die ihr alles Wichtige beigebracht hatte – einschließlich des Beinhebens und Scharrens, das meist nur bei Rüden zu finden ist. Vermutlich war es mit mir so ähnlich und ich würde Colin an dem Tag erwürgen, an dem er es wagte, zu erzählen, wie ich das Im-Stehen-Pinkeln gelernt hatte. Ich würde gerne die vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit durch Alkohol als Erklärung anbringen – leider war ich zu diesem Zeitpunkt noch ein unschuldiges Kind gewesen.

Midnightrider: Noch da?

Herrje, denken und schreiben zur gleichen Zeit war manchmal nicht gerade meine Stärke – vor allen Dingen wenn ich emotional belastet war.

Shadowhunter: Na klar! Ich denk nur grad nach. Hattest du nicht gesagt, du lebst in Brighton?

Als Antwort erschien ein Smiley, das eine Augenbraue hob. Dann eines, das zu schlafen schien, mit dem Wort ‚du‘ davor. Reizend! Manchmal war Night auch ein wenig zu direkt. Wir hatten sogar schon richtig heftige Chat-Streits gehabt. Aber machte das nicht eine gut funktionierende Beziehung erst aus? Beziehung… Ich musste grinsen. Aber Night war neben Colin nun mal meine allerbeste Freundin.

Midnightrider: Ich bin vor ein paar Wochen umgezogen. Kram mal ein bisschen in deinen grauen Zellen herum!

Oh! Sie hatte Recht. Ganz dunkel fiel es mir jetzt ein. Sie hatte gesagt, sie wolle nicht über diesen Umzug des Grauens sprechen, und deswegen waren wir nicht lange beim Thema geblieben. Dann war sie auch schon in den Urlaub gefahren. Kein Wunder, dass London bisher kein großes Thema bei uns gewesen war. Und nun saß ich in der Falle. Unrettbar. Zum Tode verurteilt. Denn ich wusste genau, welche Idee in dem hübschen kleinen Kopf meiner Freundin herumspukte.

Midnightrider: Das ist doch DIE Gelegenheit uns endlich mal persönlich zu treffen!

Das war sie tatsächlich. Oder wäre es gewesen, wenn es nicht so viele Punkte gegeben hätte, die dagegen sprachen, uns in natura zu begegnen.

Midnightrider: Boah, jetzt bin ich nervös.

Da war sie nicht die einzige. Während meine Finger über den Taste schwebten und verschiedene Smiley-Kompositionen zu tippen anstrebten, die ich dann wieder kurzfristig verwarf, vergingen einige Minuten des Schweigens, die meine Freundin wohl zu ihrem nächsten Kommentar veranlassten:

Midnightrider: Und du sagst auch nix mehr. Heyyy, ich bin kein Monster und du musst dich meiner auch nicht schämen. Ich bin schon groß, kann mir schon alleine die Zähne putzen und mich anziehen. Und wenn ich nicht endlich in dieser Schreibanzeige über meinem Texteingabefeld (wtf? was für ein Wort) sehe, dass du tippst, logge ich mich aus und mache mir einen neuen Account woanders.

Shadowhunter: Sorry, ich musste schnell wohin. Kennst mich ja.

Oder auch nicht. Bei meinen Erklärungen zu Toilettengängen hatte ich allerdings stets die Wahrheit gesagt: Ich trank pro Tag recht viel, hasste es aber, ständig aufs Klo zu müssen, also hibbelte ich mitunter eine Stunde auf meinem Stuhl herum, bis es schließlich gar nicht mehr ging, nur um dann loszustürmen. Nicht, dass irgendetwas davon hier wichtig wäre.

Midnightrider: Maaaaaann. Ich dachte schon, du lässt mich hier hängen mit meiner Idee. Müssen uns ja auch nicht sehen, wenn du nicht willst.

An dieser Stelle folgten viele verschiedene traurige und heulende Smileys und ich musste kichern.

Shadowhunter: Natürlich werden wir uns sehen! Hey, wann komme ich schon mal nach London? Und einen besseren Stadtführer als dich kann es ja wohl kaum geben.

Da waren sie, die Worte, die ich eigentlich nicht hätte schreiben dürfen. Aber was hätte ich anderes tun können? Meine beste Freundin vor den Kopf stoßen? Oder ihr gar sagen, dass ich kein Mann war und sie die ganze Zeit nur auf den Arm genommen hatte? Denn so würde es garantiert auf sie wirken. Auf wen nicht?

Ich raufte mir nicht nur im übertragenen Sinne die Haare und starrte mit vor Verzweiflung verzerrtem Gesicht auf den Bildschirm.

Midnightrider: Ganz genau! Oh, Mann, ich freu mich so! Das wird definitiv das beste Wochenende unseres Lebens!

Nur dass es nicht nur ein Wochenende war, sondern ganze fünf Tage. Aber das machte den Kohl jetzt auch nicht fett. Ich war erledigt! In die Enge getrieben. Tot.

Shadowhunter: Ganz bestimmt.

Was für eine Heuchlerin ich doch war! Mir wurde heiß und kalt, dann wieder heiß… Panikattacke. Eindeutig. Für die Wechseljahre war es mit meinen zweiundzwanzig Jahren noch zu früh.

Shadowhunter: Du, lass uns das später nochmal genauer besprechen. Emma kommt grad nach Hause und ich will nicht, dass sie gleich mitbekommt, was wir hier planen.

Emma Spencer – so war ihr voller Name – bewegte in Wirklichkeit momentan nichts weiter als ihre Finger. Ja, ich benutzte meinen eigenen Namen für Colin und den seinen für meine ‚Tarnung‘. So weit war es mit mir gekommen. Night hatte mal gefragt, wie ich wirklich heiße, und ich war mit der Frage so überfordert gewesen, dass mir nichts Besseres eingefallen war, als den Namen meines besten Freundes zu benutzen. Seitdem wusste ich, dass sie Anna hieß, vierundzwanzig war und in Brighton lebte. Gut, jetzt war es London. Überraschung!!!

Natürlich war Colin gerade nicht im Anmarsch, wie ich behauptet hatte, sondern noch bei seinem Gig, doch momentan war mir jede Ausrede recht, um aus dem Internet zu verschwinden und endlich den hysterischen Anfall zu bekommen, der schon die ganze Zeit in einer Ecke meines Bewusstseins herumzappelte.

Midnightrider: Oh, na gut, dann lass uns später alles genauer bequatschen. Grüß Emma von mir! Spaaaaaß! XO XO

Ich x-te und o-te zurück, loggte mich aus und erhob mich. Für ein paar Minuten stand ich einfach nur so da, regungslos, in Schockstarre verfallen. Das erste, was mir dann wieder gelang, war schwer zu schlucken. Das tat ich gleich ein paar Mal hintereinander. Ich plumpste schwerfällig zurück auf meinen Stuhl und schüttelte den Kopf – ebenfalls mehrmals, was mir nicht wirklich gut tat, da mir sofort schwindelig wurde.

„Emma, du hast komplett deinen Verstand verloren“, stieß ich aus und lachte hysterisch. „Aus der Scheiße kommst du nicht mehr raus. So gute Verkleidungen gibt es nicht!“

Gut. Ich hatte relativ kurze Haare, nur ungefähr bis zur Schulter. Eine schicke Männerhaarfrisur war schnell gemacht und stand mir noch nicht einmal schlecht. Hatte ich alles schon ausprobiert. Aber rein figürlich kam ich einem Mann nicht gerade sehr nahe. Einem Knaben vielleicht – ich war eigentlich immer zu groß, zu schlank und zu schlaksig gewesen und meine Oberweite passte maximal in einen A-Cup – aber für einen Mann fehlten mir einfach das notwendige Kreuz und die Körperbehaarung. Als Teenager war ich zu meinem Leidwesen noch öfter als etwas unterentwickelter Junge durchgegangen, mit zweiundzwanzig sahen die meisten Männer jedoch ganz anders aus. Ganz davon abgesehen, dass meine Stimme auch nicht tief genug war, um einen Kerl überzeugend zu verkörpern. Night war ein kluges Mädchen. Sie würde jede Verkleidung ohnehin sofort durchschauen. Verfluchte Sch…

Ich stand wieder auf und begann in meinem Zimmer auf und ab zu laufen, jede einzelne graue Zelle aufscheuchend, die bisher noch in meinem Kopf vor sich hin geschlummert hatte. Es musste doch eine Lösung für mein Problem geben – eine mit der ich leben konnte; eine, die meine Freundschaft mit Night nicht für immer zerstörte.

Ich war so in meine Gedanken vertieft, dass mein Unterbewusstes die Stimme, die ein lautes, fröhliches „Ich bin wieder da-aaaaa!“ in die Wohnung rief, dem im Hintergrund laufenden Fernseher zuordnete und nicht meinem tatsächlich nach Hause kommenden Mitbewohner.

Nur das war der Grund, warum ich aufschrie und beinahe aus dem Fenster sprang, als Colin plötzlich mit gerunzelter Stirn direkt vor mir aus dem Nichts auftauchte.

„Bist du denn des Wahnsinns?!“ kreischte ich, als ich endlich wieder Luft bekam und begriffen hatte, dass der vermeintliche Freddy Krüger niemand anderes als mein verwirrter bester Freund war. „Ich stehe kurz vor einem Herzinfarkt!“

Er zog die dunklen Brauen zusammen. „Ich hab laut angekündigt, dass ich wieder da bin! Komm mal wieder runter!“

Ich schloss die Augen und schüttelte den Kopf, um dann weiter durch das Zimmer auf und ab zu laufen.

„Lass mich einfach in Ruhe, okay?“ murmelte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. „Essen steht im Kühlschrank.“

Normalerweise lösten diese Worte bei Colin eine Pawlowsche Reaktion aus: ein ‚Wortloses-aus-dem-Raum-Stürzen-und-sich-auf-das-Essen-Werfen‘, mit dazugehörigem Sabberfluss. Dieses Mal blieb er allerdings stehen, mit nun leicht besorgtem Gesichtsausdruck.

„Ist alles in Ordnung?“

Scheiße. Warum nur besaß selbst ein Egomane wie Colin manchmal ein gewisses Einfühlungsvermögen? Hm. Wahrscheinlich war ich selbst dran schuld, weil bestimmte Verhaltensmuster dann doch irgendwann auf die Personen abfärbten, die mit einem die meiste Zeit ihres Tages verbrachten. Und er kannte mich einfach verdammt gut!

„Ja, ja, alles klar. Mir geht’s gut. Geh nur ruhig was essen.“

Sehr überzeugend, Emma. Gut, dass ich mich schon früh gegen eine Karriere als Schauspielerin entschieden hatte.

„Ist irgendwas passiert?“ bohrte er natürlich weiter. „Geht es deinen Eltern gut?“

„Ja, ja, keine Sorge, es ist wirklich alles gut“, bekräftigte ich und versuchte mich an einem Lächeln, das mir gänzlich misslang. „Ich… ich verliere nur bald meine beste Freundin!“

Zur Krönung dieses peinlich kindisch hervorgebrachten Geständnisses brach meine Stimme auch noch am Ende des Satzes, mein Kinn begann zu zittern und Tränen stiegen in meine Augen. Toll! Die taffe Emma, die sich von nichts und niemandem so schnell aus der Bahn werfen ließ, musste sich ausgerechnet jetzt dazu entscheiden, das Handtuch zu werfen. Und das auch noch so schnell und ohne Vorwarnung!

Colin machte einen leicht verwirrten Eindruck. „Wer? Jennifer?“

„Ach, Jennifer!“ Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die ist doch nicht meine beste Freundin! Ich rede von Night!!“

„Oh!“ war Colins nicht gerade sehr geistreiche Reaktion auf meine Offenbarung. Er hatte allerdings auch nicht die Zeit, um viel mehr zu sagen, denn auf einmal platzte alles aus mir heraus, wie aus einem Bierfass, dem man den Hahn abgeschlagen hatte.

Colin wusste nur ein paar wenige Dinge über meine Internetbeziehung mit Night. Er hatte sich nie so wirklich für mein Onlinespiel-Hobby interessiert und sogar zeitweilig angenommen, dass es dabei in Wirklichkeit um „nette Sauereien“ ging, wie er es so freundlich ausgedrückt hatte. Innerhalb weniger Sekunden entwickelte er sich jedoch von Mr. Kein-Blasser-Schimmer zu Lord Überinformiert, und zwar ohne dass er etwas dagegen unternehmen konnte.

Seine Augen wurden unter meiner verbalen Lawine immer größer und der noch zum ‚O‘ geformte Mund immer ovaler, bis es ihm schließlich zu viel wurde und er Einhalt gebietend eine Hand hob. Wirklich stoppen konnte mich das nicht. Ich hatte mich gerade so schön eingejammert.

„Emma! EMMA!“ Colin packte mich bei den Schultern und hielt mich fest. „Halt doch endlich mal die Klappe!“

Seine plötzliche Nähe und der Druck seiner Finger konnten mich tatsächlich aus meiner Hysterie reißen. Ich schloss meinen Mund, presste fest die Lippen zusammen und verdrängte tapfer meine Tränen der Verzweiflung. Ein wahrer Kraftakt. All das war ja so furchtbar. Colin hatte gar keine Ahnung wie-

„Ein und aus. Aaatmen.“ Er wartete, bis ich seiner Aufforderung nachkam, und nickte dann zufrieden. „Und jetzt mach so: f-f-f-f…“ Er begann stoßweise auszuatmen und ich schob ihn ärgerlich weg.

„Ich will keine Presswehen simulieren, du Idiot!“

„Soll ich dir besser eine kleben? Soll auch gegen Hysterie helfen.“ Er grinste. Mein Blick wurde nur noch finsterer.

„Okay, doofer Witz“, gestand er und zog mich einfach in seine Arme.

Ich sträubte mich ein wenig, aber im Grunde war das nicht ernstgemeint. Ich mochte es, wenn Colin mir so nahe kam – mehr als gesund für mich war. Trotz dieses Bewusstseins schloss ich die Augen, drückte meine Nase an seine Brust und atmete noch einmal tief ein und aus, seinen Duft inhalierend. Tatsächlich entspannte ich mich wieder etwas. Dumm. Denn erstens würde auch Colins Umarmung mir nicht aus meiner Misere helfen und zweitens war er ja der Grund, warum ich überhaupt in Schwierigkeiten geraten war. Er und meine blöde Verliebtheit in ihn.

Ich wusste nicht mehr genau, wann meine Gefühle für ihn angefangen hatten, sich zu wandeln. Gut, ich war schon mal als Kind, so mit zehn, elf Jahren ein wenig in ihn verliebt gewesen. Aber das zählte nicht. Als Kind war man nicht zurechnungsfähig – erst recht nicht als Teenager, wo diese Gefühle noch mal so richtig aufgeflammt waren. Aber dann war erst einmal für eine Weile Ruhe gewesen. Nicht nur durch unsere räumliche Trennung – Colin hatte ein Auslandsjahr in den USA verbracht, das er irgendwann auf zwei Jahre gestreckt hatte – sondern auch weil ich gemerkt hatte, dass unsere Interessen völlig auseinander gedriftet waren. Er war zu einem Partymenschen geworden, der keine Lust hatte, erwachsen zu werden, während ich klare Ziele für meine Zukunft gesteckt hatte: Journalismus studieren, Geld verdienen, um mir einen gewissen, angenehmen Lebensstandard leisten und für meine Pulitzer-Preis-würdigen Reportagen durch die Welt reisen zu können.

Es war unseren Eltern zu verdanken gewesen, dass wir ungefähr vor zwei Jahren wieder zueinander gefunden hatten. Meine Mutter und die seine waren schon ein Leben lang befreundet und hatten wohl irgendwann, als wir noch Kinder gewesen waren, beschlossen, dass Colin und ich füreinander geschaffen waren und eines Tages zusammenfinden und heiraten mussten. Von Kindesbeinen an, hatten wir ihre ‚lustigen‘ Bemerkungen diesbezüglich über uns ergehen lassen müssen, die mit unserem Erreichen der Volljährigkeit in ernsthafte Verkupplungsversuche gegipfelt waren.

Bei unserem gemeinsamen Sonntagsbrunch vor zwei Jahren – Colin war damals erst vor drei Wochen wieder in unsere Heimatstadt Bristol zurückgekehrt – hatte meine Mutter es dann gewagt, den ‚genialen‘ Vorschlag zu machen, mir Colin als neues WG-Mitglied anzutun. Jennifer, meine ehemalige Klassenkameradin, gute Freundin und Mitbewohnerin der ersten Stunde als Studentin an der Universität Bristol, hatte mich am Tag zuvor mit der Nachricht schockiert, dass sie schwanger war, demnächst mit ihrem Freund zusammenziehen und heiraten werde. Und ich Kamel hatte das auch noch mit weinerlicher Stimme in die Runde blöken müssen.

Natürlich hatte ich es nicht übers Herz gebracht, meinen alten Freund vor den Kopf zu stoßen, dessen erste Reaktion folgende Worte gewesen waren: „Martha! Darf ich dich küssen?!“

Meine Mutter hatte albern gekichert und ihm sofort die Wange hingehalten, die er unter meinem angeekelten Blick regelrecht mit Küssen eingedeckt hatte. Alle hatten herzlich gelacht – außer mir. Mir hatte sich ein verkrampftes Lächeln ins Gesicht gemeißelt. Dennoch hatte ich genickt und ein „Ja, coole Idee“ gemurmelt, als Colin mir seinen besten Hundeblick geschenkt hatte. Und damit war ich dazu verdammt gewesen, mit ihm auf unbestimmte Zeit zusammenzuleben.

Nachdem wir unsere persönlichen Grenzen gesteckt und unser Alltagsleben erstaunlich schnell geregelt hatten, waren wir trotz unserer unterschiedlichen Lebenseinstellungen ziemlich schnell wieder zusammengewachsen. Alles hätte so schön sein können, wären nicht plötzlich diese dämlichen Schmetterlinge in meinem Bauch erwacht, die sich immer dann besonders bemerkbar machten, wenn er mir sein süßestes Lächeln schenkte oder ein Kompliment machte (was selten genug vorkam). Ich fing an, seine Nähe zu suchen, sobald er zuhause war, ihn zu beobachten, wenn er abgelenkt war oder beim Fernsehen auf der Couch neben mir einschlief, und konnte es kaum ertragen, wenn er eine seiner Tussis mit nach Hause brachte. Ihn mit einer anderen herumknutschen zu sehen tat weh. Sehr. Und irgendwann konnte ich mich nicht mehr aus meinen Gefühlen herauslügen und musste mir eingestehen, dass ich bis über beide Ohren in Colin verliebt war und mir nichts sehnlichster wünschte, als mit ihm zusammenzukommen.

Mir diesen Wunsch zu erfüllen war gleichwohl ein mittelschweres bis unlösbares Problem, denn Colin sah in mir nichts weiter als seinen besten Kumpel. Ich war von seinem Typ Frau so weit entfernt wie unser Sonnensystem vom Urknall und Colin nahm mich im Grunde gar nicht als weibliches Wesen und somit auch nicht als mögliche Sexualpartnerin wahr. Das wusste ich mit Sicherheit, da er mir dies oft genug auch nicht durch die Blume gesagt hatte. Ich war die hartgesottene, coole Emma, der Jungs völlig schnuppe waren, mit der man Pferde stehlen gehen und Pub-Touren machen konnte und die immer ein offenes Ohr für Männerprobleme hatte, weil sie ja selbst ein halber Junge war.

Dabei entsprach das gar nicht der Wahrheit. Ich fühlte mich schon als Mädchen, beziehungsweise als junge Frau. Ich gab nur nicht so viel aufs Schminken und Schick-Anziehen (hohe Stöckelschuhe und kurze Kleider waren mir ein Graus) und meine Hobbys waren auch eher sportlicher Natur. Ich liebte es, draußen zu sein, ging gern laufen, Rad fahren und schwimmen und wagte mich auch schon mal an Sachen wie Fallschirmspringen und Drachenfliegen heran. Ich konnte derbe Witze machen und besaß ein handwerkliches Geschick, das mich mehr oder minder unabhängig von jedweder Hilfe anderer Menschen machte, und im logisch-räumlichen Denken war ich ein As. In meinen Augen waren das alles Dinge, die für eine moderne Frau wichtig und auch normal waren – Colins Frauenbild deckte sich damit jedoch in keinem Punkt. Für ihn war Frau gleich Tussi. Und damit hatte ich ein großes Problem.

Hinzu kam noch, dass mein eigenes Liebesleben in meinem bisherigen Leben oft zu kurz gekommen war. Ich hatte schon einen festen Freund und ein paar nicht so ernste, dafür aber recht heftige Flirts gehabt. Dennoch war ich ein sogenannter Spätzünder, dem es auch nach der ersten großen Liebe schwerfiel, sich wieder neu zu verlieben oder gar zu binden. Dabei war es nicht so, dass ich beziehungsgeschädigt war. Nein. Andrew und ich waren nach zwei Jahren in Frieden auseinander gegangen. Es war vernünftig gewesen, sich zu trennen, weil einfach die Luft aus der Beziehung heraus gewesen war, und seitdem war ich Single. Seit drei Jahren, um genau zu sein. Drei Jahre ohne Küsse, ohne Zärtlichkeit, ohne Sex – das konnte einen schon mürbe machen.

Mein Problem bestand darin, dass ich nicht nur verhältnismäßig hohe Ansprüche an meinen nächsten Partner hatte, sondern auch, dass ich schlicht und einfach nicht der Typ Mädchen war, auf das alle Jungs flogen, und ich wollte es auch nicht sein. Natürlich hätte ich mich über etwas mehr Aufmerksamkeit von männlicher Seite gefreut, aber es gab ja auch noch andere Dinge im Leben, die sehr viel wichtiger waren – und wunderbare Schnulzen im Fernsehen, bei denen man sich insgeheim darüber ausheulen konnte, das man etwas wollte, das man nicht bekam und auch nie zugeben würde, dass man es wollte.

Und natürlich spielte meine Verliebtheit in Colin eine große Rolle in meiner Unfähigkeit mich neu zu binden. Ich wollte ihn und keinen anderen! Ich wusste bloß nicht, wie ich ihn dazu bewegen konnte, mich mit anderen Augen zu sehen und sich letztendlich auch in mich zu verlieben. Seine beste Freundin und Ansprechpartnerin bei Problemen zu sein, reichte nicht aus. Auch die Kuschelversuche beim Fernsehen und laszive Blicke hatten bisher nichts genützt. Als Colin mich das letzte Mal gefragt hatte, ob ich gekifft hätte, hatte ich beschlossen, das ‚lasziv-sein‘ nicht zu mir passte.

Ihm meine Gefühle zu gestehen, traute ich mich nicht, weil ich furchtbare Angst davor hatte, von ihm zurückgewiesen zu werden und damit unsere Freundschaft zu zerstören. Also suchte ich nun schon seit Wochen nach einer neuen Möglichkeit, ihn irgendwie darauf aufmerksam zu machen, dass ich eine Frau war – eine begehrenswerte Frau, in die man sich durchaus verlieben konnte. Und diese Möglichkeit hatte sich mir gestern endlich geboten.

Colin war etwas niedergeschlagen von einem Date mit seiner Monatsfreundin Bridget nach Hause gekommen und hatte verkündet, dass diese mit ihm Schluss gemacht habe – und das direkt vor ihrem schon gebuchten Kurzurlaub in London. Ich hatte für einen Augenblick aufgehört zu atmen, weil mir der schlichtweg genialste Gedanke gekommen war, den ich jemals gehabt hatte.

„Also, wenn du trotzdem noch fahren willst…“, hatte ich ein wenig kurzatmig herausgebracht, „… ich könnte mir frei nehmen.“

Colin hatte mich ein paar Sekunden lang nur sprachlos angesehen. Dann hatte er aufgelacht, mich in seine Arme gezogen und mich ganz fest gedrückt.

„Em, du bist der beste Freund, den man haben kann“, hatte er behauptet. „Du wirst sehen: Das wird der genialste Urlaub, den wir je hatten!“

Das hatte ich auch geglaubt und mir einen genauen Plan zurechtgelegt, wie ich Colin verführen würde – denn das war es, was ihn meiner Meinung nach endlich dazu bewegen würde, mich mit anderen Augen zu sehen: Sex. (Ganz davon abgesehen, dass ich mich selbst ganz schrecklich nach dieser Art von Intimität sehnte.)

Nur leider geriet mein schöner Plan jetzt, mit diesem verfluchten Chat mit Night, ins Wanken und der Urlaub drohte zu einer glatten Katastrophe zu werden. Was hatte ich davon, wenn ich Colin um den Finger wickelte, aber dafür die Person verlor, die zu meiner engsten Vertrauten und hilfreichsten Beraterin in Sachen Colin geworden war? Night kannte mich und meine Gefühlswelt besser als jeder andere – sogar besser als meine eigene Mutter. Ich brauchte sie – gerade wenn mein Plan funktionierte. Sie war der Balsam für meine arme, gequälte Seele und ich konnte die Turbulenzen einer Liebesbeziehung mit Colin garantiert nicht ohne sie durchstehen – und schon gar nicht allein aus dem tiefen Loch hinauskriechen, in das ich fallen würde, wenn mein Plan schiefging.

Meine so belastenden Gedanken vertrieben sehr bald schon wieder die Ruhe, die Colins Umarmung mir geschenkt hatte, und veranlassten mich dazu, mich sanft aus seinen Armen zu befreien. Ich wischte mir eine mir entkommene Träne von meiner Wange und schniefte.

„Im… im Grunde kann ich jetzt gar nicht mehr mit dir nach London fahren“, brachte ich nur mit großer Mühe hervor. „Ich schreib ihr einfach übermorgen, dass ich krank geworden bin und…“

„Nein!“ protestierte Colin empört. „Das tust du nicht!“

Ich sah ihn verzweifelt an. „Aber was soll ich sonst tun? Ich kann sie nicht verlieren, Colin!“

Er zuckte die Schultern. „Na ja, du bist doch ich – also was spricht dagegen, dass ich du bin?“

Ich blinzelte ihn verstört an, weil mein Verstand Probleme hatte, aus seinen Worten einen Sinn herauszufiltern. Du – ich… Ich – du… Oh!

„Es geht doch nur um fünf Tage“, fuhr er fort, als er merkte, dass ich ihm langsam zu folgen begann. „Und wir haben noch drei Tage, um uns vorzubereiten.“

Meine Hand wanderte automatisch zu meinem Mund und mein Puls beschleunigte sich. Die Idee war irre! Aber sie konnte funktionieren. Schließlich hatte ich viele der Night geschilderten Details aus ‚meinem‘ Leben Colins Biografie entnommen. Er brauchte kaum etwas Neues zu lernen, musste sich nur zusammenreißen und charakterlich ein bisschen mehr ich sein. Und wir würden ja wohl auch kaum die ganzen fünf Tage mit Night verbringen. Dann blieb sogar Zeit, meinen Plan in Bezug auf Colin weiterzuverfolgen.

„Das… das…“, stammelte ich.

„– ist eine fantastische Idee!“ beendete er einfach meinen Satz. „Komm, sag schon: Colin du bist genial! Sag es!“

Ich starrte ihn an wie ein armer Bettler, der gerade dabei war, dem Teufel seine Seele zu verkaufen.

„Das wird funktionieren, Em“, versuchte er mich weiter zu überzeugen. „Ganz bestimmt. Mach nicht unseren Urlaub kaputt, weil du zu feige bist, mal was zu riskieren. Du und ich in London! Das wird der Hammer! Und Night wird mich lieben – das verspreche ich dir. Ihr werdet danach noch bessere Freunde sein als zuvor.“

Ich atmete tief ein und wieder aus. Colin konnte verflucht charmant und süß sein, wenn er wollte, und seine Versprechen hatte er mir gegenüber bisher immer gehalten. Mehr oder minder.

„Okay“, gab ich schließlich nach und besiegelte damit mein Schicksal.

Colin strahlte mich an, packte meinen Kopf und drückte mir einen dicken Kuss auf die Wange. „Ich sag dir, dieses Rollenspiel wird uns noch einen Heidenspaß machen!“

Oh-oh. Colin und sein ‚Heidenspaß‘. War das jemals gut gegangen? Ich konnte mich nicht daran erinnern. Zurück konnte ich jetzt allerdings auch nicht mehr. Colin hatte sich an seiner Idee festgebissen und in dieser Beziehung war er wie ein Pitbull: Er ließ nicht mehr los.

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Kapitel 5:

Späte Vögel

 

 

 

Ich spürte sofort, dass etwas nicht in Ordnung war, als ich am nächsten Morgen mit einem dicken Brummschädel erwachte. Es war einfach zu still. Colin war glücklicherweise kein Morgenmensch, aber wenn er wach wurde, dann war er ziemlich laut. Nicht bewusst, um mich dazu zu bringen, ebenfalls aufzustehen oder gar zu ärgern, sondern einfach nur, weil er eben ein geräuschvoller Mensch war. Er konnte weder Türen leise öffnen und schließen noch sich leise duschen – meist pfiff oder trällerte er dabei ein fröhliches Lied – noch sich ohne Teller- und Topfgeklapper Frühstück machen. Dazu brauchte er meist Radiomusik, um richtig wach zu werden, und wer schon einmal mit lauter Rockmusik wach gemacht wurde, weiß, wie schwer es ist, danach wieder einzuschlafen.

Zu meinem Glück waren die Wände in unserer Wohnung zu Hause in Bristol relativ dick, was auch für die Türen galt, und ich hatte mir zusätzlich angewöhnt, mit Ohrstöpseln zu schlafen, sodass ich am Wochenende nicht immer geweckt wurde, wenn Colin früher wach war als ich. Gestern Abend war ich einfach zu blau gewesen, um daran zu denken – und gerade deswegen kam mir die Stille um mich herum sehr seltsam vor.

Ich setzte mich vorsichtig in meinem Bett auf und kniff die Augen zusammen, weil mir sofort schwindelig wurde und zwei winzige Bauarbeiter in meinem Kopf damit begannen, meine Schläfen mit einem Schlagbohrer zu bearbeiten. Verdammter Mist! Warum nur hatte ich mich gestern Abend so besaufen müssen? Das war doch gar nicht mein Plan gewesen. Ich hatte nur meine Hemmungen bekämpfen wollen, um Colin in der Nacht endlich zu zeigen, was ich für ihn empfand, und ihn nach allen Regeln der Kunst zu verführen. Stattdessen hatte ich ihm ‚kunstvoll‘ auf dem Nachhauseweg vor die Füße gekotzt.

Nein, Moment mal! Ben war an meiner Seite und es waren seine Schuhe gewesen, die nur knapp der Ermordung durch Magensäure entkommen waren… während er mich gestützt und mir das Haar aus dem Gesicht gehalten hatte… zusammen mit seiner Schwester, die mir tröstend den Rücken gestreichelt hatte. Colin hatte sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. „Ich kotz sonst auch!“ hatte er gelallt. Oh. Ja. Er war ebenfalls angetrunken gewesen. Fantastisch! Was mussten wir für einen ‚tollen‘ Eindruck auf Ben und Anna gemacht haben! Und das gleich am ersten gemeinsamen Abend!

Ich vergrub mein Gesicht in meinen Händen und schüttelte betrübt den Kopf. Hoffentlich wollte Anna überhaupt noch mit mir befreundet sein, nach diesem Absturz! Und hoffentlich hatten Colin und ich uns nicht in unserem Zustand geistiger Unzurechnungsfähigkeit total verplappert.

Ich hob meinen Blick und sah mich um. Ich saß in dem großen Bett unseres Apartments – angezogen, weil in der Nacht ohne Frage nichts zwischen mir und Colin gelaufen war – und die zerwühlte Decke auf der Matratze am Boden verriet mir, dass Colin dort geschlafen hatte. Wo er jetzt war, konnte sie mir selbstverständlich nicht sagen. Es war immer noch mucksmäuschenstill im Apartment. Nicht gut. Gar nicht gut, denn mich befiel sofort eine schreckliche Vorahnung und die ließ die leichte Übelkeit der durchzechten Nacht noch stärker werden.

„Colin?“ fragte ich in die Stille hinein, obwohl ich längst wusste, dass ich keine Antwort erhalten würde. Draußen fuhr ein Auto vorbei und über mir lief jemand durch seine Wohnung. Mein eigenes Apartment ließ mich jedoch weiter in der Bände sprechenden Stille schmoren. Scheiße! Colin war weg und er war bestimmt nicht losgegangen, um für uns beide Frühstück zu holen. Das hatten wir ja schon gestern eingekauft.

Ich rutschte schwerfällig an den Bettrand heran, schlüpfte in meine Tigerhausschuhe (hoffentlich hatte Colin die nicht schon herausgeholt, als Ben und Anna noch da gewesen waren, um mich ins Bett zu bugsieren) und stand auf. Au. Mein Kopf hatte sich dazu entschieden, gleich zu explodieren. So fühlte es sich zumindest an. Ich brauchte dringend Tabletten… die wir nicht besaßen. Mist. Daran hatte ich bei unserer Abfahrt vor lauter Aufregung gar nicht mehr gedacht.

Ich schleppte mich wie der Tod auf Latschen hinüber zum Tisch, auf dem mein Handy lag, und stellte fest, dass Colin, der irgendwie zu einem ‚frühen Vogel‘ mutiert war, mir großzügiger Weise eine SMS geschickt hatte.

Bin schon mit Anna unterwegs. Wollte dich noch deinen Rausch ausschlafen lassen. Ben kommt so gegen zwölf und holt dich ab. Der ist auch so ein Faultier wie du. Er holt aber gern mit dir die kleine Stadttour nach, die Anna grad mit mir macht. Hat er versprochen, der Gute! Habt Spaß! Wir treffen uns dann später am Nachmittag in der Stadtmitte. XO, Col.

‚Bin schon mit Anna unterwegs.‘ Dieses miese Stück Sch… Ich biss die Zähne zusammen und stieß ein paar Flüche aus, die es in sich hatten. Es kam nicht oft vor, dass ich Colin hasste, aber manchmal trieb er es einfach zu weit. Er wusste ganz genau, welche Ängste ich bezüglich ihm und Anna hatte (Na gut, nicht ganz genau – aber er wusste, dass er die Finger von ihr lassen sollte!) und dennoch wagte er es, sich allein mit ihr zu treffen. Wie sollte ich da rechtzeitig einschreiten, falls sie doch auf seine Anmachtour reinfiel, sich seines Charmes nicht mehr erwehren konnte? Ich war ja meilenweit weg und es konnte sonst was passieren!

Ich warf einen raschen Blick auf die Uhr meines Handys. Fünf vor zwölf. Wenn ich den Turbogang einschaltete, mich in Sekundenschnelle anzog, eine Notiz für Ben schrieb, dass ich schon weg war, und dann los düste, hatte ich noch eine Chance, Colin und Annas Date rechtzeitig zu stören. Sie konnten mich ja schlecht allein durch London wandern lassen und Ben würde schon nicht sauer sein. Er war ein netter Kerl.

Ich holte tief Luft, straffte die Schultern und warf mich auf den Kleiderschrank, um, in dem Versuch die passende Kleidung für Colin-Emma herauszusuchen, innerhalb von Sekunden ein heilloses Chaos anzurichten. Schließlich stand ich in einem hübschen, schlichten Kleid (so viele Kleider hatte ich mein Lebtag nicht getragen) und flachen, farblich nicht gerade passenden Slippern vor dem Spiegel und kämpfte mich mit einer Bürste bewaffnet durch mein in alle Richtungen abstehendes Haar. Es tat weh, dieses Gestrüpp in der Schnelle zu bändigen, aber ich biss die Zähne zusammen. Ich durfte nicht noch mehr Zeit verlieren.

Ein lautes Klopfen an der Tür ließ mich zusammenfahren. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Fünf nach zwölf! Das konnte doch nicht wahr sein! Wo war die verdammte Zeit geblieben?! War das überhaupt schon Ben?

Er war es leider, wie ich feststellte, als ich vorsichtig die Tür öffnete. Ein fröhlich grinsender, viel zu gutgelaunter Ben, der meinen schönen Plan völlig zerschmettert hatte, ohne es zu ahnen.

„Guten Morgen!“ sagte er und im nächsten Augenblick hatte ich eine kleine Tüte aus einer Apotheke im Gesicht.

Ich riss meine Augen auf und ihm die Tüte sofort aus der Hand, wie ein Junkie, dem sein Drogendealer grad ein hochdosiertes Geschenk gemacht hatte. Verschwunden war mein Frust.

„Du bist ein Engel!“ stieß ich aus, während ich mich schon zum Tisch bewegte, dabei die Packung mit den Kopfschmerztabletten aus der Tüte zerrend. „Ein Heiliger!“

Ich riss sie auf, drückte mir zwei Tabletten in die Hand und spülte sie mit ein paar großen Schlucken Wasser aus der Flasche, die auf dem Tisch stand, herunter.

„Gott persönlich?“ schlug Ben vor und ließ seinen Blick durch das Apartment schweifen.

„Soweit würde ich dann doch nicht gehen“, erwiderte ich. Ich wollte ihn breit angrinsen, doch gelang mir das nicht so recht, weil ich bemerkte, dass Ben gerade den Haufen durcheinandergewirbelter Wäsche vor dem Schrank betrachtete, ganz oben auf meine neuen, für einen ganz bestimmten Zweck gekauften Dessous. Oh je! Wie unangenehm. Ich eilte schnell zu ihm, klaubte alles im rasanten Tempo auf, warf es in den Schrank und schloss die Türen, mir dabei auf die Zunge beißend, weil Kopf und Magen sich gleichzeitig beschwerten.

„Ah, du bist auch ein Freund der Schneeschieber-Aufräum-Technik“, stellte Ben grinsend fest und seine grünen Augen funkelten amüsiert. Obwohl… nur grün waren die gar nicht. Eher grün-blau, beinahe türkis. Eine tolle Farbe. Und Colin war nicht der einzige Mann mit langen Wimpern. Bens waren nur heller, so wie seine Haut und seine Haare…

„Ähm… also… Wollen wir jetzt los?“ riss er mich aus meinen Gedanken.

Ich blinzelte ein paar Mal. Hatte ich ihm tatsächlich die ganze Zeit nur stumm in die Augen gestarrt? Peinlich!

„Ja, klar… ähm“, ich schob mich an ihm vorbei und ergriff meine Tasche, stopfte schnell mein Handy und die Kopfschmerztabletten hinein. Sonst war schon alles andere, was ich brauchte, drin. „Aber… ich müsste… also nochmal kurz wohin.“ Normalerweise stotterte ich bei diesen Worten nicht so herum, sondern gehörte eher zu den Personen, denen die Worte ‚Ich muss noch mal aufs Klo‘ alles andere als peinlich waren. Hier lag der Fall jedoch anders.

Ben zuckte die Schultern und setzte sich auf einen der Stühle. „Klar.“

„Nein, leider müsstest du dazu das Apartment verlassen.“

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte, aber als ich nur die Nase kraus zog, sah er mich konsterniert an. „Das ist dein Ernst?“

Ich begann nervös meine Hand zu kneten, dann straffte ich ärgerlich über mich selbst und meine Unsicherheit die Schultern und erklärte geradeheraus: „Die Wände hier sind extrem dünn und alles, was oben passiert, hört man auch hier unten. Und zwar in aller Deutlichkeit. Und so gut kennen wir uns einfach nicht. Ich geb dir also gerne ein paar Pfund, damit du dir in der Zwischenzeit einen Kaffee an der Ecke holen kannst, aber du musst jetzt leider raus.“

Ben schüttelte immer noch lachend den Kopf, stand aber auf und verließ das Apartment. Zeit, Plan B in die Tat umzusetzen! Was hieß, das komplette Körperpflegeprogram in neuer Rekordzeit durchzuziehen und mich so hübsch wie möglich zu machen. Wenn ich mich jetzt doch auf Bens Touristenführung einlassen und erneut die ‚schicke‘ Emma spielen musste, wollte ich dabei auch richtig toll aussehen, um später, beim Zusammentreffen mit Colin und Anna, neben meiner Freundin nicht wieder völlig zu verblassen.

 Ich eilte die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, riss mir dabei das Kleid über den Kopf, streifte die Schuhe ab und verteilte meine Sachen auf dem Boden. Ein wenig wehmütig bemerkte ich, dass es hier nach der stürmischen Nacht aussah, die ich so gerne gehabt hätte, doch jetzt war nicht die Zeit, in Selbstmitleid zu zerfließen. Ich sprang unter die Dusche, stellte sie so kalt wie erträglich ein und duschte mich innerhalb einer guinnessbuchverdächtigen Rekordzeit.

Mein Plan, die Haare auszulassen, weil sie eigentlich noch am brauchbarsten aussahen, wurde von dem fest an der Wand angebrachten, hohen Duschkopf zunichte gemacht, doch das ließ sich nun nicht mehr ändern. Dann würden sie halt unterwegs trocknen (und ich mal wieder aussehen, wie eine explodierte Klobürste – ich konnte ja immer noch behaupten, dass das neuerdings ‚in‘ war). Ich putzte mir noch schnell die Zähne und riss dabei die Badezimmertür weit auf, ansonsten wäre die ganze Aktion nicht erfolgreich gewesen, doch wenigstens hatte ich es versucht.

Ich war nicht übertrieben empfindlich, was Körpergeruch anging, jedoch wusste wohl jeder, dass man nach einer durchzechten Nacht und Knoblauchgenuss – und in den Pasten, die ich mir tonnenweise aufs Brot geschmiert hatte, war genug Knoblauch für eine Kleinstadt gewesen – nicht gerade am allerbesten roch. Speziell, wenn man sich auch noch übergeben hatte. Vermutlich war die Luft im Apartment grauenvoll gewesen und Ben ganz froh, schnell wieder hier heraus zu sein.

Viereinhalb Minuten später folgte ich ihm und fand ihn draußen auf der Treppe sitzend vor. Er steckte das Handy, mit dem er noch bis eben gespielt hatte, weg und stand auf. Ja, er war tatsächlich so groß wie Colin, wenn nicht sogar noch ein paar Zentimeter größer. Ich mochte das, war ich doch selbst mit meinen ein Meter achtundsiebzig nicht gerade das kleinste Persönchen.

„Ich schwöre, ich hab keinen einzigen Laut vernommen“, grinste er und musterte mich dann einen Sekundenbruchteil, bevor er sich vorbeugte und mich entschuldigend ansah, während er eine Hand hob.

„… darf ich? Du hast da noch…“

Ich nickte zögerlich und er fuhr mir mit einem Finger über den Kieferknochen und roch dann kurz daran, bevor er ihn an seiner Jeans abwischte. „Melone-Pfirsich-Shampoo?“

Ich biss die Zähne zusammen und brachte nur ein klägliches „Ja“ zustande.

„Benutzt meine Mom auch immer“, erwiderte er und ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was nicht so schlimm war, da Ben einfach weiterplapperte, während wir uns auf den Weg zur nächsten U-Bahn-Station machten.

„Und schon klinge ich nach einem seltsamen Muttersöhnchen und du überlegst dir, ob ich vielleicht eine Art Norman Bates bin und bist froh, dass wir hier unter Leuten sind. Also theoretisch. Auch, wenn gerade wenige da sind. Und vermutlich wirst du dich gleich weigern weiterzugehen, wenn ich weiter so einen Mist rede, oder?“ Er zog verunsichert die Schultern. Mittlerweile waren wir fast bei der Swiss-Cottage-Station angelangt. Man musste an ein paar Mülltonnen vorbei eine recht eingeengte Treppe hinuntergehen, um dann durch einen Seitentunnel in die eigentliche Station zu gelangen.

„Vielleicht hätte ich mir meine Psychopathen-Kommentare schenken sollen“, sagte Ben entschuldigend, doch ich grinste ihn nur an und zuckte die Schultern.

„Wieso? Hast du Angst?“ Damit hüpfte ich die einzelnen Stufen hinunter und biss die Zähne zusammen, weil mein Kopf sich damit gar nicht einverstanden erklärte.

Wir nahmen die Jubilee Line Richtung Oxford Circus. Eigentlich war ich nicht gerade der Shoppingtyp, aber um meinem Ruf als ‚Colinia‘ gerecht zu werden, hatte ich Bens Vorschlag mit gespielter Begeisterung zugestimmt und sogar ein überzeugendes „Super! Das Beste, was es gegen Kater gibt und ich brauche unbedingt neue Klamotten!“ hervorgebracht.

Er hatte mit einem „Klar, allein der Haufen vor dem Kleiderschrank war ja winzig!“ gekontert und ich hätte fast zugegeben, dass das meine ganze Kleidersammlung war, aber mich gerade noch zurückhalten können.

War es an unserer Haltestelle noch recht leer gewesen, war die des Oxford Circus mehr als gut besucht oder besser gesagt: Zum Bersten voll. Hunderte von Menschen, vermutlich Tausende, drängten sich auf dem Bahnsteig dicht aneinander – nicht freiwillig, sondern weil einfach nicht genug Platz in der weiß gekachelten Station war. Zugegeben, ich kam aus einer Kleinstadt, aber ich war schon des Öfteren in größeren Städten gewesen – nur nach London hatte ich es bisher nie geschafft. Ich hatte deutsche Städte besucht, unter anderem Berlin und das war mir bereits sehr groß vorgekommen – London jedoch spottete in dieser Hinsicht jeder Beschreibung, wie ich auch im weiteren Verlauf unserer Reise immer wieder feststellen sollte.

Samstag war anscheinend der Shopping-Tag. Es war nicht nur voll – es war übervoll! Es war das erste Mal, dass ich sah, wie Menschen anstanden, um aus einem U-Bahnhof hinauszukommen! Ohne Witz. Die Massen schoben sich millimeterweise vorwärts, teilten sich ab und an, wie der Strom eines breiten Flusses um Felsen im Wasser – die in unserem Fall andere Leute waren, die auf den nächsten Zug warteten – um sich dann wieder vor der Treppe zusammenzuschließen. Ich war froh, Ben an meiner Seite zu haben, ansonsten hätte ich wahrscheinlich Panik bekommen und nach einer Weile schreiend um mich geschlagen.

Menschenmassen und Enge in Kombination machten mir Angst. Das war schon immer so gewesen und ich hasste es an die Körper von Leuten gedrückt zu werden, die ich nicht kannte. Aus diesem Grund hatte ich auch nichts dagegen, dass Ben irgendwann meine Hand nahm und mich dicht an sich zog, um mich nicht zu verlieren. Ich wusste nicht genau warum, aber ich fühlte mich gleich besser, sicherer… beschützt. Er überraschte mich, als er sich auf einmal zu mir hinunterbeugte, ein gespielt dramatischen Gesichtsausdruck aufsetzend.

„Vertraust du mir?“ fragte er in diesem theatralischen Ton, den Superhelden immer gegenüber ihren Liebchen verwandten, wenn sie einen riskanten Plan in die Tat umsetzen wollten.

Ich zog misstrauisch die Brauen zusammen, musste aber gleichzeitig schmunzeln. „Ähm… ich denke schon…“

Er grinste breit, richtete sich zu seiner vollen, durchaus beeindruckenden Größe auf und holte tief Luft. Was dann geschah, verschlug mir zunächst die Sprache. Ben hob die Faust in die Luft und begann laut zu fluchen, sodass die meisten Leute um uns herum erschrocken zusammenzuckten und uns konsternierte Blicke zuwarfen. Ben schimpfte auf die Menschheit, die „heruntergekommene Gesellschaft gotteslästerlicher Geschöpfe“, die es nicht wert waren, „auf dieser von Gott erschaffenen, heiligen Welt zu wandeln!“. Seine Augen glühten dabei vor gespieltem Fanatismus und Verrücktheit und das Wunder geschah: Vor uns öffneten sich die Massen der Menschen und machten uns Platz, so wie sich das Wasser vor Moses Füßen zurückgezogen hatte.

Ben lief los und ich folgte ihm ganz automatisch mit großen Augen. Ich wusste nicht genau, ob ich vor Scham im Erdboden versinken oder mich vor Lachen biegen sollte, entschied mich dann aber zu meiner eigenen Überraschung zu etwas ganz anderem.

„Die apokalyptischen Reiter sind schon auf dem Weg!“ stimmte ich in Bens lautes Lamentieren über den Zerfall der Gesellschaft mit ein. „Sie werden euch alle holen! Alle!“

Ich starrte einem hageren Mann, der einfach nicht die Treppe für uns räumen wollte, mit weit aufgerissenen Augen ins blasse Gesicht – und schon kamen wir noch schneller vorwärts. Ben warf mir einen erstaunten Blick über die Schulter zu und ich konnte ihn kurz grinsen sehen, bevor er weiter fluchte und schimpfte. Und dann ging meine Fantasie mit mir durch. Als wir oben ankamen, wusste ich gar nicht mehr, was ich den Leuten alles verkündet hatte. Ich wusste nur, dass es mir auf seltsame Weise einen Heidenspaß gemacht hatte.

Natürlich hatten wir mit dem Quatsch aufgehört, bevor wir in den Bereich der Bahnstation gekommen waren, in der es eine ganze Menge Ordnungshüter gab. Wir mussten dort noch ein wenig mit den Menschenmassen vor den Ticketbarrieren kämpfen, doch unsere ‚Aktion‘ hatte uns in vergleichsweise kurzer Zeit ziemlich weit nach vorn gebracht.

„Es wird also mehr als sieben Plagen geben?“ fragte Ben mich grinsend, als wir die Station endlich hinter uns gelassen hatten und uns in den dichten Personenverkehr auf der Oxford Street einreihten.

Ich brauchte einen Moment, um mich wieder auf ein Gespräch mit ihm einzulassen, weil mich der Anblick der beeindruckenden alten Gebäude, in deren Innerem sich die verschiedensten Geschäfte befanden, schier umwarf. Altes mischte sich hier auf atemberaubende Weise mit Neuem und forderte einen zu einem ausgedehnten Stadtbummel auf. Ich fragte mich, ob diese Straße, wohl nach einer Weile ihren Reiz verlor, wenn man in London wohnte, oder ob jede Shoppingtour hier wieder die gleiche Faszination ausübte.

Schließlich reagierte ich doch noch auf seine Frage und nickte übereifrig. „Die Menschheit hat eindeutig mehr verdient! Und nach Harzer Käse schmeckende Milch und der Zusammenbruch des Internets und somit der Zivilisation haben uns auch den letzten Zentimeter Weg freigeräumt.“

Er lachte und ich stimmte in sein Lachen nur allzu gern ein. Es war angenehm. Sehr tief und warm… fast Gänsehaut erzeugend. Fast! Er war ja nur Annas Bruder und konnte maximal ein guter Freund werden.

„Das war irre!“ ließ ich ihn kopfschüttelnd wissen.

„Ja, oberpeinlich, oder?“ schmunzelte er und da ich die Ernsthaftigkeit seiner Frage in seinen Augen wahrnahm, schüttelte ich nochmal den Kopf und zuckte dann die Schultern.

„Vielleicht schon… aber sehr hilfreich“, fügte ich meinen uneindeutigen Gesten hinzu. „Ich hätte es da unten zwischen all den Leuten nicht lange ausgehalten und dann ohnehin einen psychotischen Anfall bekommen.“

„Ich hätte dich auch dann gerettet“, behauptete er kühn und ich kicherte.

„Ach ja? Bist du mein Ritter in silberner Rüstung?“

Er richtete sich noch ein bisschen mehr auf und drückte die Brust raus. „Selbstredend! Die Rüstung musste ich allerdings heut zuhause lassen. Die quietscht, weil ich das letzte Mal, als ich vor deiner Haustür Wache stand, in einen starken Regenguss gekommen bin.“

„Vor meiner Haustür?!“ Ich fasste mir mit einem Ausdruck unbändigen Entzückens an die Brust. „Gott, mein Herz! Es schlägt so schnell!“

Wir mussten beide laut lachen – bis wir ungefähr in derselben Sekunde bemerken, dass wir immer noch Händchen hielten und uns losließen, als hätten wir glühende Kohlen angefasst.

Wie dankbar war ich, dass es in der Oxfordstreet so viele schöne Schaufenster gab – und glücklicherweise befanden wir uns gerade vor einem Schuhladen. Was für eine willkommene Gelegenheit, sich mitten hinein in die gängigen Klischees über Frauen zu stürzen!

„Oooooh, die sind ja schön!“ ließ ich Ben wissen und wies auf ein Paar knallroter Pumps, für deren Absätze man gewiss einen Waffenschein brauchte.

„Ja, schön farbig“, meinte er und trat neben mich. „Da fällt das Blut nicht so auf.“

Peinliche Situation gekonnt aus dem Weg geräumt. Yay! Ich sah ihn von der Seite an und hob eine Augenbraue, musste aber meine Lippen fest zusammenpressen, um nicht schon wieder zu grinsen. Ich war wohl nicht die einzige, die manchmal recht morbide Fantasien hatte.

„Na ja…“ Er zuckte hilflos die Achseln. „Laufen kann man da drauf ja wohl kaum.“

„Hast du’s schon mal ausprobiert?“ fragte ich ihn neugierig.

„Nee, meine Latschen sind zu groß, um in die Schuhe meiner Schwester reinzupassen“, gab er in einem überzeugend traurigen Tonfall zurück und wackelte mit den in Chucks steckenden Fußspitzen.

Jetzt grinste ich doch, allerding ein wenig hinterhältig. „Vielleicht haben die hier ja deine Größe…“

Seine Augen verengten sich und seine Lippen hoben sich zu einem Schmunzeln. ‚Provozierst du mich?‘ fragte er stumm und ich hob nur wieder meine Brauen, ohne mein Grinsen abstellen zu können.

„Dann lass uns doch mal fragen!“ schlug er vor und marschierte kurzerhand in den Laden.

Leider machten uns Bens ‚Latschen‘ und die brüskierte Verkäuferin, an die wir uns wandten, einen Strich durch die Rechnung. Stilettos in Übergröße führte der Laden nicht und Miss Super-schick merkte obendrein überfreundlich an, dass ‚die junge Dame‘ sich vielleicht nach anderen Modelle in einem Internetshop für ‚besondere Wünsche und Personen‘ umsehen solle.

Ben brachte es trotz dieser Dreistigkeit zustande, in einem sehr hohen Ton und mit tuntiger Gestik zu fragen, ob sie denn ihre Bluse und diesen totschicken Rock von einer solchen Seite habe, was die Dame dazu brachte, sich wortlos abzuwenden und mit hoch erhobenen Kopf davon zu stolzieren.

Draußen auf der Straße bog ich mich vor Lachen, während Ben perfekt in seiner Rolle blieb und mir nur konsterniert dabei zusah, wie ich wieder einmal die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf mich lenkte. Aufhören konnte ich dennoch nicht. Mein Gelächter blieb mir erst im Halse stecken, als mir mein Handy vibrierend mitteilte, dass ich eine Nachricht erhalten hatte. Das konnte nur Colin sein. Colin und Anna, die ich total vergessen hatte! Himmel! Wie hatte das nur passieren können?

Ich zerrte das Handy aus meiner Handtasche und starrte auf das Display.

Haben ein nettes Restaurant in der King’s Road gefunden. Nummer zwölf. Italiener. Würden uns freuen, wenn ihr zu uns stoßt. Sind hier noch ein kleines Weilchen. XO Col.

„Die gehen jetzt schon essen!“ stieß ich verärgert aus. Hunger hatte ich nun wirklich noch nicht und die Vorstellung, dass Colin und Anna bereits bei Kerzenschein an einem Tisch saßen (und vielleicht sogar Händchen hielten!) gefiel mir überhaupt nicht. Dann wiederum war Colin nicht so der Typ fürs Händchenhalten – oder etwa doch? Was wusste ich denn, was er alles tat, um seine jeweiligen Bekanntschaften rumzukriegen? Es war ja nicht so, dass er seine Fähigkeiten bei mir testete, nein, ich bekam immer nur das Endprodukt seiner Bemühungen mit.

„Alles in Ordnung?“ erkundigte sich Ben und ich nickte, wenn auch ein wenig zu nachdrücklich. So ganz verzieh mir mein Kopf solche Aktionen noch nicht. Wenigstens hatte ich nur Bier getrunken, wenn auch zwei oder drei verschiedene Sorten, und nicht auch noch zu anderen Alkoholsorten gegriffen. Die Erinnerung an den Grund meiner wieder aufflammenden Kopfschmerzen war nicht gerade hilfreich.

„Nochmals Riesenentschuldigung für gestern Abend“, sagte ich und Ben zuckte die Schultern. Er schien wesentlich weniger Probleme mit meinen Gedankensprüngen zu haben als mein bester Freund und Immernochnichtlover.

„Pfffft“, machte er bloß und dann eine wegwerfende Handbewegung.

„Ich bin sonst nicht so.“

„Meinst du, ich habe noch nie meinen Mageninhalt zur Verschönerung der langweilig asphaltierten Straße zur Verfügung gestellt?“

„Am ersten Abend mit einer Person, die du bis dato vielleicht zwei Stunden kanntest?“ gab ich zu bedenken.

„Nein, mit fünf bei meiner Tante Janice, aber die war weder meine richtige Tante noch danach je wieder bei uns zu Besuch. Ich denke, ich fange an zu verstehen, warum.“ Er zuckte die Achseln. „Zugegeben, der Vergleich hinkt ein bisschen, aber ich denke, du verstehst, was ich sagen will. Gesellen wir uns zu den beiden? Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber der Gedanke an leere Mägen hat mich erst recht hungrig gemacht.“

Ich hob entgeistert eine Augenbraue und Ben runzelte die Stirn, als auch er das ‚Hinken‘ dieses Vergleiches bemerkte, und winkte dann ab. „Keine Sorge; sobald mein Hirn Proteine und Kohlehydrate bekommt, gebe ich wieder das übliche hochphilosophische Zeug von mir.“

Scherzend machten wir uns auf den Weg zu den anderen beiden. Das Restaurant war ein gutes Stück entfernt und wir mussten mit verschiedenen Bussen fahren, aber all das nahm ich gerne in Kauf, nur um ‚Schlimmeres‘ zu verhindern. Schlimmeres? Colin und Anna saßen ja nur in einem Restaurant in der Öffentlichkeit und hatten den ganzen bisherigen Tag auch unter vielen anderen Menschen verbracht, da würde wohl kaum viel gelaufen sein. Außerdem war Anna, meine Night, nicht so eine, die schon am zweiten Abend mit einem Typen ins Bett sprang. Einem, den sie für ihren Seelenverwandten hielt und eigentlich bereits seit einem Jahr  kannte. Das Maß an gleichzeitiger Nervosität und Zufriedenheit ob dieser Tatsache war mir fast ein wenig peinlich, doch zum Glück konnte Ben ja keine Gedanken oder eher Gefühle lesen.

Das brauchte er auch gar nicht, denn etwa eine halbe Stunde später standen mir eben diese nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben. Das ‚nette Restaurant‘, das Colin uns genannt hatte, war entweder in einem Zeitloch verschwunden oder hatte ein recht eigenwilliges Design, das so gar nicht seinem üblichem Stil entsprach.

„Heimelig“, bemerkte Ben neben mir. „Besonders den bunten Vorgarten finde ich gelungen. Und diese Aussicht…“

„Ganz großes Kino“, murmelte ich. „Und schau mal, sie haben sogar einen künstlichen Wasserfall.“

Wir gingen ein paar Schritte die Straße hinauf und hinab, starrten auf die Hausnummern links und rechts, doch es stimmte. Das hier war Nummer zwölf. Eine Baustelle mitten in der Stadt, das Skelett eines noch unfertigen Neubaus, von dem irgendwoher Wasser in eine schmutzige Pfütze tropfte.

Ich griff nach dem Handy, entfernte mich unbewusst ein paar Schritte von Ben und wartete, dass Colin abnahm, was er nach dem fünften Klingeln des vierten Versuchs auch tat.

‚Kann es sein, dass ich die Adresse vielleicht falsch verstanden habe?‘ hätte ich nonchalant fragen sollen, stattdessen herrschte ich ihn an:  „WO ZUM HENKER BIST DU, DU MI-“ Das ‚-ieser Verräter, das ich dransetzen wollte, konnte ich zum Glück noch in ein ‚-santhrop‘ umwandeln, damit mich meine Begleitung nicht für völlig durchgeknallt hielt.

„Na, im Restaurant“, erwiderte mein Freund und ich konnte direkt hören, wie er die Augen rollte. „Drinnen.“

„Ooh, und ist es schön luftig, ja??“

„Hä? Ja ja, is duftig – was auch immer das für ein neuer Mädchenausdruck ist.“ Er murmelte etwas, vermutlich lachten er und Anna über die überkandidelte, kleine, doofe  Emma. Vielleicht hatten sie das schon den ganzen Tag getan, weil Colin zu viel von dem gehört hatte, was ich über ihn erzählt hatte, und sich aus gekränkter Eitelkeit mir und seinen Versprechen gegenüber zu nichts mehr verpflichtet fühlte. Ab und an hatte ich mich in meiner Verzweiflung ganz schön über ihn ausgelassen und Anna in einem Anfall von weinseligem Selbstmitleid mein ganzes Colindrama erzählt und mich über seine Oberflächlichkeit und ständig wechselnden Freundinnen ausgeheult.

„Du hast es versprochen, Colin. Du hast mir fest versprochen –“

„Wieso telefonieren wir noch? Ich weiß ja, wie sehr du auf dein Smartphone stehst, aber müssen wir das alles am Handy klären? Können wir nicht weiterreden, wenn ihr drinnen seid? Nu mach schon. Wir haben einen Tisch ganz oben am Fenster. Warte, ich winke mal.“

Ich hörte, wie er gegen eine Fensterscheibe pochte und dann fortfuhr: „Wo seid ihr denn? Ich seh euch gar nicht.“

„Na, King’s Road zwölf!!“ blaffte ich ihn an und sparte mir meine anderen Kommentare. Ich kannte Colin lange genug, um zu wissen, wann er schwindelte, und in seiner Stimme schwang ehrliche Verwirrung mit. Er mochte oberflächlich und oft recht egoistisch sein, aber er hatte mich noch nie hintergangen, also war sein Zögern wohl nicht einer hastigen Suche nach einer gelogenen Erklärung zuzuschreiben.

„King’s Cross Road, Honey. In der Nähe vom Bahnhof, an dem wir gestern angekommen sind.“

Dass er selbst mir King’s Road geschrieben hatte, fiel dem Herrn anscheinend nicht auf.

Ben tippte mir auf die Schulter und rollte die Augen. „Die sind Nähe King’s Cross, sagt meine Schwester.“ Er wackelte mit seinem Handy.

Bestimmt hatte es ihm zu lange gedauert. Klar, er musste sich ja auch nicht mit all diesen widersprüchlichen Gefühlen herumschlagen: Angst über das, was zwischen Colin und Anna lief; Verzweiflung darüber, dass nix mit mir lief; Erleichterung, weil etwas mir sagte, dass das hier nur ein blöder Zufall war; Frustration, weil das Schicksal mich hasste; Ärger, weil ich mich hier zum Deppen machte…

„Ist etwa 40 Minuten in die andere Richtung.“

„Bleibt, wo ihr seid!“ befahl ich Colin. „Wir sind in einer halben Stunde da.“ Ja, ich schwindelte ein bisschen mit der Zeit, aber das da am anderen Ende war nicht der geduldigste Mensch, daher –

„Anna sagt, ihr braucht mindestens vierzig und ich will hier nicht ewig warten, nur weil du ein bisschen schusselig bist, okay? Nich sauer sein. Du, mein Akku gibt auf. Pass auf, wenn ihr’s nicht in ’ner halben Stunde schafft, dann ziehen wir weiter und treffen uns einfach am Abend im Pub von gestern, okay? Die Stadt ist heut so voll, dass es in meinen Augen keinen Sinn macht, uns gegenseitig zu suchen.“

Bevor ich noch etwas sagen konnte, wurde die Leitung unterbrochen und bei meinem erneuten Anruf wurde ich sofort auf die Mailbox umgeleitet. Das konnte ja wohl nicht wahr sein!! Dieser miese, hinterhältige Verräter!! Wie konnte er es wagen?? Das war meine Freundin, die er mir da vorenthielt! Ich tobte innerlich vor Wut, doch was sollte ich tun? Einen Schreikrampf bekommen hier vor Ben? Mich auf den Boden werfen und ihn mit den Fäusten bearbeiten? Mir war nach einer guten Mischung aus all dem, allerdings wollte ich nicht verraten, was wirklich mit mir los war oder gar im Irrenhaus landen.

Und dann gab es da noch meinen Stolz, der es mir wenigstens für heute verbot, noch weiter hinter Colin und Anna herzulaufen. Genug war genug! Ben war ein toller Begleiter und Stadtführer und, wie mir die letzte Stunde gezeigt hatte, sehr wohl dazu in der Lage, mich von meinem Kummer und meinen Problemen abzulenken. Wir konnten durchaus auch ohne die beiden anderen eine Menge Spaß haben. Also straffte ich die Schultern, drehte mich kurzerhand zu Ben um und lächelte ihn offen an.

„Weißt du was?“ sagte ich. „Wir suchen uns jetzt unser eigenes Spitzenrestaurant und bestellen uns etwas, das die anderen vor Neid erblassen lassen wird, wenn wir ihnen später davon erzählen. Was hältst du davon?“

Ben grinste breit und streckte mir enthusiastisch beide Daumen entgegen. Deutlicher ging es wohl kaum und irgendwie fühlte ich mich sofort besser. Vielleicht konnte der Tag doch noch einer von den besseren werden…

 

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