13. March 2013 - 19:08

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21. June 2021 - 13:22

Leseprobe Magisch Versetzt

Durch den Wind

 

 

Es geschah an einem gelben Gebäude am Place de la Cathédrale. Es regnete nicht mehr. Zuzanna hatte soeben zwei Flammkuchen zum Mitnehmen in Empfang genommen und sich auf den Rückweg zu Marines Apartment gemacht, als sie plötzlich wie vom Donner gerührt stehen blieb. In der Menschenmenge vor ihr hatte sie ein bekanntes Gesicht entdeckt, aus den Augen verloren, ein weiteres Mal erspäht,  bevor es erneut verschwand, und sich gerade erfolgreich eingeredet, sich getäuscht zu haben, als eine Gruppe geführter Touristen weitergelaufen war und einen hübschen, dunkelhaarigen Jungen zurückgelassen hatte. Einen Jungen, der sich eben noch verwirrt und panisch umgesehen hatte und sie nun anstarrte. Mit Angst gepaarte Erleichterung lag in seinem Blick und er bewegte sich unsicher auf sie zu, sich immer wieder ruckartig nach allen Seiten umsehend und eine altmodische Ledertasche fest umklammernd.

Zuzannas Augenbrauen wanderten aufeinander zu. Die nächste kleine, vorbeiziehende Gruppe versperrte ihr die Sicht, doch als diese fort war, war Raphael immer noch da, begann nun im Eiltempo auf sie zuzulaufen. Sie konnte nichts anderes tun, als stehenzubleiben, auch wenn ein Teil von ihr gerne auf dem Absatz kehrtgemacht hätte. Hatte er sich mit der Blonden getroffen und festgestellt, dass sie doch nicht so toll war? Oder hatte das Mädchen ihn nur auf den Arm genommen und nun war ihm die ganze Sache peinlich?

„Zuzanna“, hauchte er ein paar Augenblicke später und in seinem Blick mischten sich Freude und Angst. „Ich … du … ich …“, er brach ab, seine Augen wanderten hektisch umher.

„Alles okay mit dir?“, erkundigte sie sich stirnrunzelnd. Warum verhielt er sich so komisch?

„Wir müssen hier weg!“, stieß er aus und packte sie etwas grob am Handgelenk.

„Was zum Henker ist hier los?!“ Zuzanna, die mit einer solchen Reaktion absolut nicht gerechnet hatte,  schüttelte seine Hand ab und trat einen Schritt zurück.

„Wir … wir müssen uns verstecken! Ach, was rede ich? Ich, ich muss mich verstecken. Vor denen!“ Ein weiteres Mal flog sein Blick panisch in alle Richtungen.

Zuzanna schluckte. Die Situation war ihr nicht geheuer. Hatte Raphael etwas mit Goldlöckchen genommen oder geraucht? Seine Augen sahen trotz des geschockten Ausdrucks in ihnen klar aus, aber so gut kannte sie sich mit Drogen und deren Wirkung nicht aus. Ihr Schulkamerad schwitzte und atmete schwerfällig, als würde er nicht genug Luft bekommen, zitterte. Hatte er eine Panikattacke? Einer von Zuzannas entfernteren Cousins litt aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung manchmal unter solchen, aber der fühlte sich nicht verfolgt. Was war bloß in der kurzen Zeit seit Raphaels Verschwinden geschehen, das ihn derart aufwühlte? War er vielleicht überfallen worden?

Sie musste versuchen, beruhigend auf ihn einzuwirken, was sich schwierig gestaltete: Ohne weitere Vorwarnung warf Raphael sich herum und rannte die gesamte Straßenlänge hinunter, bevor er scharf in eine schmale Gasse abbog. Nach einer verwirrten Sekunde folgte Zuzanna ihm im Laufschritt.

„Raphael! Raphael, jetzt warte doch mal!“, rief sie laut und mehrere Touristen sahen zu ihr. Super. So gut wie niemals zog sie Aufmerksamkeit auf sich, aber ausgerechnet jetzt starrte man sie an.

„Wir proben … für ein … Theaterstück“, keuchte sie der internationalen Menge auf Deutsch zu. Warum genau ihr diese falsche Mitteilung überhaupt wichtig war, wusste sie nicht. Als sie ebenfalls um die Ecke bog, sah sie ihren Mitschüler gerade noch ein paar Treppenstufen hochrennen und in einem Hauseingang verschwinden. Nur wenig später stand sie bereits selbst vor diesem. Die Tür war wohl verschlossen, denn ihr Schulkamerad war noch da, hatte sich in die Ecke gepresst und zuckte bei ihrem Anblick erschrocken zusammen, dabei musste er ihre wiederholten Rufe doch gehört haben. Seine rechte Hand umklammerte nun zusätzlich zu einem Teil der Ledertasche sein Handy.

„Na toll! Jetzt kann ich dich rausnehmen und du machst trotzdem nichts?“, fauchte er das Gerät verständnislos an. „Du bist doch vollständig aufgeladen!“

„Was … ist denn … eigentlich los?“ Zuzanna schnappte nach Luft. Sie war nicht komplett unsportlich,   tanzte gerne, wenn niemand hinsah, machte Pilates und ein wenig Zumba, aber Ausdauersport wie Rennen war noch nie ihr Ding gewesen.

Statt einer Antwort packte Raphael sie am Arm und zog sie zu sich. Instinktiv griff Zuzanna nach seiner Hand, machte sich mit einem unwilligen Laut los und trat die drei zum Eingang führenden Treppenstufen wieder herunter. Die Situation war ihr nicht geheuer. Schnell sah sie sich um. Die Haustür hinter seinem Rücken war geschlossen, die Gasse bis auf sie beide leer, das Zentrum der Altstadt jedoch nicht weit entfernt. Wenn sie schrie, würde man sie hoffentlich hören. Der Gedankengang war generell logisch, aber in Bezug auf ihren Klassenkameraden erschien er ihr plötzlich absurd. Raphael war mit Bestimmtheit kein Psychokiller, hatte sie auch sofort erschrocken losgelassen und wirkte nicht aggressiv. Sicherlich hatte er lediglich Angst.

„Tut … tut mir leid“, keuchte er wie zur  Bestätigung, wagte sich ein Stück vor, um die Gasse hinabsehen zu können, und verbarg sich anschließend wieder in der Türnische. Seine Stirn legte sich in tiefe Falten und er machte den Eindruck, als würde er fieberhaft nachdenken.

Zuzanna sah ihn genauer an. Seine Haare waren zerzaust, er schwitzte nach dem kleinen Sprint stärker und eine rote Schramme zierte die rechte Seite seines Kinns. Nach einem kleinen Flirt mit einem Mädchen sah das nicht gerade aus. Gehörte das komische blonde Ding zu einer Verbrecherbande und hatte ihn in einen Hinterhalt gelockt? Bei diesem Verdacht spürte Zuzanna Wut in sich aufsteigen. Oh, sie könnte sie bei der Polizei notfalls sehr gut beschreiben, dieses Miststück! Aber wenn es ein Überfall gewesen sein sollte – wieso hatte Raphael dann plötzlich eine Extratasche dabei? Ob da Diebesgut drin war und er sie sich einfach geschnappt hatte? Oder war er zurück ins Hotel gegangen, um die Tasche zu holen? War er dafür überhaupt lange genug weggewesen? Zuzanna zwang sich zur Ruhe. Ihre überbordenden Vermutungen brachten niemandem etwas. Sie brauchte Fakten.

„Was ist denn nun passiert?“, fragte sie möglichst sanft und trat dichter an ihn heran. In ihrer Tasche suchte sie dabei nach der Packung Taschentücher, die sich irgendwo darin befinden musste. Desinfektionsmittel und ein Pflaster wären natürlich besser, nur führte sie so etwas nicht mit sich.

Raphael erwachte aus seiner vorübergehenden Starre, fuhr herum, rüttelte an der Tür. Sein Blick flog wild umher, bevor er sich wieder schwer atmend auf Zuzanna konzentrierte, die nun selbst ihr Handy herausgeholt hatte.

„Was machst du da?“, stieß er aus. „Lass das!“

„Ganz ruhig“, sie hob beschwichtigend eine Hand. „Ich wollte dir anbieten, die Polizei zu rufen, falls … hat man dich … bist du überfallen worden?“

Er schnaubte. „Wenn es nur das wäre!“ Er beugte sich ein weiteres Mal vor, sah die Gasse auf und ab und presste sich wieder an die Tür, machte eine winkende Bewegung mit einer Hand.

„Könntest du bitte hier rauf kommen?“ Er wies auf den freien Platz neben sich. „Bitte. Sie hat uns zusammen gesehen, vielleicht erkennt sie dich wieder. Ich muss … ich muss meine Sachen abholen und irgendwie zum Bahnhof kommen, aber vermutlich sucht sie schon nach mir und – bitte komm hier rauf! Ich tue dir nichts! Was denkst du denn von mir?“

Wenn auch widerwillig, kam sie seiner Bitte letztendlich nach und sah ihn durchatmen, nachdem er die Straße noch einmal in Augenschein genommen hatte.

„Also bist du überfallen worden?“, erkundigte sie sich sanft. „Weißt du, dann sollten wir wirklich die Polizei rufen, denn –“

„Ach was, die Polizei, die kann da auch nichts ausrichten!“, behauptete er verzweifelt. „Oder kann die neuerdings zeitreisen??“

Bitte was?

„Pass auf“, er atmete betont tief durch, „ich weiß, dass sich das absolut krass anhört, ich versteh es ja selbst nicht ganz, aber …“ Er ließ die Luft mit einem Mal entweichen, schloss kurz die Augen, um sich wohl besser konzentrieren zu können, und Zuza gewährte ihm geduldig diese Zeit der Sammlung.

„Also, wie du ja weißt, bin ich um die Ecke, um nach meiner Karte zu suchen“, begann er kurz darauf zu berichten, „und kaum komme ich an dieser Minigasse neben der alten Bäckerei vorbei, ist da auf einmal dieses blonde Mädchen in einem der Hauseingänge und fragt mich, ob ich etwas verloren habe. Als ich total baff an sie herangehe, um ihr zu antworten, packt mich jemand von hinten und presst mir ein feuchtes Tuch auf Mund und Nase.“

Zuzanna fasste sich entsetzt an die Brust. Manchmal fühlte es sich nicht gut an, mit seinen Vermutungen richtig zu liegen.

„Ich weiß nicht genau, was es war“, fuhr Raphael fort, „aber sicherlich irgendeine Droge, denn ich war plötzlich vollkommen willenlos, hab mich gefühlt, als wäre ich volltrunken, und kein sinnergebenes Wort mehr hervorgebracht. Aber ich kann mich erinnern, dass mich zwei Männer in altertümlicher Kleidung halbwegs getragen haben und zwar zu einem Gebäude und dort in eine alte Küche. In der befand sich eine offenstehende Tür aus der ein seltsamer, Wirbel bildender Nebel drang und mit einem Mal sind wir da drin und als ich wieder einigermaßen zu mir komme, befinde ich mich plötzlich in diesem altertümlichen Haus – also ein anderes als das zuvor, denke ich, denn dessen Einrichtung sah aus wie die aus dem Rokoko oder so. Statt des Mädchens steht eine blonde Frau vor mir, ebenfalls in Kleidern des Rokoko oder was auch immer, die behauptet, eine Magierin zu sein, die meine Hilfe braucht, und dann ist da noch dieser Kerl in Herrenrock und Kniehosen, der mir sagt, er wird mich umbringen, wenn ich nicht tue, was sie sagt.“

„Was?“, keuchte Zuzanna entsetzt. „Wieso?“

„Heftig, oder?“ Raphael schüttelte sich, als würde er versuchen, die grässliche Erinnerung loszuwerden. Aber konnte er sich an so etwas überhaupt erinnern? Das war doch alles nicht möglich! Zeitreisen? Magierinnen? So etwas gab es nicht in der Realität.

„Ich denke natürlich, dass mir nur jemand einen üblen Streich spielt, und lache für eine Weile, während ich versuche, mein Handy aus der Jackentasche zu holen. Aber ich kann es nicht richtig greifen und schon gar nicht herausfummeln und irgendwie hab ich plötzlich das üble Gefühl, dass die Frau vielleicht doch zaubern kann …“

„Aber das ist nicht möglich“, wandte Zuza ein. „Das war sicherlich nur ein Trick.“

Das dachte ich auch, aber es wurde mir so gruselig, dass ich den Mann zur Seite geschubst habe und einfach zur Tür gerannt bin und als ich die aufreiße …“ Er schluckte schwer, musste einen tiefen Atemzug nehmen und kräftig schlucken, bevor er weitersprechen konnte. „Da waren Kutschen, Zuzanna, aber nicht diese Touri-Dinger, sondern echte, alte und weitere Menschen, die so angezogen waren wie Leute im Rokoko und einfach alles sah so aus, als hätte man mich in einen historischen Film geworfen. Und im nächsten Moment packt man mich von hinten und zieht mich wieder ins Haus und meine eigene Kleidung sieht auf einmal so aus, als wäre sie schon Jahre ununterbrochen getragen worden. Guck dir mal meine Jacke an!“ Er zupfte nachdrücklich an seinem Kragen.

Zuzanna musste zugeben, dass die Jacke in der Tat sehr ‚used‘ wirkte, aber das war doch momentan ‚in‘. Und wenn sie ehrlich war, hatte sie seine Kleidung bei ihrem gemeinsamen Spaziergang nicht so genau unter die Lupe genommen, um sagen zu können, ob diese jetzt anders aussah als zuvor.

„Die Zauberin sagte mir, das würde immer passieren, wenn man moderne Sachen in alten Zeiten anbehält und sie andere, nicht Eingeweihte sehen lässt“, führte Raphael seine ungeheuerliche Geschichte fort, „und dass ich sterben würde, wenn ich zu lange in der Vergangenheit steckenbleibe. Aber sie hätte keine andere Wahl und würde mich erst zurück in meine Zeit bringen, wenn ich tue, was sie mir aufträgt. Kannst du dir das vorstellen?“ Er lachte verzweifelt, während Zuzanna nichts anderes übrigblieb, als den Kopf zu schütteln. So was Irres hatte sie noch nie zuvor gehört.

„Ich hab echt Schiss bekommen“, berichtete Raphael weiter, „und natürlich eingewilligt, in der Hoffnung, mich irgendwann befreien zu können. Die Frau hat dann die Tür einer Kammer geöffnet, in der sich erneut der seltsame Nebel befand, und als wir hineingingen, kamen wir wieder in dieser Zeit raus. Zwei ihrer Helfer haben mich an den Armen gehalten, damit ich nicht weglaufen kann, und wir sind zu einem alten, baufälligen Gasthaus mit einem Hinterhof gegangen. Leider war das ein Schleichweg durch ganz kleine Gassen. Ich hatte gehofft, einfach um Hilfe rufen zu können, aber da war niemand außer uns. Jedenfalls befand sich dort an der Rückseite des Hauses eine alte, verrostete Tür. Die Hexe holte einen Schlüssel und eine komische kleine Standuhr, wie man sie sich auf den Kaminsims stellt, aus der Ledertasche, die sie bei sich trug,  und hat mit beidem die Tür öffnen können, erneut mit diesem Nebel und wir sind dann hinein – nur sie und ich – und alles wurde noch viel seltsamer …“ Er fuhr sich zitternd mit einer Hand durch die Haare.

„Wieso?“, hakte Zuzanna vorsichtig nach.

„Der Keller, in dem wir ankamen, war uralt und da lagen Dinge aus längst vergangenen Zeiten herum, Rüstungen und Waffen und ein paar Truhen und Fässer standen da auch. Aber das alles hat die Magierin gar nicht interessiert. Sie hielt auf eine Wand zu, in der sich eine Gravur aus seltsamen Symbolen und einem Wappen in der Mitte befand und sie meinte, ich müsste dort ein Geheimversteck für sie öffnen, danach würde sie mich unversehrt gehen lassen.“ Wieder zerwühlte er sich nervös die Haare. „Das klingt noch abgefahrener, wenn ich es erzähle.“

Zuzanna versuchte sich an einem beruhigenden Lächeln, was schwierig war. Die Geschichte war in zweierlei Hinsicht unglaublich: spannend und irre. War Raphael verrückt geworden?

„Und das hast du getan? Also das Versteck geöffnet?“ Wahrscheinlich war es gar nicht klug, ihn auch noch durch Nachfragen in seinem Glauben an das Geschehene zu bestätigen, aber nun war es heraus.

„Selbstverständlich nicht! Sie meinte nämlich, wir bräuchten dafür mein Blut!“ Raphael wurde nun sogar noch bleicher als zuvor. „Sie hat einen Dolch gezückt und da bin ich durchgedreht. Ich hab sie weggestoßen und sie ist mit dem Kopf gegen die Wand geknallt und erst mal liegen geblieben. Ich hab mir die Tasche mit der Standuhr gekrallt, weil ich dachte, dass sie mir ohne das Teil vielleicht nicht folgen kann, und bin raus aus der Tür, durch den Nebel. Mein Gedanke war, die Tür hinter mir wieder zu verschließen, aber da waren natürlich noch ihre Komplizen draußen, die vollkommen verdattert waren, dass ich allein auftauche. Durch deren Verwirrung hatte ich die Zeit, wegzurennen und mich unter eine Gruppe von Touristen zu mischen. Und jetzt … jetzt bin ich hier … und du glaubst mir nicht.“ Er seufzte tief.

„Ich … also ich versuche es“, gab Zuzanna zögernd zurück, auch wenn das nicht so ganz der Wahrheit entsprach, denn Raphaels Geschichte konnte so nicht passiert sein. Wahrscheinlich hatte die Droge, mit der man ihn betäubt hatte, eine Halluzination nach der anderen ausgelöst. Aber was hatte es mit dieser überaus seltsamen Entführung auf sich? Soweit sie wusste, war Raphaels Familie nicht übermäßig reich, also machte das Erpressen von Lösegeld wenig Sinn. Natürlich gab es wesentlich krankere Menschen als simple Entführer da draußen, doch Zuzannas Verstand weigerte sich, etwas davon bezüglich Raphael in Erwägung zu ziehen. Und schon gar nicht hier, an diesem idyllischen Ort!

Fakt war dennoch, dass das blonde Miststück Raphael in eine Falle gelockt hatte. Aber Magie, eine Zauberin und Reisen durch die Zeit? Das war zu absurd!

„Ich weiß doch, was ich gesehen habe, verdammt noch mal!“, fuhr er auf, wohl weil sie zu zweifelnd geschaut hatte. Gleich darauf biss er sich auf die Lippen und Zuzanna bemühte sich, ihre Gesichtszüge zu entspannen. „Sorry, tut mir leid.“

Sie zögerte, zuckte schließlich die Schultern, als wäre es nicht weiter schlimm, auch wenn sie sich in Wirklichkeit immer unwohler und hilfloser fühlte. „Ist schon okay. Du, meine Tante wohnt nicht weit weg, gleich unten in Petite Venise und –“

Kurzzeitig blitzte Hoffnung in Raphaels Augen auf, doch er schüttelte den Kopf. „Nein, das ist zu weit, zu riskant.“ Er kaute auf seiner Unterlippe herum, schien mit seinen Gedanken wieder weit weg.

Zuzanna unterdrückte ein Seufzen. Sie brauchten Hilfe, auch wenn Raphael das nicht einsehen wollte, und kurz darauf hatte sie auch schon eine Idee. „Pass auf, die Schramme in deinem Gesicht sieht nicht so gut aus und ich würde vorschlagen, dass wir da vorne in einem der Läden nach Verbandszeug –“

„Nein!“, wehrte er, wie erwartet, sofort entschieden ab und drückte sich panisch mit dem Rücken an die Haustür. „Du verstehst das nicht, aber die sind noch irgendwo hier und ich gehe ganz bestimmt nicht zurück in diesen Keller und lasse mich aufschlitzen!“

Zuza biss sich auf die Lippen, während Raphael wieder von der Zauberin zu erzählen begann. So kamen sie nicht weiter. Sie mochte fantastische Erzählungen, aber a) lieber von schönen Dingen und b) war seine Geschichte doch sehr verworren. Schock eben.

„Hör zu“, sie straffte die Schultern. „Wenn du nicht mitkommen magst, ist das okay. Bleib hier in Sicherheit und ruh dich aus, ich kann dir auch gerne mein Handy geben, weil ja deins nicht funktioniert, dann kannst du jemanden anrufen …“

Vielleicht seine Eltern oder einen Freund, jemand, der  mit seinem Zustand besser umgehen konnte – falls er so etwas öfter hatte. Er schüttelte allerdings prompt den Kopf.

„Jedenfalls gehe ich jetzt da vorne zur Ecke“, blieb sie standfest, „da sind Läden und einer wird bestimmt einen Erste-Hilfe-Kasten  haben.“ Außerdem würde sie, sobald sie außer Sichtweite war, Gracjan anrufen. Oder falls er nicht ans Telefon ging, ihre Tante, um sich zu beratschlagen. Marine war eine kluge Frau und wusste bestimmt eine Lösung. „Dann komme ich zurück und wir – “

„Nein!“ Er schüttelte erneut entschieden den Kopf. „Hast du mir nicht zugehört?!“

Doch, Raphael.“ Sie nickte. „Aber ich glaube nicht, dass die hinter mir her sind.“

„Aber –“, fuhr er erneut auf, doch sie hob Einhalt gebietend eine Hand und sah ihn fest an.

„Raphael, du machst mir Angst!“, gestand sie offen ein.

Für einen Augenblick erstarrte er, rückte daraufhin mit einem betroffenen Blick noch weiter von ihr ab. „Tut mir leid, ich wollte nicht – “

„Schon gut“, setzte sie beruhigend hinzu. „Bleib hier, bitte, ja? Ich bin nur ganz kurz weg, okay? Da vorne an der Ecke ist sofort ein kleiner Zeitungsladen, erinnerst du dich?“

Ein vages Nicken war die Antwort.

„Und da gehe ich jetzt kurz hin“, wiederholte sie langsam, in die betreffende Richtung deutend, „frage nach einem Pflaster und wenn sie keins haben, bin ich auch gleich wieder bei dir, in Ordnung? Du kannst mich fast die ganze Zeit sehen und der Eingang ist direkt um die Ecke. Ja?“

Du liebe Güte, sie redete mit ihm, als wäre er ein Kleinkind. Offensichtlich schien er das genauso zu sehen, denn seine Augenbrauen zogen sich zusammen, bevor eine von ihnen nach oben wanderte.

„Du denkst, ich spinne“, stellte er trocken fest.

Entschieden schüttelte sie den Kopf. „Nein.“ Gut, das war ein bisschen gelogen, aber wenn er wirklich ein mentales Problem hatte, wollte sie sich bestimmt nicht abfällig ihm gegenüber äußern. „Ich glaube nur, dass du mir nicht sagen kannst oder willst, was wirklich passiert ist.“

Das oder er wusste es nicht. Die Theorie mit den Drogen war genauso wenig vom Tisch. Aber vielleicht war er auch hingefallen und hatte sich den Kopf angeschlagen? So etwas konnte durchaus eine zeitweise Amnesie auslösen, hatte sie mal gehört. Es brachte allerdings niemandem etwas, wenn sie hier unqualifizierte Diagnosen zu stellen versuchte.

„Was wirklich … aber ich habe dir …“ Raphael starrte sie an und in seinem Kopf schien sich ein ähnliches Gedankenkarussell zu drehen wie in ihrem eigenen.

„Okay, wie du willst“, sagte er schließlich widerwillig. „Aber bitte beeil dich und sei vorsichtig!“

„Versprochen!“, erwiderte sie mit einem kleinen Lächeln. „Und die hier …“, sie stellte die Tüte mit den sicherlich schon kalten Flammkuchen neben ihm ab, „… lasse ich bei dir. Iss ruhig etwas. Danach geht es dir bestimmt etwas besser.“

Er nickte zögernd und beugte sich schnell vor, was Zuzanna dazu brachte, sich ruckartig zurückzulehnen. Verblüfft sah er sie an, bevor der Groschen fiel.

„Ich tu dir nichts“, sagte er ruhig, fast ein wenig beleidigt, hob abwehrend die Hände und streckte anschließend eine langsam aus, um ihr behutsam die Kapuze ihrer Jacke über ihren Kopf zu ziehen. Dabei berührten seine Finger kurz ihr Gesicht und hinterließen ein Kribbeln auf ihrer Haut. Ein sehr angenehmes Kribbeln. Am liebsten hätte sie nach seiner Hand gegriffen, traute sich aber nicht. Das war eindeutig der falsche Moment für durchdrehende Teenagerhormone.

„So erkennen sie dich auf keinen Fall sofort“, erklärte er sein Handeln.

Zuzanna musste trotz der beunruhigenden Situation grinsen. „Das würde eh keiner. Ich falle den Leuten nie auf, weil ich ein Allerweltsgesicht habe.“

Raphael schien etwas erwidern zu wollen, doch sie hatte sich schon fast ganz herumgedreht und marschierte die Gasse herunter, das Handy in ihrer Jackentasche wie einen Rettungsanker fest umklammernd. Am Ende angelangt sah sie noch einmal über die Schulter, doch von Raphael war nichts zu sehen, auch wenn sie sicher war, dass er sie beobachtete. Mit der linken Hand machte sie ein verstohlenes Peace-Zeichen hinter ihrem Rücken und umrundete die Hausecke.

Sie hatte sich richtig erinnert, nur ein paar Meter entfernt war der kleine Zeitungsladen. Zuzas Blick fiel auf einen jungen Mann in seltsamen Klamotten, der davor herumlungerte. Vermutlich gehörte er zu der Gruppe Rollenspieler, die ihnen vorhin über den Weg gelaufen waren. Dennoch beschlich sie ein ungutes Gefühl, denn wenn zumindest ein paar Details von Raphaels verrückter Geschichte stimmten, war er vielleicht genau von dieser Gruppe überfallen worden.

Kurz vor dem Eingang des Ladens stellte sich der Mann ihr urplötzlich in den Weg und sie wich erschrocken zurück. Im nächsten Augenblick tauchte hinter dem Kerl eine Frau in ebenso seltsamen Klamotten auf. Sie war etwa Mitte Dreißig, hatte mehr als hüftlanges blondes, gelocktes Haar … Entsetzt sog Zuzanna die Luft ein, warf sich herum und rannte los. Sie wusste einfach, dass es sich um das Mädchen handelte, wenn es auch plötzlich um zwanzig Jahre gealtert war. Diese hellen Augen hatte sie sofort erkannt … Was für ein Blödsinn! Viel wahrscheinlicher war, dass es sich es sich um ein Mutter-Tochter-Diebes-Duo handelte.

Fußgetrampel hinter ihr verriet ihr, dass man ihr folgte, und sie legte an Tempo zu.

Bloß nicht in die Gasse!, schoss es ihr durch den Kopf und sie schlug einen Haken, rannte in eine andere Richtung, direkt durch eine Touristengruppe hindurch. Panik hatte sie erfasst, erschwerte ihr das logische Denken. Sie wusste nur mit Bestimmtheit, dass sie hier weg und Hilfe suchen musste. Sie würde zu Tante Marines Wohnung laufen, die nicht so weit entfernt war, wie Raphael dachte.

Der Gedanke, sich einfach an einen Passanten zu wenden, kam ihr in ihrer Angst zunächst nicht. Alle Sinne waren auf Flucht ausgerichtet. Auch ihre Lungen spielten für eine Weile mit. Erst als sie an der alten Bäckerei vorbeiraste, besann sie sich eines Besseren. Sie musste doch nur in eines der Geschäfte laufen und um Hilfe bitten! Abrupt stoppte sie ab und lief die paar Schritte zum Eingang des nächsten Ladens zurück. Den dunklen Schatten schräg hinter sich bemerkte sie viel zu spät.

In der nächsten Sekunde schlang sich ein Arm um ihre Körpermitte und eine Hand presste sich fest auf ihren Mund. Nein, nicht nur eine Hand. Da war auch ein feuchtes, seltsam riechendes Tuch … Grundgütiger! Die Droge! Zuzanna versuchte sich freizukämpfen und zu schreien, doch beides misslang ihr kläglich, denn was immer auch in dem Tuch war – es wirkte schnell. Ihre Glieder wurden bleischwer, ihr schwindelte und ihre Sicht verschwamm.

„Ja, ja, es ist alles gut“, hörte sie eine Frau aus der Ferne sagen. „Es ist nur der Kreislauf. Wir bringen sie gleich zu einem Arzt. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir haben das im Griff.“

Zuzanna wollte widersprechen, doch ihre Lippen und Zunge bewegten sich nicht. Stattdessen wurde ihr schwarz vor Augen und sie verlor endgültig die Besinnung.

 

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12. June 2021 - 09:10

Magisch Versetzt

MagischVersetztEbookEndversion

Gemeinschaftsprojekt mit Cina Bard

Leseprobe

Rezensionen

English title: Magically Relocated

Ebook:  3,99 € bei Amazon (erscheint voraussichtlich Ende Juni); gratis für Kindle Unlimited Leser;

Softcover: 12,90 € (erscheint Juli’21) – schon jetzt direkt bei der Autorin (über Kontakt oder ina-linger@web.de) mit Widmung bestellbar

Hardcover: nur über die Autorin bestellbar

Genre: Fantasy, Romantasy, Urban Fantasy, YA

Copyright by Ina Linger and Cina Bard

 

Inhalt:

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft liegen nahe beieinander – manchmal sogar näher, als einem lieb ist.

 

Die 17jährige Zuzanna kann es kaum glauben: Auf der Wochenendreise zu ihrer Tante Marine, die in der wunderschönen Altstadt Colmars im Elsass lebt, läuft ihr gleich am ersten Tag ausgerechnet ihr gutaussehender Klassenkamerad Raphael über den Weg. Noch unglaublicher ist für die eher schüchterne Zuza, dass der Junge, für den sie heimlich schwärmt, offenbar gern Zeit mit ihr verbringen will – bis er plötzlich spurlos verschwindet und nur wenig später zerrupft, verängstigt und vollkommen verwirrt zurückkehrt.

Was Raphael Zuzanna über seinen Verbleib erzählt, lässt sie allerdings schnell an seinem Verstand zweifeln: Eine Hexe habe ihn entführt und in das 18. Jahrhundert gebracht, um sein Blut für einen mysteriösen Zauber zu benutzen.

Selbstverständlich kann Zuza das nicht glauben – bis die Hexe plötzlich vor ihr steht und sie zu ihrem nächsten Entführungsopfer macht …

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20. May 2021 - 15:38

Macht und Wahrheit – Band 1 ab sofort als Ebook bei Amazon

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Liebe Leser und Fantasyfans,

Doska Palifins und meine neue Fantasyreihe ‘Macht und Wahrheit’ ist mit Band 1: Dunkle Mächte gestartet und nun schon mal zumindest als Ebook bei Amazon für den Einstiegspreis von nur 2,99 € (statt später 4,99 €) erhältlich! Hier ist der Verkaufslink: Amazonlink

Kindle Unlimited Nutzer lesen natürlich gratis. Taschenbuch und Hardcover erscheinen in Bälde.

Wer vor dem Kauf erst in das Buch reinschnuppern will, kann auf Amazon die ersten Kapitel lesen und findet auch hier eine andere Leseprobe.

Weitere Infos über das Buch gibt es hier.

 

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und alles Gute!

Bleibt gesund!

Eure Ina

 

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9. May 2021 - 20:10

Macht und Wahrheit – Band 1 – Vorbestellungen nun möglich!

Werbungvorbestellung

 

Liebe Leser*innen,

es gibt bald wieder neuen Lesestoff. Am 20.05. erscheint der erste Band der mehreiligen Fantasy-Reihe ‘Macht und Wahrheit’ aus meiner und aus Doska Palifins Feder.

Wer den Erscheinungstermin nicht verpassen will, kann ab heute bei Amazon vorbestellen und zwar für den Sonderpreis von nur 2,49 €!!

Für die Entscheidungsfindung gibt es hier schon Mal den Klappentext:

In dem von einer langanhaltenden Dürre geplagten Land Ronganien scheint Galiana, die Schwägerin des Königs, in ihrem Kampf gegen Hunger, Durst und Krankheit auf verlorenem Posten zu stehen. König Legold selbst ist alt und krank und seine Vasallen zeigen nicht den Willen, auf ihren Wohlstand zu verzichten und dem Volk zu helfen. Unruhen breiten sich in der Bevölkerung aus, zudem treiben Räuberbanden an den Landesgrenzen ihr Unwesen und in den Wäldern taucht plötzlich ein schreckliches Untier auf, das jeden Menschen zerreißt, der sein Reich betreten will.

Während Galiana sich trotz der neuen Gefahren weiter für die Armen, Schwachen und Kranken einsetzt, bekommt ihre Nichte, die siebzehnjährige Prinzessin Alconia, von den dramatischen Geschehnissen kaum etwas mit. In der Abgeschiedenheit der sicheren königlichen Burg Sargan bereitet sie sich auf ihren achtzehnten Geburtstag vor und hat lediglich mit der Sorge zu kämpfen, sich bald für einen der heiratswilligen Edelmänner entscheiden zu müssen. Doch die dunklen Mächte, die bisher nur außerhalb der Burgmauern ihr Unwesen getrieben haben, zieht es bald schon auch nach Sargan, in die direkte Nähe der Prinzessin.

Eine Leseprobe findet ihr hier: Zur Leseprobe

Und hier auch noch den Link zur Amazonseite: Buch für 2,49 € vorbestelllen

Ich wünsche euch viel Spaß und alles Gute! Bleibt gesund!

 

Eure Ina

 

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9. May 2021 - 20:08

Leseprobe Macht und Wahrheit – Band 1: Dunkle Mächte

Dunkle Mächte

 

Manchmal waren es ganz simple Dinge, die einen zumindest vorübergehend glücklich machen konnten – wie zum Beispiel Trowein, dem schnellsten Boten des Königs hinterherzusehen, der im schnellen Galopp über die Zugbrücke des äußeren Burgringes in die Dunkelheit hinausritt. Zwar hatte der Mann ob ihres Auftrags, zu ihrem Vater nach Alaxis zu reiten, wenig Begeisterung gezeigt, aber er war ein gehorsamer, zuverlässiger Diener. Deswegen konnte Alconia davon ausgehen, bald per Brieftaube eine Antwort auf ihre vielen Fragen zu erhalten und ihre Sorgen damit endlich loszuwerden. Zumindest die meisten, denn die unschöne Angelegenheit mit Lea und Jovan hatte sich dadurch selbstverständlich nicht erledigt.

Allerdings war sie mittlerweile auch zu müde, um sich weiter mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es war schon spät und sie wollte noch ein kleines Abendmahl zu sich nehmen, das man ihr sicherlich schon auf das Zimmer gebracht hatte. Den Festsaal im Palas, dem Hauptgebäude der Burg, betrat sie lediglich zum Mittagessen und auch nur, weil der Vater sie inständig darum gebeten hatte, die Gäste, die es eigentlich ständig auf der Burg gab, in seiner Abwesenheit zu unterhalten. Selbstverständlich bespaßte sie die Adligen nicht, – schließlich war sie kein königlicher Hofnarr – sondern ließ sich nur auf gesittete Gespräche mit ihnen ein, während das ‚Unterhalten‘ Jovan und den hofeigenen Musikanten zufiel. Sie wusste, dass ihr Vater mehr von ihr erwartet hatte, doch es war ja nicht sie, die unentwegt Gäste aufnahm, unter denen sich in letzter Zeit mehr ledige Männer als üblich befanden. Der Grund für deren Erscheinen war nur allzu offensichtlich und trug mit dafür Sorge, dass sie möglichst wenig Zeit mit ihnen verbringen wollte. Nach jedem Essen sammelten sich die heiratswilligen Grafen, Fürsten, Ritter und auch Knappen um sie und versuchten, sie in ein möglichst langes Gespräch zu verwickeln. Dabei ging es vor allem darum, zur Schau zu stellen, was sie ihr alles zu bieten hatten und wie gut sie die Rolle des zukünftigen Königs ausfüllen würden. Dies in der Abwesenheit ihres Vaters einmal am Tag über sich ergehen lassen zu müssen, war aus Alconias Sicht ausreichend und bisher hatte sich auch noch niemand beschwert. Sicherlich hatten sich die Gäste jetzt auch ohne sie wieder im Festsaal zum Abendmahl eingefunden und das bedeutete, dass auch Lea dort sein würde. Schließlich befand sich dann auch Jovan unter den Speisenden.

Alconia schüttelte verärgert den Kopf. Dahin war ihre gute Laune. Stattdessen stapfte sie sehr wenig feengleich, wie man es eigentlich von einer Prinzessin erwartete, über den Hof auf die Kemenate, das Wohngebäude der adligen Frauen, zu. Als sie die Tür gerade erreicht hatte, sah sie aus dem Augenwinkel jemanden zur großen Vorratskammer huschen, die zwischen dem Schweinestall und der Frauenunterkunft lag. Eine dunkle, hochgewachsene Gestalt mit einem weiten, schwarzen Umhang. Konnte das Jovan sein? Denn genau so kleidete er sich die meiste Zeit. Groß war er zudem auch. Aber was tat er hier, wo er doch sicherlich schon sehnlichst im Festsaal erwartet wurde?

‚Das geht dich nichts an‘, sagte sie innerlich zu sich selbst. ‚Der Mann nimmt bereits so viel Platz in Leas Gedanken ein, da muss er sich nicht auch noch in deinem Kopf einnisten.‘

Allerdings war es schon merkwürdig, dass er sich hier in der Dunkelheit herumtrieb, denn die Tür der Vorratskammer hatte sich noch nicht geöffnet, also konnte er nicht hineingegangen sein, um dort Dinge für seine allabendlichen Zaubertricks herauszuholen. Irgendetwas an Jovan war ihr schon immer seltsam vorgekommen und das hing nicht nur damit zusammen, dass er ein Barani war. Dieses Volk genoss in der adligen Gesellschaft keinen allzu ehrbaren Ruf, denn man sagte ihm nach, dass ihm viele Diebe, Betrüger und anderweitige Straftäter angehörten. Wenn Jovan tatsächlich etwas Böses vorhatte, war sie dann nicht verpflichtet, dem nachzugehen, um ihre beste Freundin zu beschützen?

Alconia ließ die Hand, die sie bereits auf die Klinke der Eingangstür gelegt hatte, wieder sinken, schlug die Kapuze ihres dünnen Mantels über den Kopf und lief die drei zum Eingang der Kemenate führenden Treppenstufen rasch hinab. Dicht an der Wand des Gebäudes entlang schlich sie auf die Vorratskammer zu und spähte, verdeckt durch die hier wachsende hohe Hecke, um die Ecke, hinein in die schmale Nische zwischen den Gebäuden. Wenn sie sich nicht irrte, bewegte sich dort an dem Regenfass etwas und sie konnte auch jemanden leise sprechen hören – zu leise, um Worte zu verstehen. War das etwa schon wieder Lea?

Nein, es antwortete eine tiefe Stimme, also handelte es sich um einen weiteren Mann und da dieser wütend zu sein schien, verstand sie dieses Mal sogar ein paar Worte. ‚Notfallplan‘ und … ‚Schwächling‘ und ‚krank‘. Hm. Wahrscheinlich ging es um etwas Privates. Eine familiäre Angelegenheit. Wie enttäuschend. Damit konnte sie Jovan wohl kaum vor Lea schlechtmachen.

Jemand bewegte sich in der Nische und im nächsten Moment trat Hubis, Jovans Diener, in den Lichtkegel der am Eingang der Vorratskammer befestigten Fackel. Wie sein Herr war er ebenfalls ein Barani und Alconia konnte ihn noch weniger leiden als den Hofzauberer selbst. Mit den schmalen, schwarzen Augen, den buschigen, dunklen Augenbrauen und den scharfen Mundwinkelfalten, die durch den unvorteilhaften Oberlippenbart noch betont wurden, hatte er immer etwas Missgünstiges, Verschlagenes an sich. Und dazu dieser ulkige Körperbau mit kurzem Hals auf breiten Schultern und eher kurzen Beinen – nein, diesen Mann bekam sie nicht gern zu Gesicht. Zumal er sich ihr gegenüber auch oft unfreundlich und bisweilen sogar frech verhielt.

Sie presste sich dichter an die Wand, als Hubis weiterlief, und dieses Mal wurde sie zu ihrem Glück tatsächlich nicht bemerkt. Ohne sich umzudrehen, setzte der Mann seinen Weg zum Palas fort und verschwand schließlich darin. Alconia atmete erleichtert auf.

„Noch zu so später Stunde draußen im Hof, Prinzessin?“, ertönte plötzlich eine Stimme in unmittelbarer Nähe und Alconia erschrak so sehr, dass ihr sogar ein schrilles Quietschen entfuhr.

Jovan stand direkt an der Ecke neben der Hecke und musterte sie mit einem Ausdruck in den Augen, den sie nicht zu deuten vermochte. War das Ärger oder Amüsiertheit oder gar von beidem etwas?

„Langsam werde ich das Gefühl nicht los, dass Ihr mir nachstellt“, setzte er mit einem Lächeln hinzu, das seine weißen Zähne im Licht des Mondes aufblitzen ließ. Verflucht! Warum nur musste dieser Mann so unverschämt gut aussehen? Das machte sie immer so nervös.

Alconia schnappte dennoch empört nach Luft. „Ich muss doch sehr bitten!“, stieß sie aus. „Du bist nur ein Spielzeug meines Vaters, das er wegwirft, sobald er dessen überdrüssig wird – welches Interesse sollte eine Dame meines Standes an einem Mann wie dir haben?!“

„Eine Dame vielleicht nicht“, erwiderte Jovan äußerst gelassen auf die Beleidigung, „aber im Augenblick wirkt Ihr auf mich eher wie ein neugieriges Mädchen, das aus lauter Langweile glaubt, hinter jeder Ecke erwarte es ein Abenteuer.“

Alconia keuchte entrüstet. „Was fällt dir ein!“, schnappte sie. „Wie kannst du es wagen, mir, der zukünftigen Königin Ronganiens, etwas Derartiges zu unterstellen?!“

„Nun …“, gab Jovan gedehnt von sich und seine dunklen Augen blitzten vergnügt, „… dann erklärt mir doch, warum Ihr hier seid.“

„Pff – das brauche ich überhaupt nicht!“, fauchte Alconia und sah sich dabei rasch um. „Aber wenn du es unbedingt wissen musst – ich wollte noch etwas Wurst aus der Vorratskammer holen.“

„Ach?“ Der Magier verkreuzte die Arme vor der stattlichen Brust und grinste breit. „Die Prinzessin holt sich ihr Abendessen neuerdings selbst aus der Vorratskammer, anstatt einen Diener zu schicken?“

„Ja, denn ich … ich musste ohnehin etwas frische Luft schnappen“, versuchte Alconia sich weiter herauszureden. „Mir war nicht gut.“

Noch mehr frische Luft?“, hakte ihr Gegenüber spitzfindig nach. „Oder seid Ihr schon oben auf Eurem Zimmer gewesen und gerade eben erst wieder rausgekommen?“

„Ja, genau“, bestätigte sie. „Und jetzt wäre es sehr freundlich, wenn du mich nicht weiter aufhalten würdet, denn ich habe großen Hunger.“

Jovan trat mit einer galanten Handbewegung zur Seite und Alconia eilte hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei, dabei sein anhaltendes breites Grinsen tunlichst ignorierend. Sie fühlte seine Augen in ihrem Rücken, als sie die Vorratskammer öffnete, und die feinen Haare in ihrem Nacken stellten sich auf – wie immer, wenn ihr etwas sehr unangenehm war. Der Mann würde doch nicht etwa warten, bis sie tatsächlich mit einer Wurst herauskam! Sie warf einen Blick über die Schulter. Ja, da stand er noch und starrte sie an. Verflucht!

Die Kammer war groß und da Alconia diese in der Tat noch nie selbst betreten hatte, dauerte es eine Weile, bis sie den Bereich fand, in dem die Räucherwaren hingen. Mit etwas klammen Fingern nahm sie eine kleinere Wurst von einem Haken und lief zurück zur Tür. Jovan war immer noch da und schien große Freude daran zu haben, sie weiter zu demütigen. Hoffentlich kam jetzt keiner der Edelleute vorbei und sah wie die Prinzessin mit einer schnöden Wurst in den Händen zurück zur Kemenate lief.

„Euer Hunger scheint wahrlich enorm zu sein“, stellte Jovan schmunzelnd fest, als sie bereits an ihm vorbeigelaufen war. Sie konnte hören, dass er ihr nun auch noch folgte. Wie lästig! Wie hatte Lea sich nur in so einen ungehobelten Burschen verlieben können?

„Das kommt sicherlich von der Aufregung, die Euch immer bei Euren vielen Abenteuern auf Burg Sargan befällt“, spöttelte er. „Nicht, dass Euch das am Ende noch schadet.“

Alconia drehte sich nicht um, sondern lief stur weiter auf die Kemenate zu. Dennoch war ihr der seltsame Unterton bei Jovans letzter Äußerung nicht entgangen. War das etwa eine unterschwellige Drohung?

„In manche Dinge sollte man sein vorwitziges Prinzessinnennäschen lieber nicht stecken“, fügte der Zauberer nun auch noch hinzu und machte die Drohung damit nur allzu offensichtlich.

Alconia blieb stehen und atmete tief durch. Ihr Herz schlug ein wenig schneller und ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Dennoch konnte sie Jovans letzte Worte nicht ignorieren, denn eigentlich verlangten diese nach einer scharfen Strafmaßnahme wie Stockschlägen oder ähnlichem. Jovan war ein einfacher Mann und hatte nicht so mit der augenblicklichen Herrin der Burg zu reden – denn das war sie, solange der König abwesend war.

Ganz langsam und die Wurst mit beiden Händen fest umklammernd, als wäre sie ein scharfes Schwert, wandte sie sich um. Ihren strengen, königlichen Blick konnte sie jedoch nur für einen Wimpernschlag aufrechthalten, denn dort, wo sie Jovan vermutet hatte, war niemand mehr. Verwirrt sah sie sich um. Der ganze Hof war menschenleer. Nur oben auf dem Wehrgang liefen die Wachen wie gewohnt langsam auf und ab.

Alconias Herz schlug gleich noch viel schneller. Sie war sich eigentlich sicher, dass Jovan kein richtiger Zauberer war und Magie nur in den Legenden und Mythen alter Zeiten existierte, aber sein so plötzliches Verschwinden war mehr als seltsam – und gruselig. Rasch warf sie sich herum, eilte die Stufen zum Eingang der Kemenate hinauf und befand sich innerhalb eines Wimpernschlags im sicheren Inneren. Etwas schneller atmend musste sie sich für einen Moment mit dem Rücken gegen die Tür lehnen und die Augen schließen.

‚Ganz ruhig‘, sprach sie sich selbst zu. ‚Du bist kein Kind mehr. Du glaubst nicht an Zauberei und dunkle Mächte. Jovan hat nur wieder herumgetrickst, um dich einzuschüchtern und er wird dir gewiss nicht auf dein Zimmer folgen. Kein Mann darf sich unerlaubt oben bei den Frauengemächern aufhalten, sonst wird er dafür schwer bestraft – mit mehr als nur Stockschlägen.‘

Das Klappern von Töpfen und Pfannen aus Richtung der Küche, die sich direkt unter den Frauengemächern befand, hatte eine äußerst beruhigende Wirkung. Alconias Puls wurde wieder langsamer und schließlich war sie auch fähig, die schmale Holztreppe hinaufzugehen. Dadurch, dass unten wieder gekocht worden war, war es in ihrem Zimmer wunderbar warm. Ihre Dienerinnen hatten bereits das Essen auf den kleinen Tisch am Fenster gestellt und die Öllampen und Kerzen angezündet. Hier hatten keine dunklen Mächte mehr Platz und Alconia legte erleichtert ihren Mantel ab, um sich gleich darauf an den Tisch zu setzen und zu essen. Ja, auch von der erkämpften Wurst musste sie sich ein Stück abschneiden und durch die überstandenen Ängste schmeckte diese gleich noch viel besser als gewöhnlich.

Mit gut gefülltem Magen konnte sie schließlich nur noch den Kopf über sich selbst schütteln. Wie ein kleines Kind hatte sie sich von Ammenmärchen einschüchtern und nervös machen lassen. Dabei wusste sie doch schon lange, dass in den alten Geschichten, die ihr als sehr kleines Kind von ihrer ersten Amme erzählt worden waren, kein Körnchen Wahrheit zu finden war. Die bösartige Frau hatte sie doch nur verängstigen wollen und sich dann an ihren Albträumen, die sie nachts aus dem Schlaf gerissen hatten und an den sich auch am Tag bemerkbaren Angstattacken geweidet. Damals hatte Alconia das nicht erkannt und auch nicht verstanden, warum Galiana für die Entlassung Marise von Omsgarts aus den Ammenpflichten gesorgt hatte. Erst später, als sie durch die liebevolle Fürsorge ihrer Tante endlich wieder zu einem friedlicheren Schlaf gefunden hatte, hatte sie begriffen, wie schädlich Marises Nähe für sie gewesen war.

Da die Gräfin von Omsgart sich die Geschichten allerdings nicht selbst ausgedacht, sondern nur einige brutale Details hinzugefügt hatte, war Alconia im Laufe ihres jungen Lebens dennoch des Öfteren mit diesen konfrontiert worden. Schließlich hatte sie bereits früh das Lesen gelernt und es immer schon geliebt, sich durch Bücher in andere Welten entführen zu lassen, oder Dinge in Erfahrung zu bringen, die niemand ihr erklären konnte beziehungsweise wollte. Lesen zu können, ging mit einer großen Macht einher und diese wollte Alconia sich niemals nehmen lassen – selbst, wenn sie dadurch gelegentlich auch auf schreckliche, gruselige Geschichten stieß.

Mittlerweile war sie alt genug, um Lügengeschichten von der Wahrheit zu unterscheiden. Und auch manche erdachte Legende hatte ihren Reiz. So war zum Beispiel das dicke Buch über das Wirken der Götter zu Beginn der Zeit, das sie in der alten Familienbibliothek gefunden hatte, eine durchaus interessante Lektüre gewesen. Viele Menschen glaubten auch heute noch an die Existenz von Göttern und deren Dienern, den Zauberern, Hexen, Feenwesen und Dämonen. Alconia hingegen zweifelte all dies stark an, obwohl sie sich nicht vollkommen sicher war, dass es keine übernatürlichen Wesen und Geschehnisse in dieser Welt gab. Bisher waren diese Mächte ihr allerdings einen Beweis für ihre Existenz schuldig geblieben.

Sicher, Jovan führte des Öfteren Zauberkunststücke auf, die selbst sie sich nur schwer erklären konnte. Dennoch widerstrebte es ihr, anzunehmen, dass er tatsächlich ein von den Göttern mit Zauberkraft beschenkter Mensch war. Die Baranis waren bekannt dafür, dass sie ganz natürliche, gewöhnliche Dinge plötzlich in einem ganz anderen, mysteriösen Licht erscheinen lassen konnten. Mit ihrem Spiel, ihren Verkleidungen, ihrem seltsamen Auftreten erschufen sie Illusionen, die nur dann zu durchschauen waren, wenn man ganz genau hinsah. Und Jovan war ein Barani durch und durch. Schön, intelligent, verschlagen. Wenn alle Augen auf ein Gesicht wie dieses gerichtet waren, bekam man kaum mit, was die flinken Hände derweil taten, und so war es leicht, Magie für das unsichtbare Handeln verantwortlich zu machen. Selbst Alconia fiel noch viel zu oft darauf herein. So wie an diesem Abend.

Grimmig lächelnd schüttelte sie den Kopf über sich selbst. Jovan hatte sie hereingelegt, sie verängstigt, damit sie vergaß, was sie gesehen hatte, nicht weiter versuchte herauszufinden, was er in der Ecke mit Hubis gemacht hatte. War es nicht schwer verdächtig, dass er versucht hatte, sie einzuschüchtern? Sprach das nicht dafür, dass es sich doch nicht um eine familiäre Angelegenheit gehandelt hatte, sondern um etwas Verbotenes?

‚Notfallplan‘, ‚Schwächling‘, ‚krank‘. Das waren die Worte, die sie herausgehört hatte. Sobald sie wieder Zeit dafür hatte, würde sie versuchen herauszufinden, womit sie zusammenhingen, denn schließlich ging es hier auch um Lea, ihre beste Freundin. Diese durfte durch ihre Verliebtheit auf keinen Fall in etwas Gefährliches hineingezogen werden. Angst brauchte Alconia keine zu haben, denn Magie gab es nicht und somit war Jovan auch sicherlich kein Magier. Sie hingegen war eine Prinzessin, eine Frau mit Macht, die sie nur geschickt zu nutzen hatte.

 

 

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Magie, Hexen und Zauberer gab es  nicht. Deswegen hatte Flan auch keine Angst, als er die Barani mit dem buschigen, dunklen Haar und den kämpferisch funkelnden Augen grob vor sich her stieß. Ihre Hände waren gefesselt und selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte er sich nicht vor der Frau gefürchtet, denn sie war weder besonders groß noch kräftig genug, um es mit ihm aufzunehmen.

Gut, auch er hatte schon zuvor von der Hexe Makimba gehört, die sich für die Armen einsetzte, ihnen mit Rat und Tat zur Seite stand und angeblich schon so manchen helfenden Zauber vollbracht hatte. Aber wenn sie wahrlich magische Kräfte besaß – wieso hatte man sie und ihre Mithelfer dann so einfach gefangen nehmen können? Und warum befreite sie sich dann nicht jetzt, bevor sie unten im Verließ des Burgfrieds angekommen waren und man sie dort alle in Ketten legte? Ihr musste doch klar sein, dass ein späteres Entkommen unmöglich sein und sie am nächsten Tag auf dem Scheiterhaufen brennen würde. Schließlich hatten schon die Lemaren, die ersten Diener der Götter, vor Jahrhunderten niedergeschrieben, was mit denen geschehen sollte, die vielleicht hexerische Fähigkeiten besaßen – sie gehörten durch eines der Elemente hingerichtet. Und das Verbrennen auf dem Scheiterhaufen war schon immer die präferierte Methode gewesen.

Nein. Die Frau war keine Hexe. Niemand in der ganzen Gauklergruppe besaß übernatürliche Kräfte. Deswegen war es umso verwunderlicher, dass all diese Menschen so ruhig blieben. Niemand hatte versucht zu fliehen, als Flan nach dem Ende des Theaterstücks zusammen mit den anderen Wachen in den Festsaal gestürmt war und die Gaukler von ihnen gepackt worden waren. Sie hatten noch nicht einmal Gegenwehr geleistet, dabei hatte Flan sich so darauf gefreut, den einen oder anderen Barani abzustechen oder wenigstens auf einen einprügeln zu dürfen. Dieses Gesocks hatte nichts anderes verdient, wenn es durch die Gegend fuhr und die Bevölkerung gegen den König und seine Vasallen aufwiegelte. Sie konnten doch froh sein, dass sie überhaupt in Ronganien leben durften. Da hielt man gefälligst sein Maul und passte sich an!

Aber nein, Makimba und ihre Gefolgsleute verbreiteten nicht nur Unruhe unter dem Volk, sondern wagten es auch noch, vor dem König und den anderen Adligen aufzutreten und ein Theaterstück aufzuführen, das nichts anderes als eine Frechheit war. Der verschwenderische Adel war darin angeprangert worden, der von einem Untier zerrissen wurde, und am Ende hatte eine durch wallende, blaue, große Tücher dargestellte Flut alle verschlungen. So etwas führte man doch nicht vor Edelleuten auf, ohne dafür bezahlen zu müssen!

Flan machte der Gedanke so wütend, dass er der Barani gleich noch mal einen Stoß in den Rücken gab und die Frau mehrere Stufen auf einmal nehmen musste, um nicht zu stürzen.

„Ja, so ist’s recht!“, hörte er den Roten Fürsten hinter sich. Dieser hatte es sich nicht nehmen lassen, die Gefangenen auf ihrem Weg in das Verließ zu begleiten. „Zeig der Hexe, wo sie hingehört! Jetzt ist es aus mit dir Makimba! Endgültig aus!“

Die Barani reagierte nicht auf die Drohung, sah stattdessen nur starr geradeaus und ließ sich nicht anmerken, was in ihr vorging. Noch nicht einmal der Hauch von Angst zeigte sich in ihrem ungewöhnlichen Gesicht mit der breiten Nase und den hohen Wangenknochen. Wache braune Augen blickten nach unten, dorthin, wo die Treppe ein Ende fand und der moderige Geruch des feuchten Verlieses immer stärker wurde. Den letzten Toten hatte man erst gestern aus einer der hinteren Zellen geholt. Bedauerlicherweise war er schon mindestens eine Woche tot gewesen und dementsprechend unangenehm roch es dort.

Selbstverständlich würde Flan die Gefangenen genau in dieser Zelle unterbringen. Vielleicht gab es dann sogar einen kleinen Lohn von Fürst Darakas, weil er sich solche Mühe gab, den Gauklern die letzten Stunden besonders unangenehm zu machen, sie möglichst viel leiden zu lassen.

Bald hatten sie die Zelle erreicht und während Darakas den Gefangen bis ins kleinste Detail erzählte, wie es war, bei lebendigem Leib zu verbrennen, ketteten Flan und die anderen Wächter die Männer und Frauen an die Wand. Auch jetzt noch gaben die Baranis keinen Laut von sich, ganz gleich, wie grob sie angefasst wurden, und Makimbas Augen ruhten die ganze Zeit auf Darakas’ Gesicht.

„Nun, wie lauten deine letzten Worte an mich, Hexe?“, fragte dieser hämisch.

„Du verdienst eigentlich kein einziges sanft gesprochenes Wort, Nalio“, gab Makimba schließlich doch noch von sich. „Aber im Augenblick empfinde ich nichts anderes als Mitleid mit dir.“

Darakas sog scharf die Luft durch die Nase ein und seine Augen schienen mit einem Mal vor Wut fast zu glühen. „Mitleid?!“, wiederholte er schrill. „Mitleid?! Du wirst morgen auf dem Scheiterhaufen brennen, während ich über dich und deine Bande und ganz sicher auch bald schon über deinen Sohn triumphiere und danach in eine große Schlacht reiten werde, aus der ich ein weiteres Mal siegreich hervorgehen werde! Du solltest eher dich selbst bemitleiden!“

Makimba schien jedoch alles andere als von seinen Worten eingeschüchtert zu sein. Sie brachte sogar ein mildes Lächeln zustande. „Das ist eben schon immer euer aller größte Schwäche gewesen. Ihr überschätzt euch maßlos und unterschätzt die Kräfte, die gegen euch wirken. Eines Tages wirst du das erkennen, aber dann wird es längst für dich und die anderen zu spät sein und die Welt wird endlich wieder aufatmen können.“

Darakas schnaufte wie ein wütender Stier und seine sich dabei aufblähenden Wangen ließen seinen Kopf noch runder erscheinen, als er ohnehin schon war. Wie ein starker Sieger sah er damit im Moment wirklich nicht aus, musste Flan zugeben. Aber der Mann war gefährlich. Es gab schlimme Geschichten über ihn – die Makimba jedoch nicht einzuschüchtern schienen. Oder diese waren ihr ganz einfach noch nicht zu Ohren gekommen, obwohl es doch eher so wirkte, als würden sie und der Rote Fürst sich recht gut kennen.

Der hatte sich nun wieder im Griff, straffte die Schultern und marschierte, ohne ein weiteres Wort an die Barani, aus der Zelle. Flan und die anderen Wächter folgten ihm eiligst und der Fürst streckte auffordernd die Hand in seine Richtung aus. „Den Schlüssel!“, befahl er.

Flan gehorchte sofort und Darakas schloss nun eigenhändig die Zellentür ab. Dabei umspielte ein boshaftes Grinsen seine Lippen. „Aus dieser Zelle wird euch nun niemand anderes mehr holen können als ich“, verkündete er laut. „Und das werde ich erst morgen tun, wenn ihr zum Scheiterhaufen geführt werdet.“ Damit steckte er den Schlüssel in die Seitentasche seines Wamses und marschierte den Gang zurück und schließlich die Treppe hinauf, ohne sich noch einmal umzusehen.

Flan war ein wenig enttäuscht. Wenn er selbst den Schlüssel gehabt hätte, hätten er und die anderen Wachen sich noch ein bisschen mit den Gefangenen amüsieren können. So wurde die erste Wachschicht bis zur Ablösung wahrscheinlich sehr langweilig.

„Knobeln wir eine Runde?“, wandte er sich an Baris, der mit ihm schließlich vor der schweren Holztür an der steinernen Wendeltreppe zurückblieb, während die anderen ebenfalls hinaufgingen.

„Klar“, stimmte sein Kamerad ihm zu und sie hockten sich auf die unterste Treppenstufe, während Flan die Würfel aus dem Beutel an seinem Waffengurt herausholte. Ja, das würden ein paar sehr langweilige Stunden werden.

 

Kaum mehr als eine Stunde später hielt Flan es nicht länger aus. Seine Blase war voll und seine Laune auf dem Tiefpunkt, weil er beim Knobeln nun schon viel zu oft verloren hatte. Da die Gefangen durch die Ketten nicht dazu in der Lage waren auszubrechen und der Schlüssel in Darakas’ Wamstasche mehr als sicher aufgehoben war, entschied Flan sich dazu hinaufzugehen, um sich in dem kleinen Gärtchen neben dem Burgfried Erleichterung zu verschaffen und ein bisschen die Beine zu vertreten. Baris schloss sich ihm nur allzu gern an und als ihnen endlich wieder frische Luft um die Nase wehte, fühlte Flan sich schon sehr viel besser. An einem Busch entleerten sie ihre Blasen und seufzten zur gleichen Zeit zufrieden auf, gleich darauf in lautes Lachen ausbrechend. Allerdings verstummte Baris viel schneller als Flan und erst, als dieser seinen Freund irritiert ansah, bemerkte er, dass Baris vollkommen erstarrt war. Nicht nur das – seine Augen hatten sich geweitet, sein Mund stand offen und er schien gar nicht mehr zu atmen.

Ein tiefes, dumpfes Knurren ertönte aus der Richtung in die Baris voller Entsetzen starrte, und ließ einen kalten Schauer über Flans Rücken laufen. Ganz langsam und mit immer schneller klopfendem Herzen wandte er den Kopf um und erstarrte ebenfalls. Auch seine Augen weiteten sich von ganz allein und die Kehle schnürte sich zu.

Dort zwischen den Bäumen, kaum mehr als drei Meter entfernt hockte jemand. Nein – etwas! In der Dunkelheit war es nicht richtig zu erkennen, aber es war riesig, muskelbepackt und behaart. Die Umrisse großer spitzer Ohren an einem ebenso großen haarigen Schädel waren zu erkennen und unter ihnen … Flan schluckte schwer … leuchteten zwei Raubtieraugen im Licht des Mondes auf. Die Bestie aus dem Wald war hier! In der Burg!

Flan wollte schreien, doch aus seiner Kehle kam nur ein Krächzen. Seine zitternden Finger tasteten nach dem Schwert an seinem Waffengürtel, während Baris sich immer noch nicht bewegte. Ganz langsam zog er es aus der Scheide, die Bestie dabei voller Angst weiter im Auge behaltend. Als er die Waffe schon beinahe ganz heraus hatte, bewegte sich das Biest mit einem Mal. Es duckte sich und sprang mit einem mörderischen Knurren auf Baris und ihn zu.

‚Es gibt sie doch, die dunklen Mächte und Kreaturen‘, waren die letzten Worte, die durch seinen Kopf rasten, bevor er niedergeworfen wurde, Krallen sich durch seine Kleider tief in sein Fleisch gruben und das scharfe Gebiss des Untiers auf ihn zuschoss und sich in seinem Hals versenkte.

 

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12. February 2021 - 14:07

Rezensionen zu ‘Magisch Vertauscht’

“Auch dieser Teil der Magisch-Reihe konnte mich überzeugen. Magisch, witzig, aufregend und super zum Abschalten des Alltags. Auch kann ich hier wieder nur erwähnen, dass sich diese Reihe super für Jugendliche eignet. Ich vergebe 4 von 5 Sternen für den Fantasyroman.”

Vollständige Rezension bei Lesetraum

 

“Ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen. Kreative Ideen und ein tolles Spiel mit den Figuren, denen es wirklich nicht leicht gemacht wird. Bei der Auflösung am Ende, wie alles gegenüber Außenstehenden kommuniziert wird, hätte ich gerne etwas mehr erfahren, aber das ist nur ein kleiner Kritikpunkt. Ansonsten ist die Geschichte schön rund und in sich abgeschlossen mit all ihren Überraschungsmomenten. Ein schönes magisches Leseabenteuer, anders, aber ebenso schön, wie der erste Band.”

Vollständige Rezension bei Kleiner Komet

 

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