2. May 2020 - 20:44

Leseprobe von ‘Das Magische Puppenhaus’

Nachtlicht

 

 

 

 

Manja schreckte hoch. Irgendetwas hatte sie geweckt. Mitten in der Nacht, denn in ihrem Zimmer war es noch stockdunkel. Dabei hatte sie doch gerade soo schön von einem sonnigen Tag am Strand geträumt und das eben gekaufte, köstlich aussehende Erdbeer-Schoko-Eis noch nicht einmal probieren können. Hach!

Da! Da war das Geräusch wieder. Das Geräusch, das bis in ihren Traum vorgedrungen war: Leises Klappern. Sie schaltete das Licht auf ihrem Nachttisch an und sah sich um. Ihr Zimmer sah aus wie immer: Regale und Möbel waren an der gleichen Stelle. Es stapelten sich viele angefangene Bücher auf dem Nachttisch. Die Klamotten vom Vortag waren unordentlich auf dem Schreibtischstuhl verteilt.

Das Fenster stand offen, weil sie gern frische Luft zum Einschlafen hatte, und sie konnte die Sterne und den Mond am Himmel funkeln sehen. Vielleicht hatte der Wind ja das Fenster klappern lassen.

Erneut ertönte das Geräusch, aber es kam gar nicht aus ihrem Zimmer, wie sie jetzt feststellte. Es klang irgendwie wie das Klappern einer Tür.

„Mum?“, rief sie.

Keine Antwort.

Ein Blick auf ihre Armbanduhr sagte ihr, dass es bereits zehn nach zehn Uhr nachts war.

„Mum?“

Wieder keine Antwort. Vermutlich kam ihre Mutter mal wieder später als geplant. An diesem Tag hatte sie ja die Spätschicht im Supermarkt und da kam sie nicht immer pünktlich raus, schon gar nicht, wenn jetzt noch jemand fehlte.

Manja stand auf und trat auf den kleinen Flur im zweiten Stock ihres Hauses. Die Tür vom Schlafzimmer ihrer Mutter war noch offen – ein sicheres Zeichen dafür, dass sie tatsächlich noch nicht daheim war. Manja wollte immer gern hören, wann ihre Mum nach Hause kam, um sie zu begrüßen. Oft schlief sie jedoch zu schnell ein und ihre Mutter schloss bei der Rückkehr die Tür sehr leise, um ihre Tochter nicht zu wecken.

Gähnend lief Manja ins Schlafzimmer ihrer Mum sowie ins Bad, um zu schauen, ob ein dort offenstehendes Fenster irgendwo eine Tür klappern ließ. Nein. Hm. Von hier war das Geräusch dann wohl auch nicht gekommen.

Sie ging wieder zurück und beugte sich vorsichtig ein kleines Stück über das Geländer, das von der Treppe aus auch einen kleinen Teil des Flurs bis zur nächsten Wand begrenzte. Von unten kam ebenfalls kein Luftzug und dort gab es nur drei Türen: die Haustür, die Tür zum Garten und die zur Abstellkammer. Zur Küche gab es keine und Manja konnte schwören, dass alle anderen fest verschlossen waren – Vorder- und Hintertür sogar mit Schlüssel.

Etwas anderes war jedoch seltsam: Sie sah helles Licht dort unten. Manja und ihre Mutter ließen nie Licht an, wenn sie einen Raum verließen.

„Der Staub muss ja nichts sehen können“, sagte ihre Mutter immer und hatte Manja von klein auf gelehrt, Strom zu sparen.

„Das schont Geldbeutel und die Umwelt“, war ein weiterer Spruch ihrer Mum. Manja hatte dies so verinnerlicht, dass sie sogar bei Ronny jedes Mal das Licht ausmachte, wenn sie gemeinsam sein Zimmer verließen.

Seine Eltern verstanden das gar nicht. Bei ihnen lief der Fernseher, auch wenn keiner im Raum war. In kälteren Jahreszeiten war die Heizung oft voll aufgedreht, aber die Fenster standen zur gleichen Zeit offen. Und in fast jedem Zimmer brannte Licht, manchmal sogar tagsüber. Im Sommer!

 

Wie dem auch war – Manja hatte garantiert kein Licht brennen lassen. Sie stand auch bereits lange genug hier, um sicher zu sein, dass es keine Scheinwerfer eines Autos waren, die manchmal das Wohnzimmer erhellten, wenn ein Wagen draußen vorbeifuhr. Aber was sollte es sonst sein?

Erneut hörte sie etwas. Dieses Mal war es kein Klappern, sondern Stimmen. Leise Stimmen. Und sie kamen ganz sicher von unten. Daher, wo auch das Licht war.

Manja hatte den alten Fernseher nur kurz eingeschaltet, um eine Doku über Nagetiere zu schauen, das Gerät aber danach sofort wieder ausgemacht. Außerdem war das Licht aus einem Fernseher flackernder, unwirklicher, nicht so warm und stet.

„Elfe? Kobold?“, rief sie halblaut, auch wenn sie sicher war, dass diese das Haus nicht betreten würden.

Und dann war das Licht plötzlich aus.

Erschrocken hielt Manja die Luft an. Sie hatte sich in den letzten Jahren daran gewöhnt, allein im Haus zu sein, also war sie nicht besonders ängstlich. Aber Licht und Stimmen, nachts, wenn niemand außer ihr da war … das war etwas ganz anderes und man hörte ja genug grausige Geschichten.

Auf Zehenspitzen ging sie zurück in ihr Zimmer und holte den Baseballschläger unter ihrem Bett hervor, den ihre Mutter ihr vor zwei Jahren geschenkt hatte. Er war nicht so groß wie der für Erwachsene oder Teenager, aber jetzt fühlte sie sich schon sicherer. Doch was nun?

Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Selbst nachzusehen war vermutlich keine gute Idee, auch wenn sie nicht wirklich daran glaubte, dass Einbrecher im Haus waren. Was sollte man bei ihnen schon stehlen?

Aber wenn doch … dann hatte man sie bestimmt rufen hören. Und wusste nun spätestens, dass ihre Mutter nicht daheim war. Auweia!

Ein anderes Mädchen hätte spätestens jetzt die Polizei angerufen. Diese Liz, die Ronny so toll fand, wäre bestimmt schon längst laut kreischend in ihr Zimmer gelaufen und hätte sich dort eingeschlossen. Und vielleicht war das gar keine so dumme Idee. Aber Manja war nicht wie andere Mädchen in ihrem Alter. Oder Jungen.

Denn andere Kinder waren auch nicht so oft allein und für ihr Alter bereits mehr als selbstständig. Und sie hörten vielleicht auch nicht so sehr auf das, worauf Manja sich eigentlich immer verlassen konnte: ihr Bauchgefühl. Und das sagte ihr, dass die Polizei hier nichts ausrichten konnte.

Was in ihrem Haus passierte, hatte nichts mit normalen Dingen zu tun, sondern mit … Nein, sie würde das Wort nicht denken, auch wenn sie es so gern wollte, denn leider gab es neben ihrem Gespür für … gewisse, nicht normale Dinge auch noch den größten Feind dieses Gefühls: den Zweifel. Er kam als kleine Stimme in ihrem Kopf daher, die ihr sagte, dass es für jede seltsame Sache eine logische Erklärung gab. Alles andere sei nur kindischer Blödsinn. Bloß auf welche dieser beiden Seiten sollte sie nun hören? Welche brachte sie weniger in Gefahr und half ihr dennoch dabei, herauszufinden, was da unten los war?

Sie hatte eine Idee. „Ja?“, rief sie laut, in ihrem Türrahmen stehend und den Blick starr Richtung Treppe gerichtet. Sollte jemand heraufzukommen versuchen, würde sie ihn hören, bevor sie ihn sehen konnte. Ganz egal, wie sehr man schlich – die zweite, vierte, fünfte und siebte Stufe knarrten sehr laut.

„Ja, ich bin dran … Was sagst du, Dad?“ Manja tat einfach so, als würde sie telefonieren. „Ich versteh dich so schlecht durchs Handy. Waaas? Ach, du und Onkel Joe sind schon an der Straßenecke? Super, dann sehen wir uns ja in einer Minute.“

Wenn trotz ihres Bauchgefühls wirklich ein Einbrecher im Haus war, würde der jetzt hoffentlich das Weite suchen. Dass sie seit Jahren kaum Kontakt zu ihrem Vater hatte und ihr Onkel Joe in Japan wohnte, wusste ja kaum einer. Und schon gar kein Fremder.

Angespannt horchte sie in die nun herrschende Stille hinein. Keine Stimmen mehr. Kein Geklapper. War das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Wie sollte sie denn bloß herausfinden, ob sich jemand da unten befand oder ihr Bauchgefühl mal wieder recht hatte?

Im nächsten Augenblick fuhr sie zusammen, weil ein Rumsen ertönte, gefolgt von einem Fluchen, direkt vor ihrer Haustür. Kurz darauf ertönte ein leiseres, aber immer noch deutlich zu vernehmendes „Entschuldigung, liebe Nachbarn!“ und dann wurde auch schon die Tür geöffnet und Manjas Mum stand im Wohnzimmer.

Was, wenn jemand, der vermutlich gar nicht da war, gerade versuchte, aus dem Haus zu gelangen und –

„Vorsicht, Mum“, rief sie in irrsinniger Sorge und rannte die Treppe hinunter. „Da ist vielleicht ein –“

Am Fuße der Treppe bremste sie schwungvoll ab und konnte gerade noch den Baseballschläger hinter sich verstecken, als ihre Mutter – die einzige andere Person im Raum – sich erschrocken zu ihr umdrehte.

„Manja, Kind! Bist du von Sinnen?? Ich hab fast einen Herzinfarkt bekommen! Geht es dir gut??“ Die Stimmung ihrer Mutter schlug von Schreck in Besorgnis um.

„Ja klar, alles super!“, schwindelte Manja und hielt sich geistesgegenwärtig am Geländer fest. Schnell und möglichst unauffällig sah sie sich nach allen Seiten um. Der untere Wohnbereich war so klein und überschaubar, dass man sich nirgendwo verstecken konnte – nicht einmal in der Abstellkammer, denn die war gerammelt voll.

„Ich dachte, ich hätte neben der Tür noch was rumstehen lassen“, plapperte Manja weiter, „und du könntest drüber stolp-“

Sie verstummte, als sie den Haufen verpackter Lebensmittel draußen vor der offenstehenden Haustür am Boden liegen sah.

„Was ist das denn alles?“, fragte sie erstaunt und lief hinüber, um ihrer Mutter beim Aufheben zu helfen. Sie begutachtete einige der Packungen genauer. Nudeln. Kleine, große, lange, kurze, dünne und dicke.

„Manja, Schatz, pass doch bitte auf!“ Ihre Mum nahm ihr eine Packung aus der Hand und erst jetzt merkte Manja, dass diese kaputt war und immer wieder Nudeln herausfielen.

„Dann nehmen wir die halt für die Hühner“, sagte ihre Mutter und sammelte die Nudeln auf, um sie zusammen mit ein paar Dosen auf dem Küchentisch abzulegen.

Manja brauchte nicht genau hinzusehen, um zu wissen, was in den Dosen war: Tomaten.

„Gab es mal wieder Schlussverkauf?“, fragte sie und ihre Mutter nickte.

Es war natürlich kein richtiger Schlussverkauf und schon gar keiner, wo man sich um die besten Schnäppchen prügelte, so wie Manja es mal im Fernsehen gesehen hatte. Der Supermarktleiter verkaufte fast oder bereits abgelaufene Lebensmittel billiger an seine Angestellten. Manja verstand nicht, wieso er sie nicht einfach verschenkte.

Trotz der Ablenkung sah sie sich noch einmal ganz genau um. Nein, niemand konnte sich hier verstecken, es sei denn, er war so klein wie eine Maus. Ihr Blick fiel auf das Puppenhaus und sie runzelte die Stirn.

Bevor sie in ihr Zimmer gegangen war, hatte sie alle Figuren sorgfältig von Staub befreit und auf den Wohnzimmertisch gelegt. Die kleinen Möbel hatte sie auf ein Tablett auf dem Boden gestellt. Sie wollte sie morgen zusammen mit Ronny ins Puppenhaus setzen, wenn sie alles repariert hatten.

Nun stand die kleine Plastikkatze aber im unteren Stockwerk vor einem alten, auf die Wand aufgemalten Holzofen.

Hm. Na ja, egal, vermutlich hatte sie das Kätzchen selbst dorthin gesetzt, als sie abgelenkt gewesen war. Das war schon alles in Ordnung. Komisches Bauchgefühl hin oder her.

„Sag mal, warum bist du eigentlich noch auf?“, riss ihre Mutter sie aus ihren Gedanken. „Und was macht dein Baseballschläger unter der Wohnzimmerkommode?“

Mist! Manja hatte ihn gerade erst dort versteckt und gehofft, sie würde ihn nicht bemerken.

„Manja?“ Ihre Mutter sah sie prüfend an. „Ist irgendetwas passiert?“

„Was? Nein … ich … ich hab nur schlecht geträumt und …“ Eigentlich war sie nie um Ausreden verlegen, aber sie mochte es auch nicht, ihre Mutter anzulügen.

Ms Simmons seufzte und zog sie in ihre Arme. „Es ist, weil ich immer so spät komme, oder? Du bist noch gar nicht groß genug, um so lange allein zu bleiben, und ich mute dir da viel zu viel zu.“

„Doch, bin ich!“, protestierte Manja in den Bauch ihrer Mutter hinein.

„Es sollte heute ja auch gar nicht so spät werden“, fuhr diese fort und strich ihr dabei liebevoll übers Haar, „aber zusätzlich zur Kündigung der anderen Mitarbeiterin liegt meine Kollegin Nancy mit einer Erkältung zu Hause. Und dann musste noch die Inventur zu Ende gemacht werden … Ach, ich suche mir was Neues. Das geht so nicht weiter. Und bis ich was anderes habe, organisiere ich dir einen richtigen Babysitter und –“

„Neiiin!!“, rief Manja entsetzt und befreite sich aus der Umarmung. „Ich bin doch kein Baby mehr!“ Entrüstet schüttelte sie den Kopf und begann dann an der Hand abzuzählen: „Ich kann allein einkaufen gehen, kochen, Wäsche waschen, staubsaugen, die Tiere versorgen und meine Hausaufgaben ohne Hilfe machen. Ich brauche keinen Babysitter! Ich bin fast erwachsen!“

Ihre Mutter sah sie an und da war eine komische Mischung aus furchtbar schlechtem Gewissen und großem Stolz in ihren Augen. „Das weiß ich, dass du das alles kannst“, sagte sie sanft. „Aber du solltest es noch nicht können müssen.“

„Ach, papperlapapp!“, winkte Manja auf dieselbe Art und Weise ab, wie ihre Mama es oft tat, und beide mussten lachen.

„Na, da reden wir dann noch mal in Ruhe drüber“, sagte ihre Mutter schmunzelnd, „aber jetzt musst du ins Bett. Ab mit dir! Es ist schon viel zu spät für dich!“

„Morgen ist doch Samstag“, gähnte Manja, begann aber brav, die Treppe hinaufzugehen. Was für ein aufregender Tag und eine noch aufregendere Nacht!

Dennoch musste sie über sich selbst den Kopf schütteln. Einbrecher. So ein Quatsch! Das Schlimmste, was in ihrer Gegend passierte, war das Stören der Nachtruhe durch betrunkene Jugendliche. Die grölten manchmal nachts durch die Straßen, verschwanden aber schnell und wurden leise, sobald Manjas Mum ihnen mit einem Anruf bei ihren Eltern drohte. Man kannte sich hier. Hier passierte nie etwas. Außer …  nein, um darüber nachzudenken, war Manja jetzt viel zu müde. Morgen war ein besserer Tag dafür und dann konnte sie ja auch noch mal mit Ronny über die seltsamen Geräusche und das Licht in der Nacht sprechen.

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