2. October 2021 - 12:47

Leseprobe aus Macht und Wahrheit – Band 2: Die Last der Krone

Dämonische Rache

 

Alconia fühlte sich schlecht, als sie dem Boten Trowein, der bereits auf dem schnellsten Pferd des Stalles saß, den Brief für Lea in die Hand drückte und das wurde auch nicht besser, als der Mann im Galopp über die Zugbrücke des äußeren Burgbereichs preschte und bald nicht mehr zu sehen war. Dabei hatte sie mit ihrem Handeln eigentlich genau das Gegenteil erreichen wollen. Das Wissen darum, dass sie ihre Tante Galiana hinterging und ihre beste Freundin vielleicht sogar mit dem Lossenden des Boten in Gefahr brachte, machte es ihr allerdings schwer, sich besser zu fühlen, all die bedrückenden Gefühle, die sich seit Tagen in ihrer Brust gesammelt hatten, endlich loszuwerden.

Vielleicht war es auch etwas vermessen gewesen, so etwas anzunehmen, schließlich konnte Leas Anwesenheit nichts daran ändern, dass es Dämonen gab, die nicht nur sie, sondern die ganze Welt bedrohten. Dämonen, denen sie mit ihrem Handeln vor einigen Tagen in gewisser Weise den Kampf angesagt hatte und die sicherlich bereits nach Rache sonnen. Nein, dagegen konnte Lea sicherlich nichts tun, auch nicht gegen die Albträume, die Alconia fast jede Nacht heimsuchten oder die Panikattacken, die sie manchmal sogar am Tag befielen. Vielleicht halfen jedoch allein der Anblick und die warme Stimme ihrer besten Freundin dabei, wenigstens ab und an etwas Normalität in ihr Leben zurückzuholen, sich für einige Zeit zu entspannen, zu lachen und zu vergessen, was geschehen war. War es denn wahrlich so schlimm oder egoistisch, sich so etwas zu wünschen?

Gut, vielleicht hätte sie in ihrem Brief nicht schreiben dürfen, dass es Jovan nicht so gut ging und auch Leas Mutter Galiana einen kränklichen Eindruck machte. Aber vollkommen erlogen und erstunken war das nicht, denn Jovan war schon recht lange weg, sodass Galiana sich Sorgen um ihn machte. Damit war es doch gut möglich, dass es ihm nicht besonders gut ging – wer kam schon gern zu spät – und Galiana sah in der Tat durch ihre Sorgen in letzter Zeit etwas blass um die Nase herum aus. Ihr würde es sicherlich ebenfalls besser gehen, wenn sie endlich ihre Tochter wieder bei sich hatte und das hieß doch, dass Alconia eigentlich ein gutes Werk vollbrachte und gar nicht wirklich egoistisch war.

Die Stimme ihres Gewissens sagte ihr selbstredend etwas ganz anderes und ließ ein flaues Gefühl in ihrem Bauch entstehen, während sie mit angespannt zusammengepressten Lippen den gepflasterten Weg zum inneren Burgtor hinauflief. Lange musste sie sich allerdings nicht mit deren Nörgeleien auseinandersetzen, denn ein seltsames Geräusch aus Richtung der Papageienkäfige neben den Ställen riss Alconia aus ihren Gedanken und ließ sie irritiert stehenbleiben. Das hatte so gar nicht nach einem der Vögel geklungen, sondern eher wie das Schreien eines Menschen. Ein kalter Schauer rann ihren Rücken hinunter. Früher wäre sie wahrscheinlich gleich eilig weitergelaufen und hätte versucht, diesen Laut zu vergessen. Seit der lebensgefährlichen Situation im Wald war sie jedoch mutiger geworden, interessierte sich stärker für ihre Umwelt. Schließlich war es gut möglich, dass die Dämonen bald zurückkehrten, und das durfte ihr auf keinen Fall entgehen.

Ihr Herz schlug unversehens schneller, als sie entschlossen auf die Papageienkäfige zulief. Diese Tiere waren im Imitieren von Stimmen unterschiedlichster Lebewesen wahre Meister, deswegen war es nicht unmöglich, dass sie den Schrei von sich gegeben hatten. Es konnte aus ihrer Sicht jedoch nicht schaden, das zu überprüfen.

Als sie auf wenige Meter an den Käfig heran war, ertönte ein weiterer entsetzlicher Schrei, der sich von dem Gekrächze der Papageien eindeutig unterschied. Obwohl er gedämpft war, kam er eindeutig von einem Menschen und auch nicht aus dem Käfig. Es klang viel eher so, als würde sich die Person unter diesem befinden.

Alconia presste eine Hand auf ihren Bauch, weil ihr nun auch noch schlecht wurde und lief dennoch tapfer weiter am Käfig entlang, den Blick suchend gesenkt. An einer Stelle im Mauerwerk befand sich ein schmales, vergittertes Fenster, das maximal eine Hand breit und zwei Fuß lang war und wahrscheinlich zum Luftaustausch dienen sollte. Befand sich dort etwa ein Keller?

Alconia zuckte heftig zusammen, denn erneut schrie jemand in schlimmsten Qualen. Jetzt konnte sie auch ein ekelhaftes Lachen hören und eine Stimme, die sie zu ihrem großen Erschrecken kannte. Eine Stimme, die es in ihrer Brust ganz eng werden ließ und es ihr erschwerte, weiter ruhig zu atmen. Konnte das sein? War Hubis wirklich so dreist, dass er sich heimlich in die Burg schlich, um hier jemanden zu … zu foltern?

Alconia musste würgen, bekam sich jedoch noch rechtzeitig in den Griff. Schwäche half hier niemandem. Sie war schon einmal stark und kämpferisch gewesen und hatte mehrere Dämonen in die Flucht geschlagen, da würde ihr das bestimmt noch einmal gelingen. Und allein war sie dieses Mal nicht. Das hier war ihr Zuhause, ihr Machtbereich. Es war eher Hubis, der sich zu fürchten hatte.

Sie sah sich um. Auf dem Wehrgang befanden sich mehrere Soldaten, die sie innerhalb kürzester Zeit zu sich rufen konnte. Ein paar von ihnen kannte sie sogar mit Namen, da sie den Männern erst kürzlich einen Besuch abgestattet hatte, um sich ein Bild davon zu machen, wie gut ihre Familie und sie auf Sargan geschützt waren.

Nach kurzem Abwägen entschied sie sich allerdings dazu, erst einmal allein der Sache nachzugehen. Nachher irrte sie sich und gab sich damit vollkommen der Lächerlichkeit preis und das durfte auf keinen Fall geschehen, wenn sie die Männer später bei einer wirklichen Gefahr an ihrer Seite wissen wollte. Entschlossen hockte sie sich vor das Fenster und versuchte, ins Innere zu spähen. Es war dunkel dort unten, aber ein rötliches Flackern verriet, dass eine Fackel oder ähnliches entzündet worden war. Wenn sie sich nicht irrte, blickte sie von ihrem Standpunkt aus in einen schmalen Gang und sowohl Lichtquelle als auch die Personen, die sie gehört hatte, befanden sich in einem Raum, der an diesen grenzte. Hubis sprach gerade wieder, aber so leise, dass sie kein Wort verstehen konnte, und von der anderen Person war jetzt nur noch leises Wimmern und Stöhnen zu vernehmen.

Ihr Magen verkrampfte sich noch mehr, doch sie presste fest die Zähne zusammen und erhob sich, öffnete die Tür, die in den Raum hinter dem Papageienkäfig führte und trat mit hämmerndem Herzschlag ein. Hier waren allerlei Säcke mit Futter und Utensilien zum Reinigen des Käfigs in und unter Regalen und Tischen zu finden. Aber es gab noch etwas anderes: Eine weitere offenstehende Tür hinter der sich eine nach unten führende hölzerne Wendeltreppe befand.

Alconia zögerte einen Moment, doch als zum wiederholten Mal ein Schmerzenslaut von unten ertönte, eilte sie los, stieg die Treppe geschwind hinunter. Ein furchtbarer Gedanke war ihr gekommen: Was war, wenn Jovan sich gar nicht verspätet hatte, sondern … Nein, das durfte sie nicht zu Ende denken! Das durfte nicht sein! Da unten war bestimmt nur Brim, der Knecht, der für die Papageien zuständig war, und brachte diesen irgendwelchen Unfug bei.

Trotz dieser Überlegung gab Alconia sich Mühe, möglichst lautlos den staubigen, muffigen Gang entlangzulaufen. Ein seltsamer Geruch drang an ihre Nase … War das etwa … verbranntes Fleisch?!

„Ja, stöhne nur, denn das hast du verdient!“, konnte sie nun klar und deutlich verstehen. „Und deine ständigen Unschuldsbeteuerungen glaube ich dir nicht!“

Sie erstarrte und ihr wurde heiß und kalt zur selben Zeit, während ihr das Herz bis in den Hals sprang. Das war eindeutig Hubis! Er war zurück!

„Dachtest du etwa, dein Verrat hätte keine Folgen, Jovan?“, bestätigte der Dämon ihren zweiten furchtbaren Verdacht. „Hast du meine Rache nicht gefürchtet? Nichts ist schlimmer als der Zorn eines Dämons!“

„Rache? … Wofür?“, konnte Alconia nun sogar Jovan vollkommen geschwächt antworten hören. „Ich … hab dir doch nichts … getan!“

Ein empörtes Schnaufen war zu vernehmen. „Doch, das hast du! Siehst du die vielen grauen Haare an meinen Schläfen und die tiefen Falten, die ich plötzlich im Gesicht habe? Das warst alles du!“

„Wie… wieso?“

„Tu nicht so unschuldig! Du dienst uns lange genug, um zu wissen, wie sehr die Zauberei unseren menschlichen Hüllen schadet! Jitak und Ripana sind nach der Verwandlung in Schlangen dermaßen gealtert, dass sie sich hier nicht mehr sehen lassen können. Man erkennt sie kaum wieder. Sie müssen sich erst einmal von ihrer Zauberei erholen und viel Menschenblut trinken. So viel Kraft hat das die beiden gekostet. Glücklicherweise bin ich selbst über die letzten Jahre sehr sparsam mit meinen magischen Kräften umgegangen und konnte der Alterung deswegen besser entgegenwirken. Umso ärgerlicher ist es, dass du mich dazu gezwungen hast, einen solch großen Zauber zu bewirken!“

Ein Zischen war zu vernehmen, begleitet von einem weiteren entsetzlichen Schreien, das Alconias Gedärme verkrampfen ließ. Der Geruch von verbranntem Fleisch wurde stärker. In ihren Ohren machte sich ein unangenehmes Pfeifen bemerkbar, während sie zur Seite wankte und sich rasch an der Wand abstützte. Zusammenreißen! Sie musste sich zusammenreißen und sofort nach oben laufen, um Hilfe zu holen – sonst war Jovan verloren. Nur musste sie dazu erst einmal ihren Körper unter Kontrolle bringen.

„Und jetzt sag nicht wieder, dass diese magische Anstrengung nicht notwendig gewesen und nicht auf dich zurückzuführen ist“, fuhr Hubis grimmig fort. „Es mag sein, dass Alconia uns mit dem Armband von Makimba bedroht hat, aber du … du musst sie gewarnt haben. Sie und die anderen! Davon abgesehen, kann ich dieses kleine, verwöhnte Biest leider noch nicht bestrafen, aber sorg dich nicht: Sie und die anderen kommen auch noch dran!“

Die Drohung genügte, um Alconia die Kraft zu geben, sich von der Wand abzustoßen und loszulaufen. Ihre weichen Beine zu kontrollieren, war schwer, dennoch gelang es ihr, die Treppe zu erklimmen und schließlich in den Hof zu laufen.“

„HIIIILFEEE!“, brüllte sie aus Leibeskräften und mit Tränen in den Augen. „WACHEN!“

Ein Poltern und Fußgetrampel waren oben auf dem Wehrgang zu hören und schon kamen die guten Männer die Treppe zu ihr hinab gerannt, die Hände bereits an den Waffen.

„Wittmar!“, stieß sie aus, packte den jungen Wachmann, der sie als Erster erreichte am Arm und wies hinüber zur Tür des Futterraumes. „Lauf mit Raldon und den anderen da rein! Es gibt im Innern eine Treppe und ein verstecktes Verlies. Hubis tut dort schreckliche Dinge mit Jovan. Ich glaube, er will ihn töten!“

Mehr brauchte sie nicht zu sagen. Die Männer, es waren mittlerweile sechs an der Zahl, eilten los, verschwanden nacheinander in der Kammer. Eigentlich hätte Alconia draußen warten können, doch ein seltsamer Instinkt brachte sie dazu, sich dem Trupp anzuschließen und den Ort des Schreckens ein weiteres Mal aufzusuchen.

 

Was soll ich getan haben?“, vernahm sie Hubis, als sie unten im Verlies zu den Soldaten aufgeschlossen, die vermeintliche Folterkammer jedoch noch nicht betreten hatte. „Wie soll ich versucht haben, Jovan zu töten, wenn er gar nicht hier ist?“

Etwas atemlos schob Alconia sich an den beiden Wachmännern vorbei, die noch im Flur standen, und trat durch die Tür. Die übrigen Soldaten hatten Hubis umstellt und ihre Lanzen auf ihn gerichtet, allerdings noch nicht in Gewahrsam genommen. Stattdessen sahen sie sich auf seine Behauptung hin irritiert um.

Alconia konnte es kaum glauben, aber Jovan war tatsächlich nirgends zu sehen und es gab auch keine Möglichkeit, einen großen Mann wie ihn zu verstecken. Die wenigen Fässer, die in dem dunklen, muffigen Raum standen, waren weder hoch genug, um jemanden dahinter zu verbergen, noch groß genug, um ihn hineinzustopfen, und sonst gab es nichts außer einer Feuerschale, die von der Decke hing, und ein paar eisernen Ketten nebst Arm- und Beinschellen an der Wand. Auch das einzige Fenster im Raum befand sich zu hoch oben im rissigen, feuchten Mauerwerk und war zu klein, um jemanden hinauszuwerfen.

Alconia verstand die Welt nicht mehr.

„Oh, welch hoher Besuch!“, kommentierte Hubis ihr Erscheinen mit einem ekelhaften Grinsen und boshaft blitzenden Augen. Trotz der Lanzen, die auf ihn gerichtet waren, musterte er Alconia mit einem Blick, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Hab ich Euch das Auftauchen dieser kleinen Armee zu verdanken, Prinzessin?“

„Sei still!“, fuhr Alconia den Dämon mit zittriger Stimme an und schritt an den Wachen vorbei, dabei ihren Blick noch einmal durch den ganzen Raum wandern lassend. Vielleicht gab es irgendwo ein geheimes Versteck, das man in den schlechten Lichtverhältnissen kaum ausmachen konnte, denn außer dem spärlichen Sonnenlicht, das durch das Fenster fiel, und dem Feuer in der Schale gab es weder Kerzen noch Fackeln an den Wänden.

Sie zuckte zusammen, als aus einer dunklen Ecke ein Flattern zu vernehmen war und hielt den Atem an. Dort bewegte sich etwas, allerdings nur sehr matt.

„Wie wäre es, wenn wir alle erst einmal nach draußen gingen, um die ganze Sache zu klären?“, schlug Hubis aus ihrer Sicht etwas zu eilig vor. „Es handelt sich sicherlich nur um ein Missverständnis, das sich schnell aufklären lässt.“

Alconia schenkte ihm keine Beachtung, lief stattdessen weiter in die Ecke hinein. Es dauerte nur einen kleinen Moment, bis sie erkannte, was sie da vor sich hatte: Eine Krähe, die eindeutig mit dem Tod rang. Der Schnabel stand weit offen, die Flügel waren ausgestreckt und zuckten ab und zu matt und ihr fehlten eine Menge Federn. Stattdessen war ihr Körper mit Brandwunden übersät.

Ein weiterer, so absurder wie furchtbarer Gedanke bahnte sich seinen Weg in Alconias Verstand und sie fasste sich entsetzt an den Hals. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, wie die Dämonen mit Hilfe ihrer Magie die Gestalt einer Schlange angenommen hatten. War es ihnen dann nicht auch möglich, andere Menschen in Tiere zu verwandeln?

„Was … was hast du getan?!“, kam fassungslos über Alconias Lippen, als sie sich Hubis wieder zuwandte, und ihr zitternder Finger wies auf die Krähe.

„Ich?“, tat der Dämon unschuldig. „Ich wurde lediglich vorhin durch lauten Lärm, der von unten zu mir heraufdrang, auf diesen Raum aufmerksam. Es war merkwürdiges Geschrei, das ich vernommen hatte und als ich schießlich dieses geheime Verlies fand, entdeckte ich dort auch die verrückte Krähe. Sie war wohl durch das Fenster hier hereingeflogen und zu dumm gewesen, um wieder hinauszufinden. Deswegen geriet sie in Panik, prallte immer wieder gegen die Wände und fiel am Ende in die Feuerschale. Ich war sogar so gnädig, sie da herauszuholen!“

Zorn wallte in Alconia auf, verdrängte die Angst, die sie bisher gelähmt hatte, innerhalb weniger schneller Herzschläge. „Du lügst!“, fauchte sie ihn an. „Dass du es überhaupt gewagt hast, dich in die Burg zu schleichen und dich hier zu verstecken, nach allem, was du getan hast, wird dich Kopf und Kragen kosten!“

„Aber Prinzessin, ich habe mich weder in die Burg geschlichen noch hier versteckt“, erwiderte Hubis wenig eingeschüchtert. „Ich kam durch das Tor wie jeder andere und wurde mit offenen Armen empfangen.“

„Was?!“, keuchte Alconia und sah fassungslos ihre Begleiter an. „Ist das wahr?“

Wittmar hob die Schultern, zwei der Männer, deren Namen sie nicht kannte, nickten jedoch zu ihrem Entsetzen.

„Also, ich sah ihn nicht hereinkommen“, setzte einer von ihnen erklärend hinzu, „aber da er nun schon seit drei Tagen zurück ist und sich frei im Hof bewegen darf, gingen die anderen und ich davon aus, dass die Vorwürfe gegen ihn keinen Bestand mehr haben und er wieder wie gewohnt seiner Arbeit nachgeht.“

„Wie gewohnt … das …“ Alconia rang nach Luft. Das war alles zu viel für sie.

„Prinzessin, ist alles gut mit euch?“, fragte Wittmar besorgt.

„Ich denke, sie hat eine Panikattacke“, hörte sie durch das erneute Summen in ihren Ohren Hubis äußern. „Das ist bestimmt die Düsternis und Enge hier unten. Wir sollten sie besser so schnell wie möglich rausbringen.“

Hubis machte einen Schritt auf sie zu. Ein rotes Glühen war in seinen Augen zu erkennen, als er seine Hand nach ihr ausstreckte.

„NEIN!“, schrie sie, so laut sie konnte, schlug die Hand weg und stieß mit aller Kraft gegen seine Brust, sodass der Mann eine der Wachen rammte. „DU FASST MICH NICHT AN!“ Schwer atmend und bebend vor Zorn und Furcht starrte sie den Dämon an.

Hubis wulstige Oberlippe zuckte ein wenig und auch ihm war nun anzumerken, dass er sehr wütend war. Doch er wagte es nicht, etwas gegen sie zu unternehmen. Offenbar wollte er keinen Kampf mit den Soldaten provozieren.

„Und an die Krähe legst du auch keinen Finger mehr!“, setzte Alconia ihren Worten hinzu. Mit zittrigen Beinen trat sie an das Tier heran, beugte sich hinunter und nahm es so behutsam wie möglich vom Boden auf. Es lebte noch, atmete weiterhin schwer, wehrte sich jedoch nicht gegen ihren sanften Griff, als wüsste es, dass sie ihm helfen wollte. Und wenn sie recht hatte, war das auch so.

„Ich hab dich, Jovan“, raunte sie der Krähe zu, während sie diese vorsichtig in ihre Arme bettete. Tränen traten ihr in die Augen. „Es wird alles gut. Ganz bestimmt wird alles gut.“ Sie hob den Blick, konnte trotz des Tränenschleiers erkennen, dass die Wächter einander Blicke zuwarfen, die noch Schlimmeres sagten als verständnislose Worte. Sie wussten ja nicht, was hier wirklich vor sich ging, waren vollkommen ahnungslos.

„Nun, sie ist noch sehr jung, unsere Prinzessin“, konnte sie Raldon Hubis zuraunen hören, als sie schon auf dem Weg zur Tür war. „Und sie hat erst vor ein paar Tagen Schlimmes durchgemacht – wahrscheinlich sind das die Nerven.“

„Ja, ich hab davon gehört“, gab der Dämon mit betroffenem Gesichtsausdruck und weitaus weniger leise zurück. „So etwas kann ein sensibles, zartes Mädchen schon durcheinanderbringen.“

„Was?!“, stieß Alconia aus, obgleich sie genau wusste, dass es dumm war, auf seine Provokation zu reagieren. „Hubis, tu nicht so, als wärst du nicht dabei gewesen! Du und die anderen Dä… Helfer, ihr wart im Sobrawald und habt Galiana und mich bedroht!“

„Im Sobrawald?!“, wiederholte der Angesprochene. „Dort war ich schon lange nicht mehr! Schon gar nicht , um edlen Frauen etwas anzutun! Hat mich denn jemand von euch edlen Recken dort gesehen? Einige von euch waren doch anwesend, als man die Prinzessin und ihre Tante vor ein paar Wegelagerern rettete.“

Entsetzt musste Alconia mit ansehen, wie die Soldaten, auf die das tatsächlich zutraf, die Köpfe schüttelten.

„Aber womöglich ist Euch jemand begegnet, der mir ähnlichsieht?“, schlug er an Alconia gewandt vor und fügte jammernd hinzu: „Viele meinen, dass wir Baranis einander so sehr ähneln, dass man uns nur schwer auseinanderhalten kann, aber ich hoffe, das sind nur böse Zungen, die so etwas behaupten.“

Alconia schnappte nach Luft, konnte sich aber gerade noch rechtzeitig stoppen. Ihr war eingefallen, dass die Getreuen ihres Vaters zunächst nur tief im Dickicht verborgen auf ihren Einsatz gewartet hatten und erst in Aktion getreten waren, als die Dämonen bereits verwandelt gewesen und verschwunden waren. Die Männer von König Grogor, die bei der Verwandlung dabei gewesen waren, waren alle getötet worden. Somit gab es bis auf Galiana, Elian und sie selbst keine Zeugen für die Zauberei, die dort stattgefunden hatte, und wenn sie recht überlegte, auch keine dafür, dass Hubis tatsächlich vor Ort gewesen war.

Der Dämon wusste das, denn er grinste sie hämisch an, wartete darauf, dass sie einen weiteren Fehler beging, mit dem er sie vor den Männern lächerlich machen und als unglaubwürdig hinstellen konnte. Aber diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun. Im Grunde hatte sie auch keine Zeit, um sich weiter mit Hubis auseinanderzusetzen. Sie musste Jovan retten.

„Die offizielle Anweisung an alle Soldaten Sargans war, Hubis in Gewahrsam zu nehmen, sollte er auf der Burg erscheinen!“, wandte sie sich mit fester Stimme an die Wachen. „Kommt eurer Pflicht nach!“

„Aber diese Anweisung wurde doch aufgehoben“, gab Raldon irritiert zurück. „Erst gestern Abend.“

Wer hat das angewiesen?“, keuchte Alconia fassungslos.

„Burgvogt Jovan.“

Alconia starrte den Mann schockiert an, dann begriff sie. In der Dunkelheit waren Verletzungen kaum zu erkennen und Jovan hatte Galiana, Elian und ihr vor seinem Verschwinden im Vertrauen gesagt, dass Hubis über ihn verfügen konnte, wie ihm beliebte. Sie schluckte schwer, versuchte, sich zusammenzureißen.

„Gut, dann verfüge ich jetzt, dass dieser Mann eingesperrt wird!“, äußerte sie bemüht streng. „Und zwar auf der Stelle!“

„Das könnt Ihr leider nicht, Eure Hoheit“, erwiderte Raldon mit demütig gesenktem Haupt und leicht geröteten Wangen. „Ihr seid nicht weisungsbefugt, was solche Dinge angeht. Solange der König Euch diese Macht nicht übertragen hat, nehmen wir nur seine Anweisungen und die des Burgvogtes an.“

Alconia biss fest die Zähne aufeinander, um nicht erneut laut zu schreien. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Durchzudrehen würde ihr momentan jedoch sicherlich nicht helfen und nur eine Person glücklich machen: Hubis. Deswegen atmete sie tief durch, hielt ihre Gefühle tapfer weiter in Schach und sagte nur: „Gut. Ich werde diesbezüglich mit meinem Vater sprechen.“

Sie wollte sich zum Gehen umwenden, doch Hubis hielt sie ein weiteres Mal auf, indem er plötzlich an ihrer Seite war, ja sich sogar vor ihr in die Tür stellte.

„Ich finde, Ihr solltet die Krähe besser hierlassen“, wagte er nun auch noch zu äußern. „Sie könnte eine schlimme Krankheit haben und nachher sterbt Ihr daran noch wie Eure Mutter! Ich kümmere mich um das Vieh und setze seinem Leid ein schmerzloses Ende. Versprochen!“

„Aus – dem – Weg!“, brachte Alconia mühsam beherrscht hervor.

Hubis regte sich nicht. Seine Oberlippe zuckte erneut, als wolle er seine Zähne blecken.

„Ihr habt die Prinzessin gehört!“, bekam sie unerwartet Hilfe von Wittmar, der mit diesen Worten beschützend an ihre Seite trat. „Ihr berührt diese Krähe nicht! Auch wenn unsere Prinzessin verstört und überwältigt von all dem Erlebten sein mag, so ist sie doch unsere Herrin und wenn sie das halbtote Tier haben will, dann ist uns ihr Wunsch ein Befehl! Also tretet beiseite!“

Hubis Wangenmuskeln zuckten vor Ärger, doch fügte er sich der Aufforderung mit einem falschen Lächeln und ließ sie passieren.

Alconia eilte den Gang entlang und die Treppe hinauf, ohne sich noch einmal umzusehen. Um Hubis würde sie sich später kümmern, denn die Krähe in ihren Armen wurde immer schwächer und wenn sie wirklich der verwandelte Jovan war, musste sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihn zu retten. Das schuldete sie nicht nur Lea, sondern auch Dumár und Jovan selbst.

 

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